Barbarez-Interview "Von Werder Bremen einiges abgucken"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Barbarez, der HSV ist in dieser Spielzeit mal hui, mal pfui. Wie bewerten Sie den bisherigen Saisonverlauf?
Sergej Barbarez: Er ist nicht zufriedenstellend. Das hat sicherlich auch mit dem Trainerwechsel (im Oktober wurde Kurt Jara entlassen, d. Red.) zu tun, der Unruhe in die Mannschaft gebracht hat. Doch es ist mit Klaus Toppmöller dann sportlich aufwärts gegangen. Es fehlt aber noch der entscheidende letzte Schritt, endlich oben anzugreifen. Wir glauben aber noch an unsere Chance, die Uefa-Cup-Plätze zu erreichen. Dazu ist aber auch einmal ein Auswärtssieg nötig. Am besten jetzt gegen Gladbach.
SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie die Gründe, dass es nur durchwachsen läuft?
Barbarez: Unsere Heimbilanz ist sensationell, wir haben dort seit September nicht mehr verloren. Unser Problem sind die Auswärtsspiele. Da zeigen wir zu wenig Mut. Wir haben zu großen Respekt vor dem Gegner. Ich fühle mich als erfahrener Spieler zwar verantwortlich, versuche viel auf dem Platz zu reden, in die anderen reinzukommen, sie mitzureißen. Die Einflussnahme hat aber ihre Grenzen. Denn im Endeffekt ist jeder für sich selber verantwortlich.
SPIEGEL ONLINE: Kann der neue Trainer Toppmöller nicht helfen?
Barbarez: Klaus Toppmöller hat am sportlichen Aufschwung sicher großen Anteil. Er spricht die Dinge, die ihm nicht gefallen, knallhart an. Intern und auch in der Öffentlichkeit. Auch wenn er hin und wieder auf den Tisch haut, wird seine Art in den Boulevardmedien jedoch übertrieben dargestellt.
SPIEGEL ONLINE: Besonders die jungen Spieler mussten von Toppmöller aber sehr viel Kritik einstecken. Fanden Sie die Kritik des Trainers berechtigt?
Barbarez: Jeder braucht so etwas manchmal. Es gibt Phasen in der Entwicklung, wo nicht alles rund läuft. Dann gehört das eine oder andere harte Wort dazu. Die betroffenen Spieler sollten Mann genug sein, damit umzugehen. Es ist Teil des Geschäfts. Es gibt halt Trainer, die das eher intern machen, andere gehen in die Öffentlichkeit. Einige der Gescholtenen haben doch schon die Antwort auf dem Platz gegeben. Insofern war die Kritik gut.
SPIEGEL ONLINE: Hat Toppmöllers Streichliste geholfen, die HSV-Spieler unter Druck zu setzen?
Barbarez: Diese Streichliste hat eine Hamburger Zeitung erfunden. Und ich für meinen Teil brauche keinen Druck. Den mache ich mir schon selber, da ist kein Trainer oder Vorstand nötig. Ich will auch so jedes Spiel gewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Da funken Sie dann also mit dem Trainer auf einer Wellenlänge. Das reicht aber offenbar nicht, um den großen Umschwung herbeizuführen.
Barbarez: Der neue Trainer ist halt noch nicht lange genug da, als dass er sein Konzept vollkommen hätte umsetzen können. Ich glaube aber, insgesamt sind wir eine intakte Mannschaft und haben das Zeug zum Angriff auf die vorderen Ränge. Wir reden auch untereinander, wenn es noch nicht läuft wie gewünscht. So reif müssen wir Spieler sein, die Fehler intern anzusprechen und uns dabei gegenseitig in die Augen zu schauen.
SPIEGEL ONLINE: Allein es fehlt eine Erfolgsserie. Muss ein Spieler Ihres Formats nicht unbedingt den Willen haben, international zu spielen?
Barbarez: Ohne Wenn und Aber. Mich nervt die sportliche Situation sehr. Ich habe in der Champions League und im Uefa-Cup gespielt. Ich weiß, wie viel das für einen Spieler bedeutet. Wir besitzen immer noch die Qualität für den Europacup, das haben wir mehr als einmal gezeigt.
SPIEGEL ONLINE: Aber nicht häufig genug.
Barbarez: Stimmt. Wir sind natürlich frustriert, wenn wir verlieren. Nach einem verlorenen Auswärtsspiel wie gegen Hansa Rostock nützt es nur nichts, lange drüber nachzudenken. Nach sieben Tagen kommt schließlich der nächste Gegner. Es baut sich schnell neuer Druck auf. Dann versuchen wir zumindest, im eigenen Stadion die Punkte zu holen und die Schlappe wieder gutzumachen. Das haut hin, anschließend nehmen wir uns auch für das nächste Auswärtsspiel viel vor. So wie jetzt gegen Gladbach. Wir wollen unbedingt etwas reißen.
SPIEGEL ONLINE: Warum hat das bislang nie geklappt?
Barbarez: Hauptsächlich entscheidet es sich im Kopf. Da ist jeder gefragt, hundertprozentig dabei zu sein und Mumm zu zeigen. Nehmen Sie doch die Heimspiele, da haben wir mit den Fans und der AOL-Arena im Hintergrund den nötigen Mut. Das zeigt: Wir können es, entscheidend ist aber die mentale Einstellung.
SPIEGEL ONLINE: Könnte es sein, dass Sie den HSV verlassen, falls er weiterhin im Mittelmaß rumdümpelt?
Barbarez: Ich fühle mich in Hamburg sehr wohl. Beruflich wie privat, was sehr wichtig ist. Ich bin jetzt 32 Jahre alt, spiele vielleicht noch zwei Jahre und bleibe auch nach meiner Laufbahn mit meiner Familie in Hamburg. Ich bin Optimist und will den angestrebten Erfolg mit dem HSV schaffen. Allerdings muss sich der Verein verstärken. Das gilt für alle Mannschaftsteile. Wenn wir nur Neunter werden wollen, reichen drei 18-Jährige. Wir brauchen aber Leute, die uns nach vorne bringen, dass wir das Mittelmaß verlassen können. Im Moment schielt man schon zu Werder Bremen rüber. Da können wir uns einiges abgucken. Die haben einen Micoud ohne Ablösesumme gekriegt.
SPIEGEL ONLINE: Gehört zu den Spielern, die dem HSV helfen, nicht auch ein Bernd Hollerbach, der den Verein - verärgert über das Ultimatum Toppmöllers - verlassen wird?
Barbarez: Seine Erfahrung ist unbezahlbar, solche Leute brauchen wir. Schade, dass er geht. Die Mannschaft will ihn natürlich behalten, wir respektieren aber seine Entscheidung.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie mit Ihrer persönlichen Saisonleistung zufrieden? Acht Tore und fünf Vorlagen stehen auf Ihrer Habenseite.
Barbarez: Statistisch ist das in Ordnung. Es könnte aber mehr sein, ich habe einen hohen Anspruch an mich. Doch Torschützenkönig wie 2001 werde ich in dieser Saison leider nicht mehr. (lacht)
SPIEGEL ONLINE: Sie galten als Heißsporn, sind mittlerweile ruhiger und besonnener geworden. Was hat diesen Wandel bewirkt?
Barbarez: Zunächst einmal: Ein bestimmtes Image bekommt man immer verpasst. Ich habe zum Beispiel ein Jahr lang nicht mit der "Bild"-Zeitung hier in Hamburg gesprochen, weil mir die Berichterstattung nicht passte. Da haben die dann nur auf mich draufgehauen. Aber mit den Jahren kommt automatisch eine gewisse Reife, mit so etwas umzugehen. Auf dem Platz bin ich auch ruhiger geworden, das haben Sie richtig beobachtet. Ich bekomme nicht mehr so viele Gelbe Karten wegen Meckerns. Ich bin allerdings immer noch ein eher hitziger Typ, manchmal zu sehr, dann tut es mir hinterher leid. Dieses Temperament schätzt mein Verein aber auch an mir.
SPIEGEL ONLINE: In Hamburg wartet man seit über 20 Jahren darauf, dass sich der HSV wieder an der Tabellenspitze etabliert. Wird man das noch mit Sergej Barbarez erleben?
Barbarez: Na klar. Darum bin ich hier. Schließlich ist der Verein auch in meiner bosnischen Heimat berühmt. Und ich habe aber noch einen anderen Wunsch: Ich will mit Bosnien-Herzegowina bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland dabei sein.
Das Gespräch führte Martin Sonnleitner