studieren LESEN IN DER NISCHE
Sie ist der wichtigste Ort der Universität, fand schon Wilhelm von Humboldt, der Ort, dem diese alles verdankt und dem man unter allen wissenschaftlichen Hilfsanstalten die meiste Aufmerksamkeit schenken muss. Die Rede war von der Bibliothek, und das kann Rainer Herzog, studierter Geograf und Mathematiker, nur bestätigen.
Herzog, 2. Stellvertretender Leiter der Universitäts- und Landesbibliothek im thüringischen Jena, ist seit 30 Jahren Bibliothekar. Doch von der Zeit vor fast 200 Jahren, als Johann Wolfgang von Goethe Minister am Hof von Weimar war und der Jenaer Bibliothek angesichts ihres tristen Zustands eine radikale Umstrukturierung verordnete, spricht Herzog ein bisschen so, als hätte er auch das schon miterlebt.
Mitte Dezember vergangenen Jahres gab es für Herzog einen historischen Moment: Der Neubau in der Jenaer Stadtmitte wurde feierlich eingeweiht. Die traditionsreiche Bibliothek ist in der Gegenwart angekommen, nun besitzt Jena das neueste Gebäude der rund 70 Universitätsbibliotheken (UB) in Deutschland. Dazu kommen bundesweit noch Tausende kleinerer Fachbereichs- und Institutsbestände, die je nach System unabhängig von der UB oder unter deren Leitung geführt werden.
Vor allem die Universitäten in den neuen Bundesländern konnten sich nach dem Ende der DDR schmucke Neubauten leisten. In Erfurt wurde sogar die ganze Uni neu gegründet, in anderen Fällen gab es großzügige Bundesmittel für den Hochschulbau.
Inzwischen sind die rosigen Zeiten für alle Bibliotheken vorbei. Angesichts allgemeiner Finanznöte werden die Mittel für Neuanschaffungen zusammengestrichen. Besonders die Fachzeitschriften, von denen viele Bibliotheken mehr als 10 000 im laufenden Bestand haben, können teilweise nicht mehr gehalten werden.
Keine Orientierungswoche für Erstsemester vergeht ohne UB-Besichtigung, und die angehenden Wissenschaftler sind gut beraten, sich beizeiten mit ihrer Bibliothek vertraut zu machen. Nicht wenige werden sehr viel Zeit dort verbringen.
So wie Katia Mai, 28, Studentin der Kunstgeschichte, die gerade in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen eine Hausarbeit über das Lübecker Rathaus schreibt. »Ich arbeite oft mit alten Handschriften, die ich nur hier lesen kann«, erklärt sie, »mit den ganz wertvollen Sachen muss ich in einen speziellen Leseraum - klimatisiert und kameraüberwacht.«
Oder wie Judith Szepesi, 25, die an einem Leseplatz an der Fensterfront sitzt und Urologie büffelt: Im März steht das zweite medizinische Staatsexamen an. Bis dahin verbringt sie jeden Tag acht Stunden in der Bibliothek, denn: »Hier gibt es keinen Fernseher und kein Telefon, ich muss also wirklich lernen.« Immerhin gibt es den gläsernen Kaffeeturm, und den steuert Judith ein paar Mal am Tag an. Schließlich ist eine UB, wie es der Jenaer Bibliothekar Herzog definiert, auch eine »Stätte der Begegnung«.
Die Göttinger UB kann mit einem imposanten Neubau aufwarten; 1993 wurde das Gebäude eingeweiht, und wie in Jena, Erfurt und bei anderen Bibliotheksbauten der letzten zehn Jahre sind die Architekten dem Glasrausch verfallen. Durch riesige Fenster fällt das Tageslicht in die Lesesäle, es gibt eine gläserne Decke, so dass es im Sommer schon mal sehr heiß wird.
Trotzdem arbeitet es sich besser bei Tageslicht. »Bis zur Zwischenprüfung habe ich in Kiel studiert«, erzählt Katia Mai, »da gab es keine Fenster, und nach einer Stunde bei dem Licht mag man echt nicht mehr.« Als die Kunsthistorikerin vor ein paar Jahren den Studienort wechselte, war die moderne Bibliothek einer der Gründe für Göttingen.
Bibliothekshistorisch hat Mai sich für einen der deutschlandweit bedeutendsten Standorte entschieden. Die Bibliothek der 1737 eröffneten Universität Göttingen gilt als die erste moderne wissenschaftliche Büchersammlung.
Göttinger Bibliothekare stellten bereits 1755 einen systematischen Katalog bereit, aus dem auch der Standort der Bücher im Regal hervorging - eine hilfreiche Erfindung, musste man sich doch bis dahin beim Auffinden eines Werks vorrangig auf das Gedächtnis des Bibliothekars verlassen. Stürzte der von der Bibliotheksleiter in den Tod, wie 1834 der Wolfenbütteler Bibliothekar Friedrich Adolf Ebert, konnte die Büchersammlung schon recht unübersichtlich werden.
Die lange Geschichte der Göttinger UB lässt sich im alten Forschungslesesaal erahnen, der, komplett saniert, im vergangenen Jahr wieder eröffnet wurde. Hier warten in dunklen Holzregalen 125 000 Bände aus den Jahren 1601 bis 1900 auf Leser, alle Titel sind den Benutzern in Freihandaufstellung zugänglich.
Zwischen den Regalen stehen Bücherwagen, mehr als 100 Jahre alt und noch mit Lederwänden. Einzig die Computer erinnern an die Gegenwart. »Hier arbeite ich eigentlich noch lieber als im Neubau«, sagt Katia Mai, »die Stimmung passt zu dem alten Kram, mit dem ich mich beschäftige.«
Zwar haben schon Anfang der achtziger Jahre, als der Vormarsch der elektronischen Datenverarbeitung unaufhaltsam schien, einige Kulturpessimisten das Ende des Buchs und damit auch das Ende der Bibliotheken vorausgesagt. Entgegen dieser Prophezeiung haben die elektronischen Medien Bücher und Zeitschriften aber nicht verdrängen können: In den Bibliotheken erleichtern sie sogar den Zugang zum Buch.
Heute gibt es den OPAC ("Online Public Access Catalogue") und eine unüberschaubare Zahl anderer elektronischer Kataloge, Uni-interne oder Verbundkataloge sowie elektronische Zeitschriftenverzeichnisse, die alle nach dem Prinzip einer Suchmaschine funktionieren und in die sich der vernetzte Student schon von zu Hause aus einwählen kann.
Wer an einem längeren Projekt arbeitet, kann sich in vielen Bibliotheken seinen privaten kleinen Wissenskosmos einrichten. In einem der so genannten »Carrels« sitzt der Student mitten in der Bibliothek und doch abseits der Benutzerströme im eigenen Zimmerchen mit Schreibtisch, Regal und - in den neueren Bauten - Computeranschluss. Hier können die Jung-Akademiker, zumeist Examenskandidaten, Gaststudenten oder höhere Semester, Bücher aus dem Magazin lagern, die sie häufig brauchen, die aber nicht entliehen werden können.
Die Idee stammt aus den amerikanischen Uni-Bibliotheken - »carrel« bedeutet so viel wie Arbeitsnische. In der UB der Universität Hamburg wäre »Arbeitszelle« allerdings treffender, denn wer sich dort freiwillig mit seinen Papieren in eins der winzigen Fünfecke einschließt, muss schon ein sehr trostloses Zuhause haben. In Hamburgs 1982 fertig gestellter Bibliothek stehen die Carrels mitten im Lesesaal, und die Seitenwände sind so niedrig, dass die vorübergehenden Studenten ihren Kommilitonen auf den Kopf schauen können.
Herrlicher Luxus erwartet den eifrigen Bibliotheksnutzer dagegen in den Neubauten. In Göttingen etwa gibt es in einem eigenen Flur lichte Zimmerchen mit Glastür, Fenster und peppig-asymmetrischem Zuschnitt. Manche Studenten haben in ihrem Carrel Poster und Fotos aufgehängt, andere den ergonomischen Schreibtischstuhl von zu Hause mitgebracht. In einigen Räumen liegen Kleidungsstücke herum. Das unbestrittene Pracht-Carrel in der Jenaer Bibliothek hat die Raumnummer 440. Aus dem an zwei Seiten verglasten Eckzimmer bietet sich eine hübsche Sicht auf Planetarium, Botanischen Garten und Landgrafenberg.
Wenn der Abgabetermin für die Hausarbeit allzu bedrohlich naht, können manche Studenten auch mal eine Nachtschicht einlegen. Die Konstanzer UB ist Deutschlands erste große 24-Stunden-Bibliothek. Von Montagmorgen bis Freitag um elf Uhr abends ist durchgehender Betrieb, nur am Wochenende schließt die Bibliothek nachts ihre Tore. Vom Pförtnerbüro aus darf sogar der Pizzabote bestellt werden.
Die allseits umsorgten Bibliothekskunden merken oft gar nicht, wie auch noch in den Kellerräumen für sie gearbeitet wird. Dort mühen sich Restauratoren um den Erhalt wertvoller Bücher und Papiere.
Denn in vielen Werken wütet der Tintenfraß, ein zerstörerischer Prozess, bei dem die in der alten Eisengallustinte enthaltene Schwefelsäure das Papier verätzt - oft kommt auch noch Schimmelpilzbefall dazu. Viele der alten Zeitungen, einst auf billigstem Papier gedruckt, zerbröseln dem Benutzer in den Händen.
Ein Jenaer Restaurator hat in den vergangenen drei Jahrzehnten eine Methode entwickelt, mit der solcherart angegriffenes Schriftwerk gerettet werden kann. Im Keller der neuen UB bekam die Abteilung Papierkonservierung jetzt ein modernes Labor.
Dort wird das Papier gespalten: Um die einzelnen Seiten schließt sich eine Gelatine-Hülle, die dann auseinandergezogen wird. Das angegriffene Blatt spaltet sich in Vorder- und Rückseite, und zwischen die beiden Bögen kann dann neues, gutes Papier eingeklebt werden.
Für den Verfall modernerer Werke sind oft die Studenten selbst verantwortlich. Buchklau, Seitenraub, mutwillige Zerstörung, Verstellen der Bücher, damit sie die Kommilitonen, die am selben Thema arbeiten, nicht wiederfinden - Bibliothekar Herzog hat alles schon erlebt. Und dabei gelernt: Die größte kriminelle Energie im Umgang mit Bibliothekseigentum entwickeln Juristen und Theologen - »wahrscheinlich, weil die besonders viel mit Literatur umgehen müssen«.