Die Schumacher-Dekade Regengott Reloaded
F1-Legende Schumacher: Zwischen Überschlag und überholen
Kommt er wirklich zurück? Fährt Michael Schumacher bald wieder in der Formel 1, dieses Mal für Mercedes?
Seit Tagen wird über ein Engagement beim neuen GP-Team der Schwaben spekuliert. Immer weitere Dementis folgen auf angebliche Vollzugsmeldungen. Keiner von denen, die es wissen könnten, will etwas Konkretes sagen.
Wirklich überraschen würde eine Rückkehr allerdings kaum. Schon im Sommer gab es eine Comback-Drohung. Damals wollte der Formel-1-Rentner ins Cockpit von Ferrari steigen. Zeitungen in halb Europa hievten Schumacher daraufhin auf die Titelseiten. In Spanien jubelte "Marca": "Der Mythos kehrt zurück." Die englische "Sun" schrieb: "The Schu goes on". Eine Halswirbelverletzung, erlitten Anfang des Jahres bei einem Motorradunfall, verhinderte dann jedoch den Wiedereintritt.
Und jetzt also Mercedes. Schumacher und die Formel 1 - sie können offenbar nicht ohne einander.
Vor rund drei Jahren hat der Kerpener den Ferrari abgestellt und seine Karriere im Alter von 37 Jahren beendet. Seither gab es wenig bunte Geschichten für den Boulevard, kaum bemühte Auftritte in TV-Shows. Es war ein würdevoller Abschied. Allenfalls gelegentliche Meldungen über Fallschirmsprünge und Ausflüge in den Motorradsport stören das Bild vom entspannten Ruheständler.
Keiner der üblichen Comeback-Gründe trifft auf ihn zu: Finanzielle Not? Mit Sicherheit nicht. Das manager magazin taxiert sein Vermögen auf rund 500 Millionen Euro. Der frühere Ferrari-Pilot ist demnach der zweitreichste Sportler aller Zeiten - hinter Tiger Woods.
Ist es also der letzte Griff nach bislang vermissten sportlichen Erfolgen und öffentlichem Prestige? Die Zahlen sprechen gegen diese These: 91 Siege, 154 Podestplätze, 1369 WM-Punkte, 68 Pole Positions, 76 schnellste Rennrunden - kein anderer Fahrer hat eine ähnliche Bilanz vorzuweisen. Hinzu kommen weitere Rekorde und Auszeichnungen. 1995 und 2004 wird er zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt, eine Kurve auf dem Nürburgring trägt seit 2007 seinen Namen.
Der beste Formel-1-Pilot seiner Zeit
Schumacher selbst gab im Sommer als Grund für sein Comeback die Verbundenheit zu Ferrari an. Der Deutsche ist über die Jahre hinweg ein Teil der roten Familie geworden. Und auch mit Mercedes verbindet Schumacher etwas. Mit 21 fuhr er im Werks-Team des Herstellers, angeblich half ihm dieser beim Einstieg in die Formel 1.
Die Erinnerung an frühere Zeiten mag eine Rolle spielen. Doch gibt es gewichtigere Gründe für die Rückkehr des Altmeisters. Denn warum sollte ein etablierter Rennstall einen Fahrer in den Boliden setzen, der wahrlich nicht mehr zu den Jüngsten zählt - und nicht gerade billig ist? Und warum sollte sich ein Multimillionär den Gefahren und dem Stress in der höchsten Rennklasse aussetzen?
Um die sich abzeichnende Liaison zwischen Schumacher und Mercedes zu verstehen, muss man einen Blick auf die vergangenen zehn Jahre werfen. Schumacher war der beste Formel-1-Pilot seiner Zeit, der bedeutendste deutsche Sportler in den frühen Jahren des dritten Jahrtausends.
Dabei sah es zunächst nicht nach einer Karriere der Superlative aus. Nach einem rasanten Start Mitte der neunziger Jahre ist Schumacher mittlerweile vier Jahre ohne Fahrertitel. Zweimal ist er während seiner Zeit im Benetton von 1991 bis 1995 zur Weltmeisterschaft gerast (1994 und 1995). Seit seinem Wechsel zu Ferrari jedoch gelang bislang nur der Triumph bei den Konstrukteuren (1999). Schumacher steuert damals geradewegs in die Durchschnittlichkeit.
Doch nun folgt ein halbes Jahrzehnt der scheinbaren Unbesiegbarkeit. WM-Titel drei bis sieben fährt er ohne Unterbrechung ein, setzt sich selbst sein Denkmal. In einer Forsa-Umfrage im Herbst 2003 nennen 19,5 Prozent der online Befragten auf die Frage, "Zu wem schauen Sie auf, wem eifern Sie nach?", den Namen des Rennfahrers. Er läuft auf Rang 21 ein, eingerahmt von den Altbundeskanzlern Helmut Schmidt und Konrad Adenauer. Der Spitzenplatz geht an "meine Mutter".
Überlegenes Material als wichtiger Faktor seiner Dominanz
In diesen Jahren der Dominanz beweist Schumacher, dass er ein kompletter Rennfahrer ist. Er etabliert jenen Mythos der Unbesiegbarkeit, der ihm bis heute anhaftet - und der wohl einer der Gründe für die Comeback-Euphorie sein dürfte. Schumacher wird zum Musterfahrer der Formel 1.
Er dominiert auf und neben der Piste. Er studiert das Innenleben der Boliden, kennt die Funktionsweise der meisten Bauteile, verbringt unzählige Stunden mit Technikern und Ingenieuren. Immer wieder sucht er mit ihnen nach der perfekten Abstimmung des Autos, fordert Disziplin, lebt sie selbst vor. Erwirbt sich auch auf diese Weise den Respekt der Ferrari-Crew: "Schumacher trug dazu bei, Siegerautos zu bauen. Er hat eine unglaubliche Beziehung zum Team aufgebaut und war in elf Jahren ein Vorbild", so Luca Baldisseri, mehrere Jahre lang Schumachers persönlicher Renningenieur.
Schumacher treibt die Mannschaft dazu, den zuverlässigsten Rennwagen dieser Jahre zu bauen. Das überlegene Material ist ein wichtiger Faktor seiner Dominanz. Der Deutsche übernimmt auch außerhalb des Teams Verantwortung, ist seit 1994 bis zu seinem Karriereende Direktor der Fahrervertretung GPDA (Grand Prix Drivers' Association).
Seine technologische Akribie kombiniert Schumacher mit einem fahrerischen Können, das lange Zeit seinesgleichen sucht. Er zeigt speziell bei nassen Bedingungen immer wieder fehlerfreie Leistungen, während sich seine Konkurrenten reihenweise von den Strecken drehen. Trotz Wasser auf der Piste, gelingt es ihm, seinen Boliden sicher - und vor allen Dingen meist schneller als seine Gegner - um die Rennkurse des Planeten zu jagen.
Lichtgestalt in der Krise
Unvergessen ist sein Sieg bei Monsunregen 2001 in Malaysia. Er gewinnt trotz Strategiepanne beim Reifenwechsel, als er über eine Minute hinter seinem zeitgleich an die Box gefahrenen Teamkollegen Rubens Barrichello warten muss. Nicht zuletzt auf der häufig von schlechtem Wetter betroffenen Strecke von Spa gelingen Schumacher legendäre Erfolge. Insgesamt sechsmal gewinnt er dort. Siebenmal triumphiert er in Imola und Montréal, gar achtmal in Magny-Cours. Kein Fahrer kann eine ähnliche Siegesliste vorweisen.
Und genau so eine Lichtgestalt kann die Formel 1 gut gebrauchen. Die Rennklasse hatte 2009 eine schwere Krise zu überstehen. Große Autobauer waren auf Sparkurs gegangen, hatten ihr Engagement eingestellt. Skandale und Machtkämpfe beschäftigten die Verantwortlichen teilweise mehr als das Geschehen auf der Piste. Echte Stars mit globaler Zugkraft sucht man vergebens. Da fällt es schwer, das eigene Publikum zu begeistern.
Gerade für einen Hersteller wie Mercedes sind in dieser Situation Siege wichtig, um das teure Engagement in der Formel 1 zu legitimieren. Schließlich kämpfen der Autobauer und seine Mitarbeiter wie die meisten Wettbewerber mit Absatzeinbrüchen, schrumpfenden Erlösen und Kurzarbeit. Da fällt es schwer eine Begründung dafür zu finden, das Millionen im Rennzirkus verbrannt werden.
Zumal die Bilanz der Silberpfeile in der zurückliegenden Saison nicht gerade berauscht. Lewis Hamilton gelangen im McLaren nur zwei Siege (Ungarn und Singapur), in der Konstrukteurswertung landete man mit 71 Punkten chancenlos auf Rang drei (Brawn GP: 172, Red Bull: 153,5). Dazu kam die Lügenaffäre um Hamilton nach dem Auftaktrennen in Australien und der vollkommen missglückte Boxenstopp von Heikki Kovalainen in Brasilien, als der Finne den Tankschlauch mitriss und auslaufendes Benzin den Ferrari von Kimi Räikkönen kurzfristig in Flammen setzte.
Das könnte sich mit dem Superfahrer Schumacher im neu geformten Team Mercedes GP ändern.
Brennender Ehrgeiz
Denn da gibt es noch einen weiteren Charakterzug, der die Dominanz des roten Regengottes in seiner aktiven Zeit betoniert hat: sein brennender Ehrgeiz, der selbst von persönlichen Tragödie nicht gebändigt werden kann. Es ist der 20. April 2003 in Imola, als er mit seinem Siegeswillen die einen staunend zurücklässt, die anderen kopfschüttelnd.
Tausende Ferraristi jubeln Schumacher damals zu, der wenige Minuten zuvor im vierten Grand Prix des Jahres seinen ersten Saisonsieg eingefahren hat. Der damals 34-Jährige aber steht gesenkten Hauptes auf dem Podium, kämpft mit den Tränen. Um den rechten Arm trägt er Trauerflor, verlässt die Strecke wenig später. Schumachers Mutter ist gerade gestorben, mit Bruder Ralf hat er sich dennoch zum Start entschlossen. "Meine Mutter liebte es, uns Rennen fahren zu sehen", sagt Schumacher später. "Sie hätte gewollt, dass wir dieses Rennen fahren, da bin ich mir sicher." Jeder hätte es verstanden, wenn Schumacher seinen Wagen hätte stehen lassen. Doch er startete - und gewann.
Sein extremer Ehrgeiz macht den Wahlschweizer Schumacher nicht nur zu einer sporthistorischen Person und unfassbar reich, er manövriert ihn auch immer wieder in Situationen, die seiner Reputation schaden. Die fahrerischen Glanzleistungen überwiegen zwar im Gedächtnis der Motorsportfans rund um den Globus, unfaire Manöver jedoch sind ihnen ebenfalls in Erinnerung.
Der "unsportlichste Pilot in der Geschichte"
Schon in seinen frühen Jahren nutzte er jedes Mittel. 1994 rammt er beim Saisonfinale Kontrahent Damon Hill von der Strecke, holt so seinen ersten Titel. Viele Jahre später wird Hill sagen: "Es ist nicht so schlimm, vom besten Fahrer besiegt worden zu sein, der je gelebt hat. Ich war quasi der erste Christ in der Löwengrube. Jetzt, wo er jeden geschlagen hat, fühle ich mich nicht mehr so schlecht." 1997 folgt ein ähnliches Manöver gegen Jacques Villeneuve. Der Kanadier kann weiterfahren und wird Champion, Schumacher wegen Unsportlichkeit aus der Saisonwertung ausgeschlossen. Villeneuve sagt später: "Michael ist einfach kein großartiger Champion. Er hat zu viele schmutzige Tricks benutzt."
Doch Schumacher bleibt seinem harten Stil treu. 2006 stellt der Ferrari-Pilot sein Auto kurz vor Ende des Qualifyings in Monte Carlo mitten in der Rascasse-Kurve und nimmt so seinen Gegnern die Möglichkeit einer abschließenden schnellen Runde. Absichtlich, wie ihm die Kommissare vorwerfen. Dem SPIEGEL sagte Schumacher kürzlich zu dieser Thematik : "Als ich in die Formel 1 kam, wurden Fahrer noch dafür gefeiert, dass sie alle Mittel einsetzten. Das war damals eine Art Grundverständnis."
Schumacher ist einer, für den nur der Sieg zählt. Konkurrenten kritisieren immer wieder seine teils überharten und ihrer Meinung nach zu riskanten Manöver: "Michael denkt so kompromisslos an den Erfolg, dass er auf nichts Rücksicht nimmt, wenn er um den eigenen Vorteil kämpft", sagte einst der frühere Formel-1-Pilot Gerhard Berger, bis 1997 aktiv. Der zweifache Weltmeister Fernando Alonso nannte Schumacher den "unsportlichsten Piloten in der Geschichte".
Ein neues Kapitel der Legende Schumacher?
Im Rückblick geraten die unfairen Volten jedoch in Vergessenheit. Was bleibt ist der Mythos vom ehrgeizigsten und verbissensten Rennfahrer seiner Dekade. So etwas legt man nicht einfach ab wie den Helm nach dem Rennen. Der unbedingte Siegeswille gehört zu Schumacher wie der Boxenstopp zum Rennen. Seine Experimente als Motorradfahrer haben es ja schon angedeutet: Dieser Mann kann nicht ohne Wettkampf.
Noch ist es nicht sicher, ob Schumacher in der kommenden Saison seine Erfolgsgeschichte weiterschreiben wird. Schon im August musste der italienische "Corriere della Sera" enttäuscht am Ende feststellen: "Auch Schumi ist nur ein Mensch." Die Schlagzeilen für die kommenden Wochen werden erst noch geschrieben. Ob sie dann Hoffnung oder Enttäuschung transportieren werden, ist in diesem Moment im Dezember noch unklar.