Vor bald zwei Jahren wogte eine Welle der demokratischen Empörung durch das Land. In diskreter Runde hatten AfD-Leute, Identitäre und einzelne CDUler in einer Potsdamer Villa die Idee der »Remigration« diskutiert, die massenhafte Ausbürgerung von Menschen, die ihnen nicht deutsch genug sind. Hunderttausende gingen nach der Aufdeckung dieses Geheimtreffens durch das Recherchenetzwerk »Correctiv« auf die Straße, die Umfragewerte der AfD brachen kurzzeitig ein. Heute liegt sie in Umfragen gleichauf oder vor der Union. Deren Strategie gegen die AfD scheint darin zu bestehen, möglichst viele Migranten aus dem deutschen Stadtbild zu entfernen. Am vergangenen Dienstag wurde in Potsdam wieder gegen rechts demonstriert, Anlass war der zweite Jahrestag der rechten Konferenz. Die Veranstalter meldeten 1200 Teilnehmende. kuz
Was war diese Woche gut, was war schlecht für die Demokratie?
Gut: Eine Bundesrichterin bremst Versuche des US-Präsidenten, sich an Gegnern zu rächen. Die Anklagen gegen den ehemaligen FBI-Direktor James Comey und die New Yorker Generalstaatsanwältin Letitia James wurden aus formalen Gründen zurückgewiesen. Beide hatten gegen Donald Trump und seine Leute ermitteln lassen.
Schlecht: Der Verband »Die Familienunternehmer« betrachtet die AfD offenbar als salonfähig und lädt Parteivertreter zu Gesprächen ein. Damit bekommt die Brandmauer weitere Risse.
Mag sein, dass man heutzutage nicht mehr viele Briefe bekommt – aber manche bewahrt man lange auf. Man findet sie nach Jahren wieder, mit den alten Briefmarken darauf. Was Verliebte oder Schriftsteller in Briefen formulierten, gehört zum Schönsten, was Menschen einander mitteilen können. Für 95 Cent kann man in Deutschland bald einen Standardbrief bis 20 Gramm mit einem Bild von Margot Friedländer frankieren. Rechtzeitig zur Weihnachtspost stellte Finanzminister Klingbeil am Dienstag das »Postwertzeichen« mit der im Mai verstorbenen Holocaustüberlebenden vor. Sie war bis zum letzten Tag eine Person des politischen Lebens – nicht, weil sie ein wichtiges Amt innegehabt hätte. Sondern einfach, weil sie anwesend war im Leben der Deutschen: Das war Wunder genug. Mit 88 Jahren kehrte sie aus den USA zurück in ihre alte Heimat Berlin, den Frieden schon im Namen. Sie sprach mit unzähligen Jugendlichen über ihre Erfahrungen. Und man sah sie häufig privat unterwegs in Berlin, im Theater, in der Philharmonie. Als sie starb, wurde schnell diskutiert, wie sie den Deutschen erhalten bleiben könnte. Die Briefmarke ist nur der erste Streich. Das Berliner Abgeordnetenhaus beschloss, den Platz vor der eigenen Haustür nach ihr zu benennen. ded
Hieroglyphe unserer Zeit
[M] DER SPIEGEL; Foto: Issarawat Tattong / Getty Images
Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist ein strukturelles Problem, auf das die Uno gerade wieder mit einer internationalen Kampagne aufmerksam macht. Für Notlagen gibt es ein stummes Hilfezeichen, dessen Existenz noch nicht ausreichend bekannt ist: Handfläche zeigen, Daumen anlegen, dann die übrigen Finger über den Daumen falten, notfalls wiederholen. Je mehr Menschen diese Geste erkennen, desto mehr Gewalt könnte sie verhindern. fra
Aufgezeichnet
Lula da Silva plant Deutschlandbesuch im April
»… doch, doch, wir sind ein lebensfrohes Völkchen …«
Miriam Wurster / DER SPIEGEL
Landauf, landab
i-Dötzchen: Ein großer Schritt im Leben: die Einschulung. Rund 811.500 Kinder machten ihn zum Beginn dieses Schuljahrs in Deutschland, so hat es das Statistische Bundesamt vorläufig gezählt. Das sind gut zwei Prozent weniger als im Jahr zuvor. Den größten Rückgang gab es im Saarland (minus 8,5 Prozent), Sachsen-Anhalt (minus 5,6 Prozent) und Thüringen (minus 5,5 Prozent); allein in Bremen wuchs die Zahl der Anfänger und Anfängerinnen ein wenig (plus 0,6 Prozent). Das Bundesamt sieht zwei Gründe. In den Vorjahren waren mehr Kinder zugewandert, insbesondere aus der Ukraine. Und in Deutschland sind 2019 weniger Kinder geboren worden als in den drei Jahren davor. vbt
Die australische Politikerin Pauline Hanson erschien im Parlament in Canberra in einer Burka – eine Aktion, die sie 2017 schon einmal inszeniert hatte. Damit wollte sie für ein Verbot des muslimischen Schleiers werben, den sie als Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellt. Allerdings konnte Hanson keinen Sicherheitsvorfall nennen, der mit dem Tragen einer Burka in Verbindung steht. Weil sie die Verhüllung nicht ablegte, wurde die Chefin der rechten One-Nation-Partei aus dem Senat verwiesen. Kritiker warfen ihr vor, Muslime verächtlich zu machen. kku
Sie heißt nach einem nordischen Gott, THOR-05F. Doch sie ist weiblich. Und kämpft mit Ganzkörpereinsatz statt Hammer gegen die Ungerechtigkeit schlecht sitzender Sicherheitsgurte: Frauen werden bei Unfällen häufiger verletzt. US-Verkehrsminister Sean Duffy stellte vergangene Woche den weiblichen Crashtest-Dummy vor, kleiner als die männlichen Kollegen, mit Brüsten, Hüften und allerlei Sensoren, die Belastungen an Kopf, Bauch, Becken, Armen und Beinen tracken. Mercedes nutzt seit mehr als 20 Jahren weibliche Dummys, bisher wurden Autos aber hauptsächlich mit »Hybrid III 50th Male« getestet. Ein Einheitsmann, knapp 78 Kilogramm schwer und für die Hälfte der Menschheit falsch gebaut. kw
Nachgezählt
54
Prozent der E-Commerce-Lieferungen in Deutschland erreichen die Kunden in ein bis zwei Werktagen, rund 36 Prozent in drei bis fünf Tagen. 2024 waren es noch je zwei Prozentpunkte mehr.
Prozent der Deutschen, die verhüten, verwenden inzwischen Kondome. Im Jahre 2007 waren es 36 Prozent. Die Nutzung der Pille ging im gleichen Zeitraum von 55 auf 31 Prozent zurück. Hintergrund dürfte die zunehmend kritische Haltung gegenüber hormonellen Verhütungsmethoden sein.
Quelle: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit
Der Moment
Foto: Jorge Guerrero / AFP
Schätzungsweise über eine halbe Million Männer, Frauen und Kinder starben im Spanischen Bürgerkrieg zwischen 1936 und 1939. Der Mensch, dessen Skelett vor wenigen Tagen in der Nähe von Granada von einer Archäologin mit einem Staubsauger gesäubert wurde, war eines dieser Opfer. Seine Überreste lagen in einem der Massengräber, in denen das faschistische Regime von Diktator Francisco Franco seine getöteten Gegner verschwinden ließ. Noch immer wird nach den Gebeinen Tausender Vermisster gesucht. In wenigen Fällen gelingt es, sie über DNA-Tests zu identifizieren. gui
Foto: Isis Mecheraf / Hans Lucas / picture alliance
Vollkontaktsport auf Rollschuhen, das ist Roller Derby. Seine Ursprünge hat der Rollschuhsport in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA; seit der Jahrtausendwende erlebt er ein Revival. Was man darf und was nicht, ist etwas kompliziert, aber das Ziel ist schnell erklärt: Ein sogenannter Jammer, erkennbar an dem Stern auf dem Helm, versucht, auf der ovalen Bahn an den sogenannten Blockernder gegnerischen Mannschaft vorbeizukommen – und dann nochmals zu überholen. Je öfter das gelingt, desto mehr Punkte werden gesammelt. bka
[M] DER SPIEGEL; Foto: Issarawat Tattong / Getty Images
»… doch, doch, wir sind ein lebensfrohes Völkchen …«
Miriam Wurster / DER SPIEGEL
Foto: Mick Tsikas / AAP / IMAGO
Thor ist weiblich
Foto: Humanetics
Foto: Jorge Guerrero / AFP
Foto: Isis Mecheraf / Hans Lucas / picture alliance
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