F1-Saisonfinale: Quartalsweltmeister Barrichello - DER SPIEGEL
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F1-Saisonfinale Quartalsweltmeister Barrichello

Mit 32 hat Rubens Barrichello noch Träume. Der Ferrari-Pilot, der bis jetzt nie Weltmeister wurde, glaubt weiterhin, so gut zu sein wie Michael Schumacher. Doch erst seit dieser zum siebten Mal als Champion feststeht, siegt Barrichello öfter als sonst. Beim Heim-Grand-Prix in Brasilien stehen seine Chancen wieder schlecht.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dreimal Getriebe, zweimal Hydraulik, einmal die Aufhängung, einmal die Benzinpumpe, ein Motorschaden, ein Dreher, ein Zusammenstoß mit Ralf Schumacher - die Barrichellos Bilanz bei seinen Heimrennen in Brasilien sieht beeindruckend finster aus. Einmal, 1994, fuhr er in einem Jordan-Hart als Vierter durchs Ziel, ansonsten sah der Ferrari-Pilot noch nie die schwarz-weiß karierte Flagge.

Wenn am Sonntag also der Große Preis von Brasilien in Interlagos gestartet wird, dann sollte sich Barrichello, realistisch betrachtet, allenfalls darüber Gedanken machen, weshalb er wohl dieses Mal seinen roten Renner vorzeitig abstellen wird. Aber, nun ja, die Realität und Rubens - das sind mitunter zwei Welten, die nicht so recht zusammenkommen wollen. Oder?

Seit Barrichello 2000 zu Ferrari wechselte, wiederholt sich Jahr für Jahr das gleiche Schauspiel: Regelmäßig wie ein Metronom bekräftigt der Brasilianer die ausschließlich von ihm selbst vertretene Ansicht, dass er eigentlich genauso schnell sei wie Michael Schumacher, es ihm lediglich ein ganz winzig kleines bisschen noch an Akribie und Coolness mangele - aber letztlich sei es nur eine Frage der Zeit, bis er Schumacher schlagen und den WM-Titel erobern könne.

Ebenso regelmäßig ergießen sich dann aber statt des Siegeschampagners nur Hohn und Spott über den tapferen Südamerikaner, den etwa die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vor dieser Saison als "hartnäckigsten Beifahrer der Szene" titulierte. Anschließend geht dann alles weiter wie vorher: Schumacher siegt und wird Weltmeister, Barrichello hechelt hinterher und schafft bestenfalls Rang zwei der Gesamtwertung - in diesem Jahr zum dritten Mal. Die Rolle des Brasilianers ist also, von außen betrachtet, klarer definiert als die jedes anderen in der Formel 1: Er ist derjenige, der gefälligst die Punkte zu beschaffen hat, die Ferrari noch zum Konstrukteurstitel fehlen. Was er auch mit beachtlicher Zuverlässigkeit schafft.

Doch der Erkenntnisgewinn bei Barrichello bleibt gering. Ewig grüßt das Murmeltier, vor ein paar Tagen war es wieder so weit: Pünktlich zum Saisonfinale und dem Heimspiel in Interlagos beichtet "Rubinho", wie ihn seine Fans nennen, einem Reporter seine beiden sehnlichsten Wünsche: Der Gewinn des WM-Titels und ein Sieg in Brasilien. Immerhin, das ist beides statistisch ungefähr gleich unwahrscheinlich, zumindest bleibt sich Barrichello treu in Sachen Unerfüllbarkeit seiner Wunschträume.

Warum tut er sich das bloß an?

Man kann das alles natürlich auch andersrum betrachten. Als Barrichello trotz eines Angebots von BMW-Williams Anfang des Jahres seinen Vertrag bei Ferrari bis 2006 verlängerte, schüttelten Fans und Experten einhellig den Kopf. Warum tut er sich das bloß an, lautete, zusammengefasst, die Reaktion. Bloß - warum hätte er gehen sollen? Wenn Barrichello jemals eine Chance haben sollte, Schumacher zu besiegen, dann ohnehin nur bei Ferrari. Dass es für den Brasilianer reizvoller erschien, zumindest Zweiter zu werden an der Seite von Michael als höchstens Dritter neben dessen Bruder Ralf, ist also absolut nachvollziehbar.

Ambitionen, erst nach einem möglichen Abschied von Schumacher I Weltmeister zu werden, dürfte der treue Rubens darüber hinaus kaum hegen. 2006 ist mit großer Sicherheit Schluss für ihn bei Ferrari, zumal der Rennstall schon sehr offen sein Interesse an Kimi Räikkönen bekundet hat und in der Zukunft gern auch mal ein italienisches Talent ans Steuer lassen möchte.

Ob Barrichello aber in den kommenden zwei Jahren noch ganz nach vorn fahren kann, muss weiter bezweifelt werden. Sicher, falls ihm nun doch ein Super-Rennen am Sonntag gelingt, wäre es sein dritter Sieg in den letzten vier Rennen der Saison. Das sind genau die Ergebnisse, auf die sich der Berufsoptimist im roten Rennkittel bezieht, wenn er seine Chancen mal wieder hochrechnet. Im vergangenen Jahr etwa sicherte Barrichello durch seinen Sieg im japanischen Suzuka Schumachers Titel, zuvor hatte er den Abonnementsweltmeister bei sechs Rennen fünfmal im Training geschlagen. Klar, niemand ist dichter dran an Michael Schumacher als Rubens Barrichello. Nur bleibt der Abstand immer gleich.

Vielleicht sollte Barrichello, um seinen Seelenfrieden zu finden, einfach ein paar ganz private Wettbewerbe einführen, in denen er dann gewinnen darf. Beispielsweise könnte er das Rennjahr in Viertel unterteilen, so dass er zumindest "Formel-1-Weltmeister 2004, 4.Quartal" wäre. Oder sich selbst die imaginäre Trophäe des MCaZ, des "Mutigsten Chefbegießers aller Zeiten" verleihen - schließlich hat er Ferrari-Boss Luca di Montezemolo nach seinem Sieg in Shanghai den edlen italienischen Designeranzug mit reichlich ordinärem Schampus versaut.

Das, immerhin, würde ein Michael Schumacher nie wagen.

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