Formel-1-Saisonfazit Dämmerung der Super-Egos
Formel-1-Chef Bernie Ecclestone (l.), gefeuerter Briatore: Neue Ära in der Formel 1
Foto: A3724 Felix Heyder/ dpaJetzt noch mal langsam, um nichts auszulassen: Jenson Button ist Formel-1-Weltmeister. Ein Rennfahrer, der zu Jahresbeginn ohne Auto dastand, sowieso schon abgeschrieben war, weil er in seiner Karriere bloß ein Rennen gewonnen hatte, und sonst als Liebhaber des süßen Lebens auffiel. Nicht die üblichen Autokonzerne kämpften um die WM, sondern zwei Privatteams, das alte Schlachtross Brawn gegen einen österreichischen Brausehersteller Red Bull.
Der Titel der Konstrukteure geht an Brawns Mannschaft, auferstanden aus der Ruine von Honda, gekauft für ein britisches Pfund. Nach Honda steigt auch BMW aus, weil man lieber auf Öko macht. Außerdem sind verschwunden: Ron Dennis, Flavio Briatore, Max Mosley.
Die Formel 1 ist im Wandel, so lassen sich alle bedeutenden Vorkommnisse der Saison zusammenfassen. Grund ist vor allem die Weltwirtschaftskrise, die dem industriell betriebenden Rennsport besonders zu schaffen macht. Honda und BMW wollten sich die Formel 1 nicht mehr leisten, und wahrscheinlich werden sie nicht die Letzten sein, die so reagieren. Dass daraus nicht zwangsläufig der Tod des Arbeitgebers folgt, sondern - siehe Brawn - sogar für eine neue Blüte sorgt, das ist die gute Neuigkeit aus der schlechten Nachricht.
F1-Weltmeister 2009: Jubel über "Great Button"
Heute braucht man nicht mehr einen Autokonzern und eine halbe Milliarde Dollar Jahresetat im Rücken, um erfolgreich sein zu können. Motoren dürfen nicht mehr aufwendig weiterentwickelt werden und müssen lange halten, das spart Unsummen - und lockt Neulinge an. Die Rennställe Team US F1, Campos Meta Team, Manor Grand Prix und das Lotus F1 Team für BMW werden 2010 einsteigen, erstmals seit einer Ewigkeit starten mehr private als Werksteams. Es scheint, als fände die Formel 1 zurück zu ihren Wurzeln. Aus der Krise erwächst im großkotzigen Grand-Prix-Business so etwas wie Vernunft.
Der Unterhaltungswert leidet nicht, im Gegenteil, auf die Skandalnudel Formel 1 bleibt Verlass. Nach einem Spionagefall (2007) und einer Sexaffäre (2008) wurde diesmal ein Manipulationsfall enthüllt, dessentwegen Flavio Briatore von Renault in die Verbannung geschickt wurde. Überhaupt nehmen wir Abschied von altbekannten Gesichtern: Ron Dennis, 62, hatte nach der Übernahme von McLaren das Berufsbild des Rennstallmanagers in den Achtzigern veredelt, leider aber auch die Unerträglichkeit der Arroganz, und musste gehen.
Ära der Super-Egos und Selbstherrlichkeit geht zu Ende
Max Mosley, 69, räumt nach fast zwei Jahrzehnten das Chefbüro des Weltverbandes Fia. Seine letzte große Herausforderung lag darin, nach dem Skandal um eine Sado-Maso-Party lange genug im Amt zu bleiben, um seinen Rückzug nicht als erzwungen erscheinen zu lassen. Mosley hat sich juristisch gegen alle durchgesetzt, die ihm unterstellt hatten, seine SM-Party habe einen Nazi-Hintergrund gehabt. Trotzdem blieb der Fall eine zu große Last für das Amt.
Die Skandale und Rücktritte des Jahres wirken, als gehe eine Ära zu Ende, die Ära der Super-Egos und Selbstherrlichkeit; als wolle die Formel 1 eine neue Zeit auch mit neuen Gesichtern beginnen.
Dennis, Briatore, Mosley, sie alle stehen für Feindschaften alter Herrscher, die sich wie alte Bullen ineinander verkeilt hatten und am Ende an sich selber gescheitert sind. Zwielichtiger als Briatore, 59, war niemand. Er leitete das Renault-Team, kassierte als persönlicher Manager seine Prozente von den Fahrergehältern, die er selber ausgehandelt hatte, konnte Karrieren zerstören oder aufbauen.
Briatore hat nicht begriffen, dass das Spiel aus ist, weil er überzogen hat
Nun ist er ausgerechnet an einem Fahrer gescheitert, an Nelson Piquet jr, den er einen Unfall bauen ließ, und der auspackte, als Briatore ihn feuerte. Lebenslang für die Formel 1 gesperrt, kämpft Briatore weiter um seine Rehabilitierung. Er hat nicht begriffen, dass das Spiel aus ist, weil er überzogen hat. "Hier wurde die Grenze überschritten", sagt sein ehemaliger Fahrer Michael Schumacher im SPIEGEL. "Die Zeiten ändern sich eben."
Zwei Jahrzehnte lang konnte sich Briatore sicher sein, vom Generaldirektor der Formel 1, Bernie Ecclestone, protegiert zu werden. Auch so einer von den Alten. Ecclestone wird bald 79 und denkt weder daran, einen Nachfolger aufzubauen noch seinen Posten überhaupt zu räumen. Allerdings arbeitet er daran, sich selber abzusägen. Im Juli pries er in einem Interview Adolf Hitler als jemanden, der fähig sei, "Dinge zu erledigen", und machte aus seiner Abneigung gegen Demokratien keinen Hehl. Eilends legte er eine Entschuldigung nach.
Wie lange wohl hält er sich noch?