F-1-Köpfe Newey und Brawn: Design oder Nichtsein - DER SPIEGEL
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F-1-Köpfe Newey und Brawn Design oder Nichtsein

Technikgenie der eine, begnadeter Stratege der andere: Ross Brawn und Adrian Newey bestimmen seit Jahren die Formel 1. Immer wieder trug ihre Expertise zum WM-Gewinn eines Fahrers bei. Das könnte auch 2010 so sein, wenn das Dreamteam Brawn-Schumacher wieder zusammen ist.
Von Hartmut Lehbrink
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F-1-Genies Newey und Brawn: Titel en masse

Foto: Mark Thompson/ Getty Images

In der vergnügten Dreieinigkeit von Sebastian Vettel, Mark Webber und Jenson Button auf dem Podium bildete sich im Zauberlicht von Abu Dhabi der letzte Stand der Dinge ab - in mancherlei Hinsicht: Die zwei Red-Bull-Piloten und der Weltmeister im Brawn GP waren - gemeinsam mit Rubens Barrichello - die bestimmenden Fahrer des Jahres 2009. Ihr Dank nach dem letzten von 17 Saisonrennen galt den Teammitgliedern, die sie monatelang um den Globus begleitet hatten, unter ihnen zwei Männer, die seit Jahren ein bedeutender Teil der Formel 1 sind: Ross Brawn und Adrian Newey. Der eine Kopf vom Sensationsteam 2009, Brawn GP, der andere Technischer Direktor beim österreichischen Emporkömmling der vergangenen Jahre, Red Bull Racing.

Vergleichsweise karg gefüllten Kassen zum Trotz hatten Brawn GP und Red Bull Racing die Saison faktisch untereinander ausgemacht, abgesehen von drei Kers-gepowerten Höhenflügen der üblichen Verdächtigen McLaren (die beiden Hamilton-Siege in Budapest und Singapur) und Ferrari (Räikkönens erster Platz in Spa). Dem Grand-Prix-Jahrgang 2009 wohnte eine zähe Langzeit-Dynamik inne: Brawns anfänglicher Vorsprung durch Technik war bei Halbzeit aufgezehrt, als auch Newey seinen filigranen Boliden den zunächst kontrovers aufgenommenen Doppel-Diffusor hinzugefügt hatte.

Eines beweist die Genese der beiden aktuellen Top-Teams ohne Zweifel: Design oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Man arbeitet mit Tradition - ihr erneutes Ringen läutet, zumal nach dem Rückzug der Hersteller Honda, Toyota und BMW, die dritte Phase eines Wettstreits Brawn gegen Newey ein, der seit anderthalb Jahrzehnten in der Königsklasse des Motorsports ausgetragen wird.

Dabei könnten die beiden Männer mit der Schnittmenge Englisch als Muttersprache und dem genialen Händchen fürs Technische, verschiedener kaum sein. Ein Newey-Opus erkennt man an seiner ausgefeilten Aerodynamik, die für ihn indes stets erst im Kontext des komplizierten Gesamtorganismus eines Formel-1-Wagens Sinn macht. Newey brütet über vielerlei und zieht sich dabei häufig den Zorn der Fia-Ordnungshüter in Paris zu, zumal er Lücken und Ungereimtheiten im Regelwerk wie mit einer Wünschelrute aufspürt. Seine Geistesblitze wie eine frühe Hybridversion, das zweite Bremspedal als Steuerelement für die Hinterräder oder das drehmomentfühlende Sperrdifferential wurden flugs mit deren Bannfluch belegt.

Die Gabe, die richtigen Leute an die richtige Stelle zu setzen

Dazwischen lebt er, was er predigt, tobt sich selber aus am Lenkrad. Im historischen Rennsport ist Adrian Newey durchaus eine feste Größe, zeigte etwa beim Goodwood Revival 2008 eine Zeit lang Szenegrößen wie Jean-Marc Gounon, Peter Hardman oder Martin Stretton das Heck seines Jaguar "Lightweight" E-Type und unterzog sich sogar im Jahr zuvor in einem Ferrari F430 mit Gusto der Marathon-Strapaze der 24 Stunden von Le Mans.

Ross Brawn hingegen ist der begnadete Stratege, der auch in der Hitze des Gefechts stets den Überblick behält, ein großer Motivator und Menschenführer mit der Gabe, die richtigen Leute an die richtige Stelle zu positionieren. 2008 Honda Racing F1, 2009 Brawn GP, 2010 Mercedes GP, da geraten die Dinge auch diesseits der Boxenmauer schon mal in rasende Bewegung. Möglich gemacht hat's ein Mann - schön zu wissen in der Ära der Kollektive. Das Matrix-System etwa, eine Erfindung von Ex-McLaren-Boss Ron Dennis, dem man auch unter seinem Nachfolger Martin Whitmarsh bei den bislang exklusiv Silbernen huldigt, bringt die üblichen hierarchischen Pyramidenstrukturen mit einem "Namen" an der Spitze zum Einsturz und baut dafür auf Teamleistungen. Der noch radikalere "Toyota Way", der den Einzelnen zugunsten einer virtuellen Pan-Harmonie unterbuttert bis an den Rand der Anonymität, ist in der Formel 1 just spektakulär gescheitert.

Alle drei Benetton-Titel gingen auf Kosten der Liaison Williams/Newey

In den frühen Neunzigern war Brawn der Strippenzieher hinter den beiden ersten Schumacher-Championaten 1994 und 1995 sowie dem Markentitel 1995 für das Aufgebot im Benetton-Bunt. Des einen Nachtigall, des anderen Eule: Alle drei gingen auf Kosten der Liaison Williams/Newey, die 1992 und 1993 das Feld beherrscht hatte. Neweys Handschrift blieb gleichwohl spürbar bis in die beiden Williams-Weltmeisterschaften für Damon Hill (1996) und Jacques Villeneuve (1997). Trotz 58 gewonnener Grand Prix, vier Fahrer- und fünf Konstrukteurstiteln im Dienst des mächtigen Mannes im Rollstuhl fiel er am Ende dessen erratischer Personalpolitik zum Opfer und musste gar eine Zeit lang beim Rasenmähen aussitzen.

In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts hatte sich der bärbeißig-sensible Macher Brawn (Hobbys: Rosen züchten und Angeln) mit Scuderia-Boss Jean Todt, Designer Rory Byrne und Michael Schumacher als Vollstrecker auf der Piste zum "Dreamteam" zusammengefunden. Ausbeute mit Ablauf der Saison 2006: Ab 1999 sechs Konstrukteurskronen hintereinander, zwischen 2000 und 2004 fünf Titel für den alerten Deutschen. Hauptwidersacher in jenen Jahren war Newey-Arbeitgeber McLaren, dem dieser zu Mika Häkkinens beiden Kronen 1998 und 1999 sowie zum Marken-Championat 1998 verhalf. Die englischen Medien reimten, auf den Grand-Prix-Pisten tobe der Dauer-Zwist "Schuey versus Newey".

Wenn Michael Schumacher 2010 wieder in ein Brawn-Auto steigt, heißt es unter neuen Vorzeichen: Fortsetzung folgt.