Linke Verteidiger: Lückenbüßer en masse
Löws größtes Abwehrproblem Leere auf links
Michael Hartmann ist jetzt Co-Trainer in Rostock, dritte Liga. Jörg Heinrich war Sportdirektor beim 1. FC Union Berlin, aber das ist auch schon drei Jahre her. Ralf Weber beobachtet Spiele für Eintracht Frankfurt. Christian Ziege ist Trainer in Bielefeld. Sie sind dem Fußball alle irgendwie treu geblieben, er hat sie nicht losgelassen. Oder andersherum. Nur Tobias Rau hat einen Ausgang gefunden. Rau studiert, er ist 29 und schon seit zwei Jahren nur noch ehemaliger Fußballprofi.
Fünf unterschiedliche Lebenswege aus fünf unterschiedlichen Karrieren, und doch haben alle fünf eine Gemeinsamkeit. Hartmann, Heinrich, Weber, Ziege oder Rau haben alle mal auf der linken Seite der deutschen Nationalmannschaft verteidigt. Oft (wie Ziege, 72 Mal für die DFB-Elf im Einsatz) oder selten (Hartmann, vier Einsätze), aber immer begleitet von einem großen Schatten: . Herausgetreten aus dem Schatten ist kein einziger.
Brehme war der letzte in einer Reihe von deutschen Linksverteidigern, von denen jeder eine Ära geprägt hatte. Selbst eigentlich ein Rechtsfuß, agierte Brehme in seiner Karriere immer links hinten. Der Qualität seines Spiels tat das keinen Abbruch, der Hamburger konnte mit seinem linken Fuß flanken, passen und schießen. Den Elfmeter im WM-Finale 1990 schoss er mit rechts. Brehme war auf Hans-Peter Briegel gefolgt, auch dieser ein Rechtsfuß, der bei Hellas Verona dann den linken trainierte und 1982 sowie 1986 Vizeweltmeister wurde. Vor Briegel spielte links hinten. Ebenfalls ein Rechtsfuß, Weltmeister 1974.
Auf die drei großen B. folgten viele Lückenbüßer
Breitner, Briegel, Brehme - danach klafft ein Loch links hinten. Es gähnte schon die Bundestrainer Berti Vogts und Erich Ribbeck an, auch Rudi Völler zuckte verzweifelt mit den Schultern. Es gab keine Nachfolger weit und breit. Nicht mal Ziege, der talentierteste aller Kandidaten, erreichte je die Konstanz der drei großen B. Der Notstand war irgendwann so groß, dass man als Linksverteidiger nur eine gute Halbserie in der Bundesliga spielen musste und plötzlich Nationalspieler war. Man frage nach bei Rau, Hartmann, Christian Rahn, Malik Fathi, Christian Pander oder Christian Schulz.
Und das alles, weil im deutschen Fußball in der Ausbildung über Jahre eine Position sträflich vernachlässigt worden war. Das bezieht sich nicht nur auf die Nachwuchsarbeit des DFB, sondern ausdrücklich auch auf die in der Bundesliga. Bayern München zum Beispiel gewann 2001 die Champions League mit Bixente Lizarazu auf links, auch den Rechtsverteidiger Willy Sagnol hatte man aus Frankreich geholt.
Selbst beschäftigt sich - 16 Jahre nach Brehmes letztem Turnier - wieder mit dieser verflixten Frage: Wer ist der richtige linke Typ?
Badstuber, Boateng, Jansen - Linksverteidiger sind sie alle nicht
Marcell Jansen hat im Trainingslager in Sciacca dort geübt, zusammen mit dem Hamburger Dennis Aogo. Zum Turnierstart gegen Australien lief Holger Badstuber auf, er wurde in der entscheidenden Gruppenpartie gegen Ghana durch Jérôme Boateng ersetzt. Durch den Mann also, der in Hamburg meist rechts gespielt hatte und nur über geringe Erfahrung auf der gegenüberliegenden Seite verfügte. Badstuber ist defensivstark, Boateng schnell, Jansen hat seine Qualitäten in der Offensive - gelernte Linksverteidiger sind sie alle nicht. 2010, das hat diese WM gezeigt, ist die linke Seite die offene Flanke des DFB.
Dabei gibt es im deutschen Team einen Spieler, der schon seit vier Jahren als einer der besten Linksverteidiger weltweit gilt. Der Defensivstärke mit Offensivqualitäten verbindet. Und der wie Breitner, Briegel und Brehme eigentlich ein Rechtsfuß ist: . Der heutige DFB-Kapitän wurde 2003 vom damaligen Stuttgart-Trainer Felix Magath auf die linke Seite gestellt, in der Nationalmannschaft gab es seither keinen Besseren als Lahm - und auch im internationalen Fußball nicht. Sowohl bei der WM 2006 als auch bei der Europameisterschaft zwei Jahre später war er der überragende Linksverteidiger.
Doch Lahm spielt lieber rechts.
Erst hat er sich bei Bayern München mit dieser Ansicht durchgesetzt, dann auch im DFB-Team. Joachim Löw muss weiter Kompromisse schließen und Deutschland weiter nach einem neuen Brehme suchen. Oder einem neuen Lahm.