Raumfahrt Menschen in Käfighaltung
Wenn am Freitag Diego Urbina, ein 26-jähriger Italiener mit kolumbianischen Wurzeln, und fünf weitere menschliche Versuchskaninchen aus ihrer russischen Raumschiffattrappe klettern - etwas bleich, nach fast anderthalb Jahren ohne Sonnenlicht -, endet in Moskau eines der längsten Isolationsexperimente der Welt. Über 500 Tage lang simulierten Urbina und seine Kollegen eine Mission zum Mars und zurück. Abgeschlossen von der Außenwelt, empfing die Crew Funksprüche von der Bodenkontrolle mitunter erst nach 20-minütiger Verzögerung, ganz so, als schwebte ihr Raumschiff tatsächlich Millionen Kilometer entfernt durchs All.
Zwar haben die sechs Pseudoastronauten die Erde in Wahrheit nie verlassen. Der Ausstieg im Moskauer Institut für Biomedizinische Probleme aber erfolgt unter Sicherheitsvorkehrungen, die auch einer echten Mars-Mission Ehre machen würden. Nur handverlesene TV-Teams aus Russland, Westeuropa und China dürfen das Ende des Versuchs filmen. Die Reporter brauchen dafür ein ärztliches Attest. Denn das Immunsystem der Probanden gilt als so geschwächt, dass es selbst Erregern einer sonst harmlosen Herbstgrippe nicht widerstehen könnte.
Der Erkenntnisgewinn fällt bescheiden aus
Vor knapp 17 Monaten hatten Forscher die Luke zu dem nachgebauten Mars-Modul hinter drei Russen und je einem Franzosen, Italiener und Chinesen geschlossen. Der Erkenntnisgewinn für bemannte Langzeitflüge fällt allerdings bescheiden aus. Weder war das Team Schwerelosigkeit ausgesetzt noch gefährlicher kosmischer Strahlung.
Pseudoastronauten: Leben in der Raumschiffattrappe
Deutsche Mediziner sind dennoch begeistert. Sie treibt nicht die Eroberung des interplanetaren Raums um, sondern vor allem die Bekämpfung ganz irdischer Gebrechen. "Wir konnten zum Beispiel erstmals in einer Langzeitstudie nachweisen, dass zu viel Kochsalzkonsum Bluthochdruck fördert", sagt Jens Titze, Molekularmediziner am Universitätsklinikum Erlangen. Im Mars-Modul strich er die tägliche Salzration von Urbina und Co. schrittweise zusammen und verfolgte, wie parallel dazu der Blutdruck der Probanden sank.
Weniger Salz im Essen, so Titzes Hoffnung, könnte das Leben von Zigtausenden Bluthochdruck-Patienten verlängern: "Auf die USA hochgerechnet könnten 50 000 Herzinfarkte pro Jahr verhindert werden, das US- Gesundheitssystem 10 bis 24 Milliarden Dollar sparen", sagt Titze.
Forscher der Berliner Charité konnten zudem einen neuen Temperatursensor erproben. Das an der Stirn befestigte Messgerät soll künftig helfen, frisch operierte Patienten zu überwachen und gefährliche Fieberschübe frühzeitig zu erkennen. "Bislang ging das nur mit Rektalsonden, das war nicht sonderlich beliebt", so Weltraummediziner Hanns-Christian Gunga.
Käfighaltung von jungen, kerngesunden Testpersonen
Den Wissenschaftlern gefällt, dass die Weltraumforschung eine Art Käfighaltung von jungen, kerngesunden Testpersonen ermöglicht. "Sonst können wir immer nur Kranke beobachten", sagt Titze. Die Deutschen planen schon den nächsten Coup, diesmal jedoch nicht in Moskau, sondern im Kölner Stadtteil Porz. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) baut dort eine weltweit einzigartige Versuchsanlage. Bald sollen im Rheinland Probanden nach russischem Vorbild von der Außenwelt abgeschlossen Flüge ins Weltall simulieren. Envihab heißt das 30 Millionen Euro teure Projekt. In dem 3500 Quadratmeter großen Bau steht den Forschern sogar eine Humanzentrifuge zur Verfügung.
In zwei Jahren soll es losgehen. Testpersonen werden dann in Köln 60 Tage lang liegend einen Flug zu einem Asteroiden nachstellen. Von der Mission "Osteogeneration" erhoffen sich Forscher Aufschluss über Gründe für den Knochenschwund im Alter. Das macht die Anlage auch für Partner interessant, die kosmischer Ambitionen sonst eher unverdächtig sind. Die Krankenkasse Barmer GEK und der Klinikkonzern Asklepios wollen mit dem DLR kooperieren.
Die Wissenschaftler sind froh, wenn sie nicht mehr auf das betagte "Mars500"-Modul in Moskau zurückgreifen müssen. "Mit der Gesundheitsforschung haben wir einen Schwerpunkt gesetzt, der den russischen Partnern nicht so recht gepasst hat", sagt Jens Titze.
Ohnehin zerrten Filz und Willkür im östlichen Riesenreich an den Nerven der Deutschen. So verzögerten russische Zöllner fünf Monate lang die Abfertigung von deutschen Kühlgeräten. Erst das Einschreiten der deutschen Botschaft beschleunigte das Verfahren. "Wenn unser Lastwagen mit Forschungsutensilien im russischen Winter zehn Tage an der Grenze festsitzt, ist das der Planungssicherheit nicht gerade zuträglich", schimpft Titze.
Nach 520 strikt reglementierten Tagen, 1000 Urinproben und 1500 Fertigmahlzeiten kann "Mars500"-Proband Diego Urbina dagegen kaum erwarten, dem Diktat der Forschung endlich zu entkommen. "Am meisten habe ich vermisst", sagt der Italiener, "dass einfach mal etwas Unvorhergesehenes passiert."