»Das Ding muß vom Tisch« - DER SPIEGEL
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»Das Ding muß vom Tisch«

Die Sex-Affäre um Bill Clinton und seine ehemalige Praktikantin Monica Lewinsky spitzt sich zu: Sonderermittler Kenneth Starr zwingt ihn zur Aussage und hat sie als Kronzeugin gewonnen. Die mutmaßliche Ex-Geliebte hat gar ein angeblich beflecktes Kleid als Beweis mitgebracht.
• aus DER SPIEGEL 32/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Südsudan sterben Tausende einen schrecklichen Hungertod. Im Kosovo führt Serbiens Präsident Slobodan Milosevic wieder einmal die Weltgemeinschaft vor. In Rußland unterbricht Boris Jelzin seinen Urlaub, um Putschgerüchte aus der Welt zu schaffen. In Japan kämpft ein neuer Regierungschef gegen den dramatischen Yen-Verfall.

Auch die einzige verbliebene Weltmacht hat ein Thema, aber was für eines: In Washington dreht sich alles um ein Kleid, das eine pummelige junge Frau, Ex-Praktikantin im Weißen Haus, ihrer Mutter zur zeitweiligen Verwahrung geschickt hat und das sie jetzt einem Ermittler übergab. Darauf sollen sich Spuren befinden, die ein Team von DNS-Spezialisten im FBI-Labor womöglich genetisch schlüssig als Präsident Bill Clintons Sperma identifizieren könnte. Dazu dürfte Sonderstaatsanwalt Kenneth Starr den Präsidenten um Blut- oder Speichelproben bitten - zum letzten Beweis.

Schon heute beschäftigt die angebliche oder tatsächliche Sex-Affäre den mächtigsten Mann der Welt zeitlich mehr als die Weltkrisen vom Balkan bis nach Fernost. Anwälte bitten im Weißen Haus um Sondersitzungen mit dem Präsidenten, diskutiert werden wohl zentrale Probleme; ob etwa oraler Sex mit »wirklichem« Sex gleichzusetzen ist und wie viele Stunden der Chef im Weißen Haus mit seiner Praktikantin allein im Oval Office - gängige Scherzbezeichnung: Oral Office - verbracht hat. Die Affäre könnte Bill Clinton sein Amt kosten.

Ach Amerika, du hast es besser?

»Indispensable«, weltweit unentbehrlich, hat der US-Präsident vor kurzem stolz sein Land genannt. Und in der Tat, die Vereinigten Staaten strotzen vor Kraft: Kein Konkurrent reicht an die amerikanische Wirtschaftsmacht heran. Unter Bill Clinton ist das Land in einer beeindruckenden Boom-Phase; das Etat-Defizit ist einem Überschuß gewichen, Steuern werden gesenkt, die Arbeitslosigkeit sackte auf ein Rekordtief. Die Globalisierung trägt das Etikett »Made in USA«. Aus dieser Führungsrolle als einzige Supermacht, wirtschaftlich, militärisch, kulturell, wächst politische Kraft: Zwar können längst nicht alle Probleme der internationalen Politik mit Hilfe Washingtons gelöst werden, aber ohne Washington scheint keines mehr lösbar.

Doch nun scheint zunehmend fraglich, ob sich der Herr im Weißen Haus angesichts der zeitlichen Belastung durch die angebliche Sex-Affäre und die juristischen Zwänge überhaupt noch voll um die Probleme der internationalen und nationalen Politik kümmern kann.

Steif, graugesichtig und mit tiefen Furchen auf der Stirn verkündete am Mittwoch vergangener Woche David Kendall, persönlicher Anwalt Bill Clintons, sein Klient, Mr. President, werde am 17. August als Zeuge in der Sex-Affäre um Monica Lewinsky aussagen. Sonderermittler Kenneth Starr werde Clinton im Weißen Haus vernehmen, das Verhör solle per Video aufgezeichnet und anschließend der zuständigen Grand Jury, einer Art Untersuchungsausschuß, vorgespielt werden. Bevor Anwalt Kendall wieder in Deckung huschte ("Weitere Statements wird es nicht geben"), behauptete er noch, der Präsident werde selbstverständlich freiwillig reden.

Da konnten sich viele der Reporter ein Grinsen nicht verkneifen. Mindestens sechsmal hatte Starr zuvor Clinton vergebens um eine Aussage gebeten. Nun hatte der Fahnder dem Präsidenten eine gerichtliche Vorladung geschickt.

Es ist eine juristische Zwickmühle, aus der Clinton nur eine kleine Chance hat herauszukommen. Der letzte Präsident, der es wagte, eine ähnliche Anordnung juristisch zu bekämpfen, war Watergate-Drahtzieher Richard Nixon. In höchster Not widersetzte er sich dem Verlangen der Justiz, ihn belastende Tonbänder herauszugeben. Damit zeigte er, daß er was zu verbergen hatte. Einer Amtsenthebung kam er damals im letzten Moment mit dem Rücktritt zuvor.

Aber was für ein Unterschied in der Qualität der Affären zwischen Watergate, der Urmutter aller Washingtoner Skandale, als es um den versuchten Diebstahl brisanter politischer Papiere ging, und Monicagate, einer Sex-Geschichte zwischen zwei Erwachsenen, die nun die Nation bewegt.

Dem Präsidenten Clinton bleibt jedenfalls nicht die Schande erspart, als erster Staatschef in der Geschichte der Vereinigten Staaten für eine Jury auszusagen, die ihn als möglichen Angeklagten sieht - und zwar unter Eid. Immerhin wird er, jedenfalls formal, nicht zwangsweise vor die Geschworenen zitiert, darauf hat sich der Sonderstaatsanwalt eingelassen.

Die Affäre um Sex, Tonbandmitschnitte und Lügen nähert sich einem Showdown: Starrs Recherchen, von den meisten Kennern der Materie längst abgehakt, haben neue Wucht bekommen. Er hat neue Zeugen, mußte in Washington schon zwei Jurys gleichzeitig beschäftigen, um all die Aussagen zu hören, und kann möglicherweise verheerende Indizien vorlegen.

»Es würde mich überraschen, wenn Starr die Sache bis September trudeln ließe«, meint der republikanische Senator und Vorsitzende des Rechtsausschusses, Orrin Hatch, »das Ding muß jetzt vom Tisch.« Gefährliche Zeiten: In vier Monaten sind Kongreßwahlen, bei denen die Demokraten ihre verlorenen Mehrheiten zurückzugewinnen hoffen.

Starr hat in den letzten Tagen nicht nur das Clinton-Verhör durchgesetzt, sondern vor allem dessen mutmaßliche Ex-Geliebte Lewinsky, 25, als Kronzeugin gewonnen.

Sie kam nicht freiwillig, Starr mußte sie

* Oben: 1974 nach seinem Rücktritt; unten: Robert und John F. Kennedy 1962 bei einem Empfang in New York.

erst hart rannehmen: Als Zeugin im inzwischen eingestellten Sex-Verfahren der kalifornischen Hausfrau Paula Jones gegen Clinton hatten Lewinsky und der Präsident unter Eid ausgesagt, es habe nie eine Affäre zwischen ihnen beiden gegeben.

Doch ihrer Vertrauten Linda Tripp, einer ehemaligen Mitarbeiterin im Weißen Haus, hatte Lewinsky bei stundenlangen Anrufen den Sex mit »dem großen Er«, »dem Widerling« gebeichtet. Sie wußte nicht, daß Tripp mitschnitt und daß schließlich gar FBI-Agenten live mitlauschten. So konnte Starr anschließend drohen, Lewinsky eine Klage wegen Meineids anzuhängen.

Allerdings bot Starr ihr Straffreiheit an, wenn sie nur all die hübschen Geschichten von den Tonbändern noch einmal vor Gericht erzähle: daß Clinton ihr sehr wohl an die Wäsche gegangen sei zum Beispiel. Zudem wollen die Ankläger hören, daß Getreue des Präsidenten sie aufgefordert hätten, falsch auszusagen. Lewinskys neue Anwälte Plato Cacheris und Jacob Stein, juristische Spitzenkräfte, handelten den Deal für ihre Mandantin aus.

Die Zeugin wird vor der Grand Jury jetzt wohl nicht nur bezeugen, daß sie ab 1995 über 18 Monate hinweg eine Affäre mit dem »Alpha-Rüden der Vereinigten Staaten von Amerika« (Insider-Spott) hatte. Sie werde, so sickerte durch, den Geschworenen wohl auch sagen, Clinton habe sie persönlich zum Lügen gedrängt. Wenn zwei Leute in einem Raum seien und etwas passiere, aber beide bestritten es, so soll er gesagt haben, dann gebe es keinen Weg, das Gegenteil zu beweisen.

Bliebe es nur bei Lewinskys Worten, stünde Aussage gegen Aussage - kaum Gefahr also für Clinton. So konnte sein Sprecher Mike McCurry vergangene Woche zunächst noch gelassen flunkern, der Präsident sei nach dem Deal um Lewinskys Straffreiheit erfreut, »daß die Dinge gut für sie laufen«. Doch dann kursierte plötzlich wieder ein scheinbar längst erledigtes Gerücht aus den Anfangstagen der Affäre durch die US-Hauptstadt. Damals hieß es, Lewinsky habe ihrer Freundin Tripp auch von einem Kleid erzählt, das sie niemals waschen wolle, weil sich Spermaspuren des Präsidenten darauf befänden.

Nun hat sie das befleckte Kleid Starr übergeben. Zudem soll sie Kassetten aus ihrem Anrufbeantworter auf den Tisch gepackt haben - und auf denen ist angeblich Clinton zu hören. Lewinsky soll die Indizien mit Hilfe ihrer Mutter Marcia Lewis versteckt haben. Auch der Mutter sicherte Starr, das paßt ins Bild, Straffreiheit zu.

Unvergessen ist Clintons dramatischer Fernsehauftritt Ende Januar: »Ich will, daß Sie mir zuhören, ich sage es jetzt noch einmal«, hatte Clinton verkündet und dabei mit erhobenem Zeigefinger in die Kameras gedroht: »Ich hatte keine sexuelle Beziehung zu dieser Frau, Miss Lewinsky. Ich habe niemals jemandem gesagt, er solle lügen, nicht ein einziges Mal, nie. Diese Anschuldigungen sind falsch.«

Bleibt er in der Vernehmung durch die Grand Jury bei dieser Version, und könnte Starr danach tatsächlich beweisen, daß Clinton Flecken aufs Kleid gemacht hat, hätte der Präsident die Geschworenen belogen. Das wiegt weit schwerer als ein Meineid in einem Zivilverfahren, damit wäre er ziemlich sicher erledigt.

Andere Hinweise gibt es zudem inzwischen reichlich. Das Weiße Haus ließ einen Bericht unwidersprochen, nach dem der Präsident der kleinen Praktikantin in seinem Amtssitz zum Beispiel eine Brosche, ein Kleid und eine Hutnadel verehrt habe. Belegt ist zudem, daß Lewinsky noch 37mal im abgeschirmten Weißen Haus vorbeischaute, nachdem sie ihr Praktikum dort beendet hatte und ins Pentagon gewechselt war. Damit nicht genug: Hochrangige Clinton-Freunde kümmerten sich rührend um das weitere Schicksal der Ex-Praktikantin. Vernon Jordan etwa, Washingtoner Spitzen-Anwalt und Golfpartner des Präsidenten, verschaffte ihr persönlich ein Vorstellungsgespräch beim New Yorker Kosmetik-Konzern Revlon, in dessen Direktorium er sitzt.

Und Bill Richardson, bis vor kurzem US-Sonderbotschafter bei den Vereinten Nationen, traf sich mit der jungen Frau gar im Watergate, um ihr einen Job bei der Uno anzubieten, alles angeblich aus reiner Menschenfreundlichkeit. Solche Aschenputtel-Geschichten passieren im wirklichen Leben selten, im herzlosen Washington nie - es sei denn, irgend jemand wollte Lewinsky so schnell wie möglich ruhigstellen und aus der Hauptstadt schaffen.

Aber: Selbst wenn es Starr gelänge, die Affäre zu beweisen, wird er damit allein Clinton juristisch kaum aufs Kreuz legen können. Das Verfahren der sogenannten Amtsanklage ("Impeachment") ist per Verfassung geregelt. Starr müßte danach seinen Recherche-Bericht dem Kongreß vorlegen. In letzter Instanz würde der Senat mit zwei Dritteln der Stimmen beschließen, daß der Präsident seines Amtes zu entheben sei.

Nur haben die meisten Abgeordneten der Republikaner-Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses wenig Interesse daran, den populären Clinton jetzt mit Hilfe einer Schmuddel-Affäre zu stürzen. Denn dann könnte sein Vize Al Gore bis zur nächsten Präsidenten-Wahl im Jahr 2000 zeigen, was er kann. Die Rechten müßten gegen einen amtierenden Regierungschef antreten - immer ein Nachteil.

Zum anderen diktiert die Verfassung, daß ein Präsident nur wegen Hochverrat, Korruption und »schwerer Verbrechen oder Verfehlungen« gefeuert werden darf. Ein Ehebruch dürfte nicht reichen, auch kaum ein ganz ordinärer Meineid - solange Clinton nicht den Fehler macht, die Geschworenen der Grand Jury anzulügen.

Das alles weiß natürlich auch der erzkonservative Pfarrerssohn Kenneth Starr, der jeden Morgen in der Bibel liest. Vier Jahre jagt er Clinton nun schon. Er hat nahezu alle Clinton-Skandale untersucht und noch längst nicht alle zu den Akten gelegt. Whitewater, Travelgate, Filegate - niemand außer seinen Rechercheuren weiß, welche Anklagen Starr neben der Lewinsky-Affäre noch in petto hat.

»Das einzige, was ein Erdbeben auslösen könnte«, glaubt ein Präsidenten-Mitarbeiter, »wäre der Beleg, daß Clinton die Justiz behindert« - und zwar systematisch wie die Mafia. Bezeichnenderweise hat der Kongreß schon mal zwei Experten für Organisierte Kriminalität angeheuert.

Nicht nur juristisch, auch politisch ist Clinton schwer anzugreifen. »Die meisten Leute glauben eh, daß der Präsident eine Beziehung mit Monica Lewinsky hatte«, meint gelassen Mark Mellman, Meinungsforscher für die Demokraten.

Selbst wenn klar wäre, daß Clinton unter Eid gelogen hat, wären nach einer Untersuchung von CNN und der Tageszeitung »USA Today« 50 Prozent der Amerikaner dagegen, den Präsidenten anzuklagen. 63 Prozent meinen, Starr solle seine Arbeit sofort einstellen; was der Präsident privat treibe, sei allein seine Sache und die seiner Frau. »Es gibt akzeptable Lügen und nicht akzeptable Lügen«, meint der ehemalige Bundesankläger Lawrence Barcella, »und über Sex zu lügen ist tolerierbar.«

Ein Großteil der Amerikaner glaubt unbesehen nahezu jede Affäre, die dem Präsidenten nachgesagt wird, vom »Playboy«-Model Elizabeth Ward Gracen bis zur Hausfrau Paula Jones. Der Präsident leugnet - so what? Hat er nicht auch ewig die Dauerliebschaft mit Gennifer Flowers abgestritten, bevor er sie schließlich zugab? Ist Dow Jones, der Aktienindex, nicht wichtiger als Paula Jones?

»Sex haben ist kein Verbrechen. Nicht einmal in Washington«, kommentiert sogar die notorisch Clinton-feindliche »Washington Times«, deren Hauskarikaturist Clinton inzwischen meist einen BH irgendwo aus dem Hosenbund baumeln läßt.

Beim Thema Sex reagiert das US-Volk inzwischen offenbar moderner als seine Politiker und Juristen. Die einen regen sich im Raumschiff Washington über Clintons Affären auf, die anderen produzieren mit abenteuerlichen Prozessen Hysterie um sexuelle Belästigung (siehe Seite 104).

Wieder einmal steht das liberale, aufgeklärte, weltoffene Amerika gegen das puritanische, engstirnige, das in seinem Präsidenten einen Ersatz-Monarchen sieht, den es sich nur unbefleckt vorstellen kann. Schrecklich, sagen die einen, dieser Wüstling John F. Kennedy, der alle Frauen in sein Bett zerrte, die nicht bei drei auf den Bäumen waren. Aber deshalb war er doch kein schlechter Präsident, kontern die anderen und zitieren den Präsidenten Grover Cleveland, der einmal sagte: »Ich glaube, das amerikanische Volk will keinen kastrierten Hengst im Weißen Haus.« Cleveland wurde wiedergewählt, im Jahre 1892.

Der angesehene Publizist William Pfaff sieht in der allgegenwärtigen Diskussion der Lewinsky-Affäre eine andere Gefahr: »Die Presse zerrt alles Private an die Öffentlichkeit. Wir sind Zeugen, wie aus Sensationsgier das amerikanische System zerstört wird. Die Präsidentschaft kann nicht überleben, wenn jeder Präsident einer inquisitorischen moralischen Überwachung unterzogen wird.«

Womöglich ist Amerika reifer, als seine intellektuellen Kritiker zu hoffen wagen. Die Lewinsky-Affäre hat Clintons Ansehen beim Wahlvolk bislang sogar eher genützt. Als in Umfragen kurz nach Bekanntwerden der Sex-Vorwürfe überwältigende 79 Prozent der Amerikaner Clintons Arbeit wunderbar fanden, höhnte Trent Lott, Mehrheitsführer der oppositionellen Republikaner im Senat, verzweifelt: »Was wir brauchen, sind noch ein paar mehr Anschuldigungen, dann geht das vielleicht über hundert.«

* Oben: 1974 nach seinem Rücktritt; unten: Robert und John F.Kennedy 1962 bei einem Empfang in New York.

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