leben DIPLOM MIT »DANCING QUEEN«
Kahle Wände, grauer Filzteppich, dunkelrote Weichplastikstühle, die sorgfältig gestapelt neben der Eingangstür stehen, und in der Mitte des Studios ein schwarzer Flügel - mehr ist da nicht. Glamour? Keine Spur. Im Übungsraum Nummer 108 der Hamburger Sängerakademie gibt es nichts, was Inga Resch, 28, vom Einsingen ablenken könnte. »Bao-bao-bao. Dim-dim-dim«.
Nicht einmal von außen lässt sich erahnen, dass Ingas Ausbildungsstätte einen staatlich anerkannten Studiengang »Popularmusik Gesang« anbietet: Der gelbe Flachbau der Akademie kauert an einer vierspurigen Straße zwischen Tankstelle und Billig-Supermarkt im tristen Stadtteil Hamm.
Inga zuckt mit den Schultern und sagt: »Das Einzige, was zählt, ist die Qualität der Ausbildung.« Und die gilt, knapp zwei Jahre nach Einführung des Studiengangs im Herbst 1999, als richtig gut. In sechs Semestern wollen Inga und ihre Kommilitonen zu Profimusikern reifen; auch auf eine Arbeit als Musikpädagoge, Komponist oder Texter soll das Studium vorbereiten.
Da stört es auch Ingas Ensemble-Kollegen Niels Koch, 22, Arend Witte, 35, und Eva Böhlken, 21, nicht, dass die glitzernde Welt des Showbusiness Lichtjahre entfernt ist. Sie scharen sich um den Flügel und lassen die Stimmbänder flattern. »Einsingen macht keinen Spaß, muss aber sein«, erklärt Inga. »Dim-dim-dim. Baobao-bao«.
Dann legen die vier ihre Notenblätter auf den Flügel und intonieren »Dancing Queen« von Abba. Das Lied wollen sie auf einem so genannten Studioabend vortragen, den die Akademie regelmäßig für die Öffentlichkeit organisiert.
Für eher unmusikalische Ohren mag das Quartett sofort passabel klingen, doch der Dozent ist Besseres gewohnt. Alexander Hopff, 36, runzelt hinter seinem Flügel die Stirn und seufzt: »Das war ja ziemlich schlapp - bitte gleich noch mal.« Beim zweiten Anlauf legen sich alle ins Zeug. Ein bisschen zu sehr, meint jetzt ihr Lehrer. »Finde ich sehr geil, wie ihr die Achtel so sechzehntelmäßig frisiert«, sagt er grinsend. »Also bitte noch mal richtig, ja?«
Zweimal, dreimal, viermal schmettern die Popstudenten den Erfolgssong, schicken die »Dancing Queen« ins Tanzvergnügen. Jedes Mal hagelt es neue Anweisungen: »Nicht so poltern«, verlangt Hopff. Oder: »Am Schluss bitte mehr Power.«
Inga amüsiert sich trotzdem. Mittlerweile mag die blonde Hamburgerin mit dem bunten Ringelshirt den Ensembleunterricht sogar lieber als Fächer wie Musikgeschichte oder Harmonielehre. »Am Anfang«, erinnert sie sich, »habe ich immer gedacht, wie wohl die anderen meinen Gesang finden«. Mittlerweile sei ihr »fast nichts mehr« peinlich, die Kommilitonen wurden zu Freunden: »Dass man hier Leute mit ähnlichen Interessen und Talenten trifft, ist ein echter Vorteil des Studiums.«
Privatstunden können solche Kontakte kaum vermitteln und wären auch viel teurer. Die Ausbildung an der privaten Sängerakademie kostet zwar 650 Mark im Monat, aber immerhin dürfen die Studenten Bafög beantragen.
Inga ist bereits ausgebildete Diplom-Bibliothekarin. »Das war todlangweilig«, stöhnt sie im Rückblick. Selbst während ihres Praxissemesters in einer Bücherhalle in Simbabwe träumte Inga nur von einem: später mit der Musik Geld zu verdienen. Dennoch glaubt sie, dass die Entscheidung, sich erst einmal durch eine Berufsausbildung zu quälen, richtig war: »Damit ist der finanzielle Druck nicht so groß, unbedingt in der Musikbranche erfolgreich zu sein.«
Auch während des Studiums an der Sängerakademie profitiert Inga von ihren Kenntnissen - 20 Stunden in der Woche arbeitet sie in einer Buchhandlung. Mit der Ausbildung lässt sich das problemlos vereinbaren, denn die Akademie-Leitung nimmt auf die finanziellen Nöte der Studenten Rücksicht. Der Unterricht sei »ganz bewusst« in den Nachmittag und den Abend gelegt worden, sagt Direktor Klaus Peter Samson, »damit die Studierenden nebenbei jobben können«.
Manchmal müssen die Studenten auch am Wochenende erscheinen, dann finden Workshops zu Bühnenpräsentation oder Medienpraxis statt. In ihrer knappen Freizeit üben die angehenden Popmusiker zusätzlich Gesang und Klavierspiel, auch Komponieren und Texten zählen zu den Hausaufgaben.
Für anderes bleibt wenig Raum. Zum Beispiel, über die Karriere zu grübeln und Träumen nachzuhängen. Britney Spears vom Pop-Thron stoßen? Inga wählt ihre Worte mit Bedacht: »Ich würde später gern Chansons singen oder unterrichten. Jeder muss halt sehen, wo er bleibt, und sich als Musiker seine Nische suchen.«
Und die Hoffnung auf Ruhm? »Ich glaube, Ruhm ist nicht nur schön, sondern auch sehr anstrengend«, erklärt die Studentin. Sie wolle »gar nicht unbedingt berühmt werden, Hauptsache singen«. An der Akademie gehe auch niemand davon aus, dass nach dem erfolgreichen Bestehen der »Gesangsreifeprüfung« schon die Talentsucher der Musikindustrie Schlange stehen.
Viele Plattenbosse kennen den neuen Studiengang nicht einmal. Stefan Schmidt-Grell von der BMG Ariola Hamburg staunt: »Ein Pop-Studiengang? Das ist noch nicht zu uns vorgedrungen, aber es klingt interessant.« Schließlich zeigten Musiker oft Defizite, die ein Studium vielleicht beheben helfe: »Schauspielunterricht für die Videoclips, Interview-Training, Styling-Tipps - das mussten wir unseren Musikern bislang alles selbst beibringen«, erzählt Schmidt-Grell.
Doch das gewisse Etwas könne ein Studium wohl kaum hervorzaubern: »Eine gute Stimme, Talent, Leidenschaft, Charisma und eine Vita, die Menschen interessiert, müssen künftige Stars einfach mitbringen«, findet der Musikmanager.
Der Markt ist umkämpft, darum legt auch die Sängerakademie bei der Auswahl strenge Maßstäbe an. Nur neun Eleven studieren zurzeit - drei sind wie Inga im vierten Semester, fünf im zweiten. »Wir hätten mehr Leute akzeptiert, aber ohne Vorkenntnisse und Talent geht es nicht«, erklärt Direktor Samson. »Nur gut aussehen und mit der Hüfte wackeln reicht nicht«, ergänzt Dozent Hopff.
Samson zufolge spielt die Optik bei der Auswahl »überhaupt keine Rolle«. Auch eine Altersgrenze gibt es nicht; einziges formales Kriterium ist der Realschulabschluss.
Die Kandidaten, beim letzten Mal waren es 25, müssen einen Titel a cappella vortragen, einen zweiten Song begleitet von Klavier oder Gitarre und mit Mikrofon, den dritten ohne Mikrofon, aber mit Begleitung. Dazu kommen mündliche und schriftliche Tests in Musiktheorie und Gehörbildung sowie eine Klavierprüfung. Wer nicht mehr auf die Tasten zaubern kann als den Flohwalzer darf auch zur Gitarre greifen. Aber, so Samson, »eines von beiden Instrumenten muss man schon beherrschen«.
Das Klavier war für Inga kein Problem, auch Gesangsstunden hatte sie schon einige Jahre genossen. Doch beim Theorieteil erwischte es sie: durchgefallen. Intervalle erkennen? »Ich wusste gerade mal, dass ein Intervall den Abstand zwischen zwei Tönen bezeichnet«, erklärt Inga. Ihre Kommilitonen waren besser dran, manche hatten in der Schule den Musik-Leistungskurs belegt oder schon ein spezielles Angebot der Sängerakademie wahrgenommen: Die »Grundausbildung zum Popsänger« bereitet in bis zu zwei Jahren auf die Aufnahmeprüfung vor.
Inga dagegen studierte nach dem Bibliothekars-Diplom ein paar Semester Afrikanistik und wollte nebenbei »ganz in Ruhe« für den Zulassungstest zu einem Klassikstudiengang üben. Dann sah sie eine Anzeige der Sängerakademie und bewarb sich spontan für Pop. Obwohl sie an den Intervallen scheiterte, wurde sie aufgenommen - unter der Bedingung, dass sie ein Jahr später die Theorieprüfung wiederholen und bestehen würde.
Inga büffelte, unterstützt von ihren Mitstudenten, und wurde belohnt: Im zweiten Anlauf ging alles glatt. Allerdings steht bald wieder ein großer Test an, die Zwischenprüfung. Doch daran mag Inga nach dem zehnten Mal »Dancing Queen« genauso wenig denken wie ihre erschöpften Ensemble-Kollegen. Auch der Dozent hat anderes im Sinn: »Hey«, ruft Hopff und hüpft vom Hocker, »ich weiß, wo gleich eine Party steigt«. Auffordernd blickt er in die Runde: »Wer kommt mit?« FENJA MENS