Elber-Interview "Alles riecht ein wenig anders"
Frage:
Herr Elber, als Sie 1991 aus Brasilien zum AC Mailand kamen, wollten Sie da schon unbedingt in der Champions League spielen?
Elber: Nein, ehrlich gesagt war das noch nicht mein Ziel. Zuerst wollte ich nur zur Mannschaft gehören und versuchen, dort mein Glück zu finden. Aber damals durften nur drei Ausländer spielen, und bei Milan waren damals die drei Holländer, das sagt schon alles.
Frage: Dann sind Sie ausgeliehen worden zu Grashopper Zürich.
Elber: Ja. In der Schweiz habe ich dann schnell kapiert, was es für alle Beteiligten bedeutet, europäisch zu spielen. Und welchen Stellenwert die Champions League dabei hat. Ich habe mit den Grashoppers zwar nur im Uefa-Cup gespielt, zum Beispiel in Portugal, aber die Atmosphäre war auch da sehr schön. Anders eben als in der Liga.
Frage: Sie sind dann über die Station VfB Stuttgart 1997 zu den Bayern gekommen und haben sieben Jahre lang durchgängig in der Champions League gespielt. Unterscheiden sich diese Spiele von den Bundesligapartien?
Elber: Natürlich, das begreift man sofort. Bundesliga ist nun einmal wie ein normaler Tag. Aber wenn ein Spiel in der Champions League ansteht, dann riecht das alles ein wenig anders: Es sind mehr Kameras und Journalisten da, das Training ist viel intensiver, und auch in der Kabine ist die Atmosphäre angespannter. Jeder merkt, dass etwas Anderes bevorsteht.
Frage: Ein Unterschied in der Vorbereitung besteht darin, dass die Auswärtsmannschaft am Tag vor dem Spiel im leeren Stadion trainiert. Finden man das als Spieler nicht ein wenig seltsam?
Elber: Nein, weil man total konzentriert ist auf die kommende Aufgabe. Deswegen schaut man nicht auf die Ränge. Ich wollte bei diesen Trainings immer nur den Platz kennen lernen. Aber natürlich weiß man, dass da in 24 Stunden 50.000 oder 60.000 Zuschauer sitzen, feiern und dir zuschauen. Diese Erwartung ist ein tolles Gefühl, das Schönste für einen Fußballer.
Frage: Sie haben in fast allen Stadien Europas gespielt, an welche denken Sie besonders gern zurück?
Elber: Das Schönste war für mich das Bernabeu in Madrid, da herrscht eine einmalige Atmosphäre. Dann das Camp Nou in Barcelona. Und das dritte ist Manchester, das Old Trafford. Da kriegt man eine Gänsehaut als Spieler, wenn man einläuft. Okay, San Siro in Mailand war auch ganz schön.
Frage: Beeinflusst das einen als Spieler?
Elber: Nein, mich jedenfalls nicht. Denn wenn erst einmal angepfiffen ist, dann vergisst man, dass man im Camp Nou oder im Bernabeu spielt. Man ist so fokussiert, dass man nicht mal etwas hört. Höchstens, wenn es mal einen Freistoß oder eine Verletzungspause gibt und man kurz abschalten kann, dann spürt man die Atmosphäre, die kreischenden Zuschauer. Okay, ich bin doch hier, habe ich mir dann immer gesagt. Das ist schon ein bisschen unwirklich. Ein Traum.
Frage: Was ist das Besondere an den genannten drei Stadien?
Elber: Einmal die Mannschaften, die dort spielen. Aber natürlich auch die Architektur, zum Beispiel die Enge im Bernabeu. Mir gefallen aber die Fans in Manchester viel besser als in Spanien: Die singen bis zum Schluss, auch wenn die eigene Mannschaft hinten liegt. Die Spanier sind ein anderes Kaliber, da pfeift das Publikum schnell, wenn der Gegner ein Tor schießt. Außerdem sind die englischen Fans sehr fair und erkennen auch die Leistung des Gegners an. Meistens wird der Gegner mit Beifall verabschiedet, das gefällt mir.
Frage: In der Bundesliga spielen Sie zweimal im Jahr gegen jeden Gegner, die Abwehrspieler sind immer die gleichen. Gibt es in der Champions League eine andere Vorbereitung?
Elber: Nein, nicht wirklich. Ottmar Hitzfeld hat uns immer gut vorbereitet, mit Videos, das Übliche. Und die meisten Gegenspieler kennt man ja schon aus vielen Spielen. Außerdem werden die großen Mannschaften auch im Fernsehen ständig gezeigt. Man kennt die Namen.
Frage: Ihr schwierigster Gegenspieler?
Elber: Sicher Jap Stam, der damals bei ManU spielte. Der ist groß, der ist beweglich, das war nicht einfach. Aber er war dabei immer sehr fair. Das ist vielleicht auch eine Besonderheit in der Champions League: Gegen nicht so gute Gegner kann es schon mal vorkommen, dass man einen Ellenbogen im Gesicht hat oder einen fiesen Leberhaken kassiert. Das kommt in der Champions League so gut wie nie vor. Da gibt es eine Art Ehrenkodex. Der Kampf wird hart geführt, bleibt aber immer fair.
Frage: In dem wahrscheinlich dramatischsten CL-Spiel der Bayern fehlten Sie wegen einer Verletzung. Wie haben Sie 1999 das Finale gegen Manchester erlebt?
Elber: Ja, das war das Schlimmste, damals nicht dabei zu sein. Ich saß mit Bixente Lizarazu, der ebenfalls verletzt war, auf der Tribüne des Camp Nou. Wir waren schon aufgestanden und wollten nach unten gehen, weil wir gesehen hatten, dass der Uefa-Präsident Lennart Johannson schon runter war. Ich sagte zu Bixente: "Wir müssen runter, das ist gleich zu Ende." Einen Moment später fällt der Ausgleich. Okay, Verlängerung, dachten wir, und setzten uns wieder. Dann fällt das 2:1 für Manchester. Das gibt's doch nicht! Ein Albtraum war das. Ich wollte danach möglichst schnell weg von diesem Ort. Wir dachten sogar daran, uns ein Taxi ins Hotel zu nehmen, sind aber dann doch mit dem Bus gefahren. Ich hatte nach dieser Niederlage überhaupt keinen Bock mehr auf Fußball. Sogar Franz Beckenabuer hat danach nichts gesagt. Erst nach ein paar Stunden, als wir ein wenig getrunken hatten, wurden wir wieder etwas lockerer.
Frage: Zum Finale 2001 gegen Valencia in San Siro, wo Sie Hitzfeld in der Verlängerung ausgewechselt hat: Wie haben Sie das Elfmeterschießen erlebt?
Elber: Ich habe gedacht: Das gibt's doch nicht! Schon wieder so ein Spiel wie gegen Manchester! Ich bin sicher, wenn Valencia nach dem 1:0 so weiter gespielt hätte, dann hätten sie gewonnen. Aber danach haben sie nur hinten drin gestanden und auf Konter gewartet. Wenn wir dann offensiver gespielt hätten, hätten sie gewonnen. Zum Glück hat Effenberg, nachdem Scholli schon einen Elfmeter verschossen hatte, seinen dann reingemacht. Und dann das Elfmeterschießen, das war hart.
Frage: Wissen Sie noch die Reihenfolge?
Elber: Und ob! Erst verschießt Sergio, dann Patrick Andersson, der uns vier Tage vorher zur Meisterschaft geschossen hatte. Dann trifft der nicht! Und dann kommt Olli Kahn und hat uns tatsächlich noch gerettet! Das war ein Traum. Auch weil San Siro das Stadion war, in dem ich zuerst in Europa gespielt hatte. Das war so eine Wiederkehr für mich: Der Beginn meiner Karriere und der Ort meines größten Triumphes. Das war fast Schicksal.
Frage: So ungefähr wie das Spiel Bayern gegen Lyon, kurz nachdem Sie zu Olympique gewechselt waren.
Elber: Auch da habe ich gedacht: Das gibt's doch nicht. Drei Tage nach meinem Transfer!
Das Interview führte Erik Eggers