Hooligan-Attacken Dritte Halbzeit im Abseits
Aggressive Fans: Schauplätze der Gewalt zunehmend außerhalb des Stadions
Foto: PETR JOSEK/ REUTERS"Los" - ein Wort, das große Wirkung entfaltete. Am Samstagabend griffen HSV-Hooligans St. Pauli-Fans am Bahnhof Altona an, die vom Auswärtsspiel ihres Teams aus Freiburg zurückkamen. Die rund 15 teilweise vermummten Täter gingen dabei laut Augenzeugen konzertiert und mit äußerster Brutalität vor - auch gegen Frauen und Kinder. Die Tat, die von allen Seiten scharf verurteilt wurde, und für die sich der HSV am Montag entschuldigte, bestätigt den gegenwärtigen Trend in Sachen Fußballgewalt. Diese findet nicht mehr rund um die Stadien statt, sondern abseits.
Es war der vierte Übergriff auf Anhänger des FC St. Pauli innerhalb der vergangenen zehn Monate. Im Oktober 2009 stürmten vermutlich Rostocker Anhänger das wöchentliche Treffen der Fangruppe Ultra St. Pauli (USP) in deren Räumlichkeiten im Hamburger Karolinenviertel. Die teilweise vermummten Angreifer attackierten mit Steinen und Flaschen. Der Angriff war ebenso kurz wie heftig. Obwohl die Polizei kurze Zeit später mit 20 Einsatzwagen am Tatort war, konnten die Randalierer flüchten.
Vor wenigen Wochen griffen erneut Rostocker eine Freizeitveranstaltung zweier St. Pauli-Fanclubs an. Die rund 50 teilweise vermummten Hooligans rannten mit Knüppeln bewaffnet auf einen Sportplatz, auf dem die Fans von St. Pauli ein Freundschaftsspiel ausrichten wollten. Sie warfen mit bengalischen Feuern, Tischen und Stühlen. Außerdem stahlen sie ein Transparent - ein wichtiges Ritual für die von Machogehabe geprägte Ultra-Szene. Ein Angreifer konnte vor Ort von den Besuchern gestellt werden, der Rest entkam.
"Der Trend ist nicht zu leugnen"
Zudem wurden jüngst zwei 13-Jährige St. Pauli-Fans in einer Seitenstraße auf dem Hamburger Kiez von HSV-Fans brutal abgezogen, wie man es in der Szene ausdrückt, wenn man dem Gegner dessen Fanutensilien abnimmt. Am vergangenen Wochenende folgte der nächste Übergriff außerhalb eines Stadions. "Der Trend ist nicht zu leugnen", sagt Dieter Bänisch SPIEGEL ONLINE. Bänisch ist Geschäftsführer vom "Verein Jugend und Sport", dem Träger beider Hamburger Fanprojekte.
Auf einer gemeinsamen Besprechung bezüglich des Hamburger Derbys, das am dritten Septemberwochenende stattfindet, habe er sich mit den beiden Fanvertretern der Hamburger Clubs über diese Häufung von Übergriffen außerhalb der eigentlichen Sportveranstaltungen ausgetauscht, damit die traditionelle Rivalität "nicht in Hass umschlägt". Nach den Angriffen vom Wochenende seien laut Bänisch selbst die erfahrenen Fanprojektler vom Hamburger SV "total platt".
Justus Peltzer, Mitarbeiter im Fanladen St. Paulis, findet die "Dimension des Überfalls erschreckend, weil es völlig normale Leute getroffen hat. "Wir haben uns bereits am Sonntag mit dem HSV-Fanprojekt ausgetauscht", sagt Peltzer SPIEGEL ONLINE. Dort wolle man die Angreifer nach dessen Identifizierung mit Stadionverboten belegen.
"Das Derby findet definitiv am Millerntor statt"
Das große Zittern vor dem Derby hat begonnen, die Hamburger Polizei verbreitet dennoch Gelassenheit. Über einen Umzug vom kleinen Millerntor-Stadion in den großen Volkspark habe man dort ebenso wenig nachgedacht wie über einen Ausschluss der Gästefans. "Solche Maßnahmen würden lediglich in die Karten der Angreifer spielen, das Derby findet definitiv am Millerntor statt", sagte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE. Man wolle die Erkenntnisse des neuerlichen Überfalls allerdings in die Einsatzplanung mit einfließen lassen. Das heißt im Klartext, dass noch mehr Beamte die brisante Partie bewachen werden.
Obwohl die Polizei sogenannte szenekundige Beamte in die Fangruppen eingeschleust hat, könne man solche Übergriffe nicht verhindern, so der Polizeisprecher. Bänisch sieht Effekthascherei als einen der treibenden Hintergründe für solche Überfälle: "Das ist nicht nur die übliche Ultra-Geschichte", sagt Bänisch. Vielmehr verleite der Aufstieg des FC St. Pauli "diese Schwachköpfe, immer noch einen oben drauf zu setzen." Hinzu käme die nicht vorhandende Polizeipräsenz bei solchen Überfällen abseits von Großveranstaltungen, sagt Bänisch.
Das sieht Sven Brux etwas anders. "Diese Entwicklung ist sicher auch der Radikalisierung übertriebener Ultra-Rivalitäten zuzuschreiben", sagt der ehemalige Fanbeauftragte und heutige Sicherheitschef des FC St. Pauli. Er blickt mit gemischten Gefühlen auf das Derby.
Bei der neuerlichen Verschärfung der Gewalt durch Fußball-Anhänger handelt es sich keineswegs um ein reines Hamburger Phänomen. Immer öfter kam es in der jüngsten Vergangenheit zu Übergriffen fernab der Fußballstadien. Als unrühmlicher Vorreiter gelten die Anhänger der beiden verfeindeten Leipziger Clubs FC Sachsen und 1. FC Lok. Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Fans auf offener Straße attackiert und verletzt. Trauriger Höhepunkt war der bewaffnete Überfall 2007 auf eine Weihnachstfeier im Vereinsheim des FC Sachsen.
Übergriffe nahmen in den vergangenen Monaten zu
Während es in Leipzig in den vergangenen Monaten weitgehend ruhig war, sorgten andere Hooligan-Attacken für Schlagzeilen.
- Im November 2009 greifen vermutlich Braunschweig-Hooligans auf einem Vorortbahnhof Fans von Hannover 96 an, die auf der Rückreise von einem Regionalligaspiel in Babelsberg sind. Obwohl rund 35 Polizeibeamte den Zug der 96-Anhänger begleiten, schlagen die rund 30 Angreifer die Fenster mit Baseballschlägern, Steinen und Eisenstangen ein und werfen Rauchkörper in den Zug.
- Im Januar kreuzen rund 100 vermummte Gestalten - vermutlich Anhänger des 1. FC Union - bei einem Hallenturnier des BFC Dynamo in Berlin auf und greifen Frauen und Kinder an. Zwei Personen werden verletzt.
- Im Februar treffen auf einem Rasthof in NRW Fußballfans aus Nürnberg und Bremen aufeinander. Laut Polizeibericht kommt es in einem Schnellrestaurant zu einer "Schlägerei, an der etwa 20 bis 30 Personen beteiligt" sind. Hierbei wird das Mobiliar erheblich beschädigt, es entsteht ein Sachschaden von rund 75.000 Euro.
- Im Februar greifen Hooligans des FC Schalke 04 nach einem Heimspiel Profis des Zweitligisten 1. FC Union Berlin auf dem Parkplatz der Gelsenkirchener Arena hinterrücks an und verletzen zwei Spieler.
- Ebenfalls im Februar greifen Frankfurt-Hooligans die Räume des Karlsruher Fanprojektes an - ein absoluter Tabubruch in der Szene. Neben einem hohen Sachschaden werden einige Personen verletzt. Ralf Zänger von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte spricht von einer "Zäsur für die Fanprojekte auf Bundesebene".
- Im März randalieren Rostocker Hooligans vor dem Auswärtsspiel in Paderborn in einer Gaststätte, greifen Polizisten an. Erst ein massives Aufgebot von Sicherheitskräften bekommt die Randalierer in den Griff. Im Februar 2009 hatten 15 vermummte Rostock-Fans friedliche Freiburg-Fans auf einem Vorstadtbahnhof in Mecklenburg-Vorpommern überfallen und ihnen persönliche Gegenstände geklaut. Ein Freiburger Fan wurde verletzt.
- Im Mai attackieren Hertha-Anhänger auf dem Karneval der Kulturen einen Festwagen des Stadtrivalen TeBe Berlin mit Bierflaschen und Gläsern und brüllten homophobe Parolen.
- Im Juli rasten Hooligans des 1. FC Köln im österreichischen Tröplach aus, wo der FC sein Trainingslager absolviert. Mehrere Anhänger randalieren nach einem Testspiel gegen den RC Lens in einem Lokal, werfen Gläser, Stühle und Tische auf Unbeteiligte. Vier Menschen werden verletzt.