Chancengleichheit im US-Basketball Die NBA schafft das Michael-Jordan-Modell ab
Tyrese Haliburton hat die Indiana Pacers in die NBA Finals geführt
Foto:Michael Conroy / AP
Dynastien sind das Fundament, auf dem die NBA ihre globale Marke gebaut hat. In ihrer knapp 80-jährigen Geschichte hat sich die stärkste Basketballliga der Welt immer über dominante Mannschaften oder zumindest einzelne Galionsfiguren inszeniert. Doch die Zeiten haben sich geändert.
In der Nacht (2.30 Uhr, Stream: DAZN) beginnt die Finalserie zwischen den Indiana Pacers und Oklahoma City Thunder. Schon vor der letzten Playoff-Runde stand fest: Die NBA wird in sieben Jahren ihren siebten unterschiedlichen Meister krönen – ein Novum.
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Bis 2018 war die Liga berechenbarer. Die Protagonisten und Handlungsstränge waren klar: In den 2010er-Jahren herrschte LeBron James, gestoppt nur von den nahezu unschlagbaren Golden State Warriors. Zwischen 1999 und 2010 gewannen die Los Angeles Lakers um Kobe Bryant oder die San Antonio Spurs um Tim Duncan neun von zwölf Titeln. Und davor setzte Michael Jordan mit Dominanz und Charisma neue Maßstäbe, unterstützt von einer Liga, die seinen Kultstatus gezielt inszenierte. Jede Dekade – mit Ausnahme der Siebzigerjahre – hatte ihre eigenen Dynastien, die fast alle Titel unter sich ausmachten. Heute hingegen herrscht mehr Chancengleichheit.
So stark war die NBA noch nie
Diese neue Parität ist kein organisches Produkt, entstanden durch eine eigenständige Wettbewerbsdynamik zwischen 30 Teams, sondern das Ergebnis verschiedener Entwicklungen, von denen zumindest einige zur bewussten Strategie der Liga gehören.
Zum einen war die Wettbewerbsdichte noch nie so hoch wie aktuell. Basketball ist ein globaler Sport, die Förderung besser denn je, aus aller Welt strömen Talente in die NBA. Nicht nur für Ruhm und Ehre, sondern auch für sagenhaften Reichtum. Selbst Ergänzungsspieler und Aussortierte verdienen achtstellig, diese Saison gab es 85 Spieler mit einem Jahresgehalt von mindestens 20 Millionen US-Dollar.
Das ergibt einen Schneeballeffekt: Mehr internationale Spieler wollen in die NBA wegen der enormen Löhne, was der Liga mehr Reichweite im Ausland verschafft, was wiederum langfristig die Gehälter steigert. Und so weiter.
Der Serbe Nikola Jokić gilt seit Jahren als bester Basketballer der Welt
Foto:David Zalubowski / AP / dpa
Der globale Talentpool produziert Hochbegabte in Serie. Die Weltspitze wird breiter, ganz oben kommen selbst die besten Amerikaner nicht mehr an den neuen internationalen Superstars vorbei: Jüngst wurde mit dem Kanadier Shai Gilgeous-Alexander von Oklahoma City zum siebten Mal in Folge ein Ausländer zum MVP gewählt. Heute spielen sogar in den meisten schlechten Teams ein oder zwei Jungspieler mit Riesenpotenzial, während früher gefühlt einem Drittel aller Mannschaften jeder Anlass für Hoffnung fehlte. Das ligaweite Niveau ist höher denn je.
Zum anderen greift die Liga selbst mit scharfer Regulation in den Wettbewerb ein. Star-Ensembles wie einst die Golden State Warriors oder aktuell die Boston Celtics haben ein Ablaufdatum, seitdem im Sommer 2023 die neue Betriebsvereinbarung der NBA in Kraft getreten ist.
Eine der entscheidenden Änderungen ist das sogenannte Second Apron, eine strenge Finanzschranke für Teams, die mit ihrem Kaderetat weit über der Gehaltsobergrenze liegen. Die Details sind sehr kleinteilig, grob vereinfacht drohen diese Folgen:
Hohe, progressive Geldstrafen, die selbst den mehreren Milliarden schweren Teameignern wehtun. Golden State etwa lag für die Saison 2023/2024 etwa 44 Millionen US-Dollar über dem Second Apron. Dafür wurden obendrein Strafzahlungen von rund 177 Millionen US-Dollar fällig.
Strenge Restriktionen auf dem Transfermarkt, die kaum noch Kaderveränderungen ermöglichen.
Zurücksetzung in der Reihenfolge der Draft, der jährlichen Talentauswahl der NBA.
Kein Team kann solche Strafen allzu lange aushalten, zumal ein teurer Kader angesichts der Wettbewerbsdichte noch lange keinen Playoff-Erfolg, geschweige denn eine Meisterschaft verspricht. Die Ära der Superteams scheint vorbei.
Was will die NBA erreichen?
»Das Ziel ist sicherlich nicht, Dynastien zu verhindern«, sagte Ligaboss Adam Silver auf einer Pressekonferenz 2023. »In dieser Liga werden Superstars und gut geführte Franchises immer noch überproportional viele Meisterschaften gewinnen«, so Silver: »Es war aber nicht gut für die Liga, dass es fraglos eine Korrelation zwischen Ausgaben und der Teamqualität gab.« Die Fans interessierten sich laut Silver nicht dafür, »wenn Teams sozusagen Meisterschaften kaufen«.
Das sollte in der NBA eigentlich ohnehin unmöglich sein, immerhin gibt es eine Gehaltsobergrenze. Jedes Team darf nur einen gewissen Gesamtbetrag für Spielergehälter ausgeben, das ist aber keine harte Grenze, man kann durchaus drüber landen. Wer mehr bezahlt, muss zur Strafe eine Luxussteuer an die Liga zahlen, was manche Teameigner bereitwillig hingenommen haben.
Vereinte Kräfte: Stephen Curry und Kevin Durant bei den Golden State Warriors 2017
Foto: Ezra Shaw / AFPErneut taugen die Golden State Warriors als Beispiel. Seit der Übernahme durch die Eigentümer Joe Lacob und Peter Gruber haben die Warriors rund 678 Millionen US-Dollar Luxussteuer gezahlt, mit Abstand ligaweiter Topwert in dem Zeitraum. Gleichzeitig sind sie in dem gleichen Zeitraum mit vier Meisterschaften und sechs Finalteilnahmen das klar erfolgreichste Team. Zwei dieser Titel kamen, nachdem die Warriors zu ihrem Star-Ensemble 2016 auch noch Kevin Durant hinzufügten, einen der besten Spieler seiner Generation. Die Golden State Warriors waren, angelehnt an Real Madrid im Fußball, die »Galácticos« des Basketballs.
Lieber Football als Fußball
Offenbar diente der Fußball der NBA bei ihrer neuen Strategie als Abschreckung. Verhältnisse wie in den europäischen Topligen, wo Chancengleichheit zum Fremdwort geworden ist, will Silver unbedingt vermeiden. Das Vorbild ist eher die NFL. Die Footballliga ist die kommerziell erfolgreichste Sportliga der Welt, gemessen an TV-Einschaltquoten der klare Platzhirsch im US-Sport. Dort ist der Wettkampf unberechenbar, selbst die schlechtesten Kellerteams schaffen es mit ein paar smarten Entscheidungen innerhalb weniger Jahre zum Super-Bowl-Anwärter.
Allerdings bringt selbst die NFL dominante Teams hervor, etwa die von Tom Brady angeführten New England Patriots oder aktuell die Kansas City Chiefs mit Patrick Mahomes. Wenn sich geniale Spieler und Trainer am gleichen Ort treffen, entsteht nun mal Besonderes, worauf eine Liga nur schwer Einfluss nehmen kann.
Der NBA-Chef weiß, dass seine Liga von solchen Dynastien profitiert hat und das auch weiter tun würde, weil sie Strahlkraft und einfache Narrative erzeugen, was nicht alle Fans gleich langweilig finden, sondern teilweise zelebrieren. »Gleichzeitig hört man von Fans, dass solche Teams auf die richtige Weise entstehen sollen«, sagt Silver. Eine Anspielung darauf, wie einzelne Stars trotz ihrer Titelgewinne von der Fancommunity im Netz verhöhnt werden, weil sie es sich mit ihren Wechseln angeblich leicht gemacht hätten.
Adam Silver führt die Geschicke der NBA seit 2014
Foto: Nate Billings / AP / dpaViele Fans möchten heute das, was sie als organische Meisterschaften preisen. Wessen Team durch Absprachen einzelner Superstars und spektakuläre Wechsel entstanden ist, hat eine Abkürzung genommen – der Erfolg gilt dann weniger, als wenn eine Sammlung von Eigengewächsen durch langfristige Zusammenarbeit gemeinsam zum Champion gereift ist.
Die NBA braucht keinen Michael Jordan
Silvers Logik zufolge wären derartige Dynastien also okay, wobei der Commissioner die wichtige Information ausspart, dass das Second Apron selbst organische Meisterteams betrifft. Finalteilnehmer Oklahoma City, das derzeit auf junge Eigengewächse setzt, wird seinen Kern irgendwann aufbrechen müssen, wenn Gehaltserhöhungen anstehen. Früher konnten Teams ihre Eigengewächse halten, solange sie zahlungsbereit waren. Heute greift die neue Regel unabhängig davon, ob ein Team durch Transfers oder Gehaltserhöhungen für eigene Spieler über die Grenze kommt.
Schon bald wird das Team von Oklahoma City womöglich kaum wiederzuerkennen sein
Foto: Nate Billings / AP / dpaOffenbar möchte die NBA ganz bewusst keine Dynastien mehr haben. Damit will die Liga aber nicht nur den Wettbewerb hüten, es geht natürlich auch ums Geld. Früher waren die Medienpartner der Liga auf Überteams und Stars wie Jordan angewiesen, um möglichst viele Zuschauer vor das lineare Fernsehen zu locken, weil darin das große Geld steckte. Besonders funktioniert das, wenn jene Teams in großen Medienmärkten spielten: Los Angeles, New York City, Boston, Chicago und so weiter.
Nun dominiert das Internet. Die NBA erreicht heute ein globales Publikum. In China ist sie die populärste Profisportliga überhaupt – noch vor allen Fußballwettbewerben. Und was schert es einen basketballverrückten Teenager aus Guangzhou oder Wuhan, ob das Spektakel auf seinem Smartphone nun in New York City gefilmt wurde oder in Oklahoma City, einer Stadt, die außerhalb der USA höchstens für Tornados bekannt ist. Heute bestimmen der Inhalt und dessen Inszenierung die mediale Reichweite, nicht mehr die persönliche Identifikation mit einer Stadt oder Region geschweige denn der Einzugsbereich einzelner Teams.
Die NBA will kein einzelnes Flaggschiff mehr – sondern eine ganze Flotte. Je mehr Teams es mal nach ganz oben schaffen, desto mehr Geschichten kann man verkaufen.