DIE FRANZ-JOSEFS-LEGENDE - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 56

JENS DANIEL: DIE FRANZ-JOSEFS-LEGENDE

• aus DER SPIEGEL 18/1957
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

»Ich bin der Ansicht, daß es ganz besonders darauf ankommt, etwaige kleinere Konflikte zu lokalisieren Und dafür brauchen wir Divisionen mit konventionellen Waffen. Ihre Zahl muß ausreichend sein, um verhindern zu können, daß ein kleiner Brandherd gleich einen Raketenkrieg von Kontinent zu Kontinent auslöst«

Dr. Adenauer am 21 August 1956 im »Bulletin«.

»Lokale Konflikte, örtliche Grenzkonflikte haben gar keine Bedeutung Bedeutung haben lediglich die großen Gegensätze, und zwar für die gesamte Welt«

Dr. Adenauer am 25 April 1957

Die Antwort aus Moskau hat nicht lange auf sich warten lassen. Marschall Schukow hat erklärt wenn die europäischen Verbündeten Amerikas Atomwaffen erhielten, würden auch die Verbündeten des Warschauer Paktes mit Atomwaffen ausgerüstet. Nicht gerade die Polen, aber Tschechen und Ostdeutsche könnten sich dann damit dicketun, handgreifliche Beweise für das atomare Vertrauen einer Weltmacht in den Depots lagern zu haben. Sicher würden die sowjetischen Lieferanten den Zünder noch eine Weile unter Verschluß halten - wie ihre amerikanischen Kollegen im Westen auch. Aber wie lange, und das Routinestreben nach Gleichberechtigung würde diese Sicherung auf westlicher Seite durchgeschmort haben, worauf die Ulbrichts dann wieder nach Gleichberechtigung mit der Bundesrepublik rufen würden. Im explosivsten Spannungszentrum der Erde werden dann zwei deutsche Staaten über Kernwaffen verfügen, und wieder hätte die Bundesrepublik, konsequent an der Spitze des Rückschritts den ersten Zug getan.

Wie die Wasserstoffbombe nicht zur Explosion gebracht werden kann ohne die Initialzündung einer ordinären Atombombe, so wird der dritte, der letzte Weltkrieg sich nicht mühelos entzünden lassen. Da beide Weltmächte ihn nicht wollen können, bedarf es einer Initialzündung, die durchschlagend genug ist, um Rußland und Amerika automatisch und unentrinnbar in die Kettenreaktion zu verstricken. Solch ein Konflikt ist in dem bislang gefürchteten Gefahrenherd Ost-Asien unmöglich, solange beide Korea, die beiden Indochina und weder Tschu noch Tschiang Kernwaffen haben.

In Europa dagegen wird die Initialzündung für den Superkrieg aufbereitet, wenn zwei gegnerische deutsche Armeen im Besitz taktischer Atomwaffen sind Es wird gar nicht so leicht sein, den Erdball mittels Wasserstoffbomben unbewohnbar zu machen - aber wenn die perfektionistischen und liebedienerischen Deutschen Atomwaffen haben, ist das Gröbste geschafft. In der DDR sind sie stalinistischer als Stalin, in der Bundesrepublik Nato-besessener als die USA - da braucht es nur einmal Unruhen im Lande Ulbrichts zu geben, und der Knall ist da.

Freilich pflanzt sich diese simple Erkenntnis fort wie eine Tam-Tam-Nachricht im Urwald von Lambarene. Wir werden es nun wohl doch nicht erleben. daß die Bundesrepublik »Teile einer europäischen Atombombe« baut, daß ihre Wissenschaftler »Reißbrettarbeiten« leisten, ja, es ist zweifelhaft, ob wir taktische Atomwaffen bekommen. Das selbstbewußte Getön, das wir wieder einmal viel zu früh angestimmt haben, hat zu viele Leute in den Vereinigten Staaten und in Deutschland selbst hellhörig gemacht. Dank der Aufklärungsaktion der »Atom-Protestanten« wissen wir, was es mit den taktischen Kernwaffen auf sich hat: Diese Straußen-Eier haben Hiroshima-Brisanz.

Der Bundesverteidigungsminister liebt es, die verfolgte Unschuld zu mimen. Früher habe man die Regierung angegriffen, weil sie eine veraltete Fußvolk-Armee aufstelle. Jetzt prügele man ihn, weil die Armee modern und mit Atomwaffen bestückt sein solle. Der vorgebliche Widerspruch klärt sich schnell, wenn man den Verwendungszweck der Truppe ins Auge faßt. Die Fußvolk-Armee sollte dem russischen Koloß zu Lande Widerpart halten

eine unmögliche Aufgabe für das teilweise von den Russen besetzte Deutschland. Die neue Atom-Armee soll den Seemächten der Nato den faktischen, nicht den politischen Rückzug vom Kontinent ermöglichen - angesichts unserer Pulverfaß-Situation kein erstrebenswertes Ziel. Franz-Josef Strauß hat gegen die Versuche gewütet, »jede wirksame Verteidigung zu bremsen«. Der Minister möge ohne sein übliches Wortgeprassel zwei Fragen beantworten:

- Ist eine wirksame Verteidigung-Deutschlands möglich, wenn wir taktische Atomwaffen haben?

- Sind die taktischen Atomwaffen, die er uns zugedacht hat, entscheidend, um die Sowjets abzuschrecken?

Nur wenn der Minister eine von diesen beiden Fragen schlicht mit ja beantworten könnte, wäre eine Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen zu verantworten. Er ist aber zu gescheit, um der Wahrheit derart hohnvoll ins Gesicht zu lachen.

Obwohl die Pariser Verträge rechtswirksam in Kraft sind, muß die Regierung sich aufgrund ihres leichtsinnigen Vorpreschens einmal mehr ins Gedächtnis zurückrufen lassen, daß die Rolle der Bundesrepublik in der Nato aus egoistischen, nicht aus gemeinnützigen Interessen der anderen Nato-Partner zu hoch angesetzt ist. Solange kein Fortschritt in Mitteleuropa sichtbar ist, mögen die Verträge unangetastet bleiben. Aber man muß den Gedanken präsent halten, daß sie jedem Fortschritt im Weg stehen werden, sobald die Dinge in Fluß kommen.

Da nun eine Auflösung der Nato, solange Rußland sowjetisch ist, kaum diskutabel scheint, haben wir ein Lebensinteresse daran, daß die Verteidigungsplanung der Nato, aus der wir eines Tages ausscheiden müssen, nicht auf einen deutschen Truppenkern abgestellt wird. Wir haben ein Interesse daran, möglichst spät Atomwaffen zu bekommen, wenn überhaupt. Wir haben ein Interesse daran, möglichst peripher in die Verteidigung einbezogen zu werden, damit auch die Sowjets ihre Peripherie allmählich von Truppen entblößen, über die verdünnte Zone zur Räumung. Nachdem die Vereinigten Staaten für ein Miniaturgebilde von der Bedeutung Jordaniens ihr gesamtes Prestige einschließlich ihrer Sechsten Flotte in die Waagschale werfen, für ein Land, von dem nicht sicher ist, ob es für die Sowjets votieren will oder nicht, wird wohl selbst Herr Strauß nicht mehr behaupten, die USA könnten sich an dem antikommunistischen Deutschland desinteressieren.

Strauß versichert uns, die Nato gehe kaputt, wenn Deutschland nicht ebenso wie die übrigen Festland-Europäer Kernwaffen erhielte. Die Amerikaner selbst haben dies bisher nicht behauptet, der Nato-Rat hat darüber noch nicht entschieden, und die

Briten, unsere zweitwichtigsten Verbündeten, scheinen nicht dieser Ansicht zu sein. Sonst hätte der neuernannte britische Botschafter Sir Christopher Steel auf seiner Antritts - Pressekonferenz schwerlich betont, die Bundesrepublik müsse nicht unbedingt mit Kernwaffen versehen werden. Nicht die Amerikaner haben gedrängt, Strauß hat gedrängt.

Die beiden Generale Heusinger und Speidel haben den fünf Atomphysikern beim Kanzler vordoziert, der »Geist der Truppe« und die »Probleme der Truppenführung« erforderten eine gleichmäßige Bewaffnung aller Nato-Kontingente mit Kernwaffen. Was sollten diese Fachleute sonst wohl sagen? Sie dürfen ja offiziell nicht zugeben, was im stillen Kämmerlein zumindest der oberste deutsche Soldat, General Heusinger, sympathischerweise einräumt, nämlich, daß er sich den Krieg mit Wasserstoffbomben nicht mehr vorstellen kann. Wenn man einen Rennfahrer fragt, ob er sich zutraue, mit einer 1 1/2-Liter-Maschine in der 3-Liter-Klasse einen Lauf zum Mond mitzumachen, wird er darauf beharren, daß er nur mit einer 3-Liter-Maschine eine Chance habe. Aber die Partie kann nicht stattfinden, so wenig, wie in Mitteleuropa noch eine »Kriegführung« möglich ist. Ohne Kernwaffen sind die deutschen Kontingente im Manöver »Schwarzer Löwe« benachteiligt, das sind die einzigen voraussehbaren Folgen deutscher Atom-Enthaltsamkeit.

Wenn Strauß recht hätte mit der Behauptung, die Nato müsse ohne deutsche Atom-Artillerie zusammenbrechen, so spräche das nicht eben für die Festigkeit dieser Institution und auch nicht für die viel zitierte westliche Solidarität. Freilich, man hat die Bundesrepublik bisher hartnäckig (und erfolglos) überfordert. Sie kann den Kern der Nato-Abwehrkraft nicht stellen, weil sie gastweise und provisorisch in der Nato ist, so lange nämlich, bis es gelungen ist, die Sowjet-Truppen durch ein politisches Tauschgeschäft aus der sowjetisch besetzten Zone und aus zwei oder drei Satelliten-Staaten herauszubringen. Der polnische Ministerpräsident Cyrankiewicz hat in Indien erklärt, wenn eine Gewähr bestehe, daß die Bundesrepublik ein »friedliebender« Staat sei, bestehe auch nicht länger die Notwendigkeit, sowjetische Truppen in Polen zu haben. Und Englands mutmaßlich nächster Regierungschef Hugh Gaitskell hat vorgeschlagen, den Rückzug der Sowjets hinter den Bug mit einer Neutralisierung Mitteleuropas zu erkaufen.

Der Bundeskanzler hat auch diesen Mann vor der Presse abgekanzelt: »Das hätte Herr Gaitskell sich sparen können.« Er ist überzeugt, daß die Bundesrepublik in der Nato bleiben kann, weil ein Deutschland-Abkommen mit einem bolschewistischen Rußland immer unmöglich sein wird - eine klare Auffassung. Wenn er sie nur offen aussprechen würde!

In der Sicht des Bundeskanzlers ist die Bundesrepublik der gottgegebene Festlandsdegen der Nato. Sie soll solange in der Nato bleiben, bis diese überflüssig geworden ist. Zusammenbruch des Sowjetsystems und Wiedervereinigung Deutschlands sind für ihn ein und dieselbe Sache. Der Kanzler glaubt, und dieser Glaube ist sein Dogma, man könne das sowjetische System mit Hilfe der Nato zersetzen und zum Einsturz bringen - aus diesem Grundirrtum resultieren alle Fehler der deutschen Politik.

Jens Daniel
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 56