Venezuela: Schlange in Schnaps - DER SPIEGEL
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Venezuela Schlange in Schnaps

Wie ganz Venezuela hat auch Falcón zwei Seiten: An der Küste Erdölraffinerien, Symbol für Reichtum, im Landesinneren ärmliche, menschenleere Dörfer. Touristen finden nur selten in den Bundesstaat im Nordwesten, dabei bietet er viel: Karibikstrände, tropischen Bergwald, alte Kolonialstädte und sogar eine winzige Sahara.
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Ein Ventilator kühlt die kleine, holzgeschnitzte Maria. Vor dem Altar probt eine Band für die Messe. Ein Junge spielt Schlagzeug, der Gitarrist trägt Sonnenbrille im Halbdunkel. Vier Mädchen stecken die Köpfe zusammen und singen zu Füßen einer anderen, einer größeren Muttergottes. Die Kirche ist alt, 17. Jahrhundert, aber sie strahlt so weiß wie das Kleid einer jungen Braut. "Gott", hatte ein reicher kranker Mann gebetet, "schenke mir Gesundheit, dann werde ich dein Haus schmücken." Er genas, und er zahlte die Renovierung des Gotteshauses. So erzählen es sich die Leute in Santa Ana.

Venezuela ist ein katholisches Land und ein Land der "promesas", der Versprechen. Wenn ich die Prüfung bestehe, schwören Studenten, werde ich zu Fuß durch die Wüste gehen, zu der Kapelle mitten in der Ödnis. Wenn mein geklautes Auto wieder auftaucht, will ich es ebenso machen, geloben die Bestohlenen. Es ist ein Land, in dem die Menschen Kleinanzeigen in der Zeitung aufgeben, gerichtet an die Heiligen, denen sie danken für das Gute, das ihnen widerfuhr. Ein Land, in dem in Stein gemeißelte Zehn Gebote dem Reisenden den richtigen Weg weisen. Selten kommen Fremde hierher, in den Bundesstaat Falcón im Nordwesten Venezuelas. Dabei bietet Falcón viel: Karibikstrände, tropischen Bergwald und sogar eine winzige Sahara.

Gleich hinter der Stadt Coro, rund 400 Kilometer nordwestlich von Caracas, fangen die Dünen an. Eine Straße hat sich der Sand schon genommen, die neue führt durch wüstes Land an wilden Eseln, Geiern und meterhohen Kakteen vorbei direkt zur neuen Waschmaschine und dem Nachschublager für billigen Whiskey. Die Halbinsel Paraguaná ist Freihandelszone und das wirtschaftliche Herz Falcóns, ja ganz Venezuelas. Hier stehen die zwei Erdölraffinerien, die zusammen die größte Anlage der Welt bilden. Hier kriechen die riesigen Tanker am Horizont entlang. Einmal volltanken! Ein Euro, bitte. So geht das Spiel in Venezuela, wo das Schwarze Gold zu Hause ist.

Kirche, Polizei und Simón Bolívar

Doch wie das ganze Land hat auch die Halbinsel zwei Seiten: An der Küste die metallenen Ungetüme und die Stadt Punto Fijo, bevölkert von Mitarbeitern der Ölindustrie, Symbole für eine Quelle des Reichtums. Im Landesinneren ärmliche, menschenleere Dörfer, auf die sich die Hitze wie ein schweres Tier gelegt hat.

Jedes Dorf ist nach dem gleichen Muster aufgebaut. Venezolanische Dreifaltigkeit offenbart sich: das Haus des himmlischen Herrschers, die Kirche, ihm gegenüber der Ort der weltlichen Macht, die Polizeistation, in der Mitte der Platz mit der Büste des Mannes, der als zweiter Erlöser gefeiert wird. Es ist Simón Bolívar - Sohn einer großbürgerlichen Familie aus Caracas, Befreier von Spaniens Fesseln, mythische Gestalt - der hoch oben auf dem Sockel thront.

Am Wochenende zieht es die Jungen ans Meer. In Adícora, einem Badeort an der Ostküste Paraguanás, ist nicht nur das Wasser duschgeltürkis, auch die Häuser sind blau angemalt. Die eine Hälfte der Stadt planscht, die andere guckt, was passiert. Ein Paar tanzt Salsa. Derweil stolzieren die Töchter Adícoras, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, auf und ab. Sie tragen die Schultern frei und das Top gerüscht und laufen schon mal Probe, wie sich die Blicke der Jungs anfühlen. Die kleinsten Schönheitsköniginnen sind gerade mal zwei, aber schon im Bikini.

Die schönen Frauen Venezuelas

Es sei die Mischung, sagen viele, die Venezuelas Frauen so begehrenswert mache: der indianische, der afrikanische, dazu der europäische Einschlag. Das Land ist gewöhnt, bei internationalen Schönheitswettbewerben zu gewinnen. Wenn die Mädchen mal nicht unter die ersten Zehn kommen, heißt es empört: "Sind unsere Frauen nicht mehr schön genug?" Dabei dürfen die Damen auch sonst repräsentieren. Eine ehemalige Miss Universum schaffte es sogar zur Bürgermeisterin in Caracas und bewarb sich anschließend um das Präsidentenamt. Präsidentin wurde sie zwar nicht, aber immerhin Gouverneurin eines Bundesstaates.

Adícora hat, wovon andere Küstenorte auf Paraguaná noch träumen: eine Uferpromenade. Wenn die auch im letzten Fischerdorf gebaut ist, wenn die Polizisten ihren Englischkurs absolviert haben, kurz: wenn die Tourismusmaschinerie erst angelaufen ist, dann kommt das große Geschäft. Das ist die Hoffnung. Dann haben die Ausländer - auch das ist die Hoffnung - den wochenlangen Streik, die Bilder von den brennenden Autoreifen und Töpfe schlagenden Demonstranten vergessen. Dann wollen sie in Falcón Urlaub machen, wo nichts mehr die Ruhe der schlafenden Welpen stört.

Die alte Kolonialstadt Coro hat in der Vergangenheit die Zukunft entdeckt. Zum Weltkulturerbe wurde sie auf Grund ihrer Lehmarchitektur erklärt; ihr Gründungsjahr liegt immerhin schon fast 500 Jahre zurück. Erst kamen die Spanier, dann durfte das Augsburger Handelshaus der Welser das Kolonialisieren üben, bis die alten Herren wieder übernahmen. Im Haus der Eisernen Fenster, 1764 erbaut, wohnte man in eigens aus Europa herbeigeschafften Möbeln. Denn man zeigte gern, was man besaß - und musste doch verbergen, was andere gern hätten. Aus Angst vor Piraten legten die Bürger ein System von unterirdischen Gängen an. Doch nicht immer ließen sich Gold und Silber rechtzeitig in Sicherheit bringen. Manch ein Venezolaner greift heute zur Schaufel und fängt an zu graben, stets auf der Suche nach einem alten Piratenschatz.

Schlange in Schnaps

David José Costero dagegen steht auf dem großen Platz und macht sein Geld mit sonderbarem Sud in Glasbottichen. Gegen alles, scheint es, ist ein Kraut gewachsen, das in Alkohol getunkt dem Menschen hilft: dieses für den Magen, jenes gegen Fieber und das hier, das der Kunde jetzt und gleich begehrt, gegen Asthma, Koliken, Impotenz und verfrühte Ejakulation.

Zwei Frauen wollen lieber den Schnaps aus der anderen Flasche probieren. In silbergrauer Flüssigkeit biegen sich geschuppte Leiber, Costero hat die Schlangen selbst gefangen und geköpft, oben in der Sierra de San Luis.

Höher und höher windet sich die Straße. Die Sierra de San Luis, ein Kalksandsteingebirge von 100.000 Hektar Fläche, ist grün, wild und einsam. Selten reitet ein Bauer vorbei. Ende des 18. Jahrhunderts kämpfte hier José Leonardo Chirinos gegen die spanischen Kolonialherren. Er führte den Aufstand der Sklaven in den Zuckerrohrplantagen an. Feuerwaffen hatten die Leibeigenen nicht, nur Knüppel. Noch heute, sagt man, seien die Menschen in der Sierra eigenwillig und rebellisch. Sie leben von und mit der sprießenden, faulenden, unbändigen Natur.

Mimosen zucken, wenn Beine ihre Blätter streifen. Handtellergroße Schmetterlinge, Skorpione, Frösche kreuzen den Weg. Es ist der Pfad, den schon die Träger nahmen, die auf Geheiß der Spanier Salz von der Küste ins Landesinnere schleppten - vorbei an Höhlen, die sich wie ein Schlund plötzlich auftun und den Eindringling mit kaltem Atem umfangen, mitten durch den tropischen Wald.

Irgendwo hier leben die "duendes", die Kobolde, glauben die alten Leute in der Sierra. Unheimliche Wesen mit häßlichem Gesicht und großer Nase. Oder war nicht die Nase groß, sondern der Fuß? In jedem Fall gilt es, sich in Acht zu nehmen vor ihnen.

Lotto ist die Verheißung

Über solche Warnungen können die Jungen nur lächeln. Doch jeder sorgt auf seine Weise vor. Der "azabache", ein schwarz glänzender Stein, soll Kinder schützen, zum Beispiel vor dem bösen Blick. Also trägt die kleine Carmen ihren Talisman am Goldkettchen, versteckt unter vielen Rockschößen. Und die Mutter, Angestellte des Tourismusbüros von Chichiriviche, einer Küstenstadt weit weg von Kobolden, kann sich in Ruhe um die Urlauber kümmern.

1,5 Millionen Besucher kommen jährlich in den Nationalpark Morrocoy am östlichen Zipfel des Bundesstaates Falcón mit seinen vielen kleinen Koralleninseln. Die meisten sind einheimische Touristen, die von Chichiriviche aufbrechen, um das kollektive Robinson-Crusoe-Erlebnis zu suchen. Fischerboote bringen Menschen und Kühlboxen hinaus, zum Beispiel zur "Insel der Besoffenen". Oder zum nackten "Cayo Pelón", den "Glatzkopf", einen Haufen Sand in der Karibik, in den ein paar einsame Faulenzer zwei Sonnenschirme gerammt haben.

Abends dann werden die letzten Deals in Chichiriviches Straßen gemacht: ein bisschen Geld für ganz viel Hoffnung, Hoffnung auf das große Los. Lotto ist die Verheißung, der kein Venezolaner widerstehen kann. Zweimal am Tag sind Ziehungen. Und dann entscheidet sich, ob der Astrologe von der Zeitungsannonce wirklich die persönlichen Glückszahlen nannte oder ob der Kollege aus dem Fernsehen Recht hatte mit seinem Horoskop. Eines aber, wissen alle, sollte man niemals vergessen: den Beistand der Heiligen zu erbitten.

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