Interview mit Helmut Thoma "Die ARD hat Angst"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Thoma, der Streit um die Fußball-Berichterstattung im Fernsehen erhitzt die Gemüter derzeit wie kaum ein zweites Thema. Was halten Sie von der Forderung "Fußball im Fernsehen für alle"?
Helmut Thoma: Ein Recht im juristischen Sinne gibt es sicherlich nicht, schließlich ist auch niemand gezwungen, Fußball zu übertragen. Auf europäischer Ebene ist allerdings Gesetzlich geregelt, dass vom Fußball, der im Fernsehen gezeigt wird, nicht alles im Pay-TV verschwinden darf. Zusätzlich gibt es ein Recht auf freie Kurzberichterstattung. Das alles aber sind Rechte der Fernseh-Unternehmer, nicht des Zuschauers.
SPIEGEL ONLINE: Hat der Zuschauer aus Ihrer Sicht einen moralisch gestützten Anspruch auf Fußball im Fernsehen?
Helmut Thoma: Wenn man berücksichtigt, dass Fußball immer noch der Volkssport Nummer Eins ist, kann man einen solchen Anspruch durchaus formulieren.
SPIEGEL ONLINE: Das Landgericht München scheint anderer Meinung zu sein. Die ARD hat den Streit mit der KirchGruppe um die Kurzberichterstattung zunächst verloren.
Helmut Thoma: Das liegt nicht zuletzt daran, dass die KirchGruppe in diesem Fall der falsche Gegner ist. Im Streit mit Kirch geht es nur um einen schon geschlossenen Vertrag, in dem festgehalten ist, wann die ARD was wie lange übertragen darf. Die ARD stützt sich auf das gesetzlich verankerte Recht auf Kurzberichterstattung, das es gibt, seit RTL vor etwa zehn Jahren erstmals die TV-Rechte an der Bundesliga erwarb. Dieses Recht, das die ARD von den Vereinen einfordern müsste, nimmt sie bis dato aber nicht in Anspruch.
SPIEGEL ONLINE: Warum gebärden sich die ARD-Intendanten gegenüber Kirch wie Streithansel, halten sich aber gegenüber den Vereinen und der Liga vornehm zurück?
Helmut Thoma: In der Tat könnte die ARD eine Einstweilige Verfügung erwirken und sich so Zugang zu den Stadien verschaffen. Dass Sie das nicht tut, hängt damit zusammen, dass man Angst hat, es sich mit dem Liga-Verband und damit auch mit dem DFB zu verderben und dann vielleicht bei Verhandlungen über Länderspiele oder den Liga-Cup hintenanstehen zu müssen. Für eine Institution von der Größe der ARD ist es allerdings unverständlich, so zu handeln.
SPIEGEL ONLINE: Sollte die ARD doch noch den Mut aufbringen, sich mit der Liga anzulegen, welche Auswirkungen hätte das für den Fußball?
Thoma: Das ist in der Tat eine gefährliche Entwicklung. Was ist denn ein Fußballspiel? Daran gibt es kein Urheberrecht. Das einzige Recht, das die Veranstalter haben, ist, die Leute ins Stadion zu lassen oder nicht. Dadurch, dass sich die Pay-TV-Träume, nicht nur von Kirch, sondern auch in anderen Ländern, bis dato nicht erfüllt haben, ist aber ein enormer Druck entstanden. Natürlich stellt sich ein Kirch dann die Frage, ob sich drei Milliarden Mark für vier Jahre Bundesliga wirklich gelohnt haben. Dann gelangt er rasch zu der Erkenntnis, dass bis dato nicht die sanftesten Anzeichen dafür zu erkennen sind. Wenn dann noch am Samstagabend die Entjungferung der jeweiligen Bundesliga-Runde durch eine Kurzberichterstattung stattfindet, dann wird schon bald niemand mehr ein Interesse haben, soviel Geld für die Bundesliga auszugeben. Das wäre verhängnisvoll für die Vereine.
SPIEGEL ONLINE: Ist es Panik, die die Verantwortlichen im Hause Kirch veranlasst hat, ein funktionierendes Format wie "ran" zum Bauernopfer zu machen, um seinen Bezahl-Sender Premiere World zu retten?
Thoma: Diese Panik kann ich nachvollziehen, die hätte ich an Kirchs Stelle auch. Er hätte besser sofort mit offenen Karten gespielt und gesagt: "Ich kaufe für drei Milliarden Mark für vier Jahre die Bundesliga. Weil ich weiß, dass auch ein paar Ausschnitte im Free-TV zu sehen sein müssen, gebe ich diese Ausschnitte an einen meiner Sender. Der sendet das dann irgendwann am späten Samstagabend."
SPIEGEL ONLINE: Welche Optionen hat Kirch nun noch, sollte sein vermeintlicher Schachzug mit der Verlegung von "ran" auf 20.15 Uhr nicht aufgehen?
Thoma: Ich glaube zwar kaum, dass er damit oder mit weiteren Aktionen dieser Art auch nur einen Decoder mehr verkaufen wird. Dennoch wird er "Ran" weiter nach hinten verschieben. Der Liga-Verband wird das wieder akzeptieren und niemand wird mehr von "zeitnaher Berichterstattung" sprechen. Was heißt denn dieser wunderbare Begriff auch schon? Der ist dehnbar, und Kirch wird argumentieren, dass verglichen mit der Unendlichkeit selbst zwei Jahre später noch "zeitnah" bedeuten kann.
SPIEGEL ONLINE: Ist das die bislang kritischste Situation für Kirch?
Thoma: Er hat von Rupert Murdoch, dem er die Bundesliga-Milliarden schuldet, noch einmal einen Aufschub bekommen. Murdoch weiß, dass bei einem Ausstieg der ganze Laden zusammenbrechen würde. Das macht keinen Sinn, er wird also abwarten. Ob von Kirch aber bis zum nächsten Jahr 3,8 Millionen Abonnenten für Premiere World erreicht werden können, halte ich für zweifelhaft. Was dann passiert, muss man abwarten. Kirch kann jedenfalls froh sein, dass mittlerweile sein Free-TV-Bereich gut funktioniert, was viel zu wenig beachtet wird. Er verfügt über die sehr gut verdienenden Sender Pro Sieben und Kabel 1. Mit Anteilsverkäufen aus dieser Gruppe könnte er sich im Falle eines Falles dann wohl doch noch einmal über Wasser halten.
SPIEGEL ONLINE: Wie wird man uns in der Zukunft die Bundesliga im Fernsehen präsentieren?
Thoma: Alle Logik spricht dafür, dass tatsächlich "ran" irgendwo in der dunklen Nacht verschwinden wird. Oder aber Kirch einigt sich mit dem ZDF darüber, dass die Mainzer ihr "Sportstudio" aufgeben, und sendet dann in dieser Zeit "ran". Die ARD wird wohl durchsetzen, dass es in der "Tagesschau" Ausschnitte von zwei, drei Spielen zu sehen gibt. Immer vorausgesetzt, dass diejenigen, die dort die Tapferkeit nicht gerade in Großportionen eingenommen haben, sich endlich etwas forscher zeigen. Mit einer Strategie, wie bei den Verhandlungen um die TV-Rechte für die Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 jedenfalls, wird man nicht weit kommen. Denn das war ein einziges Trauerspiel.
Das Interview führte Andreas Kötter.