Mit Nachtzügen durch Europa und Bussen durch Costa Rica - DER SPIEGEL
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Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Franziska Bulban

meinung •Newsletter »Gute Reise« Schon morgen könnten Sie woanders sein

Wie kommt man per Nachtzug von Dresden nach Istanbul? Und kann man gut auf eigene Faust durch Costa Rica reisen? Unser Newsletter beantwortet Leserfragen – und nimmt Sie jetzt sofort mit in die Welt.

Es gibt Erlebnisse, deren romantische Strahlkraft im eigenen Leben größer ist, als es das Erlebnis selbst rechtfertigen würde. Erlebnisse, die sich einfach zwischendurch in die Tagträume schleichen und einem zuflüstern: Schon morgen könntest du woanders sein. Bei mir sind das unter anderem ein paar Nachtzugfahrten, zum Beispiel von München nach Venedig, oder als Teenagerin nach Lettland. Was lässt mich fast vergessen, dass ich die Hälfte der Venedig-Fahrt meine Füße krampfhaft angezogen hatte, um dem milde alkoholisierten und leicht zudringlichen Mitreisenden auszuweichen? Dass auf der Fahrt nach Lettland einem meiner besten Freunde der Grenzübertritt nach Polen verwehrt wurde? Dass im Nachtzug durch Indonesien die ganze Nacht ein Fernseher mit Werbung lief?

Ich glaube, es macht diese Verbindung aus öffentlichem Raum (kann ja jeder ein Ticket buchen) und Privatheit (in einem Abteil kann man sich doch merkwürdig zusammengehörig fühlen), die auf Reisen gern zwischen Fremden entsteht. Und dazu diese Aufregung, dass einen etwas Neues erwartet.

Istanbul – das Ziel der DIY-Orient-Express-Reise unserer Autorin

Istanbul – das Ziel der DIY-Orient-Express-Reise unserer Autorin

Foto: Izzet Keribar / Stone / Getty Images

So weit wie unsere Autorin Greta Taubert bin ich allerdings nie mit Nachtzügen gekommen: von Dresden nach Istanbul. Sie wollte nicht »in die Fremdheit geworfen werden wie ein Luftfrachtsack.« Also stieg sie in Züge und fuhr über Budapest und Bukarest bis nach Istanbul. Was sie auf dem 2000 Kilometer langen DIY-Orient-Express-Abenteuer erlebte, lesen Sie in Gretas Reportage .

Hier geht die Fahrt weiter:

  • Das Gegenteil von Do It Yourself sind Reisen in diesen Luxuszügen . Müsste ich mich entscheiden, ich würde im Royal Scotsman durch das schottische Hochland fahren und das Aus-dem-Fenster-Starren höchstens für eine Massage im Spa-Waggon unterbrechen. Im Reality Check stellt sich leider ein Reisehindernis in den Weg: der Ticketpreis.

  • Die blitzschnellen Hochgeschwindigkeitszüge Shinkansen in Japan haben im Durchschnitt 0,2 Minuten Verspätung und beeindruckten meinen Kollegen Philipp Laage. »In Deutschland gehört es zu den Reiseritualen, einen Anschlusszug zu verpassen. In Japan passiert das einfach nicht, weil jeder Zug auf die Minute pünktlich ist. Niemand schubst und drängelt. Das macht eine Reise sehr angenehm«, sagt Philipp. Auf den Leib rückte ihm in Tokio allerdings schließlich doch jemand: ein Sumoringer. Die Geschichte lesen Sie hier. 

  • Viele Schienenliebhaber hoffen auf eine Renaissance der Nachtzüge. Doch so einfach ist es leider nicht, wie das Aus des französischen Start-ups Midnight Trains zeigt. Im Interview erklärt der Bahnexperte Jon Worth meiner Kollegin Julia Stanek, warum das ambitionierte Unternehmen scheiterte. Er findet: »Es wäre hervorragend, wenn wir mehr moderne Nachtzüge hätten, die zu moderaten Preisen und in hoher Frequenz europaweit verkehren würden.« Hier lesen Sie, wie das klappen könnte. 

Hingucker – das Bilderrätsel

Es gibt viele Orte, die aus der Ferne gesehen geliebt und romantisiert werden, Schlösser, Kirchen, Tempel und Moscheen, die Skyline von New York, die Strände von Goa. Und es gibt Orte, oft direkt neben den touristischen Zielen, die werden von außen mit einer Mischung aus Neugier und Angst betrachtet. Hier lässt der französische Straßenkünstler JR die Bewohnerinnen eines solchen Ortes zurückschauen. Wissen Sie, wo?

Die richtige Antwort finden Sie am Ende des Newsletters.

Hingucker: Ein Bild zum Rätseln

Hingucker: Ein Bild zum Rätseln

Foto: Vanderlei Almeida / AFP

Reisebüro – Ihre Frage, unsere Antwort

Von Freundinnen, Kollegen, Tanten oder Cousins werden meine Reise-Kolleginnen und ich oft um Rat oder Tipps gebeten: Was haltet ihr vom Reiseziel Ghana? Wo können wir als Familie gut hinfahren? Auch Ihnen möchten wir hier gern weiterhelfen. Schreiben Sie uns Ihre Reisefrage an: reise.leserpost@spiegel.de . Betreff: »Reisebüro«

Die Frage: »Hallo und guten Tag! Zu seinem 70. Geburtstag möchte ich meinem Mann eine Rundreise durch Costa Rica schenken. Geht das gut als Selbstfahrer, oder doch besser eine organisierte Tour? Welche Jahreszeit bietet sich dafür an?« Melanie Schwarz (Name aus Geburtstags-Überraschungsgründen geändert)

Am Strand in Costa Rica: Die richtige Mischung aus individueller Reiseplanung und etablierten Angeboten ist manchmal ein Balanceakt

Am Strand in Costa Rica: Die richtige Mischung aus individueller Reiseplanung und etablierten Angeboten ist manchmal ein Balanceakt

Foto: Jordan Siemens / Digital Vision / Getty Images

Unsere Antwort: »Zunächst möchte ich Ihnen sagen, wie neidisch ich bin. Costa Rica ist ein traumhaftes Land. Ich würde dort sofort wieder hinfahren. Aber Job, Kinder, Zeit, Geld. Sie verstehen. Als Reisezeit empfehle ich Ihnen die Monate zwischen November und April. Damit umgehen Sie die Regenzeit und auch die Hurrikan-Saison. Das Land selbst ist nicht besonders groß, Sie können es von der Größe grob mit Dänemark vergleichen, natürlich mit viel mehr Sonne, tropischen Tieren, dem Atlantik und dem Pazifik. Das alles kann man bequem mit dem Auto selbst abfahren – wenn Sie gute Nerven haben.

Schulbus in Costa Rica: Das Bussystem des Landes ist gut ausgebaut - auch wenn dieser hier nicht für Reisende gedacht ist

Schulbus in Costa Rica: Das Bussystem des Landes ist gut ausgebaut - auch wenn dieser hier nicht für Reisende gedacht ist

Foto: Silvere Pluquet / iStockphoto / Getty Images

Die Straßen sind nämlich teilweise sehr ›bumpy‹, wie man vor Ort sagt. Oft war ich mir gar nicht sicher, ob es überhaupt Straßen im eigentlichen Sinne sind. Wenn Ihnen das zu anstrengend ist, greifen Sie auf das gut ausgebaute Bussystem zurück. Dort können Sie zwischen Touristenbussen (mit Klimaanlage) oder lokalen Bussen wählen. Von der Fahrzeit macht es kaum einen Unterschied. Abschließend meine persönliche Meinung zu organisierten Reisen: Sie werden in Costa Rica viele großartige Strände finden, nette Menschen treffen, Orte aufspüren, an denen Sie bleiben wollen. Mich würde es stressen, wenn ein Zeitplan und ein Reiseleiter da mitbestimmen wollen. Es ist doch schließlich Urlaub.«

Jonas Leppin, Chef vom Dienst beim SPIEGEL, ist zwei Monate mit lokalen Bussen durch Costa Rica gereist.

Hier gibt es Futter – für Kopf und Bauch

Huevos Rancheros und Huevos Motuleños: Frühstück gegen Fernweh

Huevos Rancheros und Huevos Motuleños: Frühstück gegen Fernweh

Foto: MEDITERRANEAN / E+ / Getty Images

Gute Bücher und gutes Essen machen satt und glücklich. An dieser Stelle haben wir zweierlei für Sie:

Für den Kopf: Das Fantastische und Unerträgliche am Reisen ist, zu akzeptieren, dass viele Dinge gleichzeitig wahr sind. Mexiko gilt beispielsweise als wunderbares Reiseziel, es lockt mit Landschaft und Leuten, mit Tradition und Küche, Millionen Reisende kommen jedes Jahr, um es besser kennenzulernen. Gleichzeitig ist Mexiko ein Land, aus dem jedes Jahr Tausende fliehen, vor Gewalt, Korruption und Gier. Der Roman »Across a hundred mountains« beschreibt eine solche Flucht aus der Perspektive eines jungen Mädchens. Die Autorin, Reyna Grande, ist selbst als Kind aus Mexiko in die USA gezogen und musste eine Zeit lang ohne Papiere leben. Das Buch offenbart einen Blick voller Liebe und Verzweiflung auf ihre Heimat. Für Mexiko-Interessierte und Liebhaber ist »Across a hundred mountains« eine kleine Reise ins Leben der anderen.

Für den Bauch: Huevos rancheros sind im Grunde genommen die mexikanische Variante des Bauernfrühstücks – und nach Meinung unserer Koch-Autorin Verena Lugert das »beste Frühstück, das man sich vorstellen kann: cremig, weich und gleichzeitig frisch.« Die mexikanischen Frühstückseier werden auf einer angerösteten Weizentortilla mit einer säuerlich-pikanten Tomaten-Chili-Sauce serviert, dazu gibt es schwarze oder rote Bohnen und Avocado. Abgeschmeckt wird mit einem Spritzer grüner Limette und Korianderblättern. Hier finden Sie das Rezept. 

Das war was – Reisepannen, die in Erinnerung bleiben

Mehr noch als den schönsten Sonnenuntergang behält man oft im Kopf, was im Urlaub gründlich danebenging. Welche »Das darf doch wohl nicht wahr sein«-Situation hatten Sie unterwegs zu meistern? Über welche Reisepanne können Sie inzwischen lachen? Schreiben Sie uns an: reise.leserpost@spiegel.de . Betreff: »Reisepannen«. Einige Ihrer Antworten würden wir nach Rücksprache gern veröffentlichen.

»Die Freude war groß, der Weg länger. Gemeinsam mit einer Freundin begab ich mich im Studium auf den Weg nach Berlin. Wir wollten die Stadt nach langer Zeit besuchen, selbstverständlich ohne Klimaanlage, mitten im Hochsommer. Wir fuhren und wir fuhren und wir fuhren, so lang, bis es plötzlich sechs Stunden von Hamburg nach Berlin waren. Wie wir das geschafft haben? Tja. Die Holteistraße scheint es nicht nur in Berlin zu geben – sondern auch in Hannover. Große Reise-Empfehlung: Beim Eintippen ins Navi die Stadt im Blick behalten, die zum Straßennamen ausgespuckt wird. Und gesunden Menschenverstand. Der hätte uns auch nicht geschadet.«

Sylvie Gühmann, Redakteurin bei SPIEGEL Leben

Zumindest dieses Missgeschick wäre einem mit dem guten alten Straßenatlas vielleicht nicht passiert. Aber es ist schon interessant, wie sehr sich unser Verhältnis zur Welt – und zum eigenen Orientierungssinn – mit Navigationsgeräten und Smartphones geändert hat. 

Bis zum nächsten Mal, ich wünsche Ihnen, ob durch die Welt oder durch das Leben, eine gute Reise,

Ihre Franziska Bulban

*Auflösung des Bilderrätsels: Es handelt sich um eine Favela in Rio de Janeiro, Morro da Providência, knapp eine halbe Stunde von der Copacabana entfernt. Die Gesichter wurden als Teil des Projektes »Women are heroes«  auf die Häuser plakatiert.