Ungarn: Sattelfest in Buda und Pest - DER SPIEGEL
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Ungarn Sattelfest in Buda und Pest

Die Donaustadt Budapest kann die Hölle für Autofahrer sein. Immer mehr Einwohner und Touristen steigen deshalb aufs Fahrrad um. Doch nicht nur Sportler und Reisende freuen sich über den Trend – auch Fahrraddiebe feiern durchschlagende Erfolge.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Budapest - Jeden Morgen erlebt Budapest einen Verkehrsinfarkt: Auf der Kettenbrücke über die Donau stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange, auf den großen Einfallstraßen schiebt sich eine Karawane genervter Ungarn in Richtung Zentrum. Und in Bussen und Straßenbahnen quetschen sich die Pendler mitunter wie in der U-Bahn von Tokio.

Weil der Autoverkehr in den vergangenen Jahren rapide zugenommen hat, kommt in Ungarns Hauptstadt jetzt wieder ein altes, bewährtes Verkehrsmittel in Mode: das Fahrrad. Tausende Budapester auf dem Weg zur Arbeit treten täglich in die Pedale und rauschen an der Blechlawine vorbei. Noch ist die Stadt kein wirkliches Paradies für Radler, aber auf den neuen Fahrradspuren und -wegen durch die Metropole können auch Touristen prima auf Entdeckungstour gehen.

Von der autofreien Insel in den Großstadtlärm

Sattel einstellen, Helm auf, den Kinnschutz zu, und los geht's: Die Morgensonne blickt mild durch die Platanen und spiegelt sich im großen Fluss. Gemächlich geht es auf glatt geteerten Wegen über die Margareten-Insel, Budapests größte Parkanlage, in Richtung Zentrum. Jogger traben am Ufer entlang, für Autos ist die Insel gesperrt.

Am Südende des Eilands ist die grüne Idylle zunächst vorbei: Hier lärmt die Großstadt. Straßenbahnen, Autos und Busse fahren über die Margareten-Brücke nach Buda, in die bergige Stadthälfte am Westufer, und ins flache, trubelige Pest auf der Ostseite der Donau. Jahrhundertelang waren Buda und Pest eigenständige Städte. Erst 1849 wurde mit der Kettenbrücke die erste feste Verbindung über den Fluss gebaut, 1873 wurden die zwei Orte dann zur Stadt Budapest vereint.

In Buda, hoch über dem Strom, erhebt sich der Burgberg mit der ehemaligen Königsburg. Dahinter ragt der felsige Gellért-Berg aus der Donau - das erste Ziel. Auf der Budaer Seite ist der Radweg am Ufer bestens ausgebaut und wie alle neuen Radrouten mit leuchtend gelben Linien markiert. Unterhalb des Burgviertels führt der Weg bis zum Fuß des Gellért-Bergs. Dort liegt das Gellért-Hotel und -Thermalbad.

Blick über sieben Brücken

Ein Besuch in dem prunkvollen Jugendstil-Bad lohnt unbedingt. Aber nicht jetzt! Denn nun heißt es in den ersten Gang schalten und beharrlich treten. Der Gellért-Berg mit der Freiheitsstatue auf dem Gipfel ist 235 Meter hoch. Oben, an der ehemaligen Zitadelle, steigen Japaner, Chinesen oder Italiener nach bequemer Anfahrt aus ihren Reisebussen, knipsen Gruppenfotos und kaufen Stickdecken. Oder sie genießen gemeinsam mit dem Radler einfach die Aussicht auf die sieben Donaubrücken und den Burgberg - das nächste Ziel der Route.

Hinunter geht es zügig, der Fahrtwind saust in den Ohren. Dann geht es kurze Zeit später wieder bergan, auf den weniger hohen Hügel mit dem historischen Burgviertel, das seit 1987 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Hier finden sich Touristenmagneten wie die Matthias-Kirche, die Fischerbastei, die Burg und zahlreiche Museen.

Das Etappenziel ist erreicht, Zeit für eine Mittagspause. Der hungrige Budapest-Entdecker sucht sich ein Café mit Stühlen in der Sonne, bestellt sich ein großes Stück Torte, dazu einen Milchkaffee, und studiert auf dem Stadtplan die eingezeichneten Radwege.

Ein Stück entfernt steht ein knappes Dutzend Leute mit Helmen auf dem Kopf. Sie haben sich auf den Lenker ihrer Citybikes gestützt und hören einem Mann zu. Gábor Rapaport ist 33 Jahre alt und Fremdenführer. Er erzählt seiner Gruppe auf Englisch Daten und Anekdoten aus der Geschichte des Burgviertels. Dann parken die Touristen ihre Räder vor dem Café und kaufen ebenfalls Kuchen.

Gelegenheit macht Diebe

Schick, modern, gesund

"Budapest erlebt gerade einen richtigen Fahrrad-Boom", erzählt Rapaport und nennt die Gründe: "Der Nahverkehr ist völlig überlastet, außerdem gilt Radfahren auf einmal als schick, modern und gesund." Der Pedalo-Trend geht auch an den Touristen nicht vorbei: Rapaport ist seit 2005 mit seinem Unternehmen "budapestbike.hu" am Start und organisiert täglich mindestens eine Fahrradtour für Hauptstadt-Besucher. Drei bis vier Stunden Besichtigungen vom Sattel aus, auch Extratouren, etwa durchs jüdische Viertel oder in die Nacht hinein, bietet er an. "Der Zuspruch ist groß", versichert der Fahrrad-Guide.

Die Zahl der Radfahrer in der Stadt hat sich allein von 2005 bis 2006 verdoppelt. Diesen Anstieg hat die Stadtverwaltung ermittelt. Sie hat im vergangenen Jahr 30 Kilometer neue Radwege geschaffen, 161 Kilometer sind es nun insgesamt im Stadtgebiet. Im europäischen Vergleich ist das immer noch bescheiden. Doch flotte 21-Gang-Räder verkaufen sich derzeit gut, überall sind nagelneue Exemplare an Verkehrschildern, Bänken oder Brückengeländern geparkt.

Oft windet sich durch die Speichen aber nur ein Schloss, das der Fachverkäufer in einem deutschen Fahrradladen mild lächelnd als "Geschenkband für Diebe" bezeichnen würde. Am Fahrradständer vor dem Freibad auf der Margareten-Insel etwa oder vor mancher U-Bahn-Station kringelt sich ein knappes Dutzend der dünndrahtigen Kabelschlösschen - sie wurden einfach durchgeknipst. "Wer ein Rad mietet, bekommt aber meist ein stabiles Bügelschloss mit und ist damit in der Regel gegen unschöne Überraschungen gefeit", erklärt Gábor Rapaport. Seine Gruppe will jetzt weiter. "Goodbye!", sagt er, schwingt sich auf sein Rad und setzt sich an die Spitze des Pulks.

Ambitionierte Radler ohne Gruppenzwang könnten nach der Torte noch zwei Kraftriegel einschieben, einen Elektrolyt-Drink hinunterstürzen und den nächsten Hügel von Buda in Angriff nehmen. Da wäre zum Beispiel der János-Berg, immerhin 527 Meter hoch: Durch die besten Wohngegenden der Stadt, wo sich Villen mit Türmchen und verspielten Erkern an den Hang schmiegen, schlängelt sich die Straße in Serpentinen nach oben. Für den Anstieg sind gut trainierte Oberschenkelmuskeln nötig. Aber für alle "Normalo-Radtouristen", die hoch hinaus wollen, ohne gleich Tour de France zu spielen, gibt es eine gute Nachricht: Auf den János-Berg fährt auch eine Bahn.

Pest ist weniger fahrradfreundlich

Die Sonne steht schon weit im Süden. Das war Buda, jetzt kommt Pest. Über die Kettenbrücke geht es auf die andere Donauseite. Pest ist der lautere, größere, lebendigere Teil der Hauptstadt. Einen Abstecher wert ist das mächtige, neugotische Parlamentsgebäude, eines der Wahrzeichen von Budapest. Weitere Ziele sind das jüdische Viertel und die Markthalle am Donau-Ufer. Außerdem gibt es in Pest zahlreiche sonnige Plätze, umgeben von prachtvollen Wohnhäusern aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie bis zum Ersten Weltkrieg.

Im Pester Straßengewirr sucht man die gelben Radweg-Streifen meist vergeblich. Wer mutig auf den mehrspurigen Hauptstraßen unterwegs ist, muss zügig fahren und immer im Hinterkopf haben, dass die Autofahrer an Radler noch nicht richtig gewöhnt sind. Doch es gibt einen Trick: Nebenstraßen nutzen, am besten Einbahnstraßen, und diese immer in Fahrtrichtung.

Einige bequeme Strecken gibt es aber auch in Pest: Auf dem Boulevard Andrássy út etwa geht es von der Innenstadt schnurgerade in Richtung Stadtwäldchen. Die Route hat eine eigene Radspur, es gibt sogar Radfahrer-Ampeln. Das Stadtwäldchen allein ist einen Tagesausflug wert: Dort sind der Zoo, die Kunsthalle, der historische Heldenplatz, das Széchenyi-Thermalbad und viele grüne Wiesen zum Faulenzen. Doch es geht auf den Abend zu, der Magen knurrt.

Also noch einmal rauf auf den Sattel, ein letzter Kilometer, beim Restaurant ist Endstation. "Klick", den Helm abnehmen, "klack" schließt sich das Bügelschloss um Rahmen, Reifen und Laternenpfahl. Der Körper verlangt nach Kalorien. Damit geizt die traditionelle ungarische Küche aber nicht. Jetzt muss ein Zigeunerschnitzel im XXL-Format auf den Teller.

Jan Dube, gms