Venezuela: Schnäppchenparadies im Dornröschenschlaf - DER SPIEGEL
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Venezuela Schnäppchenparadies im Dornröschenschlaf

Ölraffinerien und Palmenstrände, Betonburgen und rustikale Altbauten: An der Küste von Venezuela erwartet die Besucher eine bizarre Mischung aus Urlaubsidylle und Schwerindustrie. Und enorm günstige Preise - ein Ferienhaus kostet 35.000 Euro, eine Tankfüllung knapp drei Euro.
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Coro - Die Karibikinsel Margarita, die Andenregion mit Merida und Canaima mit seinen Tafelbergen und Wasserfällen: Das sind die wichtigsten Urlauberziele in Venezuela. Das Land hat schwierige Jahre mit Wirtschaftsproblemen, Streiks und Massenprotesten hinter sich. Im Tourismus geht es seit gut drei Jahren wieder aufwärts. Neue Ziele sind dabei gefragt. Auch in den Bundesstaat Falcón im Nordwesten des südamerikanischen Landes kommen inzwischen die ersten ausländischen Touristen, darunter sogar ein paar Häuslebauer aus Deutschland. Auf der Halbinsel Paraguaná locken Ferienhäuser mit Garten zu Preisen ab etwa 35.000 Euro. Und die Tankfüllung kostete im Sommer 2007 wie überall im Land umgerechnet knapp drei Euro.

"Bei uns ist Benzin billiger als Mineralwasser", sagt Julio Enriquez an einer Tankstelle bei Adicora auf der Halbinsel Paraguaná. Die Region liegt touristisch noch ein bisschen im Dornröschenschlaf. Der 60-Jährige zupft an seinem Schnurrbart und füllt seine Benzinschleuder, einen älteren Chrysler. Der kleine Mann ist Taxifahrer und arbeitet nur, wenn er Lust hat, wie er selbst sagt. "Wir haben alle ein Häuschen, Hühner, Ziegen, Fisch aus dem Meer, eine große Familie und nette Nachbarn. Ich bin glücklich in Falcón."

Viel Küste, viele Esel

Falcón? Bei diesem Namen müssen viele Reisebüros in Europa passen. Die Provinz hat 770.000 Bewohner, 685 Kilometer Karibikküste, etliche Inseln, das historische Coro, vier Nationalparks, ein bisschen Wüste und viele wilde Esel. Die Karibikinseln Aruba und Curacao sind nah. Große Raffinerien erinnern daran, was Venezuelas Wirtschaft schmiert.

Reifen quietschen, Senor Enriquez tritt auf die Bremse. Vier herrenlose Esel trotten über die Fahrbahn. Es sind Nachkommen der Lastentiere, deren Jobs schon lange Autos übernommen haben. Am Straßenrand zupfen Rinder dürres Gras, die Landschaft ist karg. Im sandigen Boden wachsen Kakteen und Agaven. In der Nähe geduckter Häuser schimmern Blüten von Hibiskus und Oleander. Es gibt attraktivere Karibikstände als hier. Aber das Gefühl, fernab der Massen Fuß zu fassen, Ursprünglichkeit, Gastfreundschaft und die günstigen Preise - das erscheint etlichen Ausländern faszinierend.

In Adicora ist heute nicht viel los. An der Strandbar "Boulevard Adicora" mundet die Fischsuppe für umgerechnet gut zwei Euro, das eiskalte "Polar"-Bier für einen halben. Ein paar Urlauber räkeln sich im Liegestuhl. Der rot-weiße Leuchtturm grüßt ankommende Seefahrer. "Zimmer frei" steht auch in Deutsch an der "Posada Kitzberger". Eigentümerin Alba Kitzberger hat am Rhein und in Stuttgart gelebt. Ihr Mann stammt von dort und hat lange bei Daimler gearbeitet. Vor kurzem ist er gestorben. Die weißhaarige Frau erzählt: "Drei oder vier zugereiste Deutsche haben sich auf Paraguaná ein Haus gekauft."

Tochter Andrea hat zwei Gebäude weiter ebenfalls eine Pension. Sie wirbt für ihre "Casa Rosada" auf der Visitenkarte auch mit "Familia Kitzberger". Ein kleines Doppelzimmer mit TV und Klimaanlage kostet 25 Euro die Nacht. Das Haus ist 360 Jahre alt. Damals wurde in nahen Lagunen viel Salz produziert und auf Frachter von weither geladen.

Durch die Wüste zum Weltkulturerbe

Wer vom Flughafen nach Coro - offiziell Santa Ana de Coro - fährt, muss durch die Wüste. Sie gehört zum Nationalpark Los Médanos de Coro. Die Dünen an der Landenge zur Stadt sind bis zu 40 Meter hoch, der Wind peitscht den Sand oft über die Straße. Urlauber brechen ihren Spaziergang durch die Sandfelder schon häufig nach nur zehn Minuten ab, denn die Sonne und der heiße Sand brennen auf der Haut.

Coro zählt zu den ältesten Städten Amerikas und wurde bereits 1527 gegründet. Schüler in blau-weißer Uniform schlendern Eis schleckend zwischen den Arkaden, Brunnen, Kirchen, Häusern und Läden in kolonialem Ambiente. Der Architekturstil ist meist original erhalten. Seit 1993 ist die Stadt auf der Welterbeliste der Unesco.

Wer raus will, hat die Qual der Wahl: Berge, Wasserfälle, exotische Tiere und Pflanzen gibt es in der Umgebung, dazu rustikale Herbergen. Pool, Tennisplatz und Sauna hat die Anlage "Granja el Ojito" von Dirk Demant aus Berlin, der als Entwicklungshelfer kam und in die Ferienbranche einstieg. Sie liegt an der Küste 40 Kilometer von Coro entfernt. In der Posada "Don Aguedo" kostet die Vollpension 45 Euro, im Fünf-Sterne-Hotel "Villa Caribe" im Westen von Paraguaná ist eine Nacht ab 100 Euro zu haben. In der Nähe steht eine riesige Raffinerie, die für deutsche Urlauber keine Augenweide ist. Die Einheimischen sind dagegen stolz auf ihre Industrie.

Hellsandige Strände mit vielen Palmen, Hängematte und Rumpunsch verwöhnen die Urlauber im Nationalpark Morrocoy im Osten von Falcón. Mario Finocchi, Kapitän der "Catira", hat den Urlaubern viel zu zeigen: Links eine große Meeresschildkröte zum Beispiel, in der Höhe Fregattvögel, rechts gleitet ein Pelikan nach Beute. In den Mangroven krächzt und zwitschert es. "Bitte schaut nicht nach hinten. Das würde stören", sagt der 45-Jährige. Denn an der Küste warten hohe Betonklötze auf Gäste. Dort nächtigen fast nur Einheimische.

Von Bernd Kubisch, gms

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