Wenn Fußballfans ihre Partnerinnen schlagen Bei Events wie der EM steigen in England die Fälle häuslicher Gewalt
»Ich fürchtete mich vor der Weltmeisterschaft. Mein Mann war eigentlich kein Trinker, aber ich wusste, dass er während der WM trinken würde, mit all seinen Freunden, ob bei jemandem zu Hause, bei uns, bei wem auch immer. Dann wird er noch gemeiner.« – Ann
»Wenn sie ein Spiel verloren haben und die anderen Jungs im Pub waren, wusste ich, dass auch ihre Frauen am Wochenende nicht ausgehen würden. Weil sie ein blaues Auge hatten. Oder gebrochene Rippen. Ich wusste es einfach.« – Deb
Weltmeisterschaft. Europameisterschaft. Champions League. Oder auch nur ein normaler Sonntag in der Premier League. Für viele Menschen sind diese Tage Festtage, sie freuen sich auf außergewöhnliche Spieler, auf einmalige Momente mit Freunden und Familie. Für Frauen wie Ann oder Deb gehören sie zu den schlimmsten Tagen im Jahr.
Denn Fußballspiele können in England die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Frauen von ihren Partnern geschlagen werden.
Davon erzählten nicht nur Ann, Deb und sieben weitere Betroffene in einer Studie von 2017 . Ihre Erfahrungen sind Ausschnitt eines gesellschaftlichen Problems. Das zeigen verschiedene weitere Untersuchungen, die Daten der englischen Polizei auswerteten.
Während der WM 2010 stieg die Zahl der Fälle von häuslicher Partnerschaftsgewalt laut Zahlen des britischen Innenministeriums um etwa 34 Prozent, wenn England ein Spiel verloren hat. Und um rund 26 Prozent, wenn das Team gewonnen hat oder unentschieden spielte.
In einer Analyse aus dem Jahr 2020 wurden Daten der West Midlands Police ausgewertet und untersucht, wann genau es zu mehr Gewalttaten kommt und ob es einen Zusammenhang mit dem Konsum von Alkohol gibt. Demnach steigen die Zahlen in den ersten drei Stunden nach Anpfiff und erreichen ihren Höhepunkt in den drei Stunden nach dem Abpfiff. Ein englischer Sieg kann gar dazu führen, dass häusliche Gewalt um 48 Prozent ansteigt.
Ein anderes Forschungsteam beschäftigte sich 2024 mit der Region rund um Manchester, der Heimat der großen Fußballklubs Manchester City und Manchester United. Die Forscherinnen und Forscher fanden heraus: Je früher ein Spiel startet, desto mehr Alkohol wird getrunken und desto eher werden Frauen geschlagen. Und am meisten etwa zehn Stunden nach Spielende.
Die Untersuchungen zeigen auch: Es sind überwiegend Männer, die ihre Partnerinnen im Fußballumfeld schlagen. Auch Frauen sind Männern gegenüber gewalttätig, genauso gibt es Fälle in homosexuellen Beziehungen. Doch für diese Konstellation konnten die Forschenden kein erhöhtes Aufkommen rund um Fußballspiele feststellen.
»Es ist aber nicht der Fußball, der zum Anstieg führt«, sagt Ria Ivandic dem SPIEGEL. Ivandic ist Politikwissenschaftlerin an der London School of Economics and Political Science. »Es ist der Konsum von Alkohol, der Gewalt in Partnerschaften verstärken kann. Und das unabhängig davon, wie die Spiele ausgehen«.
Denn die Fälle von häuslicher Gewalt steigen laut Ivandic nur an, wenn die Täter alkoholisiert waren. Alkohol kann laut Weltgesundheitsorganisation dazu führen, dass Menschen aggressiv und gewalttätig werden. Ob es je nach Ausgang des Spiels ein glückseliges Anstoßen oder Frustgetränke sind, spielt laut der Untersuchung von Ivandic und ihrem Team keine Rolle.
Bei großen Turnieren fließt literweise Bier
Foto: miodrag ignjatovic / E+ / Getty ImagesBei der Europameisterschaft in Deutschland steht das englische Team im Halbfinale. Das Viertelfinale gegen die Schweiz verfolgten über 26 Millionen Menschen vor dem Fernseher oder Stream. Unzählige haben das Spiel im Pub oder gemeinsam mit Freunden geschaut. Das Spiel um den Finaleinzug gegen die Niederlande am Mittwoch (21 Uhr, TV: ARD und MagentaTV, Liveticker: SPIEGEL.de) könnte auf noch größeres Interesse stoßen.
Damit steigt auch die Zahl potenzieller Täter.
Wie viele Fälle von häuslicher Gewalt im Zusammenhang mit Fußballspielen in Deutschland auftreten, ist unklar. Die Polizei erfasst solche Fälle nicht explizit, wie ein Sprecher der Polizei Hamburg dem SPIEGEL mitteilte. Was bekannt ist: Jede dritte Frau in Deutschland ist von psychischer und/oder sexueller Gewalt betroffen. Jede vierte Frau hat laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mindestens einmal Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner erlebt. Und das sind nur die Fälle, die polizeilich bekannt sind. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen.
Welche Rolle spielt der Fußball?
Nun gab es häusliche Gewalt schon vor der EM, es wird sie während der EM und auch nach der EM geben. Partnerschaftsgewalt und Gewalt gegen Frauen sind globale Krisen, die von Frauenfeindlichkeit und strukturellem Sexismus begünstigt werden. Es sind die Täter, die für ihr Verhalten verantwortlich sind. Und trotzdem spielt der Fußball eine Rolle.
Berlin, Berlin – wer fährt nach Berlin?
Vom 14. Juni bis zum 14. Juli ist Deutschland Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft. 24 Mannschaften kämpfen um den Titel, das Finale findet im Berliner Olympiastadion statt.
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Er schafft ein Umfeld, das die Wahrscheinlichkeit für Gewalttaten erhöht. Das Fußballschauen lebt von Ritualen, von der gemeinsamen Fahrt zum Stadion oder dem Weg zur Kneipe, über die Unterstützung während des Spiels bis zum Fachsimpeln nach der Partie. Für viele Menschen fast schon obligatorisch dabei: das Bier in der Hand. Alkohol wird glorifiziert. Fußball, Sonne, Bier.
Viele Klubs werden von Bierherstellern gesponsort, in den Stadien wird Bier beworben und ausgeschenkt. Und während Europa- oder Weltmeisterschaften trinken viele Menschen mehr Alkohol als gewöhnlich. Nach Angaben des Deutschen Brauerbundes etwa wurde vor und nach der WM 2006 fünf Prozent mehr Bier gekauft.
Ria Ivandic, Politikwissenschaftlerin
Dazu ist Fußball in vielen Bereichen immer noch von Männern dominiert. Männer spielen Fußball, Männer schauen Fußball, Männer sprechen über Fußball. Sexistische Sprüche und Taten bleiben oft ohne Widerspruch, sie werden so denkbar und machbar.
Auch die Anstoßzeit könnte ein Faktor sein. Bisher setzte die Polizei darauf, Spiele so früh wie möglich anzusetzen, in der Hoffnung, dass die Fans dann noch nicht betrunken sind und die Situation in und um die Stadien übersichtlich bleibt. Dafür bleibt mehr Zeit, um sich danach zu betrinken. »Man kann die Gewalt vielleicht aus dem Stadion verbannen, aber sie kommt dann zeitversetzt zu Hause an«, sagt Politikwissenschaftlerin Ivandic.
Fußball kann nur ein Baustein sein
In der Planung von Fußballspielen müssen viele Interessen berücksichtigt werden, Verfügbarkeiten, TV-Anstalten, parallele Events, Arbeitsrechte. Aber um häusliche Gewalt zu reduzieren, müssten Spiele vermehrt in den Abendstunden angesetzt werden, so Ivandic. Alkoholwerbung einzuschränken, vor den Spielen und in der Halbzeitpause Hilfsangebote und Kontaktmöglichkeiten für Betroffene zu zeigen, das sind weitere Möglichkeiten für den Fußball. Um einen kleinen Beitrag in einer globalen Krise zu leisten.
Von seinem Partner oder seiner Partnerin geschlagen zu werden, verändert das Leben der Betroffenen nachhaltig. Für sie findet häusliche Gewalt nicht alle vier Jahre nach einem EM-Spiel statt. Sondern sie leben in ständiger Angst.