Erdähnlicher Planet Sensationsfund in unserer Nachbarschaft
Spiegelteleskop für die Planetensuche auf dem Berg La Silla in Chile
Foto: Babak Tafresjo/ESOAuf der fremden Welt herrscht ewige Dämmerung. Der blutrote Zwergstern, der dort am Himmel glüht, spendet nur ein Vieltausendstel des Lichts unserer Sonne. Dennoch könnte die Wärmestrahlung gerade so ausreichen, um ein lebensfreundliches Klima zu schaffen.
Aber gibt es wirklich Leben auf dem Planeten, den Astrophysiker jetzt draußen im All aufgespürt haben? Niemand weiß es, noch nicht. Sicher ist nur: Wegen der Düsternis sähen Tiere und Pflanzen anders aus, als wir sie von der Erde kennen. Bäume und Sträucher hätten pechschwarze Blätter, wie verbrannt. Nur mit dunkler Färbung wären die Alien-Gewächse in der Lage, das schummrige Sternenlicht für ihre Fotosynthese zu nutzen.
Und wie sieht es mit höheren Lebensformen aus, mit Tieren oder gar intelligenten Wesen? Gut möglich, dass auf dem Planeten exotische Organismen existieren. Da er viele Millionen Jahre älter ist als die Erde, hätte das Leben genug Zeit gehabt, sich zu entwickeln. Andererseits müsste es dort immer wieder durch die Hölle gehen. Seine Sonne ist nämlich ein sogenannter Flackerstern, ein kosmischer Feuerspucker, der zu apokalyptischen Plasmaausbrüchen neigt. Nicht auszuschließen, dass alle Meere, Flüsse und Seen schon vor Urzeiten verdampft sind.
Der neu entdeckte Planet trägt noch keinen Namen. Der rote Zwergstern aber, um den er kreist, ist weltberühmt: Proxima Centauri, der nächste bekannte Fixstern, nur 4,24 Lichtjahre entfernt - unsere Nachbarsonne.
Genau das macht diesen Fund zu einer wissenschaftlichen Sensation. Eigentlich stellen Planeten, die von fremden Sonnen beschienen werden, keine Besonderheit mehr dar. Bereits über 3000 solcher "extrasolaren Planeten" wurden in den vergangenen Jahren nachgewiesen. Aber die meisten davon sind viele Hundert Lichtjahre entfernt und kaum weiter zu erforschen. Anders der Proxima-Trabant: Nie zuvor sind Planetenjäger auf eine mögliche zweite Erde gestoßen, die so nahe ist. Dies bietet die Chance, dort tatsächlich nach Spuren von Leben zu fahnden.
In Kürze will die Europäische Südsternwarte (Eso) die bislang noch geheim gehaltene Entdeckung bekannt geben. "Den kleinen Himmelskörper zu finden war ein hartes Stück Arbeit", hat ein Astrophysiker, der an der Suche beteiligt war, dem SPIEGEL bestätigt. "Wir bewegten uns an der Grenze des messtechnisch Machbaren."
Das erfolgreiche Forscherprojekt nennt sich "Pale Red Dot". Der Name soll an das legendäre Foto "Pale Blue Dot" erinnern, das die amerikanische Raumsonde "Voyager 1" im Jahr 1990 schoss, als sie dabei war, das Sonnensystem für immer zu verlassen. Ihre Aufnahme zeigt die Erde als winzigen blauen Punkt. Was die Himmelsforscher finden wollten, war eine dazu passende rote Zwillingserde - und anscheinend ist ihnen das gelungen.
Zum Einsatz kam ein auf die Planetensuche spezialisiertes Spiegelteleskop, das die Europäer auf dem Berg La Silla in der chilenischen Atacamawüste betreiben. Anfang des Jahres begannen die Himmelsforscher damit, das Instrument auf Proxima Centauri auszurichten, der mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist. Monatelang nahmen sie immer wieder das funzelige Sternenlicht auf. Schließlich registrierten die hochempfindlichen Messgeräte, dass der Zwergstern verdächtig schlingert.
Ist die fremde Welt wirklich eine Oase im All?
Inzwischen ist die Auswertung der Daten abgeschlossen. Für die Astrophysiker bestehen kaum mehr Zweifel: Der Tanz des Zwergsterns wird durch einen unsichtbaren Begleiter hervorgerufen, der an Proxima Centauri zerrt. Die errechnete Masse spricht dafür, dass es sich um einen Gesteinsplaneten wie die Erde handelt.
Aufregender noch: Er bewegt sich in einem so geringen Abstand um die kleine rote Sonne, dass auf seiner Oberfläche flüssiges Wasser vorkommen kann - dies gilt als die entscheidende Bedingung dafür, dass Leben entstehen könnte.
Das nächste große Ziel der Forscher ist nur folgerichtig. Sie wollen herausfinden, ob die fremde Welt wirklich eine Oase im All ist. Voraussetzung dafür wäre es, von der Erde aus das Planetenlicht aufzufangen und daraus die chemische Zusammensetzung der fernen Atmosphäre zu entschlüsseln.
Schon das gleichzeitige Vorhandensein von Sauerstoff und Methan wäre ein Indiz für Leben. Denn die beiden Gase reagieren miteinander, wodurch Kohlendioxid und Wasser entstehen. In einer unbelebten Atmosphäre können Sauerstoff und Methan zusammen daher nur in geringen Mengen vorkommen. Liegt ihr Anteil hingegen hoch, muss es Organismen wie Bakterien oder Algen geben, welche die beiden Gase laufend neu produzieren -somit wäre ein derartiger chemischer Fingerabdruck der Beweis für außerirdische Lebensformen.
Eine solche Jahrhundertentdeckung würde Proxima Centauri zu dem Sehnsuchtsziel einer interstellaren Forschungsmission machen. Nur ist selbst diese nächste Nachbarsonne noch unerreichbar weit entfernt.
Mit heutigen Raketen jedenfalls ließe sich der Abgrund zwischen den Sternen kaum überwinden: Eine konventionelle Raumsonde wäre rund 80.000 Jahre dorthin unterwegs, annähernd so lange, wie es Menschen gibt.
Schneller ginge es mit jenem futuristischen Fusionsantrieb, den der deutschamerikanische Physiker Friedwardt Winterberg schon in den Siebzigerjahren für das legendäre Projekt "Daedalus" entworfen hat. Sein seither verfeinerter Bauplan klingt abenteuerlich: Die Explosionen winziger Wasserstoffbomben, die ungeheure Energiemengen freisetzten, könnten ein Fernraumschiff auf über zehn Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen.
Doch sogar ein solcher Expressflug zur neuen Welt würde ein halbes Jahrhundert dauern - für die wagemutigen Astronauten wäre es eine Reise ohne Wiederkehr.