Formel 1 in Singapur Verstappens Funk ist defekt, er gewinnt. Bei Ferrari funktioniert die Technik, aber... nun ja
Red-Bull-Pilot Verstappen siegt beim Nachtrennen in Singapur, die Aufholjagd kommt aber wohl zu spät
Foto:Ng Han Guan / AP / dpa
Cccchhhhrrrrkkkrkksk: Als Max Verstappen über die Start-Ziel-Linie in Singapur fuhr und der Teamfunk im TV eingespielt wurde, um die obligatorischen Jubelschreie und Dankesworte zu übertragen, hörte man: nichts. Red Bull hatte beim Großen Preis von Singapur Probleme mit dem Funk, Verstappen schwieg oder war unter Rauschen kaum zu verstehen. Aber was soll's, stattdessen meldete sich sein Team, um dem Niederländer zu gratulieren, in die Richtung klappte die Übertragung. Auf Verstappens Performance hatte das Technikproblem ohnehin kaum Einfluss, ungefährdet sicherte sich Verstappen bei seinem 250. Grand Prix seinen ersten Erfolg beim Hauptrennen in Singapur und setzte sein Comeback nach dem Sieg in Malaysia fort.
Das Ergebnis: Hinter Verstappen komplettierten Charles Leclerc im Ferrari und Kimi Antonelli im Mercedes das Podium. Der 20-jährige Italiener hat rechnerisch die Chance, schon beim kommenden Großen Preis der USA zum jüngsten Formel-1-Weltmeister zu werden. Der einzige deutsche Fahrer, Nico Hülkenberg, holte als Achter Punkte für seinen Rennstall Audi. Für den WM-Zweiten, George Russell, reichte es nach seinem Crash im Qualifying und Startplatz 19 nur für den neunten Rang.
Der Start: »Der wichtigste Teil ist der Start«, analysierte Verstappen vor dem Rennen und entsprechend vehement verteidigte er seine Poleposition. Dabei war der Niederländer nicht gut weggekommen, schon sah er Leclerc im Ferrari neben sich, doch Verstappen behauptete seine Führung in Kurve eins auf der Außenlinie. Dahinter blieb zunächst alles beim Alten: Auf Leclerc folgte Lewis Hamilton im zweiten Ferrari, dann Antonelli vor den beiden McLaren von Lando Norris und Oscar Piastri.
Ferrari und die Strategie: Die Entscheidungen der Scuderia, wann welches Auto zum Reifenwechsel kommt, sind für den geneigten Zuschauer nicht immer nachvollziehbar. So auch in Singapur. Während Hamilton, der auf Mediumreifen gestartet war, als Erster der Top sechs in die Box kam und sich den schnelleren Softreifen aufzog, ließ Ferrari Charles Leclerc bis zur Runde 25 weiterfahren. Der Monegasse hatte da bereits rund neun Sekunden auf Verstappen eingebüßt. Nach einem relativ langsamen Stopp (3,1 Sekunden) kam Leclerc dann knapp vor dem heranrauschenden Hamilton auf die Strecke zurück und bremste seinen Teamkollegen ein.
Ferrari-Pilot Hamilton in der Boxengasse
Foto:Ng Han Guan / AP
Verdruss am Funk: Dessen Reaktion kam prompt. »Wir haben schon zwei Sekunden verloren auf der letzten Runde«, funkte Hamilton. Genutzt hat es nichts, Ferrari teilte ihm mit, dass er auf einer anderen Strategie unterwegs sei als sein Teamkollege. Leclerc kam in einer virtuellen Safety-Car-Phase (VSC) in Runde 40 noch mal in die Box und lag im Anschluss rund acht Sekunden hinter Hamilton auf Rang drei, der die VSC-Phase für keinen weiteren Stopp nutzte. Mit seinen älteren Reifen hatte der Brite keine Chance, bereits sechs Umläufe später musste Hamilton Leclerc passieren lassen.
Es kommt noch schlimmer: Hamilton wurde letztlich bis auf Rang sechs durchgereicht. In Runde 55 wurde er von Norris gejagt, bei dessen Überholversuch in Kurve eins musste Hamilton in den Notausgang, der dahinter lauernde Antonelli nutzte die Chance und ging gleich an beiden Konkurrenten vorbei. Lange konnte Hamilton den überrumpelten Norris dann aber nicht mehr hinter sich halten. Nach dem Rennen wurde allerdings ein Funkspruch übertragen, der darauf hindeutete, dass sich Hamilton dafür entschieden hatte, auf den älteren Reifen zu bleiben, anstatt mit einem zweiten Boxenstopp das Risiko einzugehen, Positionen zu verlieren. »Tut mir leid, Jungs, ich habe euch heute mit dieser Strategie im Stich gelassen. Das war meine Entscheidung, und ich habe uns wertvolle Punkte gekostet«, funkte er.
The Cardashians: Für Aufsehen im Fahrerlager sorgte US-Star Kim Kardashian, die mit Hamilton liiert sein soll und ihn in der Ferrari-Garage unterstützte. Sie gab Sky-Sports-Moderator Martin Brundle ein kurzes Interview, nannte die Formel 1 »fantastisch und wild« (»amazing and wild«) und entschuldigte sich bei Brundle, den der Reality-TV-Star in Monaco mit seinem Mikrofon noch hatte abblitzen lassen.
US-Star Kardashian (M.) auf dem Marina Bay Street Circuit
Foto: Jakub Porzycki / REUTERS»Wie im Zoo«: Stars, VIPs, Fans, Influencer, Sponsoren; die Formel 1 boomt international, entsprechend ist es dort vor allem eins: voll. Ein bisschen viel des Guten, findet Verstappen. Der Vierfachchampion kommt sich im Fahrerlager mittlerweile »wie im Zoo« vor, sagte er der niederländischen Tageszeitung »De Telegraaf«. »Oft ist es gar nicht mehr möglich, kurz mit jemandem zu plaudern. Deshalb bewege ich mich hauptsächlich zwischen meinem Zimmer, der Garage und der Boxengasse«, sagte der Red-Bull-Pilot. Selbst in den eigenen Hospitality-Räumen würden viele Gäste sitzen, die etwas von einem wollen. »Die meinen es natürlich gut, aber ich muss mich auch mal ausruhen können, ohne ständig belästigt zu werden«, sagte Verstappen, der 2015 sein Formel-1-Debüt gab.
Wie geht's weiter: Verstappen kann sich am 25. Oktober wieder durch die überbevölkerte Red-Bull-Hospitality zwängen, dann gastiert die Formel 1 in Austin. Antonelli führt die WM mit 102 Punkten vor Russell an. Dass er schon beim Großen Preis der USA den Titel holen könnte, erfuhr er bei der Siegerehrung. »Ich kann dort Weltmeister werden? Echt?«, fragte er. Dafür muss er das Rennen gewinnen, Hamilton (229 Punkte) darf maximal Fünfter und Russell (238) maximal Neunter werden. Für Verstappen (221) kommt die Aufholjagd wohl zu spät.