Fifa-Skandal Das große Zittern
Uefa-Präsident Platini: Auskunftsperson - nicht etwa nur Zeuge
Foto: AP/dpaWie geht es jetzt weiter im Fifa-Skandal?
Die Devise heißt: warten. Die Strafverfolgungsbehörden in den USA und der Schweiz bestimmen den Lauf der Dinge. Niemand weiß, gegen wen als nächstes ermittelt, wer verhaftet und/oder gegen wen Anklage erhoben wird. Dass es weitere Festsetzungen, Klagen und Enthüllungen geben wird, ist klar - das haben US-Justizministerin Loretta Lynch und der Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber schon vor zwei Wochen deutlich gemacht. Seither hat die strafrechtliche Aufarbeitung des kriminellen Fifa-Systems wieder deutlich an Fahrt gewonnen. Auch in Südafrika, Uruguay, Brasilien, Australien und anderen Ländern wurden Strafanzeigen gestellt oder laufen bereits Verfahren.
Wer führt derzeit den Fußball-Weltverband?
Auch wenn Joseph Blatter formal noch als Präsident im Amt ist: Die Fifa schlittert führungslos durch diese existenzielle Krise. Die Suspendierung Blatters, gegen den ein Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und Veruntreuung läuft, durch die hausinterne Ethikkommission dürfte in Kürze erfolgen. Im Grunde wird die Fifa derzeit vom Rechtsdirektor Marco Villiger und den für Millionen eingekauften Juristen der amerikanischen Anwaltskanzlei Quinn Emmanuel Urquhart & Sullivan geleitet. Diese hat den Auftrag, die Fifa vor der Zerschlagung retten. Es geht ja nicht nur um einzelne Personen, sondern um über Jahrzehnte gewachsene Systeme und darum, eine Kultur der Korruption zu ändern.
In den USA wird das Verfahren auf Grundlage des Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act aus dem Jahr 1970 durchgezogen. Dieses Rico-Gesetz führte schon zu einigen spektakulären Prozessen, verbunden mit gigantischen Strafzahlungen und Schadenersatzforderungen wie etwa gegen Big Tobacco, Umweltschänder und Mafia-Clans.
Der deutsche Fifa-Finanzchef Markus Kattner, der seit der Beurlaubung des unter Korruptionsverdachts stehenden Generalsekretärs Jérôme Valckedessen Posten ausübt, ist übrigens ebenfalls belastet - denn er hat jenen dubiosen WM-Ticketvertrag mit unterschrieben, über den Valcke stolperte.
Was passiert, wenn Blatter tatsächlich suspendiert wird?
Dann würde eigentlich der Erste Vizepräsident Issa Hayatou aus Kamerun an die Spitze der Fifa rücken. Hayatou ist allerdings Schmiergeldempfänger im ISL-Korruptionssystem und zudem in zahlreiche andere Affären verstrickt; unter anderem wird ihm die Annahme einer Millionensumme von Katar, WM-Ausrichter 2022, vorgeworfen. Nächster Kandidat wäre der Spanier Ángel María Villar Llona. Der hat als Parteigänger Katars aber ebenfalls große Probleme; zudem wird seinem Sohn Gorka, der als Generalsekretär der südamerikanischen Fußball-Konföderation Conmebol amtiert, von Klubpräsidenten in Uruguay Erpressung vorgeworfen.
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Wer kommt als ordentlicher Blatter-Nachfolger infrage?
Eine Diskussion über mögliche Kandidaten für den außerordentlichen Wahlkongress am 26. Februar 2016 ist müßig, solange die strafrechtlichen Ermittlungen und die daraus resultierenden Gerichtsprozesse nicht abgeschlossen sind. Diese Aufarbeitung hat gerade erst begonnen. Es wäre deshalb sinnvoll, die Fifa unter eine Übergangsführung zu stellen, an deren Spitze ein international anerkannter Korruptionsbekämpfer stehen sollte, der keinerlei Verbindungen zum Fußball-Business hat.
Kann der Fifa-Kongress dann überhaupt im Februar stattfinden?
Schwierig. Es dürfte nur eine Frage von wenigen Wochen sein, bis der Kongress verschoben wird. Zumal die beiden aussichtsreichsten Kandidaten, Uefa-Präsident Michel Platini aus Frankreich und der Hyundai-Milliardär Chung Mong-Joon, selbst im Fokus der Fifa-Ethikkommission stehen. Platini hat 2011 von Blatter zwei Millionen Franken kassiert, für angebliche Dienste in der Zeit von 1999 bis 2002. Kurz nach dem Geldeingang hat Platini damals die Uefa kollektiv darauf eingeschworen, bei der Fifa-Präsidentschaftswahl für Blatter zu stimmen.
Wird auch gegen Platini ein Strafverfahren eröffnet?
Das ist gut möglich. Da Platini 2011, als er die zwei Millionen Franken kassierte, bereits Uefa-Präsident und Fifa-Vize war, könnte auch gegen ihn wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und Veruntreuung ermittelt werden. Interessant ist ein Detail aus der Erklärung der Schweizer Bundesanwaltschaft: Die Behörde führt Blatter als Beschuldigten und Platini als sogenannte Auskunftsperson - nicht etwa nur als Zeugen. Und eine Auskunftsperson kann in derlei Verfahren jederzeit zum Beschuldigten werden.