WAHLPROGNOSE Gewerbe auf der Grenze
Die Demoskopie, so lehrt der Kölner Soziologe Professor Dr. Erwin Scheuch, 37, »ist ein Gewerbe auf der Grenze zwischen Wissenschaft und Geschäft«. Die Wahlprognosen der beiden bekanntesten Demoskopier-Anstalten aus Allensbach und Bielefeld (Emnid), so argwöhnt der Kölner Professor hätten eher den politischen Commerz als die Wählermeinung repräsentiert.
Schlag zwölf Uhr mittags am Freitag vor der Bundestagswahl hatte Notar Dr. Hans Daniels in seiner Bonner Kanzlei, Meckenheimer Straße 49, zwei längliche Kuverts versiegelt. Sie bargen die letzten Wahlprognosen des Instituts für Demoskopie in Allensbach und der Emnid-Institute in Bielefeld.
Zwei Tage später, am Wahlabend um 20.18 Uhr, brachen die beiden Konkurrenten, Allensbach-Chefin Professor Elisabeth Noelle-Neumann und der Emnid-Institutsleiter Karl-Georg Freiherr von Stackelberg, in der Bonner Beethovenhalle vor den Kameras des Zweiten Deutschen Fernsehens Siegel und Schweigen.
Die Professorin vom Bodensee, die noch wenige Tage vor der Bundestagswahl mit Verve ein Brust-an-Brust-Finish der beiden großen Parteien geweissagt hatte, enthüllte nun; sie erwarte einen 49,5-Prozent-Sieg der Christdemokraten und eine 38,5-Prozent-Niederlage der SPD. In der Beethovenhalle stieg Gelächter auf.
Elisabeth Noelle: »Die CDU/CSU erringt einen klaren Sieg. Sie könnte vielleicht sogar die absolute Mehrheit im Bundestag gewinnen.«
Kontrahent Stackelberg machte einen langen Hals über die Noelle-Schulter, um die Prognose der Konkurrenz wenigstens ein paar Sekunden vor den Zuschauern zu erhaschen. Dann wandte er sich abrupt zur Seite und zog sein Orakel hervor.
Erneutes Staunen, denn der Bielefelder Demoskop blieb, wie schon anläßlich dreier vorangegangener Emnid-Umfragen, bei seinem Kopf-an-Kopf-Einlauf-Tip. CDU und SPD würden die Wahlstatt mit je 45 Prozent der Wählerstimmen verlassen. Der Branchenknoten schürzte sich.
Reichlich fünf Stunden später sprach Bundeswahlleiter Patrick Schmidt das Urteil in letzter Instanz: Die Christparteien lagen mit 47,6 Prozent weit vor den Sozialdemokraten mit 39,3 Prozent.
Elisabeth Noelle, deren Bonner Draht über das Bundespresseamt und die CDU spielt; hatte gesiegt. Die Allensbacher hatten buchstäblich im letzten Versuch noch den Wählertrend getroffen; Freiherr von Stackelberg hingegen - auch er steht dem Kanzler und der CDU nahe - hatte eine Fahrkarte demoskopiert.
FDP-Chef Erich Mende, der sich und seine Partei als Opfer falscher Meinungsbildner sieht, empörte sich: »Einer hat heute Ohrfeigen gekriegt: die Institute. Am schlimmsten benahm sich Allensbach. Das hat noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen prophezeit, als es schon lange das Gegenteil wußte. Die tendenziöse Meinungsmache hat uns schwer geschadet.« Die Pari-Parolen hätten der CDU zusätzlich Wähler an die Urnen getrieben. Der Verdacht wurde bestärkt: Im Fernsehen brüstete sich der CDUGeschäftsführer Josef Hermann Dufhues, die Kopf-an-Kopf-Propaganda sei eine Wahllist gewesen, um die Bürger an die Urne zu bringen.
Von Stackelberg hatte seine letzte Umfrage (Stichtag: 27. August) am 31. August publiziert. Ergebnis: CDU/CSU und SPD mit je 45 Prozent gleichauf. Noelle-Neumann hatte ihren Test (Stichtag: 18. August) Anfang September im »Stern« veröffentlicht. Vorhersage: 45,5 Prozent CDU und 43,5 SPD. Standeskollegen offenbarte Elisabeth Noelle bei einem Demoskopen-Tee in Dublin, die Christdemokraten zeigten fallende Tendenz.
Unterdes werkelten die Institute fieberhaft an ihrer Schlußbefragung für den Fernsehauftritt. Stackelbergs Interviewer nahmen zwischen dem 1. und 11. September insgesamt 2177 Bundesbürger methodisch aufs Korn.
Elisabeth Noelle-Neumann wollte es noch genauer wissen. Sie ließ 370 Interviewer in zwei Wellen ausschwärmen, die erste zwischen dem 4. und 9. September, die zweite zwischen dem 10. und 13. September. Ihnen mußten 3424 Bundesbürger Antwort stehen, welcher Partei sie ihre Stimme gäben, »wenn schon am nächsten Sonntag die Bundestagswahl wäre«.
Auch sonst zeigten sich die Allensbacher methodisch auf der Höhe. Während Stackelberg bei seiner Auswertung zunächst die relativ große Gruppe der Unentschiedenen und Meinungslosen von 25 Prozent ausschied, suchte Elisabeth Noelle - wie bei anderen Befragungen vorher schon - auch den unentschiedenen Bodensatz der Bevölkerung mittels politischer Fangfragen auf einen Parteitrend festzulegen. Aus den Antworten zu Themen wie Miet- und Preissteigerungen, saubere Leinwand und Strauß interpretierte die Professorin die politische Stimmungslage.
Dennoch erklären die methodischen Unterschiede weder die demoskopische Lücke zwischen Allensbach und Emnid in der Wahlnacht noch den Unterschied der beiden Allensbach-Ergebnisse vom 18. August und 13. September. Die Linsen der Demoskopie waren im entscheidenden Moment beschlagen.
Der Kölner Soziologe Scheuch resümierte: »Die Institute, die mit Parteigruppen in herzlichem Kontakt stehen, haben schiefgelegen. Das macht mich etwas bedenklich, auch wenn es nur Blindheit gewesen sein sollte.«
Die gemeinsam durchbebte Wahlnacht brachte Allensbach und Emnid, die einander im Zwist innig verbunden sind, rasch zusammen. Bereits einen Tag nach der Wahl erklärten beide Institute gleichlautend: Tatsächlich hätten die beiden großen Parteien monatelang im Wahlrennen gleichauf gelegen. Erst kurz vor dem Wahltag sei des Volkes Stimme umgekippt.
Auch die Mutmaßungen über den Umfall der Bundesbürger glichen sich wie ein Ei dem anderen:
- Die persönliche Konfrontation Erhard -Brandt im Wahlkampf sei eindeutig zugunsten der CDU ausgegangen;
- die Kaschmir-Krise habe der Regierungspartei genutzt.
Von Stackelberg tat ein übriges. Mit einem Kompliment für die Frau Kollegin gab er zu, er habe seine Befragungen zu früh abgeschlossen und so nicht mehr den Knick im Trend erkennen können.
Damit schien die ruhige Demoskopenlage wieder hergestellt. Ausgerechnet da meldete sich der Kölner Soziologie-Professor Erwin K. Scheuch, Leiter des Instituts für vergleichende Sozialforschung an der Universität Köln, zu Wort und stürzte die Branche erneut in Hader.
Der Professor wertet die Demoskopen-Argumente schlichtweg als faule Ausreden. Scheuch: »Ich bestreite, daß es einen Durchbruch der CDU so kurz vor der Wahl gegeben haben soll. Es gibt kein Beispiel dafür, daß im Wahlkampf innerhalb von vier Wochen ein solcher Umschwung eintritt.«
In der Tat gründeten die CDU-Siege der beiden letzten Legislaturperioden auf eine sich jeweils über Monate anbahnende Tendenz. Allein die Berliner Mauer brachte den Christdemokraten vor vier Jahren nach kurzfristigem Rückgang einen ebenso kurzfristigen Stimmenanstieg. Aber, so Scheuch: »Kaschmir ist keine Berliner Mauer.«
Der Kölner Professor ist ebenso wie sein Mannheimer Kollege Professor Rudolf Wildenmann der Auffassung, es habe im Sommer dieses Jahres trotz der Allensbach- und Emnid-Zahlen niemals ein Kopf-an-Kopf-Rennen von CDU und SPD gegeben. Bereits im Juli wetteten die beiden Soziologie-Professoren mit Journalisten auf einen CDUVorsprung von mehr als fünf Prozent.
Die Professoren-Wette hatte sowohl goldenen wie festen Boden. Scheuch und Wildenmann bauten auf die Ergebnisse eines dritten, des Frankfurter Divo -Instituts, das sich zwar nicht zu dem spektakulären Gang zum Notar Daniels entschließen wollte, dafür aber Monat für Monat und schließlich auch am Wahlabend einen gleichbleibenden CDUVorsprung (48 bis 50 Prozent) vor der SPD (41 bis 42,5 Prozent) ermittelt hatte. Die Divo-Demoskopen konnten keinerlei Meinungssprünge feststellen.
Auch Deutschlands größtes Demoskopie-Institut, die Infratest & Co KG in München, fand in seinen Unterlagen keine Stütze für die Allensbacher Doppelkopf-These. Bereits im April dieses Jahres ermittelte Infratest einen Stimmenvorsprung von 48 zu 43 für die CDU/CSU. Und schon im August hatte Infratest ebenso wie Divo das Wahlergebnis praktisch richtig vorausgeschätzt: 48 zu 40 für die CDU/CSU.
Allensbach-Chefin Noelle-Neumann, deren Ehemann sich dem Fernsehen nach Verlust seines CDU-Bundestagsmandats mit schwerer Zunge erklärte, schoß zurück: Die Divo-Leute hätten auf Grund methodischer Mängel während der Kopf-an-Kopf-Periode fälschlich einen CDU-Vorsprung prognostiziert. Diese - Fehldiagnose sei jedoch ohne Zutun von Divo durch den Meinungsumschwung der letzten Wochen wieder geheilt worden.
Noelle-Neumann: »Eine Umfrage, bei der wir dieselbe Methode in der Befragtenauswahl wie Divo angewandt haben, zeigte auch bei uns im Juni, August und September einen starken CDU-Vorsprung. Nur konnten wir darauf keine Wahlprognose stützen, weil dieses Auswahlverfahren eine CDU-tendierende Stichprobe hervorbringt.«
Divo-Freund Scheuch über den Schuß vom Bodensee: »Ich zerreiße Frau Noelle in der Luft.«
Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann
War die Kopf-an-Kopf-Parole ...
Demoskop von Stackelberg
... eine Wahllist der Union?
Soziologe Scheuch
»Ich zerreiße Frau Noelle in der Luft«