1:5 in Madrid Atlético stutzt Eintracht Frankfurt auf Normalmaß zurecht
Atlético-Jubeltraube: Antoine Griezmann, Giuliano Simeone, Giacomo Raspadori
Foto: Oscar del Pozo / AFPDie ewigen Auffresser: Im Fußball gibt es Trends – und es gibt Atlético Madrid. Die zweite Kraft in Spaniens Hauptstadt ist mit ihrer Kontinuität eine stolze Ausnahme in der Champions League. Seit bald 14 Jahren organisiert Diego Simeone seine Rojiblancos als Kollektiv taktisch optimal geschulter Raubeine. Für einen Bilderbuch-Atlético-Moment sorgte in Hälfte eins Connor Gallagher: Grätsche gegen Arthur Theate, Grätsche gegen Farès Chaïbi, noch ein robuster Körpereinsatz (36. Minute). Der Ball war gewonnen, das Estadio Metropolitano johlte. Wer zum engsten Kreis der europäischen Elite gehören will, muss hier bestehen können. Eintracht Frankfurt wurde an diesem Abend aufgefressen.
Das Ergebnis: 1:5 (0:3) gerät die SGE in Madrid unter die Räder. Angesichts der Qualität des Gegners ist das keine Tragödie. Wohl aber eine Niederlage, die das aktuelle Leistungsvermögen der Frankfurter einordnet. »Es war absolut beeindruckend, was Atlético heute gemacht hat«, sagte Eintracht-Trainer Dino Toppmöller nach dem Spiel.
Rückenwind und Warnschüsse: So wirklich leicht austarieren ließ sich das zuletzt schließlich selten. Gegen Borussia Mönchengladbach gab es ein 5:0 vor der Pause, aber ein 1:4 danach. Zum Champions-League-Auftakt gegen Galatasaray hatte die Eintracht 5:1 gewonnen, war aber zu Spielbeginn lange Zeit das schwächere Team gewesen. Auf der Gegenseite wartete ein unmissverständlicher Spitzenklub: Atlético hatte am Wochenende erst das Stadtderby gegen Real 5:2 für sich entschieden.
Der glücklichste, grimmigste Stadiongast: Auf X-Faktor Simeone senior (Sohn Giuliano stand in der Startelf) musste Atlético freilich verzichten. Der argentinische Heißsporn hatte sich am ersten Spieltag gegen den FC Liverpool nach einer Auseinandersetzung mit einem Fan einen Platzverweis eingehandelt, musste nun für ein Spiel auf der Tribüne statt an der Seitenlinie auf und ab tigern. Die erste Anspannung nahm Giacomo Raspadori: Theate hatte eine Atléti-Hereingabe unglücklich vor die Füße des Italieners abgefälscht, nach nicht einmal fünf Minuten lagen die Hausherren in Front (4.).
Auf die Tribüne verbannt: Atléticos Trainer-Ikone Diego Simeone
Foto: Aitor Alcalde / Getty ImagesNatürliche Grenzen: Dass die SGE in der Abwehr wackelt ist nicht neu, in der Bundesliga hat nur Werder Bremen mehr Gegentreffer kassiert als der Tabellenvierte. Gegen die nationale Konkurrenz kompensierte Frankfurt diese Unzulänglichkeiten mit furiosem Angriffsspiel. Gegen Atléticos Defensivkünstler gab es davon wenig zu sehen. Can Uzun, in den Vorwochen der überragende Offensive, rieb sich als Ballverteiler tief im Mittelfeld auf, der Sturm aber hing in der Luft. So genügten Wirkungstreffer von Robin Le Normand, der nach einer Ecke durch die Beine von Jonathan Burkardt erfolgreich war (33.), und Antoine Griezmann, der mit seinem 200. Tor für den Klub kurz vor der Pause erhöhte (46.), um die Partie früh vorzuentscheiden.
Antoine Griezmann: 200 Pflichtspieltore im Atlético-Dress
Foto: Angel Martinez / Getty ImagesUnerhört frech: Kurz nach dem Seitenwechsel flammte für einen Moment Frankfurter Hoffnung auf: Ansgar Knauff legte nach einem langen Ball technisch anspruchsvoll auf Burkardt ab, der verkürzte (58.). Der Esprit der SGE aber zerschellte schnell wieder am perfekt eingestellten Atlético-Mittelfeld und dessen Ballgewinnen.
Szene nach dem 1:3: Jonathan Burkardt will das Spiel schnell fortsetzen, Atléticos Clément Lenglet hat etwas dagegen
Foto: Susana Vera / REUTERSEin Griezmann-Treffer nach einer traumhaften Kombination hatte aufgrund eines Handspiels des Franzosen nicht Bestand (67.), Simeone junior köpfte nach einem Eckball dennoch das 4:1 (70.). Den Schlusspunkt setzte Julián Alvarez: Der Argentinier hob einen von Nnamdi Collins verursachten Handelfmeter so lässig ins Eck, dass der verladene SGE-Schlussmann Kauã Santos sich noch einmal aufraffen und die Pranke an den Ball bringen konnte – aber nicht mehr entscheidend (82.).
Wann fängt die Zukunft an? Dass Eintracht-Legende Kevin Trapp mittlerweile beim Paris FC spielt, hat vor allem mit ebenjenem Kauã Santos zu tun. Der 22 Jahre alte Brasilianer gilt SGE-intern als Riesentalent, die neue Nummer zwei Michael Zetterer als jemand, der sich bereitwilliger auf die Bank setzt als Ex-Platzhirsch Trapp. Nur: Welcher der zwei Frankfurter Torhüter ist aktuell der Bessere? Seit seiner Rückkehr aus einer Verletzungspause hat Kauã Santos vier, vier und fünf Tore kassiert. Die mögen nicht alle ihm allein anzulasten sein – sollte sich der Trend jedoch fortsetzen, stünde Zetterer bereit.
Noch mehr Lehrgeld? »Wir sind heute an Grenzen gestoßen, das kommt vor im Leben«, bilanzierte Toppmöller. »Grenzen sind aber auch immer nur temporär.« Als Nächstes bekommt die Eintracht nun keinen Aufbaugegner vorgesetzt, sondern den FC Bayern. Die Münchner schossen sich auf Zypern standesgemäß warm und reisen zum Bundesliga-Abendspiel am Samstag (18.30 Uhr, Liveticker: SPIEGEL) nach Frankfurt. Und in der Königsklasse? Auch da hat Frankfurt am nächsten Spieltag ein Heimspiel – am 22. Oktober gegen den FC Liverpool. Bis dahin sollte man den defensiven Wasserrohrbruch besser in den Griff bekommen.