Hamburger SV: Spitzenreiter im Schönrechnen - DER SPIEGEL
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Hamburger SV Spitzenreiter im Schönrechnen

Der Hamburger SV hat sich gerade erst aus dem Tabellenkeller der Bundesliga entfernt, da träumen sie beim HSV schon wieder vom Europapokal. Dabei ist die Mannschaft derzeit nur Mittelmaß - und wird es vorerst auch bleiben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Alles scheint gut beim Hamburger SV. Unter Trainer Thorsten Fink hat das Team erst eine von zwölf Bundesligapartien verloren, die Mannschaft ist vom letzten Platz auf den aktuellen Rang zehn der Tabelle geklettert. Entsprechend ist zurzeit die Tonlage im Verein. Sportdirektor Frank Arnesen fordert: "Wir müssen jedes Jahr europäisch mitmachen." Kapitän Heiko Westermann hat das "Thema Europacup" entdeckt. Und der seit einem Jahr amtierende Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow gibt für die kommende Spielzeit das Saisonziel "Platz eins bis sechs" aus.

Nach dem 1:0-Auswärtserfolg beim 1. FC Köln wird in Hamburg mal wieder flugs der Taschenrechner hervorgeholt. Ergebnis: Nur noch fünf Punkte Abstand auf die Ränge, die zur Teilnahme am Europapokal berechtigen. Fink sagt: "Ich habe Hunger auf mehr."

Da muss er sich wohl noch gedulden. Denn der tatsächliche Abstand zur Liga-Spitze ist ebenfalls in Punkten zu messen: 15 Punkte beträgt die Differenz zu Schalke auf Platz vier. 20 Punkte Rückstand sind es auf den Platz, den der HSV irgendwann erreichen will. Das ist die Tabellenführung. 20 Punkte - das sind Welten.

Es ist der seit Jahren bekannte Grundsound an der Elbe: Hamburg verdient besseres als Mittelmaß. Weil die Stadt eine Weltstadt ist, muss auch der Club entsprechend gut dastehen und der natürliche Anspruch erhoben werden, ein Spitzenteam zu haben. Ähnlich denken sie auch in Köln und Berlin.

Fink verkörpert das Hamburger Anspruchsdenken

Zuletzt hatte der HSV am Ende einer Spielzeit diese Messlatte grandios gerissen. Das wird sich in dieser Saison kaum ändern.

Fink ist so etwas wie die Verkörperung des Hamburger Anspruchsdenkens. Auch deshalb wird er im Verein und in der Stadt geschätzt, auch deswegen verbinden sich so viele Erwartungen mit seiner Arbeit. Wenn Fink sagt, er habe keine Lust, im Mittelmaß herumzudümpeln, bedient er die tiefen Sehnsüchte der HSV-Anhänger, die den Club immer noch mit den Zeiten von Kevin Keegan und Felix Magath oder zuletzt mit der Ära von Rafael van der Vaart verbinden. Und nicht mit limitierten Profis wie Robert Tesche oder Tomas Rincon aus dem aktuellen Kader.

So wie der HSV derzeit mit diesen Akteuren spielt, wird der Weg zurück nach oben ein sehr weiter sein. Der Ball wird relativ langsam nach vorne getragen, Kreativität ist dem Mittelfeld fremd, im Sturm herrscht das alleinige Vertrauen auf die Abschlussqualitäten von Mladen Petric und Paolo Guerrero. Es fehlt der große Plan.

Der zweite Blick auf die Statistik relativiert denn auch die Bilanz des Trainers: Von den elf Partien, die das Team unter ihm ungeschlagen bestritt, endeten sieben mit einem Remis. Darunter war die Partie gegen den FC Bayern München vor zwei Wochen, als die Mannschaft beim 1:1 überzeugte. Dazu gehörte aber genauso das enttäuschende Heimremis gegen den FC Augsburg zum Hinrundenschluss.

Der HSV fährt hässliche Punktgewinne ein

Auch das Spiel gegen den Rekordmeister sollte man nicht überbewerten. Die Art und Weise, wie man die Bayern zu Hause in Schach zu halten versteht, haben viele Mannschaften mittlerweile erkannt und übernommen. Das haben in dieser Spielzeit auch Mainz und Hannover geschafft. Die haben den FCB sogar geschlagen.

Sicher, der HSV produziert ordentliche Resultate. Die Spielweise ist jedoch nüchtern bis ernüchternd. Wenn man milde gestimmt ist, kann man sie effektiv nennen. Da ist viel Bereitschaft, aber keine Schönheit. Es ist jedoch die Mischung aus beidem, aus Effizienz und Schönheit, die eine echte Spitzenmannschaft ausmachen. So wie sie es derzeit die beiden Borussias aus Dortmund und Mönchengladbach und an guten Tagen auch der FC Bayern vormachen. Der HSV unter Fink fährt dagegen, wenn man so will, hässliche Punktgewinne ein.

"Ich habe noch keinen Gegner gesehen, der eine Klasse besser war als wir", hat der Trainer vor dem Rückrundenauftakt gesagt. Ein typischer Fink-Satz, dafür lieben sie ihn in Hamburg. Es folgte das 1:5 auf eigenem Platz gegen Borussia Dortmund.

Der BVB ist die Blaupause für den HSV. Dortmunds Coach Jürgen Klopp ist das gelungen, was Fink noch zu leisten hat. Als Klopp kam, war Borussia Dortmund eine ähnlich heterogene Mannschaft, wie sie der HSV jetzt ist. Ein ebenso aufgeblähter wie unausgereifter Kader aus einigen hoffnungsvollen Talenten und vielen älteren und bestens verdienenden Stars, zu denen damals der heutige HSV-Spieler Petric gehörte.

Das Vorbild Dortmund ist noch weit weg

Der Kroate war der erste, der Klopps Ansprüchen an das laufintensive Spiel nicht mehr genügte und schon vor Saisonbeginn gehen durfte. Heute gehört Petric immer noch zu den Unverzichtbaren im HSV-Dress - und gehört wie damals beim BVB zu den Top-Verdienern der Mannschaft.

Dortmund war damals auch aufgrund der desaströsen Finanzlage gezwungen, den Kader zu entschlacken, Stars wie Petric von der Gehaltsliste zu bekommen. Mittlerweile, nach zwei Jahren ohne die Einnahmen aus europäischen Spielen, ist auch der HSV ökonomisch in Schwierigkeiten. Es ist nicht zuletzt die Not, die zum Umbruch zwingt.

Den Dortmunder Weg wird der HSV nur gehen können, wenn er die Schieflage im Kader beseitigt. Hier gibt es noch die Stars, die vom früheren Vereinsboss Bernd Hoffmann gegen beste Bezahlung nach Hamburg gelockt wurden: Paolo Guerrero, Mladen Petric, Heiko Westermann. Mit ihnen ist ein Hochgeschwindigkeitsfußball, wie er derzeit in der Liga angesagt ist, kaum umzusetzen.

Und auf der anderen Seite steht der Talentschuppen, den Sportdirektor Frank Arnesen vom FC Chelsea mitgebracht hat: Jeffrey Bruma, Jacopo Sala, Gökhan Töre. Spieler, die Begabung mitbringen, aber ihre Zeit brauchen.

Wo der HSV hingehen will, scheint klar. Das mit dem jetzigen Personal zu schaffen, ist aber nicht möglich. So wie er jetzt spielt, ist er genau das, was Fink ablehnt: Mittelmaß.