Benjamin Henrichs beim DFB: Der Aufsteiger - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

DFB-Neuling Henrichs Der Benjamin

Benjamin Henrichs gehört zu den Aufsteigern der Saison. Jetzt folgte die Nominierung von Bundestrainer Joachim Löw. Auch dank seiner Position könnte dem Leverkusener eine große Zukunft bevorstehen.
Benjamin Henrichs
Benjamin Henrichs

Benjamin Henrichs

Foto: imago
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn bisher in Deutschland von Benjamin Henrichs die Rede war, dann dachte man weniger an Schussgewalt als an Wortgewalt. Henrichs war schließlich über Jahrzehnte einer der bekanntesten Theaterkritiker der Republik, sein Urteil war gefürchtet.

Mittlerweile haben auch Stürmer Angst vor dem Namen. Benjamin Henrichs, der Fußballer von Bayer Leverkusen, ist auf bestem Wege, noch viel schneller überregional Karriere zu machen als der Zeitungsmann. Mit 19 steht er bereits vor seinem Länderspieldebüt. Seine Einsatzchancen im Qualifikationsduell bei San Marino am Abend (20.45 Uhr High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL) stehen ganz gut.

18 Bundesligaspiele hat Henrichs erst in seiner Bilanz stehen. Wenn man dann schon zum DFB gerufen wird, muss man Eindruck hinterlassen haben. Henrichs hat schon in der Champions League den früheren Bayer-Profi Heung Min Son, jetzt bei Tottenham Hotspur ein Star, zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Er hat gegen die Dortmunder Himmelsstürmer ein starkes Spiel gemacht. Da hätte auch sein strenger Namensvetter, der übrigens auch ein großer Fußballfreund ist, bei einer Rezension wenig zu bemängeln. Henrichs ist das, was man einen Aufsteiger der Saison nennt.

Mit der Fritz-Walter-Medaille geehrt

Furchtbar überraschend ist das nicht. Der Außenverteidiger hat beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) sämtliche Jugendmannschaften durchlaufen, er hat auf dem Landrat-Lucas-Gymnasium, einer Fußball-Eliteschule, sein Abitur abgelegt, er ist seit Jahren in den Notizblöcken der Verbandstrainer rot unterstrichen. Im September wurde er mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold ausgezeichnet. Die erhält wirklich nicht jeder, sondern der in diesem Jahr beste deutsche Junior seines Jahrgangs. Mario Götze, Toni Kroos, Benedikt Höwedes, Julian Draxler, Matthias Ginter heißen einige seiner Vorgänger. Die sind allesamt Weltmeister geworden.

Auch Kevin-Prince Boateng hat die Medaille mal bekommen, er war einst Henrichs' großes Idol. Kein Wunder, schließlich haben er und Boateng einiges gemeinsam. Wie der Berliner stammt auch Henrichs aus einem deutsch-ghanaischen Elternhaus. Aber bei aller Liebe für die Black Stars: Dass er nur für Deutschland spielen werde, stand für ihn immer fest. "Ich bin hier schließlich geboren und aufgewachsen", sagt er.

Henrichs spielt mal links, mal rechts auf der Außenseite - wer kann das schon in Deutschland? Und dann noch in so jungen Jahren. Ein guter Außenverteidiger sein - das bedeutet im Spitzenfußball die Eintrittskarte für die ganz schnelle Karriere. Joshua Kimmich hat es in der Nationalmannschaft vorgemacht, Henrichs könnte der Nächste sein, der ihm gleich wieder Konkurrenz bereitet. So hält sich das Konkurrenzsystem Löw am Leben.

Bayer Leverkusen wird derzeit befriedet

Der Bundestrainer hat gleich am Tag nach dem beeindruckenden Tottenham-Spiel des 19-Jährigen Anfang November bei ihm angerufen und ihm die Nominierung in Aussicht gestellt. Wobei es sicher auch nicht geschadet hat, dass Henrichs seinen Job bei Bayer Leverkusen verrichtet. Bayer ist unbestritten eine Spitzenmannschaft. Die Verantwortlichen leiten daraus den Anspruch ab, Löw müsse ihre Spieler auch regelmäßig für den Kader der Nationalmannschaft berufen.

Zuletzt bei der EM hat der Bundestrainer den Leverkusenern diesen Gefallen nicht getan. Ersatztorwart Bernd Leno war der Einzige, der nach Frankreich mitreisen durfte, zwei Jahre zuvor bei der WM war sogar kein einziger Bayer-Profi dabei, als Deutschland Weltmeister wurde. Besonders Manager Rudi Völler, einer der Vorgänger Löws, hat das gar nicht gefallen und dies auch gerne öffentlich betont.

Gegen San Marino am Abend und im anschließenden Testspiel gegen die Italiener am folgenden Dienstag (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) sind jetzt vier Bayerspieler im Aufgebot. Neben Leno und Henrichs dürfen sich auch Kevin Volland und Jonathan Tah auf Einsatzminuten freuen. Wenn Julian Brandt sich nicht kurzfristig angeschlagen abgemeldet hätte, wäre sogar ein Quintett bei der Reise inklusive Papstaudienz dabei gewesen. Aber auch so stellt Bayer die größte Delegation. Völler dürfte nichts zu meckern haben, solange sich keiner verletzt.

Henrichs mit gesundem Selbstbewusstsein

Henrichs hat solche Protektion durch die eigenen Vereinsverantwortlichen vermutlich nicht nötig. Der 19-Jährige präsentiert sich auf und neben dem Platz gesund selbstbewusst. Die 19-Jährigen von heute sind nicht mehr die verschüchterten Bubis, die vor Ehrfurcht erstarren, wenn sie Weltmeister im Training und in der Umkleidekabine treffen. Sie wissen vielmehr, dass ihre Jugend ihr Pfund ist. Die Altersstruktur im Spitzenfußball, sie hat sich längst nach unten verschoben, die Henrichs und Weigls, die Kimmichs und Tahs - sie sind die Profiteure. Fitte, schnelle, junge, taktisch kluge Fußballspieler, denen man heute schon alles zutrauen darf.

Henrichs sagt: "Erst Bundesliga, dann Champions League, jetzt Nationalmannschaft - das ist krank." Nein, eigentlich ist es mittlerweile der ganz normale Werdegang eines hochtalentierten jungen Spielers. Und sein Namenskollege hat auch schon mit 23 Jahren für die "Süddeutsche Zeitung" geschrieben.