Trainer McClaren: Englands trauriger Clown - DER SPIEGEL
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Trainer McClaren Englands trauriger Clown

Joachim Löw beklagt elf verletzte DFB-Kicker, doch Steve McClaren würde gern mit dem Bundestrainer tauschen. Ihm fehlen außer Stammspielern auch noch Ansehen, Autorität und überzeugende Leistungen. Der Druck auf den England-Coach vor dem Klassiker gegen Deutschland ist enorm.
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Am Ende wurde es dank Andrew Johnson noch einmal knapp. Der Angreifer vom FC Everton meldete sich mit Wasser im Knie kurzfristig dienstuntauglich - als insgesamt neunter Spieler der englischen Nationalmannschaft muss er für das Testspiel gegen Deutschland heute Abend (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) passen. Die Gäste beklagen zwei Verletzte mehr. Joachim Löw fehlen elf Spieler, eine ganze Mannschaft.

Wenn man so will, hat England gewonnen.

Ansonsten könnten die Voraussetzungen vor dem Fußball-Klassiker im für 1,2 Milliarden Euro neu errichteten Wembley-Stadion nicht unterschiedlicher sein. Während die ehemaligen Rumpelfüßler aus Deutschland lässig der vorzeitigen EM-Qualifikation entgegensteuern und Teammanager Oliver Bierhoff auf Frühbucher-Rabatt bei der Quartiersuche hoffen kann, droht die Reiseplanung der Engländer für das Turnier in Österreich und der Schweiz zu einer Last-Minute-Tour zu werden. Wenn man denn überhaupt mitfliegen darf. Mit 14 Punkten aus sieben Spielen liegen die "Three Lions" auf Platz vier in der Gruppe E - hinter Kroation, Israel (beide 17) und Russland (15). Und das ist noch nicht mal das größte Problem: Vor den entscheidenden Heimpartien gegen Israel und Russland im September gibt es wenig Anzeichen von Besserung.

Das Spiel gegen Deutschland, eigentlich als Testlauf für die beiden wichtigsten Partien in McClarens Amtszeit gedacht, wird ob der fehlenden Schlüsselspieler Steven Gerrard, Owen Hargreaves und Wayne Rooney zu einem Prestige-Duell ohne sportlichen Erkenntnisgewinn. McClaren bleibt danach nur die Hoffnung, dass Hargreaves und Gerrard "drei Wochen trainiert haben werden", so der Trainer, "denn ich will nicht in die Situation kommen, sie in EM-Qualifikationsspielen einzusetzen, obwohl sie nicht hundertprozentig fit sind". Rooney fällt mit einem Haarriss im Fuß ohnehin mehrere Monate aus.

Doch auch wenn sich die Profis aus Liverpool (Gerrard) und Manchester (Hargreaves) rechtzeitig zu den nächsten Qualifikationsspielen zurückmelden, ist das noch keine Garantie für den Erfolg. Denn auch in Bestbesetzung hatten Partien mit Beteiligung Englands unter McClaren oft den Unterhaltungswert eines Zeckenbisses. Neben den peinlichen Vorstellungen in Kroatien (0:2), gegen Mazedonien (0:0) und in Israel (0:0) überzeugten die Kicker von der Insel auch bei den letzten 3:0-Auswärtserfolgen in Estland und Andorra nicht. Das ideenlose Flanken auf die Sturm-Giraffe Peter Crouch erinnerte stark an das Gestochere unter McClarens Vorvorgänger Kevin Keegan - und nicht an die spielerische Leichtigkeit, die man sich nach der Ablösung Sven-Göran Erikssons im August 2006 erhofft hatte.

Stattdessen ist seither die Hoffnung der Erkenntnis gewichen, dass der Neue womöglich nicht der Richtige ist.

Das liegt vor allem daran, dass der 46-jährige McClaren es bisher nicht vermocht hat, seine offensichtlichen spieltaktischen und strategischen Defizite wenigstens durch Führungsstärke zu kompensieren. Im Gegenteil. Als er nach seiner Berufung als erste Amtshandlung den englischen Säulenheiligen David Beckham demontierte, indem er ihn aus der Mannschaft warf, war das noch ein Symbol der Stärke. Der Mann hatte Traute, in den Zeitungen wurde er zu "Mackie Messer". Und das war durchaus respektvoll gemeint.

Mittlerweile muss McClaren froh sein, wenn er in diversen englischen Fußballforen nur als "McClown" bezeichnet wird. Im Internet kursieren gleich mehrere Petitionen für seine Entlassung - darunter sogar eine auf der Website der englischen Regierung , die obendrein durch eine Stellungnahme aus dem Büro von Premierminister Gordon Brown geadelt wurde. Zeitungen nehmen McClaren schon seit der 0:2-Niederlage in Kroatien unter Dauerbeschuss - und David Beckham ist auch wieder da. McClaren hatte den ehemaligen Kapitän nach dessen herausragenden Leistungen für Real Madrid kleinlaut zurückholen müssen - und mit ihm auch die Veteranen Sol Campbell und Mike James. Was in besseren Zeiten öffentlich auch als Einsicht des Klügeren hätte interpretiert werden können, wird nun als Autoritätsverlust gedeutet.

Dass die Bitte des Nationaltrainers, mit Rücksicht auf die Vorbereitung doch keine Sonntagsspiele in der Premier League anzusetzen, nicht erhört wurde, fügt sich ebenfalls ins traurige Bild, das der Coach derzeit abgibt. Und ausgerechnet jetzt kommt auch noch Deutschland.

Gegen das DFB-Team kassierte England schon viele grandiose Niederlagen, ob 1972 (1:3) oder im EM-Halbfinale 1996 (6:7 nach Elfmeterschießen). Der letzte Sieg in Wembley liegt 32 Jahre zurück (2:0, 1975), die letzte Pleite gerade mal sieben: 2000 in der WM-Qualifikation schoss Dietmar Hamann den entscheidenden Treffer und sich selbst in die Geschichtsbücher. Es war das letzte Tor im letzten Spiel im alten Wembley - nie hat man diese Schmach auf der Insel verwunden.

Es wirkt fast paradox, dass ausgerechnet McClaren diese tilgen soll. Aber soll er wirklich? Die 0:1-Pleite 2000 besiegelte das Schicksal Kevin Keegans, der direkt nach dem Schlusspfiff zurücktrat. Was folgte, waren sechs konstante Jahre unter dem Schweden Eriksson, darunter ein 5:1 in München gegen Deutschland. Es gibt nicht wenige auf der Insel, die deshalb gar nicht so traurig wären über eine Niederlage gegen den alten Rivalen.

Und das zeigt vielleicht am besten, wie es um Steve McClaren steht.