Borussia Dortmund vs. Bayern München: Watchparty mit Jürgen Klinsmann in Kalifornien - DER SPIEGEL
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Bundesliga-Duell Wie es ist, morgens in einer Kneipe in L.A. mit Jürgen Klinsmann Bayern gegen Dortmund zu gucken

Wer schaut samstagmorgens in einer Sportkneipe in Los Angeles eigentlich Dortmund gegen Bayern? Die Ex-Profis Jürgen Klinsmann und Patrick Owomoyela zum Beispiel. Und Hunderte Bundesligafans. Ein Fußballabend zu früher Stunde.
Aus Los Angeles berichtet Jonas Leppin
Ex-Profis Patrick Owomoyela (2.v.l.) und Jürgen Klinsmann (r.) in »Tom’s Watch Bar« in Los Angeles: Wie die deutsche Seele so tickt
Ex-Profis Patrick Owomoyela (2.v.l.) und Jürgen Klinsmann (r.) in »Tom’s Watch Bar« in Los Angeles: Wie die deutsche Seele so tickt

Ex-Profis Patrick Owomoyela (2.v.l.) und Jürgen Klinsmann (r.) in »Tom’s Watch Bar« in Los Angeles: Wie die deutsche Seele so tickt

Foto: Jonas Leppin  / DER SPIEGEL

Jürgen Klinsmann ist an diesem Samstagmorgen um halb sechs aufgestanden. Er hat das Spiel von seinem Sohn Jonathan Klinsmann in Europa geschaut, der Torhüter beim italienischen Zweitligisten Cesena FC ist. »Bis zur 15. Minute der zweiten Halbzeit. Dann musste ich losfahren«, sagt er.

Jetzt sitzt Klinsmann um kurz vor neun in »Tom’s Watch Bar«, einer Sportkneipe in Downtown L.A., neben einer Moderatorin und einem Moderator des US-amerikanischen Senders ESPN, und soll erklären, wie die deutsche Seele so tickt, am Tag des Klassikers zwischen Dortmund und Bayern. Mit in der Runde sitzt auch der ehemalige BVB-Profi Patrick Owomoyela, der unter Klinsmann einst zum Nationalspieler wurde.

Public Viewing des »Klassikers« in Los Angeles: Schon zwei Stunden vor der Öffnung in Trikots und mit Fahnen vor dem Eingang

Public Viewing des »Klassikers« in Los Angeles: Schon zwei Stunden vor der Öffnung in Trikots und mit Fahnen vor dem Eingang

Foto: Jonas Leppin  / DER SPIEGEL

Es wird erst mal ein Humpen Bier gereicht. Vielleicht, weil die Amerikaner denken, dass dies ein anschauliches Beispiel für einen deutschen Tick sei. Vielleicht, weil es in einer Kneipe dazugehört.

Klinsmann lehnt ab. Er schaut konzentriert auf den Bildschirm vor sich. Das Stadion in Dortmund ist etwa 9000 Kilometer und neun Stunden Zeitunterschied von hier entfernt. Was man von hier aus sehen kann: Im Signal Iduna Park nieselt es. Hier in L.A. ist es ein milder Frühlingsmorgen. Klinsmann tippt auf das Ergebnis: »3:3«, sagt er.

Die Bundesliga soll »out of the box« denken

Seit fast 30 Jahren lebt Jürgen Klinsmann nun schon in Newport Beach, etwa 65 Kilometer entfernt von Los Angeles. In dieser Zeit war der 61-Jährige Fußballtrainer des FC Bayern München, der deutschen Nationalmannschaft und des US-Teams. Was den Fußball betrifft, ist er vermutlich die stabilste atlantische Brücke, die es im Moment zwischen Deutschland und den USA gibt.

Jürgen Klinsmann beim Meet & Greet mit US-Fans: »Out of the box denken«

Jürgen Klinsmann beim Meet & Greet mit US-Fans: »Out of the box denken«

Foto: Jonas Leppin  / DER SPIEGEL

Fragt man ihn später, was die Bundesliga in Amerika überhaupt reißen kann, bekommt man eine überraschend klare Kurzanalyse.

In Europa gibt es fünf Topligen, so Klinsmann. Ganz oben steht die Premier League in England. Danach streiten sich Spanien, Italien, Deutschland und Frankreich um die Plätze. »Um wettbewerbsfähig zu sein, musst du schon etwas ›out of the box‹ denken«, sagt er. Für die Bundesliga würde das bedeuten, sich globaler zu orientieren. »Und, na klar, da bist du immer auf der Kante zwischen Entertainment und dem reinen Fußball.«

Entertainment also. Die »Klassiker«-Watchparty hier in Los Angeles wurde von der offiziellen US-Repräsentanz der Bundesliga organisiert. Und die Bar ist voll. Hineinzugehen ist ein wenig so, als würde man wie bei Stranger Things plötzlich ins Upside Down geraten. Draußen vor der Tür laufen die ersten Jogger im Sonnenschein ihre Morgenrunden, drinnen stehen Hunderte Fußballfans in dem großen, leicht abgedunkelten Raum und jubeln vor Burgern und Chicken-Wings.

Es sind, Überraschung, vorwiegend amerikanische Fußballfans. Die Ersten standen schon zwei Stunden vor Einlass in Trikots und mit Fahnen vor dem Eingang.

Einer von ihnen ist Brian Sharp, 58 Jahre, aus Santa Monica. »Meine Frau kommt aus Deutschland«, sagt Sharp. Es ist exakt der einzige deutsche Satz, den er kann. Sieht man von diversen BVB-Fangesängen ab, die er zusammen mit den Mitgliedern des Borussia-Dortmund-Fanclubs Los Angeles singt. Da sei er sich nicht immer sicher, was es bedeutet.

BVB-Fan Brian Sharp: »Mainstream-Sportfans sind keine echten Sportfans«

BVB-Fan Brian Sharp: »Mainstream-Sportfans sind keine echten Sportfans«

Foto: Jonas Leppin  / DER SPIEGEL

Sharp ist mit den typischen amerikanischen Sportarten aufgewachsen: Basketball, Baseball, Football. Aber sein Herz, sagt er, habe er an den BVB verloren. Und dann sagt er einen Satz, den die Marketingabteilung des Vereins vielleicht gern noch mal redigieren würde, der in den USA aber natürlich eine eigene Wahrheit ist: »Mainstream-Sportfans sind keine echten Sportfans.«

Für Fans der Randsportart Bundesliga bedeutet das normalerweise: Fußball im Bett schauen. Anpfiff ist in Kalifornien an einem typischen Samstag um 6.30 Uhr, Pacific Time (PT).

Oder man macht gleich die Nacht durch. So wie Danny Monroy. Der 30-Jährige arbeitet im Hotel. »Wenn ich nach einer Spätschicht nach Hause komme, dann setze ich mich direkt vor den Fernseher und schaue Bayern München«, sagt er. Er würde gern öfter zum Fußballschauen in die Kneipe gehen, aber die hätten dann meistens schon geschlossen.

Bayern-Fans Danny Monroy (l.) und sein Freund Luis Martinez: »Direkt vor den Fernseher und Bayern München schauen«

Bayern-Fans Danny Monroy (l.) und sein Freund Luis Martinez: »Direkt vor den Fernseher und Bayern München schauen«

Foto: Jonas Leppin  / DER SPIEGEL

Frage an den Barkeeper: Funktioniert das Bundesliga-Kneipenkonzept am Morgen überhaupt? »Ich habe hier schon diverse Shots verteilt«, sagt der Barkeeper. »Und viel Guinness.« Er schaut sehr zufrieden.

Dann macht er ein kurzes Ranking der Sportfans: Basketball-Fans seien die Schlimmsten. »Die halten sich selbst für Stars.« Gute Erfahrungen habe er mit den Eishockeyfans der Los Angeles Kings gemacht. Am angenehmsten seien die Fußballfans, sagt der Barkeeper: »Manchmal drehen sie durch, aber immer nur, um das Team zu unterstützen.«

»Soccer« ist nun schon seit Jahrzehnten kurz vor dem Durchbruch

Auch Bundesliga-Vereine sehen ein enormes Potenzial im US-Markt. Der FC Bayern unternimmt daher Freundschaftsspiel-Touren, RB Leipzig setzt hier auf internationale Partnerschaften und Influencer, Dortmund betreibt ein New Yorker Büro.

»Soccer« soll in den USA schon lange kurz vor dem Durchbruch stehen. Das wird jedenfalls seit Jahrzehnten gepredigt, ohne dass der Boom tatsächlich einsetzt. Man könnte auch sagen: Die Konkurrenz der amerikanischen Mainstream-Sportarten ist hart.

Die neueste Hoffnung ist jetzt natürlich die kommende WM in den USA, Mexiko und Kanada. Es sei eine neue Chance, um sich auf dem Markt zu etablieren, heißt es.

Inzwischen ist das Spiel vorbei. Jürgen Klinsmann freut sich, dass er mit seinem Tipp so knapp lag, sagt er.

Für ihn beginnt jetzt der wohl härteste Teil des Tages: ein Meet & Greet mit den Fans. Es bildet sich eine lange Schlange. Jeder will noch ein Foto machen, viele noch eine kleine Anekdote erzählen. Klinsmann wechselt natürlich fließend die Sprache, spricht Deutsch und Englisch.

Er wirkt jetzt etwas leergequatscht. Sein Blick geht starr an einem vorbei, während er spricht. Klar, wenn die Schlange für Fotos sehr lang sei, das sei schon etwas anstrengend. »Aber ich genieße es eigentlich auch«, sagt er dann.

Unweigerlich muss man plötzlich daran denken, wie Klinsmann einst selbst nach Amerika kam. Im Jahr 1994 zur letzten Weltmeisterschaft in den USA. Damals stand Klinsmann mit seinen Nationalmannschaftskollegen zwischen den Mitgliedern der Band Village People.

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Es gibt ein Video aus der Zeit, wie er auch damals schon klatschend und schunkelnd die Werbetrommel rührte und gemeinsam mit einem Cowboy, einem Ureinwohner und einem Cop sang: »Far away in America / we’re gonna make it / find the chance and take it.« Diese Chance hat Klinsmann natürlich längst ergriffen. Jetzt müsste nur noch die Bundesliga folgen.