Deutschlands Kader für die EM 2025: Diese Frauen wollen Europameisterinnen werden - DER SPIEGEL
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Deutsche Hoffnungsträgerinnen: Gwinn, Brand, Freigang, Schüller, Berger (von links nach rechts)

Deutsche Hoffnungsträgerinnen: Gwinn, Brand, Freigang, Schüller, Berger (von links nach rechts)

[M] DER SPIEGEL; Fotos: Jan Huebner  / IMAGO (2), Fotostand  / Fantini  / IMAGO (2), Eibner  / IMAGO

Deutschlands Kader Diese Spielerinnen wollen den EM-Titel holen

Die Offensive gehört zu den besten in Europa. Die Defensive wirft Fragen auf, vor allem ohne Lena Oberdorf: Bundestrainer Christian Wück hat seinen EM-Kader bekannt gegeben. 24 Namen, 24 Porträts.

Der deutsche Kader für die Europameisterschaft in der Schweiz steht fest. Bundestrainer Christian Wück hat 23 Spielerinnen nominiert, die am 4. Juli im Duell gegen Polen den ersten Sieg auf dem Weg zum erhofften EM-Erfolg einfahren wollen. Der Überblick:

Ann-Katrin Berger, Tor

Ann-Katrin Berger: 34 Jahre, 22 Länderspiele, NJ/NY Gotham FC

Ann-Katrin Berger: 34 Jahre, 22 Länderspiele, NJ/NY Gotham FC

Foto: Eibner-Pressefoto / Memmler / Eibner / IMAGO

Sie ist die Spätberufene, denn erst im vergangenen Sommer wurde Berger im Alter von 33 Jahren endgültig zur deutschen Nummer eins. Die Entscheidung traf Ex-Interimsbundestrainer Horst Hrubesch. Die Folge war das Ende von Merle Frohms als DFB-Torhüterin und Deutschlands Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen von Paris. Das Gesicht des Erfolgs damals: Berger. Sie hatte im olympischen Turnier sensationelle Leistungen gezeigt. Der neue Bundestrainer Wück rief danach zwar ein kurzes Casting um die Nummer eins aus, beendete dieses aber schnell wieder. Mit Berger hat das DFB-Team eine Toptorhüterin mit einer bewegenden Geschichte . Zweimal musste die Torhüterin gegen eine Krebserkrankung ankämpfen, zweimal gewann sie diesen Kampf, zuletzt vor knapp zwei Jahren.

Stina Johannes, Tor

Stina Johannes: 25 Jahre, 3 Länderspiele, Eintracht Frankfurt (künftig: VfL Wolfsburg)

Stina Johannes: 25 Jahre, 3 Länderspiele, Eintracht Frankfurt (künftig: VfL Wolfsburg)

Foto: Fotostand / Fantini / IMAGO

Bei der WM 2023 fuhr Johannes als Nummer drei mit, dieses Mal ist sie als Nummer zwei dabei. Wer weiß, vielleicht ist sie bei der nächsten WM 2027 in Brasilien die Nummer eins. Johannes ist eine ehrgeizige Vertreterin, ihr Studienfach neben dem Fußballplatz ist dafür fast Beweis genug: Mathematik. Anderes Beispiel: Um mehr Spielpraxis zu sammeln, ging sie 2022 für einige Monate nach Japan zu INAC Kobe Leonessa. Am anderen Ende der Welt hat sie schnell gelernt, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden. Nach dem EM-Sommer wechselt sie nach Wolfsburg. Das ist keine ganz fremde Welt, sondern ein entscheidender Schritt, um sich auf internationalem Niveau noch weiter zu bewähren und dann bald zur DFB-Keeperin Nummer eins aufzusteigen.

Ena Mahmutovic, Tor

Ena Mahmutovic: 21 Jahre, 1 Länderspiel, FC Bayern

Ena Mahmutovic: 21 Jahre, 1 Länderspiel, FC Bayern

Foto: Hendrik Gräfenkämper / Jan Huebner / IMAGO

Mahmutovic wird allerdings ein Wörtchen mitreden wollen, wenn es irgendwann einmal um die Nachfolge von Berger im DFB-Tor geht. Die 21-Jährige ist eine der begabtesten Torhüterinnen des Landes, auch wenn sie das bei ihrem Länderspieldebüt Ende vergangenen Jahres nicht wirklich beweisen konnte – sie patzte damals entscheidend bei einem Gegentor. Mahmutovic steht außerdem vor der Herausforderung, dass sie in der kommenden Saison im Bayern-Tor wieder von Maria Grohs verdrängt werden könnte. Grohs hatte lange Zeit der Saison wegen einer Krebserkrankung verpasst, ist inzwischen aber wieder einsatzbereit.

Giulia Gwinn, Abwehr

Giulia Gwinn: 25 Jahre, 63 Länderspiele, FC Bayern

Giulia Gwinn: 25 Jahre, 63 Länderspiele, FC Bayern

Foto: Christian Bruna / Getty Images

Hinter den DFB-Frauen liegt eine kleine Zäsur. Nach Olympia 2024 gab es einige Rücktritte aus dem Team, allen voran den der langjährigen Chefin Alexandra Popp. Für die EM in der Schweiz braucht es also neue Anführerinnen. Eine davon ist die Abwehrspielerin Gwinn, die 25-Jährige ist die neue Kapitänin der Auswahl. Sie hat sich das mit ihren beständig guten Leistungen und großem Ehrgeiz verdient. Zweimal warf ein Kreuzbandriss die noch immer junge Spielerin zurück (dadurch verpasste Gwinn das WM-Debakel 2023), zweimal kämpfte sie sich durch die monatelange Reha und kehrte als noch bessere Version zurück. Die EM soll nun dafür sorgen, dass Gwinn endgültig zum Aushängeschild des deutschen Fußballs aufsteigt.

Carlotta Wamser, Abwehr/Mittelfeld/Angriff

Carlotta Wamser: 21 Jahre, 2 Länderspiele, Eintracht Frankfurt (künftig: Bayer Leverkusen)

Carlotta Wamser: 21 Jahre, 2 Länderspiele, Eintracht Frankfurt (künftig: Bayer Leverkusen)

Foto: Paul Fritz / HMB-Media / IMAGO

Wamser ist eine äußerst vielseitige Spielerin, die auf der rechten Außenbahn nahezu alle Positionen besetzen kann. Sie ist besonders stark in der Offensive. Wück plant mit ihr als Backup für Gwinn. Das bedeutet vor allem eins: Gwinn darf sich auf keinen Fall verletzen, sonst hat der Bundestrainer ein Problem. Wamser ist mit ihren 21 Jahren noch unerfahren und war zuletzt in Frankfurt nur Ergänzungsspielerin. Sie wäre kein gleichwertiger Ersatz für Gwinn – den gibt es allerdings auch nicht, nicht mal ansatzweise. Als die DFB-Auswahl bei der WM 2023 ohne die damals verletzte Gwinn auskommen musste, ging das Team auf dieser Position völlig unter.

Janina Minge, Abwehr

Janina Minge: 26 Jahre, 21 Länderspiele, VfL Wolfsburg

Janina Minge: 26 Jahre, 21 Länderspiele, VfL Wolfsburg

Foto: Fotostand / Schäfer / IMAGO

Die Innenverteidigung ist das größte Fragezeichen der DFB-Auswahl. Gut möglich, dass sich erst im letzten Moment entscheidet, wer das Duo auf dieser so wichtigen Position bildet. Minge ist jedoch gesetzt. Sie wurde unter Wück extrem gefördert und ist Vizekapitänin der Auswahl. Für Minge wird es allerdings das erste große Turnier als Stammspielerin sein. Die ganz große Champions-League-Erfahrung konnte sie bei den zuletzt auf internationalem Niveau enttäuschenden Wolfsburgerinnen auch nicht sammeln. Trotzdem bringt sie einen EM-Titel mit in die Schweiz: 2022 gewann sie als ausgebildete Polizistin mit der Polizei-Nationalmannschaft die European Police Championship.

Rebecca Knaak, Abwehr

Rebecca Knaak: 28 Jahre, 4 Länderspiele, Manchester City

Rebecca Knaak: 28 Jahre, 4 Länderspiele, Manchester City

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Es spricht viel dafür, dass Knaak die Rolle an Minges Seite übernimmt. Sie ist Linksfüßlerin – genau das Profil, das sich Wück für seine Spieleröffnung gewünscht hatte. Doch es besteht auch ein Risiko, denn Knaak und Minge hatten nicht viel Zeit, um sich gemeinsam im DFB-Team einzuspielen. Von 2022 bis Ende 2024 stand sie in Schweden fast im Abseits des Rampenlichts unter Vertrag. Zur Jahreswende folgte der Wechsel zu Manchester City, wo sie sich direkt einen Stammplatz erkämpfte. Außerdem absolvierte sie ihr erstes Länderspiel. Ein steiler Aufstieg im leicht fortgeschrittenen Sportalter. Knaak soll teamintern wegen ihrer Auslandserfahrungen und ihrer starken Persönlichkeit sehr geschätzt werden. Das galt bisher auch für Sara Doorsoun, 59 Länderspiele. Doch kurz vor der Kadernominierung beendete die Innenverteidigerin ihre DFB-Karriere, da sie nur als Spielerin auf Abruf eingeplant war.

Sophia Kleinherne, Abwehr

Sophia Kleinherne: 25 Jahre, 34 Länderspiele, Eintracht Frankfurt (künftig: VfL Wolfsburg)

Sophia Kleinherne: 25 Jahre, 34 Länderspiele, Eintracht Frankfurt (künftig: VfL Wolfsburg)

Foto: Fotostand / Fantini / IMAGO

Im Jahr 2020 wurde in einem Text der Uefa geschrieben, dass Kleinherne zu den zehn größten Talenten Europas gehört. Kleinherne, heute 25, wartet noch immer auf den endgültigen Durchbruch in der DFB-Auswahl. Obwohl sie eigentlich seit Jahren ein ständiges Mitglied der Nationalmannschaft ist, zeichnen 34 Länderspiele (14 davon nach Einwechslungen) nicht das Bild einer Stammkraft. Martina Voss-Tecklenburg, Horst Hrubesch und nun auch Wück haben gemeinsam, dass sie in Kleinherne vorwiegend eine Ergänzungsspielerin sehen. Vielleicht bekommt die künftige Wolfsburgerin bei dieser EM trotzdem ihre große Bewährungschance, sollte sich das angedachte Duo Minge/Knaak nicht als Idealbesetzung erweisen.

Kathrin Hendrich, Abwehr

Kathrin Hendrich: 33 Jahre, 83 Länderspiele, VfL Wolfsburg (künftig: Chicago Stars FC)

Kathrin Hendrich: 33 Jahre, 83 Länderspiele, VfL Wolfsburg (künftig: Chicago Stars FC)

Foto: SPEICH Frederic / MAXPPP / IMAGO

Mit Hendrich steht eine vierte Innenverteidigerin im Kader. Sie ist eine der Erfahrensten und war bei vergangenen Turnieren mit ihrer oft exzellenten Spieleröffnung eine Schlüsselspielerin. Ihre Erfahrung kann in den kommenden Wochen sehr wertvoll sein, auch wenn Hendrich nicht mehr als Stammkraft gesetzt ist. Hendrich hat Bildungswissenschaften studiert und kann sich vorstellen, dieses Wissen eines Tages im Fußball anzuwenden. Noch ist es damit aber nicht so weit – nach der EM wechselt die 33-Jährige in die USA nach Chicago.

Sarai Linder, Abwehr

Sarai Linder: 25 Jahre, 25 Länderspiele, VfL Wolfsburg

Sarai Linder: 25 Jahre, 25 Länderspiele, VfL Wolfsburg

Foto: David Inderlied / Kirchner-Media / IMAGO

Die Position der linken Verteidigerin war bei der WM 2023 eine Problemzone und einer der Gründe, warum das DFB-Team so früh wie nie zuvor in der Vorrunde ausschied. Damals noch nicht dabei: Sarai Linder. Zwar hat sie sich in den zwei Jahren seit dem WM-Debakel zu einer soliden Größe hinten links etabliert, doch die Frage nach ihrer Eignung für internationale Topspiele ist bestehen geblieben. Daher ist es verwunderlich, dass Bundestrainer Wück auf die zuletzt so starke Linksverteidigerin Carolin Simon verzichtet hat. Sie hat sich beim FC Bayern nach ihrem Kreuzbandriss eindrucksvoll zurückgekämpft.

Franziska Kett, Abwehr

Franziska Kett: 20 Jahre, 3 Länderspiele, FC Bayern

Franziska Kett: 20 Jahre, 3 Länderspiele, FC Bayern

Foto: Lisa Leutner / REUTERS

Der Verzicht auf Simon ist umso bemerkenswerter, da ihre Teamkollegin Kett aus München mit zur EM fährt. Aufgrund einer Verletzung kam sie in dieser Saison nur auf sieben Bundesligaspiele. Mit 20 Jahren steht sie ganz am Anfang ihrer Karriere und hat kaum Erfahrung in der Champions League gesammelt. Kett hat sich neben Simon auch gegen Felicitas Rauch durchgesetzt, die den Bundestrainer zuletzt öffentlich wegen »schlechter Kommunikation« kritisiert hatte. Möglicherweise ist Ketts Nominierung auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass sie als so junge Spielerin ihre Rolle als Ergänzungsspielerin akzeptieren und sich trotzdem voll reinhängen wird. Gerade bei einem Turnier, wo es sehr auf den inneren Frieden ankommt, sind solche Spielerinnen essenziell.

Elisa Senß, Mittelfeld

Elisa Senß: 27 Jahre, 21 Länderspiele, Eintracht Frankfurt

Elisa Senß: 27 Jahre, 21 Länderspiele, Eintracht Frankfurt

Foto: Georg Hochmuth / AFP

Die Karriere von Elisa Senß zeigt die Herausforderungen, mit denen selbst Topfußballerinnen noch heute konfrontiert sein können. Jahrelang führte sie ein Doppelleben: Als ihre Laufbahn einst in Meppen Fahrt aufnahm, arbeitete sie noch als medizinische Fachangestellte in einer Praxis für Unfallchirurgie. Ihre Tage gingen damals oft von 8 Uhr bis 23 Uhr, eine harte Zeit sei das gewesen. Erst vor einem Jahr wurde Senß unter Hrubesch Nationalspielerin – im Alter von 26. Senß ist eine besondere Fußballerin, fast schon der Typ Straßenfußballerin, sehr trickreich und mit viel Spielintelligenz ausgestattet. Man wird sie nach dem Verzicht auf Lena Oberdorf aber auch als Zweikämpferin brauchen. Oberdorf ist nach ihrem Kreuzbandriss noch immer nicht ganz fit.

Sjoeke Nüsken, Mittelfeld

Sjoeke Nüsken: 24 Jahre, 45 Länderspiele, FC Chelsea

Sjoeke Nüsken: 24 Jahre, 45 Länderspiele, FC Chelsea

Foto: David Inderlied / Kirchner-Media / IMAGO

Als die deutschen Fußballerinnen 2023 bei der WM in der Vorrunde ausschieden, gab es nicht nur Verliererinnen. Nüsken spielte damals kaum eine Rolle im Team und blieb daher fast unbeschadet. Unmittelbar nach dem Turnier wechselte sie von Frankfurt zum FC Chelsea, wo sie unter der damaligen Trainerin Emma Hayes spielte. Hayes gilt als Trainerikone. In dieser Umgebung entwickelte sich die defensive Mittelfeldspielerin zu einer Topkraft und festen Größe in der Nationalmannschaft. Bei dieser EM hätte man Nüsken gern an der Seite einer fitten Oberdorf gesehen, denn Nüsken verfügt auch über enorme Offensivstärken, während Oberdorf ihr als exzellente Zweikämpferin den Rücken freigehalten hätte. Ohne Oberdorf dürfte Nüskens Offensivdrang nicht ganz so ausgeprägt sein.

Sydney Lohmann, Mittelfeld

Sydney Lohmann: 24 Jahre, 39 Länderspiele, FC Bayern

Sydney Lohmann: 24 Jahre, 39 Länderspiele, FC Bayern

Foto: Lisa Leutner / REUTERS

Bundestrainer Wück lässt einen offensiven Fußball spielen, was einerseits für Lohmann spricht, andererseits aber auch gegen sie. Lohmann sucht ständig den Weg nach vorn und ist ein ständiger Unruheherd. Allerdings hat sie Mängel in der Defensive. Nach dem Verzicht von Oberdorf wird Wück ein starkes Gegengewicht zu Offensivspielerinnen wie Schüller, Bühl und Brand benötigen. Lohmann im zentralen Mittelfeld könnte zu viel Risiko bedeuten, was aber nicht heißt, dass sie keine Rolle bei diesem Turnier spielen wird. Mit ihrer Power kann sie auch von der Bank und als Einwechselspielerin stets eine Hilfe sein. Das ist der Fluch und Segen, der Lohmann im Nationalteam schon länger begleitet. Sie ist womöglich nicht konstant genug für die Startelf, vielleicht auch zu angriffslustig, aber eigentlich auch zu gut für die Bank.

Sara Däbritz, Mittelfeld

Sara Däbritz: 30 Jahre, 108 Länderspiele, Olympique Lyon

Sara Däbritz: 30 Jahre, 108 Länderspiele, Olympique Lyon

Foto: Beautiful Sports / Mario M. Koberg / IMAGO

Mit 108 Länderspielen ist Däbritz die erfahrenste Akteurin im aktuellen Kader. Dass sie ihren 100. Einsatz für den DFB bereits vor zwei Jahren bei der missratenen WM in Australien gefeiert hat, zeigt, wie sehr ihr Stellenwert als Stammkraft gesunken ist. Ähnlich ist das auch bei ihrem Heimatklub: Die zentrale Mittelfeldspielerin läuft in der Liga für den Topklub aus Lyon fast immer auf. In der wichtigen Champions League kam sie jedoch nur zu Kurzeinsätzen. In den Halbfinal-Duellen gegen den FC Arsenal spielte Däbritz keine Minute. Das Problem ist, dass sie sowohl defensiv als auch offensiv sehr solide ist, aber in keine Richtung wirklich Weltklasse. Im Sommer wird sie Lyon verlassen, das Ziel ist noch unbekannt.

Linda Dallmann, Mittelfeld

Linda Dallmann: 30 Jahre, 67 Länderspiele, FC Bayern

Linda Dallmann: 30 Jahre, 67 Länderspiele, FC Bayern

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Der nun nominierte Kader wird vor der EM kein Testspiel mehr bestreiten, sondern ausschließlich trainieren. Eine ungewöhnliche, vielleicht sogar waghalsige Maßnahme, für die sich Wück entschieden hat. Umso wichtiger werden nun die Eindrücke aus den letzten Spielen von Anfang Juni, etwa dem 4:0 gegen die Niederlande. Dallmann überragte damals und wird womöglich vorerst auf der Zehnerposition gesetzt sein. Für die physisch enorm starke Dallmann spricht auch, dass sie wie die ebenfalls in der Offensive gesetzten Bühl und Schüller beim FC Bayern spielt. Da versteht sich ein Angriff fast blind.

Laura Freigang, Mittelfeld/Angriff

Laura Freigang: 27 Jahre, 39 Länderspiele, Eintracht Frankfurt

Laura Freigang: 27 Jahre, 39 Länderspiele, Eintracht Frankfurt

Foto:

Beautiful Sports / Wunderl / IMAGO

Sie ist eine der beliebtesten Nationalspielerinnen, äußert sich klug zu Themen abseits des Platzes und wird gern als Gesicht für Sponsorenkampagnen ausgewählt. Eine DFB-Auswahl ohne Laura Freigang ist kaum vorstellbar. Das Problem ist jedoch: Bisher war es auch nicht leicht, sich ein DFB-Team mit Freigang bei den großen Turnieren vorzustellen. Denn fast immer, wenn es darauf ankam, musste sie auf der Bank Platz nehmen. Bei der WM 2023 war sie völlig außen vor, hinterher hieß es gar, die damalige Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg  habe kein einziges Wort mit Freigang während des Turniers gewechselt. Unter Hrubesch und Wück rückte Freigang der Startelf wieder näher, doch die vielseitige Angreiferin hat auf jeder Position enorme Konkurrenz.

Jule Brand, Angriff

Jule Brand: 22 Jahre, 60 Länderspiele, VfL Wolfsburg (künftig: Olympique Lyon)

Jule Brand: 22 Jahre, 60 Länderspiele, VfL Wolfsburg (künftig: Olympique Lyon)

Foto: Fotostand / Fantini / IMAGO

An guten Tagen ist die Außenstürmerin Jule Brand nicht zu stoppen. Ihre Dribblings sind dann nicht zu verteidigen, sie spielt traumhafte Pässe und entscheidet Spiele. Brand hat viele solche Tage, was einer der Gründe dafür ist, warum sie ab der kommenden Saison beim Topteam Olympique Lyon spielen wird. Es kann jedoch immer noch vorkommen, dass Spiele an ihr vorbeilaufen und ihr Einfluss in entscheidenden Phasen nicht groß genug ist. In der vergangenen Bundesligasaison kam sie in Wolfsburg auf ordentliche, aber nicht herausragende zehn Torbeteiligungen, in der Champions League auf keine einzige. Es gibt eben auch Tage, an denen Brand immer noch ein unerfülltes Versprechen ist.

Klara Bühl, Angriff

Klara Bühl: 24 Jahre, 67 Länderspiele, FC Bayern

Klara Bühl: 24 Jahre, 67 Länderspiele, FC Bayern

Foto: Christian Bruna / Getty Images

Mit dem selbst gehäkelten Team-Maskottchen, dem Koala »Waru« , hatte Bühl bei der WM 2023 in Australien für positive Stimmung sorgen wollen. Im Nachhinein galt Waru manchen als Symbol dafür, dass die Mannschaft zwar viel Spaß hat, aber nicht gut und konstant genug spielt. Auf Bühl trifft dieser Vorwurf allerdings nicht zu. Zwar hat sie vereinzelt ein paar technische Mängel, diese muss man jedoch bei ihrem Stil einkalkulieren. Bühl ist schnell, ein Energiebündel mit einem starken Abschluss und gutem Auge für ihre Teamkolleginnen. Aktuell befindet sie sich in ausgezeichneter Form. Wenn sie diese hält, könnte die 24-Jährige eine der prägenden Spielerinnen des Turniers werden.

Selina Cerci, Angriff

Selina Cerci: 25 Jahre, 9 Länderspiele, TSG Hoffenheim

Selina Cerci: 25 Jahre, 9 Länderspiele, TSG Hoffenheim

Foto: Eibner-Pressefoto / Memmler / Eibner / IMAGO

Cerci ist die Entdeckung der vergangenen Monate und eine Gewinnerin der noch jungen Ära Wück, wenngleich sie vorerst wohl eher als Jokerin eingeplant ist. Die Torschützenkönigin der vergangenen Bundesligasaison erweitert die ohnehin schon starken Möglichkeiten in der Offensive: Sie kann als Mittelstürmerin ganz vorn spielen oder über die Seite angreifen. Wahrscheinlich hätte man Cerci schon viel früher dauerhaft im DFB-Team gesehen, wenn nicht zwei schwere Knieverletzungen die Hoffenheimerin jeweils für fast ein Jahr außer Gefecht gesetzt hätten.

Cora Zicai, Angriff

Cora Zicai: 20 Jahre, 3 Länderspiele, SC Freiburg (künftig: VfL Wolfsburg)

Cora Zicai: 20 Jahre, 3 Länderspiele, SC Freiburg (künftig: VfL Wolfsburg)

Foto: Maximilian Koch / IMAGO

An ihrem 20. Geburtstag Ende des vergangenen Jahres feierte Zicai ihr Länderspieldebüt. Nun gab Wück im Europa-Park in Rust, nicht weit von ihrem Geburtsort Freiburg entfernt, ihre Kadernominierung bekannt. Es kommt also alles zusammen bei der Spielerin, deren Karriere seit einem Jahr im Eiltempo verläuft: Mit zwölf Torbeteiligungen war sie eine der spannendsten Spielerinnen der vergangenen Bundesligasaison; in Freiburg wurde sie zur Sportlerin des Jahres ernannt; der VfL Wolfsburg hat sie bereits vor der EM und dem großen Rampenlicht für die neue Saison unter Vertrag genommen. Sie ist extrem vielseitig im Angriff und sehr trickreich – genau der Stil, der Wück gefällt. Zuletzt war sie etwas angeschlagen, weshalb ihre Berufung bis zum Schluss auf der Kippe stand.

Lea Schüller, Angriff

Lea Schüller: 27 Jahre, 75 Länderspiele, FC Bayern

Lea Schüller: 27 Jahre, 75 Länderspiele, FC Bayern

Foto: Thomas Haesler / Kirchner-Media / IMAGO

Gwinn folgt auf Popp als Kapitänin und Schüller auf Popp als Angreiferin Nummer eins. Die Bayern-Stürmerin wird einige Vergleiche mit Popp aushalten müssen, die wahrscheinlich die prägendste DFB-Spielerin der vergangenen Jahre war. Fest steht, dass sich mit Schüller das Spiel verändert: Sie ist zwar nicht ganz so kopfballstark wie ihre Vorgängerin, dafür aber geschickter bei flachen Bällen. Die Frage ist, welche Schüller man im Sommer sehen wird. In dieser Saison hat sie kein einziges Tor in der Champions League erzielt. In der Nationalmannschaft ist Schüller jedoch deutlich gefährlicher: 52 Treffer in 75 Länderspielen verdeutlichen das. Wenn sie diese Quote bei der EM hält, dann rundet Schüller die herausragende deutsche Offensive ab. Eine Offensive, die definitiv zu den stärksten der Endrunde gehört.

Giovanna Hoffmann, Angriff

Giovanna Hoffmann: 26 Jahre, 7 Länderspiele, RB Leipzig

Giovanna Hoffmann: 26 Jahre, 7 Länderspiele, RB Leipzig

Foto: Beautiful Sports / Wunderl / IMAGO

Eine der ersten Amtshandlungen Wücks vor einem Jahr war es, Hoffmann ins DFB-Team zu holen. Die 1,74 Meter große Leipzigerin ist eine reine Mittelstürmerin, die nicht viele Chancen benötigt und auch in der Luft durchsetzungsfähig ist. Hoffmann feierte ihr Debüt erst unter Wück, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits 26 Jahre alt war. Grund dafür waren auch lange Pausen nach Verletzungen an Knie und Hüfte. Bei der EM ist sie als Ersatz für Schüller eingeplant.

Christian Wück, Bundestrainer

Christian Wück: 52 Jahre

Christian Wück: 52 Jahre

Foto: David Inderlied / Kirchner-Media / IMAGO

Er hat verschiedene Juniorenteams des DFB trainiert und Titel gewonnen. Bei seinem Einstieg konnte er jedoch weder größere Erfahrung im Erwachsenenbereich noch im Fußball der Frauen vorweisen. Wücks Beförderung zum Cheftrainer der DFB-Frauen kann daher als großes Wagnis empfunden werden. Für den 52-Jährigen war es in jedem Fall ein gewaltiger Karrieresprung. Das wird in den kommenden Wochen umso deutlicher, wenn die Aufmerksamkeit rund um die DFB-Auswahl mit dem EM-Start erst so richtig zunimmt. Sportlich kann sich die Entwicklung unter ihm sehen lassen. Der offensive Fußball passt zu dieser im Angriff so begabten Mannschaft. Die Frage ist, ob die Balance stimmt und die Defensive ausreichend Stabilität für diesen Ansatz hat. Wücks bisherige Zeit verlief nicht störungsfrei: Zwei Spielerinnen (beide nicht bei der EM dabei) warfen ihm öffentlich Schwächen in der Kommunikation vor. Doorsouns plötzlicher Rücktritt wirkt merkwürdig. Wenn die EM gut läuft, wird sich dafür schon bald niemand mehr interessieren. Es gibt aber auch noch ein anderes Szenario.