Wracktauchen vor Grenada: Titanic der Karibik - DER SPIEGEL
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Wracktauchen vor Grenada Titanic der Karibik

Ein dramatisches Ende fand die elegante "Bianca C": Nach einer Explosion versank der italienische Ozeandampfer von Flammen umzüngelt in den Fluten vor Grenada. Von Korallen verziert, von Haien und Barakudas bewohnt, ist das Wrack ein exzellenter Abenteuerspielplatz für Taucher.
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St. George's - Am frühen Morgen des 22. Oktober 1961 nahm das Unglück seinen Lauf: Eine Explosion im Maschinenraum setzte das italienische Passagierschiff "Bianca C" in Brand. Die Flammen erloschen erst zwei Tage später - kurz bevor das Heck auf den Meeresboden schlug und das 200-Meter-Schiff seine letzte Ruhestätte fand. Als "Titanic der Karibik" liegt die "Bianca C" heute im flachen Wasser vor der Insel Grenada - in einer Tiefe, die Sporttaucher mit Pressluft gerade noch erreichen können.

Tauchgänge zur Bianca - wie die Betreiber der örtlichen Tauchbasen das Wrack nennen - sind der Höhepunkt eines Tauchurlaubs auf Grenada. Das gesunkene Schiff wird allerdings nur bei ruhiger See angefahren, weil es etwa zweieinhalb Kilometer westlich der Südspitze Grenadas liegt und Wellengang und Strömung dort nicht selten sind. Das Gleiche gilt für die Tauchplätze auf der Atlantikseite der Insel. Sie sind daher den erfahreneren Tauchern vorbehalten. Stellen wie "Shark Reef" werden dort ihren Namen gerecht, Begegnungen mit Rochen und Haien - meist jungen Ammenhaien - sind regelmäßig möglich.

Besser vor den Passatwinden und der Dünung des Ozeans geschützt sind die Riffe westlich der Hauptstadt St. George's. Dort offenbart sich die gesamte Schönheit karibischer Korallenriffe, die an einen Unterwassergarten erinnern: Büschen aus weißen Federn gleich ragen Hornkorallen meterhoch empor. Wie große Blätter wirken die fächerartigen, grünlichen Gorgonien, die auf violetten Stielen mit den Wellen schwingen.

Das Unterholz bilden Steinkorallen und Schwämme, deren Wuchsformen Pilzen und Blumenkohl ähneln. Zwischen den Ästen und Stämmen des Riffs schwimmen Zackenbarsche, Kaiser- und Doktorfische ihres Weges. Und über allem tanzen mit synchronen Bewegungen dichte Schwärme blaugelber Kreolenlippfische wie Schmetterlinge über einer Frühlingswiese.

Das Rückgrat der Inselwirtschaft bildet die Muskatnuss

Grenada fordert aber auch außerhalb des Wassers die Sinne heraus: Die Insel, auf der 1983 US-Truppen einmarschierten, um ein zweites Kuba zu verhindern, gilt als der Kräutergarten der Karibik. Der fruchtbare Vulkanboden lässt neben vielem anderen Thymian, Zimt, Lorbeer, Pfeffer und Gewürznelken, Vanille sowie Ingwer gedeihen.

Das Rückgrat der Inselwirtschaft bildet jedoch die Muskatnuss, die als Kern in einer Frucht steckt, die einem Pfirsich ähnelt. Grenada deckt ein Viertel des Weltbedarfs. Der Muskatnuss kann hier niemand entkommen - nirgendwo: Bei einer Wanderung im Regenwald zu einem der Wasserfälle nicht, und auch nicht an der Strandbar. Im Wald begleitet das Knacken ihrer Schalen den Wanderer bei jedem Schritt.

Die Inselhauptstadt mit ihren knapp 10.000 Einwohnern gilt als eine der schönsten Städte der Karibik. Wie in einer mediterranen Küstenstadt umfassen die pastellfarbigen, meist zweigeschossigen Häuser die enge Hafenbucht. In der vorderen Reihe an der Promenade stehen Lagerhäuser aus der Kolonialzeit, als wechselweise Franzosen und Engländer hier den Ton angaben. Hinter den Häusern wachsen die bewaldeten Gipfel des Grand-Etang-Naturschutzgebietes in die Höhe.

Drei Maschinisten kamen bei der "Bianca"-Trgödie umns Leben

Im Gegensatz zu heute konnten Anfang der sechziger Jahre große Passagierschiffe noch nicht im Hafen anlegen. Die Schiffe lagen damals auf Reede. Und so ankerte auch die zur italienischen Costa-Reederei gehörende "Bianca C" in der Bucht vor der Stadt, als das Feuer ausbrach. Schnell griffen die Flamme auf alle Decks über. Die 400 Passagiere und die 300 Mann zählende Besatzung wurden von zur Hilfe geeilten Booten gerettet und von den Insulanern aufgenommen. Einzig drei Maschinisten kamen durch die Explosion ums Leben.

Und auch das elegante weiße Schiff konnte nicht gerettet werden: Um eine Blockade der Hafeneinfahrt zu verhindern, sollte es zwei Tage später - noch brennend - auf ein flaches Riff gezogen werden. Wind und Wellengang machten den Plan jedoch zunichte - kurz vor dem Ziel riss das Schleppseil. Genau um 12 Uhr mittags am 24. Oktober 1961 versank die "Bianca C" Berichten zufolge in den Fluten.

"Wenn wir unten sind, könnt ihr ein paar Schwimmzüge im tiefsten Pool der Karibik machen", scherzt Tauchführer Alex Finn, während er an Bord des Tauchbootes die Gruppen einteilt und noch mal alle wichtigen Daten nennt: 200 Meter lang ist das Schiff, das in 55 Meter Tiefe aufrecht auf dem Grund steht. Einzig das Heck liegt auf der Steuerbordseite. Es wurde beim Aufprall verdreht und brach ab. Die Aufbauten beginnen in 38 Metern Tiefe - mehr als zehn Minuten am Wrack bleiben daher nicht, wenn Dekompressionspausen beim Auftauchen vermieden werden sollen und auf Mischgas verzichtet wird.

Ein Abstieg zur Bianca gleicht zunächst einem Fallschirmsprung ins blaue Nichts: Der Meeresboden und das Wrack sind nicht sichtbar. Außer der Bojenleine des vorantauchenden Führers gibt es nichts, was Orientierung bietet. Im Vertrauen darauf, dass die Besatzung das Tauchboot richtig positioniert hat, sinken die Taucher in die Tiefe. Erst nach 20 Metern heben sich schattenartig die ersten Umrisse des Hecks vom hellen Sandboden ab.

Ein exzentrischer Künstler scheint die Meerestiere auf dem Rumpf drapiert zu haben

"Anfangs sieht man nur Schrott", hatte Peter Seupel, deutscher Besitzer der Tauchbasis Aquanauts, gesagt. In der Tat: Die enormen Ausmaße des Passagierschiffes erschweren den Überblick. Vor lauter Stahl sind die Einzelheiten eines Ozeanriesen - Decks, Relings, Masten - nicht gleich erkennbar. Auch bei optimalen Sichtweiten von 50 Metern kann das Schiff nicht mit einem Blick erfasst werden, immer verlieren sich die Konturen im diffusen Blau. Das Gesamtbild fügt sich erst allmählich im Kopf des Tauchers aus den Momentaufnahmen zusammen.

Auf dem Rumpf haben sich Meerestiere angesiedelt. Ein exzentrischer Künstler scheint sie angebracht zu haben: Wie Batterien zusammengeschweißter Ofen- und Auspuffrohre ragen Schwämme empor. Meterlange, daumendicke Peitschenkorallen drehen sich - spiralförmig verbogenen Antennen gleich - ins Freiwasser. Das ausgebrannte Schiff selbst kann dem Verfall nicht entkommen. Seit mehr als 42 Jahren reibt sich die Strömung an den Aufbauten und drückt gegen den Rumpf. Der große Schornstein, auf dem einst das C als Zeichen der Costa-Reederei zu sehen war, ist mittlerweile zusammengefallen. Das gesamte Wrack ist einsturzgefährdet - ins Innere vorzudringen ein Risiko.

Eine Bahn im Pool ist allerdings erlaubt, ebenso ein Blick durch die Treppenhaus großen Öffnungen auf die unteren Decks. Von den Haien, die sich dort gerne verstecken sollen, ist nichts zu sehen. Silbrige Barakudas und Stachelmakrelen ziehen jenseits der Reling vorbei - so wie es Möwen tun, die neben einem fahrenden Schiff mit dem Wind spielen.

Das beeindruckendste Bild gibt jedoch der Bug ab: Vom 20 Meter tiefer gelegenen Boden aus drängt die rundliche Schiffsspitze ins Freiwasser - ein Bild ähnlich dem, das auch das Wrack der "Titanic" berühmt gemacht hat. Der Ozeanriese scheint noch zu fahren und gerade aus dem Nebel zu kommen - nur von Leonardo DiCaprio und Kate Winslet fehlt jede Spur.

Von Arnd Petry, gms

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