Interview mit Sergej Barbarez "Ich kenne alle Tricks"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Barbarez, kann man mit den Kriegsnachrichten im Hinterkopf unbeschwert Fußball spielen?
Sergej Barbarez: Wir versuchen uns natürlich auf das zu konzentrieren, was wir zu tun haben. Aber der Krieg ist eine ganz schlimme Sache. Ich finde es furchtbar, eine Katastrophe. Ich habe mich in letzter Zeit öfter über die Situation im Nahen Osten unterhalten, weil ich das in meinem Land fast selbst so miterlebt habe. Das ist das Allerschlimmste, was im 21. Jahrhundert noch passieren kann.
SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich an den Bosnien-Krieg erinnert?
Barbarez: Natürlich werden da alte Erinnerungen wieder lebendig. Meine ganze Familie war damals in Bosnien dem Krieg ausgesetzt. Das habe ich natürlich auch mitbekommen. Ich war selbst kurz nach dem Krieg mehrmals dort unten. Das war eine schwere Zeit damals. Es gibt viele Dinge, die mich daran erinnern, alles kommt wieder hoch. Von daher ist das für mich persönlich eine sehr traurige Sache.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist Ihre persönliche Einstellung zum Irak-Krieg?
Barbarez: Ich lehne die Vorgehensweise der USA strikt ab. Man muss immer versuchen, einen Konflikt mit Diplomatie zu regeln.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind bekannt dafür, Ihre Meinung gerade heraus zu sagen.
Barbarez: Ich habe meine private Meinung, auch dazu, klar. Und wenn ich gefragt werde und wenn es für mich okay ist, mich in der Öffentlichkeit dazu zu äußern, dann mache ich das.
SPIEGEL ONLINE: Sie mussten für Ihre Offenheit, Ihre Impulsivität schon häufig Kritik einstecken. Hätten Sie Ihre Zunge manchmal lieber unter Kontrolle?
Barbarez: Mit meiner Einstellung bin ich bis jetzt ganz gut gefahren. Und jetzt, mit 31 Jahren, kann ich mich sowieso nicht mehr viel ändern, nicht im fußballerischen und nicht im privaten Bereich. Aber aus negativen Erlebnissen habe ich gelernt.
SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, eine egoistische Diva zu sein?
Barbarez: Ach, diese Kritik kommt meist von außen. Mir ist wichtig, was für eine Meinung mein Trainer von mir hat, was die Leute im Verein für eine Meinung von mir haben. Und die ist, wie ich feststellen konnte, sehr positiv. Nur das zählt für mich.
SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Barbarez: Schwierig. Selbst kann ich mir natürlich eher Komplimente machen, als dass das jemand anders vielleicht tun würde. Das ist ein Vorteil. Aber ich würde mal sagen, dass ich ein ganz einfacher Mensch bin. Jemand, der geradeaus geht und der sehr viel Erfolg will. Der alles daran orientiert, Erfolg zu haben und glücklich zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Die "Süddeutsche Zeitung beschrieb die Spielweise des HSV gegen Schalke als "diszipliniert wie ein Kadettenchor, beinhart wie eine Horde kanadischer Holzfäller, nüchtern wie hanseatische Kaufleute. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Barbarez: So wie wir in die Saison gestartet waren, ist unser momentaner Tabellenplatz eine Überraschung. Am Anfang der Saison mussten wir vier, fünf Stammspieler ersetzen, und das nicht nur für ein paar Wochen. Deswegen hat es im ersten Teil der Hinrunde ein bisschen gehapert bei uns. Jetzt aber haben wir uns endlich gefunden. Wir haben seit langer Zeit kaum verletzte oder gesperrte Spieler und ein bisschen mehr Ruhe im Verein. Dass wir uns gefangen haben, spricht sehr für die Mannschaft.
SPIEGEL ONLINE: Wie passt ein Ballkünstler wie Sie in diese "Holzfällertruppe"?
Barbarez: Ich muss mich anpassen. Es gibt eben auch mal eine Viertelstunde, wo auch ich nur verteidigen, nur dagegenhalten und nur Defensivarbeit leisten muss. Aber wenn sich die Möglichkeit ergibt, einen schönen Pass und schöne Kombinationen zu spielen, dann will ich dabei sein. Das ist meine Aufgabe in dieser Mannschaft.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie beim HSV eine Sonderstellung?
Barbarez: In jeder Mannschaft hat jeder Spieler seine Aufgabe. Einige eher defensiv, andere versuchen, etwas für das Kombinationsspiel, für das schöne Spiel zu tun, Tore vorzubereiten und Tore zu machen. Ich habe fast mein halbes Leben lang auf der Straße gespielt, ich kenne alle Tricks. Die versuche ich anzuwenden. Das ist manchmal risikoreich. Doch das ist die Spielweise, die ich mein ganzes Leben lang betrieben habe und mit der ich Erfolg gehabt habe.
SPIEGEL ONLINE: Man hat den Eindruck, dass es in der Mannschaft gut läuft, wenn Sie gut spielen, und dass es Durststrecken gibt, wenn Sie verletzt sind.
Barbarez: Wir haben in der Mannschaft zwei oder drei Spieler, die für eine schöne Spielweise, für Erfolgserlebnisse, für Tore zuständig sind. Wenn da einer oder mehrere ausfallen, ist das problematisch. Ich sage zwar immer, jeder Spieler ist zu ersetzen. Aber ich denke, dass ich ein wichtiger Bestandteil dieser Mannschaft bin.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind denn die Erwartungen für den Rest der Saison? Reden Sie intern von der Champions League?
Barbarez: Wir versuchen realistisch zu bleiben. Unser Trainer Kurt Jara hat uns wissen lassen, dass er als erster sagen darf "Wir wollen in die Champions League. Aber im Moment sieht das in der Tabelle noch ein bisschen anders aus. Dennoch sind wir sehr glücklich da, wo wir gerade stehen. Unser Ziel ist es, am Ende mindestens Fünfter zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie sich für das Spiel am Samstag in Mönchengladbach vorgenommen?
Barbarez: Hinfahren und gewinnen. Es wäre nicht schlecht, wenn wir vor der zweiwöchigen Länderspielpause unsere gute Leistung noch einmal bestätigen.
SPIEGEL ONLINE: Dann sind auch Sie mit Bosnien wieder unterwegs. Wie stehen die Chancen?
Barbarez: Nicht so gut. Wir haben die ersten zwei Spiele verloren. Leider war ich nicht dabei, weil ich verletzt war. Wir sind in einer schwierigen Gruppe. (Bosnien spielt in der EM-Qualifikationsgruppe 2 mit Norwegen, Rumänien, Dänemark und Luxemburg, d. Red.) Eigentlich war von vornherein klar, dass wir keine Chance haben. Wir sind ein kleines Land, immer noch ohne große Erfahrung. Unsere Leistung im Länderspiel gegen Wales aber war sehr gut. Jetzt sind wir optimistisch für das Spiel gegen Dänemark. Von Luxemburg rede ich gar nicht - da bin ich schon so überheblich zu sagen, dass wir sie schlagen werden.
SPIEGEL ONLINE: Die Nationalmannschaft ist etwas ganz Besonderes für Sie?
Barbarez: Für Bosnien zu spielen, ist für mich das Allergrößte.
Das Gespräch führte Sabrina Ebitsch