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»Froh jubelt Ihr beim kleinsten Lichtstrahl«

Gut 15 Milliarden Mark investieren die Bundesbürger in diesem Jahr, um ihre helle Haut tiefbraun zu rösten. Die dunkle Farbe gilt als Beweis für Wohlstand, Fitneß und sexuelle Attraktivität. Doch das Statussymbol ist teuer erkauft. Mediziner warnen: Wer jetzt grillt, bezahlt später - mit Runzeln, Pigmentflecken und Hautkrebs. Die Frauen über dreißig und viele Trendsetter fangen an sich zu fürchten. Ist das Ende der Bronzezeit schon in Sicht?
• aus DER SPIEGEL 32/1985
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am frühen Montag morgen beginnt sich das Karussell zu drehen. Um 6.30 Uhr heben die ersten Bleichgesichter ab: 120 aus Nordrhein-Westfalen, platzsparend in eine DC-9 gestopft, verlassen Düsseldorf. Vier Stunden später trifft sie die nordafrikanische Wüstensonne mit voller Wucht am Kopf.

Die Bleichgesichter sind glücklich. Genau das haben sie gewollt: In Djerba (Tunesien) ist der Himmel blau, so blau, keine Wolke schiebt sich zwischen den sengenden Fixstern und die blasse Haut. 14 Tage Urlaub total, auf dem Rost liegen, endlich mal richtig braun werden, tiefbraun.

König Echnaton, altägyptischer Lobredner der Sonne, hat, über drei Jahrtausende nach seinem Tod, neue Gefolgschaft gefunden. Lasset sie beten:

Herrlich erhebst Du Dich am himmlischen Lichtberg

Ewige Sonne, Ursprung des Lebens. Du hast die Erde geschaffen nach Deinem Belieben.

Allem Lebendigen gabst Du Speise für immer.

Du erteilst das Maß der Lebenszeit für jeden, Du bist das Pochen in meinem Herzen.

Drei Dutzend mal hat die DC-9 der »Aero Lloyd« in der letzten Woche Sonnenanbeter aller deutschen Gaue nach Süden verfrachtet - als nimmermüdes Vehikel der gigantischen Bräunungsindustrie. Fast zweihundertmal am Tag heben Charterjets von den bundesdeutschen Flugpisten ab, randvolle Zuträger des Sonnenkults. Das Gewerbe boomt wie nie zuvor. »Reisen«, hatte der blaublütige Melancholiker Sigismund von Radecki erkannt, »ist zur populärsten Form von Glück« geworden - und die braune Haut zu seiner beweiskräftigen, neiderregenden Signalfarbe.

Der kühl-verregnete deutsche Juni hat dem Lichttourismus nochmals Auftrieb gegeben: Die Sonnenbänke rund ums Mittelmeer sind nahezu ausgebucht. Kaum noch einen Platz zum Brutzeln gibt es auf dem »Teutonengrill« im italienischen Rimini. Dicht an dicht, noch bleich oder schon hochrot, liegen die alternativen Menschen an Kretas Stränden. Licht und Luft lassen Deutschlands Nudisten im fernen Spanien an den blanken Leib. Der Nacktbadestrand in Vigo am Atlantik heißt längst »Los alemanes«.

Immer kleiner und hauchdünn werden die Textilien, die andernorts noch als Badeanzug zwischen Haut und Sonne

geschoben werden. Sie verhüllen meist nur noch die Schamhaare. Der Busen liegt bloß - an der französischen Cote d''Azur, im katholischen Italien, an allen Stränden des sozialistischen Jugoslawien und in den Ländern des Propheten.

Ob Christus, Marx oder Mohammed verehrt werden - die drei leibfeindlichen Herren haben auf der ganzen Linie verloren. Nahtlose Bräune hat sich zur ökumenischen Idee gemausert. Millionen beten die Sonne an, als ginge sie am Ende der Pauschalreise für immer unter.

Die Verwertung ihrer sengend heißen Strahlen ist in einem Dutzend Ferienländern zur wichtigsten Industrie geworden. Vierzig Millionen Touristen erwartet Spanien in diesem Jahr; 8,2 Milliarden Dollar haben die Sonnenfreunde 1984 zurückgelassen. Griechenland, Jugoslawien, Tunesien, aber auch die Seychellen, Barbados und die Bahamas wären längst zahlungsunfähig, zögen nicht Millionen käsebleicher Nordmenschen der Sonne entgegen.

Ihr »gleißendes« Licht, klagt in der »FAZ« ein besorgter Kopf, wecke wie eine »Droge« das »irrationale Verlangen« nach Müßiggang, was die »geballte Wirtschaftskraft in den gemäßigten Zonen« ruinieren könne. O Echnaton, was soll aus Deutschland werden?

Ihre Haut tragen der Alt-Kanzler Willy Brandt und der Noch-Kanzler Helmut Kohl zu Markte, der eine in Südfrankreich, der andere auf Österreichs Bergen.

Berlins Regierender Bürgermeister Diepgen läßt sich seit dem 20. Juli »die Sonne auf den Bauch scheinen« - das galt als letzter Starttermin für einen Platz an der Sonne. Das Bonner Parlament, die Chefetagen in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und München, selbstverständlich alle Universitäten, Schauspielhäuser und Schulen sind leer und verlassen: 15 Milliarden Mark werden die Bundesbürger in diesem Jahr für Reisen ins Glück hinblättern. Im Autoradio trällert Udo Jürgens seinen immer gern gehörten Schlager: »Die Sonne, die Sonne und Du, huhuhu, huhuhuhuhuhu ...«

Wer zu Hause bleiben muß, wird in »Bild« vom Professor Julius Hackethal getröstet. »Raus in die Sonne«, ermuntert der Ober-Arzt die ärmeren Volksschichten, »sie ist ja so gesund. Wer zweimal im Jahr tiefbraun ist, der kann fast nicht mehr krank werden!« Fast.

Daß Sonnenbaden »gesund« sei, »angenehm« oder gar beides, glauben 60 Prozent aller Deutschen. Rechnet man die Gruppe derer, die Sonnenbaden als eine zwar gesunde, wenn auch unangenehme Beschäftigung betrachten, hinzu, sind fast 80 Prozent des Volkes im Glauben an das Himmelslicht vereint. Die Miesepeter - »Sonnenbaden ist unangenehm und ungesund« - bleiben deutlich in der Minderheit.

Diese »Einstellung der modernen Menschen zur Sonne« hat der österreichische Professor Dr. Franz Greiter, Vorstand des Institutes für Angewandte Physiologie in Klosterneuburg-Weidling, bei 20000 Befragten ermitteln lassen. Sein Interesse liegt auf der Hand, denn er ist Chef der Kosmetikfirma Greiter (Marke: »Piz Buin« - »Baut Bräune aus der Tiefe auf").

Was den Gelehrten vor allem überrascht, ist die Erkenntnis, »daß hauptsächlich Risikotypen mit einer empfindlichen Haut der Sonne besonders zugewandt sind«. Wer ihre Strahlen am schlechtesten verträgt, ist der Droge am stärksten verfallen.

Laut Greiter sind das »vornehmlich Menschen keltischen Ursprungs« - blonde, blauäugige, sommersprossige Nachfahren von Asterix und Obelix. So wie

es den Kurzatmigen zur Trompete drängt, den Farbblinden an die Staffelei und Hinkefuß Joseph Goebbels zu den Marschkolonnen der SA, zieht es das Bleichgesicht mit Macht ans Sonnenlicht.

Welche sichtbaren Folgen das hat, läßt sich farbgetreu auch am Flughafen erkennen - zum Beispiel sonntags, um 23.30 Uhr, wenn die Boeing 727 der »Condor« in Stuttgart landet. Sie bringt 138 gegerbte Schwaben aus Menorca zurück. Mit diesem letzten Flug der Woche bleibt das Sonnenkarussell für sieben Stunden endlich stehen.

Es wird in Schwung gehalten von der weitverbreiteten Überzeugung, ein Mensch könne niemals zu reich, zu schlank oder zu braun sein. Das Gesetz vom dreifachen Grunde des Glücks ist ein Kind dieses Jahrhunderts, genauer: der »goldenen zwanziger Jahre«. Seither gelten in den sonnenarmen Ländern der westlichen Zivilisation, wo die meisten überreich zu essen haben, der schlanke Leib und ein brauner Teint als schön. Vorher - und anderswo immer noch - war es genau umgekehrt.

»Braune Haut«, sagt Greiter, »deutet einen gehobenen Standard insofern an, als damit Reisen in die weite Welt, exotische, strahlungsintensive Länder oder alpine Landschaften assoziiert werden.« Auch wer sich das Skifahren, Surfen, Segeln oder Tennisspielen leisten kann - teure, modische Sportarten, Greiter nennt sie »aktuell« - signalisiere durch die braune Haut »Sportlichkeit« und, wichtiger noch, die Zugehörigkeit zu »gewissen Schichten«. Braun ist »in«, weil Blässe zu Recht mit Fabrik- oder Büroarbeit assoziiert wird.

Wenigstens einige Wochen im Jahr wollen die Werktätigen so aussehen, als sei ihr Leben eitel Müßiggang und Freizeit, nicht beschwert durch das Bleigewicht der Arbeit. Erst der Sozialneid im Auge des Nachbarn macht die Urlaubsbräune richtig schön. Den Sonnenfreunden gilt eine Reise als total mißlungen, als schandbares soziales Versagen, falls das Gestirn sich hinter Wolken verbirgt und dem zahlenden Verehrer die Gratifikation des dunklen Teints verweigert.

Solange die meisten Menschen ihr Brot im Schweiße des Angesichts als Landmann oder Magd verdienten, von der Sonne während der Arbeit gepeinigt, war »vornehme Blässe« das beneidete Statussymbol. Eine Haut, weiß wie Alabaster, konnten sich nur die Reichen leisten, Aristokraten vor allem, die das Gesinde aufs Feld schickten. Der Erste Weltkrieg markiert die Wende. Der Adel büßte viele seiner Privilegien ein, und mit ihm ging das Ideal der aristokratischen Blässe den Bach hinab. Weiße Handschuhe, Sonnenschirme und Hüte, groß wie Wagenräder, verloren ihre Funktion.

Daß nun die braune Farbe der Mehrheit als »schön« gilt, ist mithin keine ästhetische, sondern eine soziale Entscheidung - da, wo man nicht ist, ist das Glück. Die vielen Blassen kleidete der Führer flugs in braunes Tuch. Wie der Mann ausgerechnet auf Braun gekommen ist, bleibt den Farbpsychologen bis heute ein Rätsel. Dem einst führenden, 1974 eingegangenen englischen Herrenmodenjournal »Taylor and Cutter« war dieser Ton schon immer degoutant: »Braun trägt der Gentleman überhaupt nicht.«

Unbefangene denken beim Wort »braun« im besten Falle an »Mutter Erde«, gewöhnlich aber nur an »Exkremente«. Daß Braun als Zeichen der Geschlechtlichkeit galt - die Kröte, das weibliche Fruchtbarkeitssymbol, trägt diese Farbe -, ist lange her.

»Der Großstadtmensch«, spekuliert Dr. rer. nat. Wolfgang Bruhn, vertraglich dem Wirkstoff-Hersteller für Sonnenschutzcremes »Dragoco« in Holzminden verpflichtet, »möchte dem sonnengewöhnten Sportler gleichen«, denn der werde als »Vorbild für körperliche Leistungsfähigkeit und Gesundheit« angesehen. Beides zählt viel, doch

ist »die Braunfärbung«, genaugenommen, »für sich allein kein hinreichendes Kriterium für diese Eigenschaften«, wie Bruhn weiß.

Der Chemiker hat noch zwei weitere Pro-Braun-Argumente entdeckt. »Weite Bevölkerungskreise« hätten vermutlich die »Heilerfolge des Sonnenlichts« bei der knochenerweichenden »englischen Krankheit« ("Rachitis") und bei Hautleiden wie der Schuppenflechte »unzulässig verallgemeinert«. Außerdem glaube die Kundschaft, »daß durch saubere Luft die Sonne ungehindert hindurchscheinen kann«, daß also »viel Sonne eine reine und damit gesunde Luft« bedeutet.

Bruhn, nomen est omen, forscht an den »selbstbräunenden Substanzen«, der Illusion aus der Tube. »Jedermann«, sagt er, »ist es heute möglich, das ganze Jahr über ein sportliches Braun zur Schau zu tragen, ohne Sport, ohne Urlaub, ohne Sonne und ohne Höhensonne.« Diese Täuschung hat ihre Verehrer, aber kaum Liebhaber. Sie befriedigt das Auge des Beschauers mehr als den angemalten Menschen selber: Braune Schminke suggeriert zwar dem Gegenüber »Gesundheit« und »sexuelle Attraktivität«, doch der Eigenliebe gibt sie keinen Halt.

Daß ein von der Sonne kolorierter Mensch als Liebespartner begehrenswert sei und, wenn''s klappt, durch ehrliche Leistung überzeugen wird, ist die nahezu einmütige Ansicht aller Volksschichten. Differenzen gibt es nur bei der Frage, welche Intensität der Farbton idealerweise haben sollte.

»Nach langem Sonnenbaden kommt Sex viel intensiver«, hat Klaus als seinen »Erfahrungswert« erkannt und deshalb in dem Berliner Stadtmagazin »Tip« dieses Bekenntnis sowie ein Begehr inseriert: »M, 27, sucht gleichgesinnte Gespielin«. Gemeldet haben sich drei Damen, zwei davon deutlich älter. Klaus nimmt die »Gesinnungsgenossinnen« umschichtig mit, mal zum Flughafensee nach Tegel, mal an den Halensee (nur einen Steinwurf vom Kudamm entfernt), mal auf die Südwest-Wiese der Krummen Lanke. An diesen Plätzen trifft sich, wer wie Klaus überzeugt ist, daß die Sonne eine Liebesgöttin sei, den Nackedeis besonders zugetan.

Spielwiesen solcher Art überziehen mittlerweile die ganze Republik. Für viele sind es die Knoten im sozialen Netz - Treffpunkte einer Nacktbewegung, die gnadenlos von öffentlichen Parks und Badeanstalten Besitz ergriffen hat (siehe Seite 148). Dabei hat alles ganz klein angefangen.

Euch grüße ich, die Ihr die Sonne liebt! Ihr tragt glutvolle Sehnsucht im Herzen! Sehnsucht nach warmer Sonne, blauem Himmel, Licht und Natur, Sehnsucht nach siegender Kraft, geistiger Höhe und kindhaftem Glauben.

Schmerzvoll leidet Ihr unter der Geißel des Frontags und der Mißgunst der Zeit. Froh jubelt Ihr beim kleinsten Lichtstrahl, der den Altar Eurer Sehnsucht umgoldet. Aus Sonnensehnsucht erwächst herrliches Heiligtum höchster Ideale! Heil Euch, die Ihr die Sonne liebt und das Licht - sehnsuchtsvoll - hüllenlos - inbrünstig!

So viele große Worte mußte Hans Suren, Leiter a.D. der Heeresschule für Leibesübungen der Reichswehr, noch 1924 machen, um der »Freikörperkultur« samt »Nackttraining«, nach Geschlechtern getrennt, ein bißchen Raum zu schaffen. Der körperfrohe Soldat galt als Ideologe der Nudisten. Die durften sich nur hinter dichten Hecken treffen. Suren paßte auf, daß aus der »Lichtzucht« kein Ringelpiez mit Anfassen wurde.

Jenseits der Grenzen trieben es die Deutschen schon damals toller, vor allem die Künstler. Ihr heiliger Berg lag im Tessin. Auf dem »Monte Verita« entbot man sich im Lichtkleid den Lichtgruß, trug um die Stirn ein Lederband, nur dort, und nannte die Mädchen »Nixen«. Die Sehnsucht nach »Leibesschönheit« und »freier Liebe« zog Anarchisten, Adlige, Hypochonder und Drogenpriester zuhauf über die Alpen an den blauen Lago Maggiore. Gemeinsam sangen sie, nach der Melodie »Immer langsam voran": »Wir sonnen den Leib, und wir baden den Leib. Das ist unser einziger Zeitvertreib.«

Die Spießer schauderte es. Gegen Eintrittsgeld durften sie auch einen Blick auf die Nixen werfen.

Weil das propagierte »Naturmenschen«-Ideal am Ende auf Rohkost hinauslief, entvölkerte sich der Berg Mitte der zwanziger Jahre. Einige weibliche Hinterbliebene, die noch heute in Ascona ausharren, schwören, daß »es schön war - und gesund!«

Auf die Preisfrage des Jahrhunderts - »wieviel Sonne braucht der Mensch?« - geben die alten Damen indes keine einmütige Antwort. Privat leben sie jetzt meist im Schatten.

Ihre Ratlosigkeit ist symptomatisch. Auch die Wissenschaftler sind sich nicht einig. Gar kein Zweifel, lehren sie, daß es ohne Sonne auf der Erde kein Leben gäbe. Doch jenseits dieser Banalität beginnt schon der Streit. Ist es dem Menschen bekömmlicher, lange oder kurz in der Sonne zu verharren? Ist der Seemann besser dran oder die Nonne, ein Skilehrer oder der U-Boot-Kommandant? Richtige Antwort: Kommt ganz drauf an.

In völliger Dunkelheit erlischt das Leben eines gesunden Erwachsenen nach

wenigen Jahren. Wer aber ungeschützt der Tropensonne ausgesetzt wird, ist schon nach einigen Stunden tot. Sonnenforscher und »Piz Buin«-Mann Franz Greiter zieht sich deshalb auf Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, zurück. Der bedeutendste Arzt des Mittelalters lehrte: »Dosis sola facit venenum« - »Nur die Dosis macht das Gift.«

Diese Weisheit läßt sich inzwischen untergliedern. 1801 entdeckte der damals 25jährige Physiker Johann Wilhelm Ritter, daß es »von der Seite des Violetts im Farbenspektrum, außerhalb desselben, Sonnenstrahlen« gibt - die berühmte ultraviolette Strahlung ("UV-Strahlung"). Sie ist kalt und unsichtbar, die Wellenlänge ihrer Strahlen beträgt nur 180 bis 400 nm. _(nm: Abkürzung für Nanometer; ein ) _(Nanometer = ein Millionstelmillimeter. )

Die sichtbare Sonnenstrahlung hat eine Wellenlänge zwischen 400 und 760 nm. Daran schließt sich, zwischen 760 und 3000 nm, noch die warme Infrarotstrahlung an.

Erfreulicherweise trifft nur ein kleiner Rest der Sonnenstrahlung den Menschen. Das meiste geht unterwegs verloren. Das Licht der Sonne - sie ist eine Gaskugel von rund 1,4 Millionen Kilometer Durchmesser mit einer Masse von 2x10 hoch 27 Tonnen, annähernd 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt - benötigt für diese Strecke etwa acht Minuten. Die Strahlung des Zentralgestirns wird während der letzten Millisekunden von der Erdatmosphäre durch Streuung und Absorption erheblich geschwächt: Die Infrarot-Strahlen werden vom Wasserdampf, die kurzwelligen UV-Strahlen von Sauerstoff und Ozon weitgehend aufgesogen.

Seit die Wissenschaftler gelernt haben, das UV-Licht je nach Wellenlänge getrennt herauszufiltern, ist die unsichtbare Strahlung noch einmal dreigeteilt worden, in UV-A (400 bis 315 nm), UV-B (280 bis 315 nm) und UV-C (180 bis 280 nm). Respekt verdienen sie alle drei:

▷ UV-C tötet Keime ruckzuck ab, geht aber, solange die Erde noch eine Ozonschicht hat, schon in großer Höhe vollständig verloren;

▷ UV-B setzt die Hautbräunung in Gang und aktiviert - in kleinen Dosen - Atmung, Kreislauf, Stoffwechsel, Drüsenfunktion und den Allgemeinzustand des Menschen;

▷ UV-A dringt tiefer in die Haut ein, löst rasch eine »Sofort«-Pigmentierung aus, die jedoch ebenso schnell wieder verschwindet.

Die Hautbräunung ist also nichts anderes als der mehr oder minder gelungene Versuch des Organismus, sich vor den nachteiligen Wirkungen der UV-Strahlen und ihrer gefährlichen Überdosierung zu schützen.

Auf viererlei Weise wird die Abwehr ins Werk gesetzt: Durch das Schwitzen, denn menschlicher Schweiß enthält eine UV-absorbierende Substanz, die Urocansäure; durch die Bereitstellung körpereigener Wirkstoffe ("Enzymaktivierung"), die UV-Schäden an den Hautzellen möglichst sofort reparieren; durch die Verdickung der Hornschicht der Haut ("Lichtschwielen"), die aus vielen Lagen abgestorbener Oberhautzellen besteht und - viertens - durch die alles entscheidende Farbstoffbildung in der Haut.

Produziert wird ein körniges Pigment namens Melanin. Er hat die Eigenschaft, UV-Strahlen und auch Wärme zu absorbieren. Der begehrte Farbstoff wird von Millionen streng spezialisierter Hautzellen, den »Melanozyten«, abgesondert - doch deren Leistungsfähigkeit hat Grenzen. Sie ist zudem erblich festgelegt. Wer zur weißen Rasse gehört, hat allerhöchstens ein Gramm Melanin zur Verfügung. Neger sind besser dran.

»Die Evolution«, erläutert Dr. Wolfgang Henne, Leiter der »Lichtschutzforschung« bei der Hamburger Beiersdorf AG ("Nivea Sonne«, »Zeozon"), »bewirkte einen abgestuften Schutz verschiedener Rassen, je nachdem, ob sie in sonnenreichen Zonen oder - wie wir Europäer - im etwas sonnenärmeren Norden wohnen. Es ist also keine Laune der Natur, kein reiner Zufall, daß die Afrikaner dunkelhäutig sind.«

Wie das Leben so spielt, versuchen viele dunkelhäutige Bewohner des Planeten Erde möglichst hellhäutig auszusehen. Freiwillig oder gar barhäuptig gehen sie überhaupt nicht in die Sonne. Ihre Verblüffung über die krebsroten Sonnentouristen, die ihre Leiber ungeschützt und massenhaft einem langsamen Brandopfer weihen, einer allmählichen Selbstverbrennung unter Verzicht auf Benzin und Streichholz, können sie kaum verbergen:

Mad dogs and Englishman Go out in the mid day sun.

So reimte der englische Dramatiker und Schauspieler Noel Coward und schuf damit den staunenden Indern ein geflügeltes Wort.

Wie schnell ein Sonnenschaden eintritt und welches Ausmaß er erreicht, ist abhängig von der UV-Strahlenmenge - die zur Mittagszeit, im Gebirge und an der See am größten ist. Innerhalb von drei Wochen kann sich der Eigenschutz der Haut vervierzigfachen - die Pigmentbildung nimmt auf das Zehnfache zu, die Hornschicht vervierfacht ihre Dicke. Dann ist die Sonne ein Freund. Doch die Rechnung geht selten auf. Man muß nämlich zum »Haupttyp IV« gehören, dem widerstandsfähigsten. Die anderen drei Typen sind schlechter dran:

▷ Hauttyp I, Nachfahren der Iren und Kelten, rund zwei Prozent der Mitteleuropäer, bekommt immer schnell einen schweren, schmerzhaften Sonnenbrand, zeigt gar keine Bräunungsreaktion, wird nur rot, bevor die Haut sich schält.

▷ Hauttyp II, nur eine Nuance dunkler, in Mitteleuropa mit zwölf Prozent vertreten, ist nicht viel besser dran - schon nach einer Stunde Mittagssonne ist die Haut entzündet und beginnt sich zu schälen. Die Bräunung bleibt minimal.

▷ Hauttyp III, mit 78 Prozent die große Masse, Kennzeichen: dunkle Brustwarzen und keine Sommersprossen, weist nach einstündigem Sonnenbad bereits eine leichte Pigmentierung auf, die aber nur wenige Tage anhält.

▷ Nur Hauttyp IV, die beneidete Acht-Prozent-Minorität, kenntlich an dunklen Haaren, Augen und Brustwarzen, bekommt keinen Sonnenbrand, bräunt schnell, tief und langanhaltend.

Angesichts dieser Fakten findet es Hautprofessor Carl S. Korn, im südkalifornischen Los Angeles tätig, »absolut idiotisch«, daß ein Mensch überhaupt ein Sonnenbad nimmt. »Das ist«, sagt der Dermatologe, »die törichtste Mode der ganzen Welt, die am weitesten verbreitete Form der Verrücktheit.«

So deutlich werden Korns Fachkollegen selten. Sie sind ja nicht nur emotionslose Beobachter der Zeitströmung, sondern zugleich auch deren Teilnehmer und Nutznießer. Im Zweifel raten sie zur Mäßigung, nicht zum Verzicht. In Deutschland wagt sich Hagen Tronnier, Direktor der Hautklinik in Dortmund, am weitesten vor: »Seitens der Dermatologen wäre es zu begrüßen«, meint der Professor, »wenn die ''vornehme Blässe'' anstelle der ''gesunden Bräune'' wieder in Mode käme.«

Sorgen bereiten nicht so sehr die »akuten Lichtschäden«, deren populärster der Sonnenbrand ist. Er läßt die Haut innerhalb von drei Tagen im Durchschnitt um sechs Monate altern, aber das wäre, als Einzelereignis, zu verkraften.

Mehr Kummer erleben Arzt und Patient durch die Additionseffekte, denn die Haut vergißt nichts: Sie zählt alles, was ihr im Leben angetan wird, zusammen und präsentiert Jahre oder Jahrzehnte später die Rechnung. Die meisten Sonnenanbeter kommen mit Runzeln, Falten und häßlichen Pigmentflecken davon. Bei einer stetig größer werdenden Schar entwickelt sich jedoch Hautkrebs - für immer mehr Lichtfreunde ist das der Tod.

»Chronische, jahrelange Lichtexposition«, lehrt Tronnier, »führt beim weißhäutigen Menschen zur Ausbildung der Seemanns- oder Landmannshaut.«

Diese Haut ist trocken und dünn, ihre Felder vergrößern sich sichtbar, besonders im Nacken. Erweiterte Adern, dicke Hornschichtauflagerungen, fehlende oder krankhaft verstärkte Pigmentierung und die Verminderung der Elastizität, alles Zeichen dieser Degeneration und einer rapiden Voralterung, lassen sich therapeutisch nicht beeinflussen.

Während aber die See- oder Landmänner ihre Haut nur notgedrungen malträtieren ließen, und auch das möglichst nur im Gesicht, an den Händen und Unterarmen, bieten die besonders engagierten Lichtfreunde heutzutage freiwillig den ganzen Leib der UV-Strahlung dar. Wer sich, wie die Stewardessen und Reiseleiter, die Sextouristen, Gletscherfreunde und Globetrotter, die gefährliche Aufbräunung mehrmals im Jahr leistet, bedarf über kurz oder lang der Fürsprache des heiligen Bartholomäus. Er ist der Patron aller Hautkranken, weil man ihm lebendigen Leibes das Fell über die Ohren gezogen hat.

»Mehr als 400000 Amerikaner werden in diesem Jahr irgendeine Form von Hautkrebs bekommen«, verlautbarte die »American Cancer Society« warnend am Jahresanfang. Hauptursache: »Übertriebenes Sonnenbaden«. Schlimmer noch wird

es die Australier treffen, weil bei ihnen zwei krebsfördernde Umstände häufig zusammentreffen - keltische Herkunft und kultische Sonnenanbetung.

Doch selbst in Ländern, deren Bewohner durch reichlich Melanin geschützt scheinen, fordert die Grillkultur ihren Tribut. »Hautkrebs ist bei uns jetzt die häufigste Tumorform«, erläutert Fernando de Campelo Gentil, Chirurg in Sao Paulo, die brasilianische Lage. Daran wird sich so schnell nichts ändern. Für die Armen aus den nördlichen Stadtvierteln Rios sind Sonderbuslinien zum Strand der Copacabana eingerichtet worden - die Sonne als Opium des Volkes. Um so sexy und sinnlich wie die Mulatten zu werden, gerben sich die weißhäutigen Brasilianer der Oberschicht. Nur Doktor Gentil trägt lange Hose, Hemd und Hut, sogar beim Tennis.

Mit dem Schreckenswort »Krebs« lassen sich nirgendwo auf der Welt Sonnenhungrige in den Schatten treiben. Denn erstens scheint der Krebs dem potentiellen Opfer Jahrzehnte weit entfernt, zweitens erwischt er nicht jeden und drittens ist er meistens relativ harmlos. Die beiden häufigsten Hautkrebsformen, der Basalzellentumor ("Basaliom") und der Stachelzellkrebs ("Spinaliom") machen zusammen 98 Prozent aller Hautkrebse aus - und ebenso groß ist auch die Heilungsquote.

Diesen schönen Erfolg heften sich die Krebsbekämpfer gern als ärztliches Verdienst an ihre Fahne. Dabei vergessen sie zu erwähnen, daß Basaliom und Spinaliom gut sichtbar sind (und deshalb vom Patienten selbst entdeckt werden), sehr langsam wachsen und niemals (Basaliom)

oder erst spät (Spinaliom) Tochtergeschwülste absiedeln.

Der wahre Feind heißt »malignes Melanom«, von den Medizinern ehrfürchtig »MM« genannt. Gegen diesen bösartigen »schwarzen Hautkrebs« sind die Waffen der Heilkunst ziemlich stumpf. Das Melanom, ausgehend von den pigmentbildenden Zellen der Haut, siedelt frühzeitig Tochtergeschwülste ab. In der Bundesrepublik wird seine Zunahmerate nur noch von der des Lungenkrebs übertroffen. »Schuld an MM«, sagt der Erlanger Dermatologie-Professor Otto Hornstein, »ist das unkontrollierte, exzessive Sonnenbaden.« Jedes Jahr werden schon nahezu 3000 Neuerkrankungen registriert, 1352 Bundesbürger starben 1983 am malignen Melanom.

Weil die »Sucht nach der Sonnenbräune«, ("Apotheken Praxis"), dieses viel beklagte »Risikoverhalten« (das Bundesgesundheitsamt), sich durch steigende Krebsziffern erfahrungsgemäß nicht beeinflussen lassen wird, setzen die besorgten Hautärzte ihre Hoffnungen auf die Runzeln. Die graben sich in das Gesicht jedes Sonnenfreundes als tiefe, unauslöschliche Spuren des Bräunungswahns. So alt, wie mancher jetzt schon aussieht, kann er gar nicht werden.

Das schreckt ab. Runzeln und Falten weit vor der Zeit sind wirklich das Letzte, was der Farbfan zu akzeptieren bereit wäre. Seine Hingabe an die UV-Strahlen des fernen Sterns resultiert ja gerade daraus, daß er »braun« für ein Synonym von »jung und schön« hält - und im übrigen wie die griechischen Philosophen hofft, daß sichtbare Schönheit ein Garant für die unsichtbare Integrität des Charakters sei.

Die Verrunzelung breiter Volksschichten wird durch die Produktion der »Heim-Sonnen« zusätzlich beschleunigt. Hunderttausende der Bestrahlungsgeräte sind in den letzten sechs Jahren abgesetzt worden. Auch in den kleinen Orten der Republik halten »Sonnen-Studios«, »Kosmos-Solarien« und »Bräunungszentren« die Türen bis spät abends offen, und im Flughafen München-Riem gibt es einen »Turbo-Bräuner«, der heimkehrenden Touristen noch eine letzte Chance zum Nachdunkeln gibt. Versprochen wird überall die »attraktive Südseebräune«, die einfach »freier und fröhlicher« macht. Noch ist an Kundschaft kein Mangel.

Die Sonne aus der Steckdose strahlt nur UV-A-Licht ab, das aber in massiver Dosierung. So arbeitet beispielsweise das »LMV Turbosun 1 60 02 Sofortbräunungsgerät« mit »acht Brennern von je 2000 Watt Leistung«. Das sind »Traumwerte": Der »Slogan ''braun in einer Stunde''« werde, verspricht der Hersteller, endlich wahr. Eine »ausgeklügelte Kühlung« temperiert den Lichtsarg. Dr. jur. Manfred Köhnlechner, dem gewöhnlich nur Weingeist die Wangen rötet, hat seiner Gemeinde ganz generell versprochen, daß »Solarien gesund sind und der Haut nicht schaden«.

Fachleute urteilen anders. So hat das Bundesgesundheitsamt wiederholt vor dem falschen Eindruck gewarnt, »auch bei längerem Gebrauch träten keine schädlichen Wirkungen auf«. UV-A hat nun mal die Eigenschaft, besonders tief in die Haut einzudringen - just bis dort, wo die elastischen Fasern sitzen. Viel UV-A ist vieler Fasern Tod. Die Haut wird welk und faltig. Wer die Augen auf der wohlig warmen »Sonnenbank« offen hält, muß zudem damit rechnen, daß die Linsen sich trüben, ein »Grauer Star« entsteht. Kurzum: »Es gibt so gut wie

nichts, was für künstliche Bräune spricht« (so das Fachblatt »Praxis-Kurier").

Selbst braungesottene Farbfetischisten scheinen sich den Risiko-Rechnungen auf Dauer nicht verschließen zu können - schon quält viele ein schlechtes Gewissen. Davon profitieren besonders die Hersteller der Sonnenschutzcremes. Sie salben Haut und Gewissen der Kundschaft in einem Arbeitsgang. Versprochen wird das Unmögliche: Hautschutz plus Bräunung.

So will »Classic Braun« von »Piz Buin« für »schnell tiefbraun« sorgen, zugleich jedoch dank »Tiefenschutz« die »Schönheit junger Haut bewahren«. Das gleiche Kunststück kündigt »Ambre Solaire« von L''Oreal an. Sein »Dreifach-Schutz« filtert UV-A und UV-B, schützt also vor allem, was bräunt, bewirkt aber, o Wunder der Werbung, außerdem eine »tiefe, anhaltende Bräune«.

Ohne diese doppelte Verheißung sind Sonnenschutzpräparate kaum verkäuflich. König Kunde wünscht es sich so, er will weitermachen und zugleich freigesprochen werden, für fünf bis fünfzig Mark, je nach Firma, welche ihm die Absolution erteilt.

Dabei funktionieren alle »Licht-» oder »Sonnenschutzmittel« nach dem gleichen Prinzip: Sie enthalten Chemikalien unterschiedlichster Art, die »Filtersubstanzen« genannt werden und UV-Strahlung absorbieren. Die Kunst besteht darin, gerade noch soviel UV-A oder UV-B oder beides an die Haut zu lassen, daß sich ihre Farbe schön langsam ändert, möglichst ohne entzündlichen Sonnenbrand.

Wegen der »unterschiedlichen Verbraucherbedürfnisse« gibt es die Sonnenschutzmittel in Form von Milch, Creme, Öl, Lotion, Spray, Schaum und Stift, weil''s sein muß, auch wasserfest, schweißeständig oder kälteschützend. Am Strand bei St. Tropez tauchten in diesem Sommer erstmals Sprühtrupps auf, die das Sonnenöl im Schnellverfahren aus Rückenkanistern auf die Körper von Männern und Frauen pumpten. »Sonne«, trommelt die Kosmetikfirma Marbert (eine 100prozentige Hoechst-Tochter), ist ein heißes Geschäft, »ein Markt von 220 Millionen. Man geht nicht mehr ohne!« Gemeint ist: Sonnencreme.

Vor allem Frauen wählen den Lichtschutzfaktor ("LF") immer höher. Er gibt an, um wievielmal länger eine präparatgeschützte Haut der Sonne ausgesetzt werden darf als die ungeschützte. Bei LF 3 nur dreimal, bei LF 24, dem Maximum, solange das Gestirn hoch am Himmel steht. Der deutsche Durchschnitt hat 1985 bereits LF 7 erreicht.

Frauen sind eben »sun-smart«, wie die Amerikaner das nennen, oder, allgemeiner ausgedrückt, eher geneigt, sich mit der Lebenslüge Kosmetik zu arrangieren. Sie verheißt, daß die folgsame Käuferin von den sichtbaren Zeichen des Alters verschont bleibt. Daraus wird erfahrungsgemäß nichts, doch läßt sich von Aphrodites Illusionen als Kosmetikfritze wunderbar leben.

Frauen über 30, hat Sonnenforscher Greiter herausgefunden, »legen aus kosmetischen Gründen mehr Wert auf Bräune, sind sich jedoch der gesundheitlichen Gefahren bewußter als Männer und dementsprechend vorsichtig«. Das scheint besonders für die meinungsbildenden Damen der höheren Sozialschichten in allen westlichen Ländern zu gelten. Sie sagen dem tiefen Bronzebraun leise Adieu. Seit diesem Sommer gilt es als »vulgär«.

Auf Sylt lassen sich die verheirateten Gäste, sagt ein Strandwärter, »nur noch luftbraun« kolorieren. Bei den »ledigen Appetithappen« darf es ein bißchen mehr sein.

Jeder Trendwandel, wenn er denn einer ist, braucht Zeit. Er bereitet sich gewöhnlich von oben nach unten und von den Modezentren in die Provinz aus. Wenn sich diese Regel beim Bräunungskult nochmal bewahrheitet, sind seine ganz großen Zeiten vorbei.

Die Pariser Damen, ob Mannequin oder reiche Witwe, ordern derzeit cremefarbene Sonnenschirme. Große Hüte sind der letzte Chic. Für Männer ist jene leichte Bräune en vogue, die beim Joggen abfällt. Nur die Herren der Kosmetik- und Werbebranche lassen sich ganzjährig anschwärzen, im Winter im Senegal, im Sommer an der Cote d''Azur.

Lassie Ford, Chefin einer berühmten New Yorker Modell-Agentur, hat ihren Mannequins strikt verboten, sich bräunen zu lassen. Hut und Sonnenbrille gehören neuerdings zum Outfit. In Kalifornien halten sich sogar die sonnenhungrigen Studenten zurück. »All year sun tan«, ganzjähriges Gerben, ist out.

Selbst die Italiener, denen der weiße oder champagnerfarbene Leinenanzug noch besser steht, wenn er mit einem braunen Gesicht kontrastiert, scheinen sich vorsichtig von »il sole mio« zu distanzieren. Für Griechen und Spanier war die Sonnenanbetung ohnehin nur eine Importware. Dort gilt weiß als sexy.

Spaniens erfolgreichste Rocksängerin nennt sich »Alaska«. Sie ist kreidebleich geschminkt und sagt: »Ich hasse die Sonne.«

nm: Abkürzung für Nanometer; ein Nanometer = einMillionstelmillimeter.

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