surfen DIGITALE HOCHSTAPELEI
Wenn sich abends die Büros leeren, bleibt Gerti Mager noch am Computer sitzen. Denn jetzt beginnt ihr Studium.
Tagsüber arbeitet die diplomierte Sprachwissenschaftlerin als Abteilungsleiterin bei der Berliner Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung. Am Abend aber wechselt Mager die Rolle. Dann wird sie zur Studentin der Sozialen Verhaltenswissenschaft, die für ihren Semesterschein pauken muss. Thema des Seminars: Entwicklung von Fragebögen. Ort des Seminars: Die unendlichen Weiten des Cyberspace.
Eigentlich absolviert die Marktforscherin ein klassisches Fernstudium per Post an der Fernuniversität Hagen. Für ihr Fragebogen-Seminar ist sie aber auf den virtuellen Campus gewechselt, den die Hagener 1999 eingerichtet haben. Schon in der Ankündigung des Kurses stand, dass ein virtuelles Seminar besonders zeitintensiv ist. »Sie sollten täglich Ihre Mail abrufen können«, hieß es da, »und am besten alle zwei Tage die News lesen und jeweils zügig antworten.« Dazu kamen kleine Tests, die Arbeit in der Referatsgruppe und die umfangreiche Abschlussarbeit.
»Von Einsamkeit am Computer kann gar keine Rede sein. Stattdessen gab es eine unglaubliche Dynamik, weil wir verpflichtet waren, immer wieder online zu gehen«, berichtet Mager. In den Gruppen wurde ständig unter der Leitung der Dozenten diskutiert. »Und durch das permanente Chatten und Mailen mit den Leuten aus der Referatsgruppe ist eine ganz dichte Arbeitsatmosphäre entstanden.«
Motivationsprobleme habe es so erst gar nicht gegeben. Doch Mager weiß, dass das allein nicht ausreicht: »Bei so einem Studium muss man vor allem äußerst diszipliniert sein. Man muss genau wissen, was man will. Und man muss es konsequent durchziehen.«
Wenn Rolf Schulmeister solche Erfolgsgeschichten hört, zuckt er nur mit den Achseln. Als Professor am Interdisziplinären Zentrum für Hochschuldidaktik der Universität Hamburg hat er sich seit der Einführung des World Wide Web mit den Möglichkeiten des Online-Studiums beschäftigt. Vor einem Jahr ist seine detaillierte Studie über virtuelle Universitäten erschienen, die jeder lesen sollte, der ein Studium im Cyberspace beginnen will. Die meisten Bildungsexperten sind eher skeptisch, wenn es um das Studieren im Netz geht.
Dass eine ehrgeizige Studentin wie Gerti Mager gut mit einem virtuellen Seminar zurechtkommt, wundert Schulmeister nicht: »Wenn man schon ein Studium abgeschlossen hat und weiß, wie man lernen muss, dann kann das Online-Studium durchaus erfolgreich sein.« Schwierig wird es dagegen für die Erstsemester, die noch nie eine Uni betreten haben. »Die haben Orientierungsschwierigkeiten und Lernprobleme«, konstatiert Schulmeister, »die Quote derer, die ein solches Studium abbrechen, ist deshalb äußerst hoch.«
Auch für erfahrene Studenten lauern Gefahren in der virtuellen Bildungswelt. Der Online-Campus der Fernuniversität Hagen zählt für Schulmeister noch zu den seriösen Anbietern auf einem Markt, auf dem die digitale Hochstapelei zur Normalität gehört. Immer neue Institutionen öffnen mit immer schrilleren Parolen ihre virtuellen Portale, um zahlende Studenten zu gewinnen. Aber oft verschwinden die Anbieter schnell wieder vom Bildschirm, weil sie ihr Konzept nicht finanzieren können. »Oder sie schrauben ihre Ausbildungsqualität auf ein indiskutables Niveau zurück«, weiß Schulmeister.
Für die privaten Anbieter gibt es keine Kontrollinstanz. Nur in den seltensten Fällen, warnt Schulmeister, können die Studenten vorher prüfen, wie der Unterricht abläuft und welche Qualität die Unterrichtsmaterialien haben. Die meisten Netzseiten der virtuellen Universitäten sind passwortgeschützt. Wer nicht zahlt, darf auch nicht rein. Für viele platzt deshalb der Traum von der Cyber-Ausbildung, sobald der Studienalltag beginnt.
Trotzdem ist die Nachfrage nach virtuellen Studiengängen in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren enorm gestiegen. Interesse zeigen längst nicht mehr nur jene, die ein Fernstudium absolvieren müssen, weil sie Kinder haben oder auf dem Land wohnen. Jetzt drängen Fortbildungswillige wie Gerti Mager ins Netz, die bereits im Job stehen und sich Schlüsselqualifikationen für ihren Beruf versprechen.
Auf den Seiten von studieren-im-netz.de, auf denen die deutschen Uni-Angebote versammelt sind, werden monatlich rund 20 000 Zugriffe gezählt. Der verantwortliche Redakteur Folker Schrödel: »In den meisten E-Mails wird nicht nach einzelnen Kursen gefragt, sondern nach kompletten Online-Studiengängen.« Meist werden jedoch nur spezielle Themen oder Ergänzungsstudiengänge angeboten. Wer allerdings Medieninformatik studieren will, findet ein breites Angebot an der Virtuellen Fachhochschule, die von der FH Lübeck initiiert wurde und an der sich im vergangenen Wintersemester mehr als 150 Studenten immatrikulierten.
Doch auch in Lübeck ist die Euphorie gedämpft. Bislang weiß niemand genau, was der Abschluss einer Netz-Uni später in der wirklichen Welt wert ist. Wer sich heute einschreibt, nimmt teil an einem großen Experiment, das durchaus schief gehen kann.
Was manche abschreckt, ist für andere eine Herausforderung. So zum Beispiel für Rolf Bäcker, dem es bei seinem virtuellen Studium gar nicht so sehr um den hochkarätigen Abschluss geht.
Daheim in Kerpen sitzt er an seiner Promotion über spanische Musik der Renaissance. Für die Arbeit braucht er den unmittelbaren Kontakt zur iberischen Kultur. Als ihm eine Dozentin von der virtuellen Universitat Oberta de Catalunya (UOC) erzählte, an der man Katalanische Kunstgeschichte studieren kann, meldete er sich sofort an. Seither promoviert er in Köln und Kerpen - und studiert in Barcelona mit Kommilitonen, die über die ganze Welt verstreut sind. An der UOC sind mehr als 20 000 Studenten eingeschrieben, die von mehr als 1000 Dozenten und Tutoren umsorgt werden.
Drei schriftliche Arbeiten musste Bäcker einreichen - parallel zum üblichen Seminarbetrieb im Netz. Die Mühe hat sich gelohnt. Nicht nur weil heute auf seinem Schein die Bestnote steht. »Ich wollte ja auch prüfen, ob mein Katalanisch überhaupt ausreicht«, sagt er stolz. »Und ich wollte ausprobieren, wie ein virtuelles Studium funktioniert.«
STUDIUM IM NETZLinks:www.oncampus.eswww.uoc.dewww.studieren-im-netz.dewww.fernuni-hagen.deBuchtipp:Rolf Schulmeister: »Virtuelle Universität - Virtuelles Lernen«,Oldenbourg Verlag, München 2001; 480 Seiten; 59,80 Euro.