Littbarski-Interview "Ich vermisse Berliner Currywurst"
Frage:
Herr Littbarski, Ihr bislang einziger Cheftrainerjob in Deutschland beim MSV Duisburg endete mit dem Rauswurf. Nach zwei Jahren als Coach in Japan heuerten Sie nun beim Sydney FC in der neu gegründeten australischen A-League an, die im August startet. Kommen Sie als Trainer nur im Ausland zurecht?
Littbarski: Vielleicht bin ich einfach mehr der Basisarbeiter. In Deutschland ist die Grundlage vorhanden, da geht es nur noch darum, die Spieler in die richtige Richtung zu lenken. Hier in Australien kann ich noch Grundlagen im technischen und taktischen Bereich schaffen, weil der Fußball 10 bis 15 Jahre hinterherhinkt.
Frage: Wieso hatten Sie in Deutschland so wenig Erfolg?
Littbarski: In Duisburg ist einmal unsere Waage kaputt gegangen. Da hatten die nicht das Geld, eine neue zu holen. Es war aber trotzdem eine sehr interessante Zeit. Ich sage immer, Otto Rehhagel musste auch erst zehnmal auf die Schnauze fallen. In Deutschland musst du halt abliefern, und wenn du nicht erfolgreich bist, kommt eine neue Maschine. Man weiß doch heute gar nicht mehr, ob Jörg Berger nun Trainer von Fortuna Düsseldorf oder Hansa Rostock ist. Es gibt einen Durchlauf von 30 Trainern, das ist okay, das akzeptiere ich, aber vielleicht ist das hier besser für mich.
Frage: Welches sind die größten Unterschiede zur Arbeit in Deutschland?
Littbarski: Die Limitierung der Teams auf 20 Spieler. Das ist für mich ein ganz anderes Arbeiten, weil jeder einzelne Spieler eine höhere Wertigkeit hat. Man kann nicht riskieren, einen zu verlieren. In Deutschland ist es ganz normal, dass zwei oder drei Spieler während der Saison den Verein verlassen. Das kann sich hier keiner erlauben.
Frage: Welchen Stellenwert hat Fußball in Australien?
Littbarski: Fußball ist die ganz große Nummer bei den Jugendlichen bis 15 Jahren. Dann wechseln aber alle zum Football, weil man bisher keine Orientierung an einer starken Liga hatte, es gibt auch keine Stars im Fernsehen. Im Ausland sorgen zwar Akteure wie Harry Kewell oder Mark Viduka für Furore, aber die Leute wollen ihre Helden vor Ort sehen. Deshalb braucht das Land eine starke Liga.
Frage: Beim Konföderationen-Cup treffen Australien und Deutschland am 15. Juni in Frankfurt am Main aufeinander. Wie schätzen Sie die Chancen der Australier ein?
Littbarski: Die Australier stehen sehr kompakt und sind sicherlich nicht leicht zu spielen. Sie haben aber deutliche Probleme, wenn sie selbst das Spiel machen müssen. Beim Konföderationen-Cup stehen jedoch die Deutschen in der Pflicht und werden das Heft in die Hand nehmen. Es sollte für Jürgen Klinsmann und sein Team für einen Sieg reichen.
Frage: Sie sind zusammen mit Klinsmann 1990 als Spieler Weltmeister geworden. Wie bewerten Sie seine Arbeit als Bundestrainer?
Littbarski: Als ich auf Jobsuche war, hat mir der Jürgen ein wenig geholfen. Das sind diese alten Kontakte, wir sind befreundet und er hat über Adidas seine Kontakte spielen lassen. Wenn ich seine Arbeit bewerte, dann hat er aber nicht diesen Freundschaftsbonus. Da gibt es die nackten Ergebnisse, die sprechen für sich. Dann hat er auch neue Sachen eingeführt, vorher war einfach alles so festgefahren. Die Deutschen haben halt diese Mentalität, alles in Frage zu stellen. Er geht aber trotzdem unbeirrt seinen Weg, das hat er immer gemacht und das ist sehr wichtig. Ich würde mir nur wünschen, dass er mehr Unterstützung von der Trainergilde erfährt. Im Endeffekt ist der Posten des deutschen Nationaltrainers ein Schweinejob, weil man es nie allen recht machen kann.
Frage: Wenn Sie Klinsmanns Arbeit mit der seines Vorgängers Rudi Völler vergleichen, wo liegen die größten Unterschiede?
Littbarski: Beide pflegen ihren ganz eigenen Stil, der sich sehr von dem des anderen unterscheidet. Völler ist viel mehr auf Harmonie bedacht, es muss alles eine gute Balance haben. Klinsmann schreit zwar nicht in der Gegend herum, geht aber seinen Weg gradliniger und zeigt mehr Härte. Er möchte seine Probleme so schnell wie möglich lösen. Rudi hat das sehr gut gemacht, aber jetzt haben wir eine neue Ära und nun ist eben der Jürgen dran.
Frage: Sie sind erst seit kurzer Zeit mit Ihrer Mannschaft zusammen. Wenn Sie mit diesem Team in Deutschland antreten würden, wo wäre es einzuordnen?
Littbarski: Ich habe einige Spieler in der Mannschaft, die schon in Deutschland gespielt haben. David Zdrilic werden noch viele Fans aus seiner Zeit in Ulm, Frankfurt und Unterhaching kennen, Mark Rudan hat schon für Alemannia Aachen gegen den Ball getreten. Ich denke, wenn meine Mannschaft gut eingespielt ist, könnte sie sich im unteren Drittel der 1. Bundesliga platzieren.
Frage: Haben Sie zwischen den Trainingseinheiten schon Zeit gefunden, sich Sydneys Sehenswürdigkeiten anzuschauen? Waren Sie schon in der Oper?
Littbarski: Noch nicht, aber das werde ich auf alle Fälle nachholen. Das Einzige, was ich mir bisher gegönnt habe, war ein Spiel der Australian Football League zwischen den Sydney Swans und den Melbourne Hawks, das war sehr interessant. Die Jungs stehen wieder auf, egal was kommt. Da ist einfach eine unglaubliche Dynamik im Spiel.
Frage: Konnten Sie Anregungen für Ihre nächste Trainingseinheit mitnehmen?
Littbarski: Unser Physical Coach kommt aus dem Football-Bereich. Da gibt es Leute, die sind 1,90 Meter groß und haben eine ungeheure Beweglichkeit. Wenn man die umformen könnte zum Fußballer, wären die auf jeden Fall eine Verstärkung.
Frage: Sie haben zuletzt zwei Jahre in Japan trainiert und heuern nun in Australien an. Verfolgen Sie eigentlich noch die Bundesliga?
Littbarski: Hier am anderen Ende der Welt hänge ich leider ein wenig zurück und bin hauptsächlich auf das Internet angewiesen. Außerdem schickt mir meine Mutter immer eine DVD mit den Bundesliga-Zusammenschnitten.
Frage: Ihre Mutter?
Littbarski: Ja, meine Mutter. Die hat von mir einen neuen DVD-Recorder gekriegt und zeichnet alles auf. Das ist der Vorteil von DVDs, die kann man ganz einfach in einen Briefumschlag stecken und nach Australien schicken.
Frage: Vermissen Sie nach so vielen Jahren im Ausland überhaupt noch was an Deutschland?
Littbarski: Auf jeden Fall. Ich vermisse natürlich einige Freunde, dazu bestimmte Gepflogenheiten wie den Kölner Karneval oder die Berliner Urmentalität.
Frage: Und kulinarisch?
Littbarski: Als Berliner hat die Currywurst für mich immer noch einen sehr hohen Stellenwert. Die Würste hier sind knallrot, das sieht mir einfach zu gefährlich aus. Geschmacklich sind die bestimmt gut. Ich habe sie auch schon mal probiert, schwenke dann aber immer von der Wurst- zur Fischtheke um und hole mir Jakobsmuscheln oder so etwas. Die Augen essen einfach mit.
Frage: Wer wird im kommenden Jahr Weltmeister?
Littbarski: Ich gehe mal davon aus, dass die Deutschen es machen. Es wird sicher ein ganz schweres Ding, weil die Erwartungen so hoch sind. Der Heimvorteil ist aber nicht zu unterschätzen, damit können wir die Südamerikaner in Schach halten. Wir werden mehr Probleme mit den europäischen Teams kriegen. Wir haben es aber 1974 geschafft, warum sollten wir es nicht auch im nächsten Jahr schaffen?
Die Fragen stellte Ingmar Volkmann