Hausarbeiten-Horror Ghostwriter gesucht! Dringend!
Carla vom Stein, 21, ist verzweifelt. Knapp zwei Wochen hat die Studentin der Sozial- und Politikwissenschaften noch, dann muss sie ihre Hausarbeit abgeben. Acht Seiten plus Literaturverzeichnis soll sie über die "Einfluss- und Durchsetzungsstrategien von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in entwicklungspolitischen Diskursen" schreiben - mit besonderem Fokus auf der Entwicklung der vergangenen 15 Jahre.
Was für andere ein notwendiges Übel ist, macht der Bachelor-Studentin Angst. "Leider habe ich gerade akut Panik, dass ich das nicht schaffe, seit Donnerstag sitze ich vorm Rechner und komme einfach nicht vorwärts bzw. finde einfach keinen Anfang", schreibt sie in einer Mail und stellt dann die entscheidende Frage: "Deshalb wollte ich Sie fragen, ob Sie mir vielleicht helfen können und was es kosten würde, wenn Sie die Arbeit so erstellen, dass ich sie abgeben kann?" Mit anderen Worten: Können Sie eine Hausarbeit für mich fälschen?
Die Anfrage ist echt - abgeschickt an zwei Dutzend Anbieter, die im Netz oder am schwarzen Brett der Unis in Hamburg, Köln und Berlin für ihre Dienste als Lektoren und Korrekturleser werben. Oder sich sogar, ganz offen, als Ghostwriter anbieten. Nur die Studentin Carla gibt es nicht wirklich. Sie ist eine erfundene Person mit erfundener Schreibblockade. Die E-Mails von einem eigens dafür angelegten E-Mail-Account sind eine Falle, um herauszufinden: Gibt es tatsächlich einen Markt für gefälschte Arbeiten im Studium?
Es gibt ihn. Die Anfrage ist gerade mal fünf Minuten in der Welt, da kommt schon die erste Antwort-Mail. Und das an einem Sonntagmorgen.
Ja, das mit der gewünschten Fälschung könne sie schaffen, schreibt Alexandra, die auf ihrem Aushang eigentlich nur ein Korrektorat angeboten hatte: "Sie können von 35 Euro je Textseite ausgehen." Dann fragt sie noch, ob die beiden Quellen, die Carla in der Mail erwähnt hatte, als PDF vorlägen. Ein 15 Jahre alter wissenschaftlicher Artikel und ein 314 Seiten starkes Fachbuch, das erst vor ein paar Wochen erschienen ist - das ist angeblich die Basis für Carlas Hausarbeit.
Um Ehrlichkeit geht es hier nicht
Ehrliche Wissenschaftler müssten sich da erst mal durcharbeiten. Aber um Ehrlichkeit geht es hier nicht, deshalb ist das natürlich kein Problem, auch das würde Alexandra schaffen. Für insgesamt 350 Euro, inklusive Literatur- und Quellenverzeichnis.
24 potenzielle Ghostwriter haben E-Mails von Carla erhalten, 16 haben geantwortet. Ein großer Teil davon erhofft sich ein ziemlich gutes Geschäft. Eine Hausarbeit als Ghostwriter fälschen? Kein Problem, sagen fünf Anbieter, die anonym im Internet für sich werben. Einer schickt einfach einen Link, der direkt zu einem ausgefüllten Bestellformular zum Preis von 584,19 Euro führt. Die Antworten der anderen klingen nach Geschäft und Routine, man bedankt sich bei Carla floskelhaft "für Ihre Anfrage und Ihr Vertrauen in unsere Qualität". Dann folgen die Angebote: Möglich sind je nach Absender anonyme Telefonkonferenzen mit den Ersatzautoren ("Wir arbeiten ausschließlich mit geprüften akademischen Fachautoren und Lektoren"), Vertraulichkeitsgarantien oder, besonders verquer bei gefälschten Arbeiten, der "doppelte Qualitätscheck". Dazu gehöre auch eine "zertifizierte Plagiatsprüfung".
Ausgabe 2/2017
Ghostwriting
Eine Hausarbeit schreiben lassen für 275 Euro?
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So viel Service ist teuer: Knapp 700 Euro kosten die Werke offenkundig professionell arbeitender Ghostwriter. Einige versuchen immerhin, sich juristisch abzusichern: Vorsichtig weisen sie darauf hin, dass sich Carla an die Prüfungsordnung ihrer Hochschule zu halten habe, die gelieferten Texte bezeichnen sie als "Lösungsvorschläge". Weil man die potenzielle Kundin aber nicht verschrecken will, folgt sogleich die Entwarnung: Die Kontrolle der Einhaltung der Hochschulvorschriften gehöre nicht zu ihren Pflichten, "sehr wohl jedoch die Lieferung von hochwertigen und plagiatsfreien Arbeiten".
"...wäre die Hälfte im Voraus zu bezahlen"
Im Internet gibt es eigens Auktionsplattformen für Studenten, die Ghostwriter suchen. Man stellt das Thema seiner Hausarbeit ein, dann können Nutzer bieten, für welchen Preis sie das Schreiben übernehmen würden. Das günstigste Angebot bekommt den Zuschlag. Das erinnert an Portale wie "MyHammer", auf denen Menschen mit handwerklichen Fähigkeiten um Aufträge buhlen. Carla inseriert auch hier und bekommt innerhalb einer knappen Woche zwei Angebote.
350 Euro bietet eine Autorin und schildert knapp die Konditionen: "Gern kann ich helfen. 40% Anz. Rest bei Lieferung. Bei Vorauszahlung der Gesamtsumme 3,5% Rabatt." Heinz antwortet ausführlicher. Er sei früher Politikwissenschaftler ("jetzt im Ruhestand") und Derivatehändler gewesen und übernehme nur Arbeiten, deren Themen ihn interessierten. Das sei bei Carla der Fall. "Wenn wir ins Geschäft kämen, wäre die Hälfte im Voraus zu bezahlen."
Heinz will insgesamt 275 Euro, "inklusive Websitegebühr und Mehrwertsteuer". Sechs von denen, die Carla mit der Frage nach einer Fake-Hausarbeit angeschrieben hat, wollen sich die Finger lieber nicht schmutzig machen, würden mit der Hilfe suchenden Studentin aber trotzdem gern ins Geschäft kommen. Das sind diejenigen, die zwar vom Ghostwriting abraten, aber ihre Hilfe und Unterstützung unter dem Label "Coaching" anbieten.
Mit der "richtigen Gliederung und Auswertungsmethodik" sei die Hausarbeit auch für Carla machbar, schreibt ein Berater. Beides könne er der Studentin beibringen und ihr helfen, "diese Arbeit SELBST zu schreiben". So gewinne sie zusätzliches Selbstvertrauen und sei auf der sicheren Seite: "Niemand kann Ihnen Vorwürfe wegen eines Plagiats machen, und Sie haben kein Geheimnis, das Ihnen später Kopfzerbrechen macht."
Coaches versprechen Erfolg ohne Plagiat
Die Preise der sechs Coaches schwanken, die Beratung kostet zwischen 20 und 30 Euro pro Stunde, eine Masterstudentin fordert sogar nur 12 Euro pro Stunde. Wie viel Beratung notwendig ist, um Carla tatsächlich zur fertigen Arbeit zu verhelfen, bleibt ungewiss.
Kathrin findet Betrügereien "normal". Die 24-Jährige studiert Medizin irgendwo in Nordrhein-Westfalen und fordert absolute Anonymität für das Gespräch. "Schreib, dass ich Kathrin heiße", sagt sie beim Treffen in einem Café am Düsseldorfer Hauptbahnhof. "So hieß meine Oma."
Zum Testat mit knallroter Handtasche
In manchen Wochen, erzählt Kathrin, müssten die Medizinstudenten drei bis vier Testate schreiben: kurze schriftliche Prüfungen, in denen das Wissen einzelner Veranstaltungen konzentriert abgefragt wird. "Das ist so viel Stoff, das kannst du gar nicht schaffen", sagt sie.
Mit zwei Freundinnen hat sie deshalb, auf den Rat älterer Studenten hin, ein System aufgebaut: Am Anfang des Semesters teilen sie sich in Lerngruppen auf. Wenn die Testate anstehen, lernt jede von ihnen ein anderes Thema und schreibt die Prüfung dreimal. Einmal für sich selbst, zweimal für die Freundinnen, als Live-Ghostwriterin. Im Gegenzug schreiben die anderen beiden ebenfalls Testate für sie. Möglich ist das nur, weil es keine zentralen Prüfungstermine gibt. Die Testate finden, abhängig von der Lerngruppe, an unterschiedlichen Tagen statt.
"Lebenslang erpressbar"
Der Aufsicht sei das noch nie aufgefallen. Die würden nur den Ausweis sehen und mit dem Namen auf der Liste abgleichen wollen. Zur Sicherheit nutzen die drei auffällige Accessoires: etwa eine knallrote Handtasche, die immer diejenige dabeihabe, die als Kathrin unterwegs sei. "Bisher klappt das einwandfrei", sagt die angehende Medizinerin stolz. Ein schlechtes Gewissen habe sie nicht, es gehe eh nur um "stures Pauken" und nicht darum, etwas zu verstehen.
Schert sich in der Welt der Wissenschaft wirklich niemand mehr um die Ehrlichkeit? Doch. Es gibt sie noch, die Akademiker mit Skrupel. Diejenigen, die Carla antworten und ihr mehr oder weniger eindringlich davon abraten, sich mit Betrug durchs Studium zu manövrieren. "Hilfe zur Selbsthilfe", ja, das könne sie schon anbieten, schreibt eine Lektorin. Aber Carla suche ja offenbar einen Ghostwriter, das wolle sie auf keinen Fall unterstützen - und bittet darum "zu bedenken, dass Sie lebenslang erpressbar sind".
Gerade mal fünf Anbieter antworten mit einem klaren Nein. Manche so kurz wie eine Absenderin aus Berlin, die schreibt: "Hallo, diese Leistung biete ich nicht an." Andere äußern sich ausführlicher, raten Carla, sich an ihren Dozenten zu wenden und um eine Fristverlängerung zu bitten. Es helfe Carla nicht, wenn eine andere Person die Arbeit fertigstelle. Die Hausarbeiten seien ja eine Vorübung für die Bachelorarbeit, und es sei "ganz normal, dass es dabei mal Schwierigkeiten gibt".
Der Mitarbeiter eines professionellen Korrekturdienstes spricht der Studentin nicht nur gut zu ("Eigentlich gar nicht so schwer. Sie schaffen das. Gehen Sie einfach immer nur einen Schritt nach dem anderen"), sondern formuliert sogar einen Notfall-Schreib-Plan:
"Für die Einleitung:
1. Was ist mein Thema (das, worüber Sie allgemein schreiben)?
2. Was ist meine Fragestellung (Was Sie sich konkret zu diesem Thema fragen)?
3. Wofür ist es wichtig, diese Frage zu beantworten (die Relevanz)?
4. Welche Methode verwende ich (sollte Ihnen hier nichts einfallen, ist das nicht so schlimm)?
5. Welche Schritte werde ich gehen, um die Frage gründlich zu beantworten Aufbau)?
Gehen Sie diese Schritte dann im Hauptteil ab.
Geben Sie dann die Antwort im Fazit, und sagen Sie außerdem, welche Fragen sich aus dieser Antwort wiederum entwickeln ließen oder für welche Themenfelder die Antwort relevant ist (der sogenannte Forschungsausblick, ebenfalls im Fazit).
Einfach Schritt für Schritt. Sie schaffen das, viel Erfolg!"
Berechnet hat er dafür: nichts.