NFL: Die Guardian Cap soll den American Football sicherer machen - DER SPIEGEL
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Polsterhelm und neue Anstoßregel So will die NFL den Football sicherer machen

Zur neuen NFL-Saison gibt es Innovationen, die Spieler besser vor Gehirnerschütterungen schützen sollen. Doch gänzlich ungefährlich wird der Sport dadurch nicht.
Jared Pinkney von den Los Angeles Rams mit einem Guardian Cap über seinem Helm
Jared Pinkney von den Los Angeles Rams mit einem Guardian Cap über seinem Helm

Jared Pinkney von den Los Angeles Rams mit einem Guardian Cap über seinem Helm

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Scott Taetsch / Getty Images

Die NFL versucht in der neuen Saison, ihren Sport sicherer für die Spieler zu machen. Wie die US-Profiliga im American Football bereits im April verkündete, dürfen die Spieler ab der Saison 2024/2025 die sogenannten Guardian Caps tragen: Polsterhüllen, die über die normalen Helme gestülpt werden.

Ab der kommenden Spielzeit, die am 6. September (2.20 Uhr, TV: RTL, Stream: DAZN) mit dem Spiel des Titelverteidigers Kansas City Chiefs gegen die Baltimore Ravens beginnt, sind Guardian Caps auch in regulären Saisonspielen zugelassen.

Wie sich jetzt zeigte, nehmen einige Spieler das Angebot bereits wahr. In Vorbereitungsspielen trugen mehrere NFL-Profis die Polsterhauben mit dem eigentümlichen Look über ihren Helmen. Darunter war auch der Runningback Jonathan Taylor von den Indianapolis Colts, einer der bestbezahlten Spieler in der ganzen Liga.

Jonathan Taylor gehört zu den besten Laufspielern im American Football

Jonathan Taylor gehört zu den besten Laufspielern im American Football

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John Mersits / ZUMA Press Wire / IMAGO

Viele NFL-Spieler dürften die Guardian Caps bereits kennen. Vor zwei Jahren wurden die Schutzhüllen von der NFL vorgestellt, seit 2023 sind Spieler auf bestimmten Positionen in jedem Training mit Vollkontakt zum Tragen der Guardian Caps verpflichtet.

Im Football gibt es häufig Gehirnverletzungen

Anlass der Neuheit ist das Risiko für Footballer, bei ihrem Sport Gehirnerschütterungen zu erleiden. Durch Forschungen ist seit Mitte der Nullerjahre immer klarer geworden, wie gefährlich die häufigen Kopftreffer für die Gehirne von Footballspielern sind. In dem Zusammenhang geht es meist um die Diagnose der chronisch-traumatischen Enzephalopathie (CTE).

Zu den typischen Symptomen der degenerativen Hirnkrankheit gehören kognitive Defizite und Störungen, wodurch sich in einigen Fällen krasse Verhaltensveränderungen entwickeln können. Immer wieder gibt es Berichte über Ex-Profis, die nach ihrer Karriere gewalttätig wurden. Der wohl berühmteste Fall ist Aaron Hernandez, der 2017 im Alter von 27 Jahren Suizid beging, nachdem er zwei Jahre zuvor wegen Mordes verurteilt worden war. Posthum wurde bei ihm ein besonders schwerer Fall von CTE festgestellt.

Die Boston University gab 2022 an, dass die Krankheit bereits bei 315 ehemaligen NFL-Profis diagnostiziert wurde.

Experte kritisiert Maßnahmen als Ablenkungsmanöver

Der Umgang mit dem Bekanntwerden solcher brisanten Informationen war für die Footballwelt kompliziert. Zunächst probierten es Interessenvertreter der NFL mit Verharmlosung, die Glaubwürdigkeit von Studien zu CTE wurde angezweifelt. Die wissenschaftliche Beweislage war aber überwältigend, sodass die NFL nachgeben musste und sich nun seit einigen Jahren selbst darum bemüht, den Sport sicherer zu machen – oder zumindest um den Anschein danach.

Seit ein paar Jahren etwa gibt es strenge Regeln zum Einsatz von Spielern, bei denen kürzlich eine Gehirnerschütterung festgestellt wurde. An den schrumpfenden Footballnachwuchs und ans Ausland gerichtet, versucht es die NFL mit der kontaktlosen Spielvariante Flag Football, die in Los Angeles 2028 erstmals bei Olympia stattfinden wird.

In einem SPIEGEL-Interview wertete der Mediziner Chris Nowinski von der Havard University derartige Maßnahmen nur »als Marketingentscheidungen und keine wirklichen Investitionen in etwas, das den NFL-Spielern langfristig helfen wird. Experten sagen, dass ein Wechsel der Helme nur sehr wenig bringt.«

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Die NFL verspricht im Falle der Guardian Caps aber eine klare Verbesserung. Laut Dr. Allen Sills, medizinischer Leiter der NFL, könnte mit den neuartigen Helmüberzügen die Zahl der Gehirnerschütterungen um 50 Prozent sinken.

Den Wirkungsgrad der Polsterhüllen gibt die NFL so an: Bei Kopfkontakt sei die Krafteinwirkung bis zu zehn Prozent niedriger, wenn mindestens ein Spieler einen Guardian Cap trage – und bis zu 20 Prozent niedriger, wenn beide einen trügen.

Ob diese Zahlen stimmen oder nicht, im Umfeld der NFL gibt es einigen Zuspruch für die Guardian Caps. Der ESPN-Experte Adam Schefter war in der Sendung des Ex-Profis Pat McAfee zu Gast  und wirkte bereits überzeugt. »Das wird nicht über Nacht gehen. Aber für mich ist es nur eine Frage der Zeit, bis mehr und mehr Spieler das tragen. Wenn Spieler realisieren, dass sie damit besser geschützt sind, werden sie die Helme aufsetzen«, sagte Schefter.

McAfee stimmte zu, hatte bloß einen Einwand: »Es sieht halt ein bisschen komisch aus. Als hätte man ein Kissen auf dem Kopf«, sagte er und traf damit einen wichtigen Punkt. Helme sind neben dem Logo und den Trikots der wichtigste Teil der Corporate Identity eines NFL-Teams. Dieses optische Element jetzt zu verändern, dürfte einigen Beteiligten etwas Überwindung abverlangen.

Neue Regel beim Kickoff

Wo Spieler und Teams hingegen überhaupt keine Wahl mehr haben, ist ein Spielzug, der in jeder Partie vorkommt: der Kickoff.

Zu Beginn jeder Spielhälfte und der Verlängerung sowie nach jedem Touchdown und nach jedem Field Goal gibt es diesen Kickoff. Der lief bislang – etwas vereinfacht und in der für diesen Kontext wesentlichen Variante – so ähnlich ab wie beim Kinderturnen »Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?«. Nur mit mehr Muskeln.

Das eine Team brachte den Ball mit einem weiten Schuss in die gegnerische Hälfte und rannte gleich hinterher. Drüben, wo der Ball ankam, fing ein einsamer Spieler des anderen Teams den Ball und versuchte, damit an den Gegnern vorbeizuschlüpfen und so weit wie möglich zurück in die andere Hälfte zu kommen. Seine Mitspieler postierten sich vor ihm als Schutzreihe gegen die heransprintenden Muskelberge, die nur ein Ziel hatten: den Ballträger zu rammen.

Bislang konnte man beim Kickoff viel Anlauf nehmen für das Tackle

Bislang konnte man beim Kickoff viel Anlauf nehmen für das Tackle

Foto:

Jim McIsaac/ Getty Images

Ein Geschehen, das dem Bild zweier mittelalterlicher Armeen ähnelt, die auf einem offenen Schlachtfeld aufeinandertreffen: geschlossene Reihen mit viel Anlauf, Einsatz – und voller Wucht beim Aufprall. Eine der gefährlichsten Spielsituationen im Football.

Ab sofort läuft der Spielzug ein wenig anders. Nur noch der Spieler, der den Ball fängt, bekommt viel Anlauf, ehe er auf die Gegner trifft. Die großen, schweren Jungs in Angriff und Verteidigung stehen sich aber nur fünf bis zehn Yards entfernt gegenüber und dürfen sich erst bewegen, wenn der Ball gefangen wurde. Dadurch wird der Kampf um den Raum eher zum Gedränge als zum Massencrash mit Höchstgeschwindigkeit.

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Das Ziel: Häufiger soll überhaupt gewagt werden, den Ball zurück in die gegnerische Hälfte zu tragen. Zwar geht es, wie so oft in der NFL, auch um Spannung und Spektakel, weil mit der alten Regelung viele Kickoffs abgeschenkt wurden, indem der Ballträger mit dem Knie zu Boden ging, um kein Risiko einzugehen. Dadurch entstanden keine echten Spielzüge, was jetzt wegen Details im Regelwerk nicht mehr möglich ist. Es geht aber auch darum, die Kollisionen abzumildern.

Doch allzu sanft sieht dieses Getümmel immer noch nicht aus. Ob mit viel Anlauf oder nicht, mit Helm oder ohne, Football wird gefährlich bleiben, das liegt im Wesen dieser Mischung aus Ball- und Kampfsportart.

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