Trainersuche: Keiner will die Engländer retten - DER SPIEGEL
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Trainersuche Keiner will die Engländer retten

Wer übernimmt den lukrativsten Schleudersitz der britischen Insel? Mourinho, Klinsmann und Lippi werden als potentielle Nachfolger des englischen Nationalcoachs Steve McClaren gehandelt, etliche Spitzentrainer haben schon abgesagt. SPIEGEL ONLINE stellt die aussichtsreichsten Kandidaten vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Job ist lukrativ, man kommt viel rum und hat eigentlich in jedem Stadion der Welt freien Eintritt. Und doch muss der Arbeitgeber um Bewerber buhlen. So oder so ähnlich könnte eine Stellenanzeige aussehen, mit der der englische Fußballverband FA den Nachfolger für den gestern entlassenen Steve McClaren sucht.

Der englische Fußballverband sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen neuen Übungsleiter:

Ihre Aufgaben: Schwerpunkt ist die Betreuung der A-Nationalmannschaft im physischen und psychischen Bereich. Sie erstellen Trainingspläne, scheuchen einen Haufen Millionäre über den Platz und verhindern durch eine Mischung aus Autorität und Kompetenz, dass sich die Spieler lieber in der Disco betrinken, anstatt Tore für die Queen zu schießen.

Ihr Profil: Sie sind extrem belastbar, halten für alles den Kopf hin und können den Hohn und Spott einer ganzen Nation ertragen. Ein abgeschlossenes Studium der Sportwissenschaft oder Psychologie ist von Vorteil. Idealerweise haben sie selbst eine große Karriere als aktiver Fußballer hinter sich, kein Alkoholproblem und lassen sich weder von brasilianischen Top-Models noch von getarnten Zeitungsreportern aufs Kreuz legen. Dann schicken Sie ihre Bewerbung bitte an die FA, zu Händen Geoffrey Thompson, 25 Soho Square, London.

Die Suche dürfte sich allerdings schwierig gestalten. Denn potentiellen Nachfolgern wird momentan sehr deutlich gemacht, was sie im Falle eines Scheitern erwartet: Die britische Boulevardpresse prügelt seit der 2:3-Niederlage gegen Kroatien täglich auf McClaren ein, statt endlich mit der Ursachenforschung anzufangen.

"2,5 Millionen Pfund für den schlechtesten England-Trainer aller Zeiten"

Die Tageszeitung "The Sun" verhöhnt den ehemaligen Co-Trainer, der nach dem Viertelfinal-Aus der Engländer bei der WM 2006 das Amt von Sven-Göran Eriksson übernahm, mit eine Fotomontage. McClaren trägt dabei eine überdimensionale Brille in Gurkenglasstärke. Die Bildunterschrift lautet: "Blinder Glaube: McClaren hätte diese Brille tragen sollen, um das Versagen seiner Stars zu erkennen."

McClaren sei der schlechteste Trainer, den England jemals gehabt habe, schreibt das Blatt, und rechnet vor, dass 28 Prozent der Spiele in seiner Amtszeit verlorengingen. "Er sollte einen großen Teil der Schuld auf sich nehmen." Selbst die seriöse Times titelt heute: "2,5 Millionen Pfund für den schlechtesten England-Trainer aller Zeiten".

Trotzdem gibt es nach wie vor Fußballlehrer, die sich um den Trainerplatz auf der englischen Bank reißen. Immerhin zahlt der Verband rund vier Millionen Euro im Jahr, diese Konditionen werden sich wohl nicht verschlechtern. Denn auf dem Weg zur Qualifikation für die WM 2010 darf nichts schiefgehen. Ein nochmaliges Scheitern würde die britische Fußballseele nicht verkraften, das Image wäre über Jahrzehnte ramponiert.

Kaiser für Klinsmann

Daher lässt sich der Verband auf der Suche nach einem Trainer Zeit. Auch wenn es die Fans kaum erwarten können, einen Nachfolger präsentiert zu bekommen. Dieser sollte möglichst nicht José Mourinho heißen. Das zumindest ist das Resultat einer Internet-Umfrage der Tageszeitung "Daily Mail". Lediglich acht Prozent der Teilnehmer stimmten für den Portugiesen, der im September beim FC Chelsea hingeschmissen hat.

Wie sehr der exzentrische Portugiese polarisiert, zeigt ein Blick auf dieselbe Umfrage der "Times". Dort führt Mourinho mit 38 Prozent deutlich das Rennen um die Nachfolge McClarens an. Auch bei der FA scheint Mourinho der Top-Kandidat zu sein. Laut einem Bericht des "Daily Express" habe FA-Geschäftsführer Brian Barwick wenige Stunden nach der Entlassung McClarens mit Mourinho Kontakt aufgenommen und den Portugiesen gefragt, ob er das Amt antreten würde. Die "Times" zitiert einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter der FA, der bestätigt habe, dass sich beide Seiten annähren. Doch Mourinhos Manager Eladio Parames bestreitet die Kontaktaufnahme. "Bei uns hat sich niemand gemeldet", sagte Parames der BBC: "Warum sollte ich José fragen, ob er den Job will, wenn keiner diesen Job offiziell angeboten hat", wird Parames zitiert.

Ein lukratives Angebot, viele Absagen

Ein anderer, bei den Fans beliebter Kandidat, ist der Nordire Martin O'Neill - doch laut "Times" möchte der Manager lieber weiterhin Clubtrainer bei Aston Villa bleiben. Villa belegt derzeit den achten Platz in der Premier League. Auch Arsène Wenger (FC Arsenal) und Sam Allardyce (Newcastle United) signalisierten: Kein Interesse.

Weitere Kandidaten auf die Nachfolge sind die üblichen Verdächtigen: Der bei Liverpool offenbar nicht mehr ganz so glückliche Rafael Benítez beispielsweise. Er sagte dazu: "Vielleicht ..., wenn ich mein Englisch verbessere".

Oder der etwas reisescheue ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der früher für Tottenham stürmte. "Der anglophile Klinsmann ist bereit, wieder einzusteigen, und hat starke Meinungen, was das Training angeht", schrieb die "Times". Sogar Franz Beckenbauer hält Klinsmann für geeignet. "Er spricht die Sprache perfekt, genießt durch seine Tottenham-Zeit einen glänzenden Ruf, war dort sogar mal Fußballer des Jahres", schrieb Beckenbauer in seiner "Bild"-Kolumne. Klinsmann äußerte sich zum Thema zurückhaltend. Grundsätzlich wolle er nur unter ähnlichen Bedingungen wie beim DFB wieder in das Trainergeschäft einsteigen. "Die Voraussetzungen müssen stimmen", sagte Klinsmann dem Internet-Portal "Sport1.de". Und ergänzte: "Dass solche Gerüchte hochkochen, damit muss und kann ich leben."

Ein weiterer heißer Kandidat ist Italiens Weltmeistertrainer Marcello Lippi, der zuletzt die Vorzüge des Privatlebens entdeckt hatte. Dies müsste er als englischer Nationaltrainer allerdings völlig aufgeben. Zumindest signalisierte er Interesse. Nach einem Bericht der "Gazzetta dello Sport" sagte er: "Ich habe keinen Anruf bekommen. Sollte er kommen, werden wir sehen. Ich glaube aber nicht, dass es geschehen wird, da ich immer Angebote aus England abgelehnt habe".

SPIEGEL ONLINE stellt die Kandidaten für das englische Traineramt vor.

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