Fazit zum Ryder Cup Unterhaltsam und irre spannend, aber das darf sich so nicht wiederholen
Golfstar Rory McIlroy mit dem Ryder Cup
Foto: Seth Wenig / APVor zwei Jahren saß Rory McIlroy vor den Mikrofonen der Reporter und Reporterinnen und gab die Sieger-Pressekonferenz nach dem Ryder-Cup-Triumph in Italien.
16,5 zu 11,5 hatte Europa gegen die USA gewonnen, Starspieler McIlroy verkündete mit glühenden Wangen: »Ich sage das seit sechs oder sieben Jahren: Die größte Leistung im Golfsport ist es derzeit, auswärts den Ryder Cup zu gewinnen. Und das werden wir in zwei Jahren in Bethpage tun.«
McIlroy sollte Recht behalten. Seine Europäer gewannen am Sonntag zum erst fünften Mal in der Geschichte den Ryder Cup auf fremdem Boden, eben auf dem Platz Bethpage Black auf Long Island im Bundesstaat New York.
Es war ein Golf-Duell, von dem weniger die sportlichen Momente in Erinnerung bleiben werden.
McIlroy (l.) und Lowry
Foto: Paul Childs / REUTERSBleiben werden die starke, am Ende aber nicht gekrönte Aufholjagd der Amerikaner, die emotionalen Momente und die Atmosphäre, die mit »hitzig« verharmlost beschrieben wäre.
Der Ryder Cup kann sogar sonst eher kühl wirkende Golfprofis mitreißen, die gestählt sind von Hunderten Turnieren und gepolstert mit zwei- oder gar dreistelligen Millionensummen auf dem Konto.
Der Ire Shane Lowry etwa ist ein Ryder-Cup-Veteran und Major-Sieger. Aber selbst der 38-Jährige scheiterte daran, seine Gefühle irgendwie zu kanalisieren, als er den entscheidenden Putt versenkte. Mit diesem Schlag würgte Lowry die US-Aufholjagd ab. Er sprang danach wie wild auf dem 18. Grün des Golfplatzes herum, umarmte Menschen, schob sich die Mütze hin und her, blickte in den Himmel. Lowry war fassungslos, überfordert.
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»Ganz im Ernst, das waren die härtesten Stunden meines Lebens. Ich kann gar nicht glauben, dass der Putt reingegangen ist«, sagte er später.
Lowry wirkte gezeichnet von den drei Turniertagen, die Europas Spieler sportlich dominierten. Allerdings waren die Profis auch einer feindseligen Stimmung ausgesetzt, die keiner dieser Sportler jemals zuvor erlebt haben dürfte.
Auf das europäische Team prasselten sexistische und homophobe Beleidigungen, Rufe während der Schlagbewegung und allerlei Diffamierungen ein. Referees, Marshals und Polizei waren präsent, griffen aber kaum ein.
Lediglich einzelne Fans wurden auf Drängen der Spieler hinausgeschmissen. Eine offizielle Einheizerin, die zu »Fuck You, Rory«-Chören animiert hatte, musste ebenfalls gehen.
Diese Szenen hätten niemanden überraschen sollen. New Yorker Golfturniere sind traditionell ein Nährboden für Fan-Unruhen, und die Turniere auf der Anlage in Bethpage haben ihren eigenen berüchtigten Ruf für schlechtes Verhalten.
US-Kapitän Keegan Bradley
Foto: Erik S. Lesser / EPA»Grenzüberschreitung« und »giftige Alchemie«
Das europäische Team hatte sich darauf vorbereitet. Die Spieler trainierten mit VR-Headsets, die die Feindseligkeit der Menge simulieren sollten.
Doch selbst diese Simulationen dürften nicht an das Ausmaß heranreichen, was dann tatsächlich passierte.
Von einem »hässlichen« Ryder Cup schrieben die US-Medien, von »Grenzüberschreitung« und »giftiger Alchemie«: »Alkohol vermischt mit Anspruchsdenken, Unhöflichkeit gepaart mit Fremdenfeindlichkeit«, schrieb etwa »Golf Digest«.
Der Ausrichter des Ryder Cups auf US-Boden, die Professional Golfers’ Association (PGA of America), äußerte sich nicht zu der Kritik und bat lediglich für die Entgleisung der Einheizerin um Entschuldigung.
US-Kapitän Keegan Bradley sah ebenfalls keinen Grund, die Entgleisungen anzuprangern. Statt die Fans aufzufordern, die Etikette zu wahren, verteidigte er das Publikum mehrmals und bezeichnete die Atmosphäre als »leidenschaftlich«. Es gebe nun mal immer ein paar, die es übertreiben. Die Fans seien ziemlich gut gewesen, lautete Bradleys Fazit.
»So etwas habe ich noch nie erlebt«
Ein bisschen dürften sich die Europäer gefühlt haben, wie ein Fußballer, der im Stadion vor die Kurve eines rivalisierenden Teams tritt. Allein. Und mit dem Unterschied, dass Golf ansonsten nicht gerade für überkochende Stimmung neben den Bahnen bekannt ist.
»So etwas habe ich noch nie erlebt«, sagte Lowry. Besonders angegriffen wurde Europas Top-Star Rory McIlroy. Der Nordire ist seit dem schleichenden Bedeutungsverlust von Tiger Woods die zentrale Figur des Sports, erfolgreich, charismatisch, meinungsstark und -freudig.
Beim Ryder Cup 2023 in Italien legte McIlroy sich auf dem Platz mit einem Caddy der Gegenseite an und konnte später nur mit Mühe von Lowry daran gehindert werden, den Disput auf dem Parkplatz mit anderen Mitteln fortzusetzen.
In New York überzogen die Fans Lowry und vor allem McIlroy mit den meisten und übelsten Pöbeleien, bewarfen ihn und seine Frau mit Getränken.
McIlroy ließ vieles an sich abprallen, stänkerte aber mehrere Male zurück, zeigte den Mittelfinger, legte sich mit einigen Fans an.
Fans beim Ryder Cup
Foto: Cristobal Herrera-Ulashkevich / EPAMcIlroys Appell
Die Vorfälle bezeichnete McIlroy auf seiner Pressekonferenz am Sonntag als inakzeptabel: »Ich glaube, Golf sollte einen höheren Anspruch an sich haben als das, was wir diese Woche hier erlebt haben. Golf kann Menschen zusammenbringen, es lehrt Lektionen fürs Leben: wie man sich an Regeln hält. Dass man Menschen zu respektieren hat. In dieser Woche haben wir das nicht immer gesehen.«
In zwei Jahren kommt der Ryder Cup wieder nach Europa, dann wird in Irland gespielt. Dort werde die Stimmung wieder eine andere sein, versprach McIlroy: »Wir werden unseren Fans sagen, dass so etwas wie in dieser Woche dort nicht akzeptiert werden wird.