NS-Vergangenheit bei Sportlern in der Hall of Fame: Im Kreis der Täter - DER SPIEGEL
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Deutsche Tennisspielerin Cilly Aussem 1929 in Wimbledon: Mitglied der NSDAP ab 1933

Deutsche Tennisspielerin Cilly Aussem 1929 in Wimbledon: Mitglied der NSDAP ab 1933

Foto:

United Archives International / IMAGO

Historiker-Streit Fliegen Athleten mit NS-Vergangenheit aus der Ruhmeshalle des deutschen Sports?

In der Hall of Fame der deutschen Sporthilfe sind auch Athleten mit NSDAP-Mitgliedschaft, darunter der fünfmalige Olympiasieger Hans Günter Winkler. Wissenschaftler sind sich uneins, wie man mit den Fällen umgehen soll.
• aus DER SPIEGEL 28/2024

Restlos müsse sich jeder deutsche Athlet in den Dienst des Sports stellen, schrieb Erwin Casmir im September 1934 an die Mitglieder des Deutschen Fechter-Bundes, »ihr handelt dann im Sinne unseres Führers«. Der Fechter, Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen von 1928, war gerade von Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten zum sogenannten Fachamtsleiter Fechten ernannt worden. Jetzt half er bei der Gleichschaltung des deutschen Sports.

DER SPIEGEL 28/2024

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Casmir, 38, war eine Koryphäe, zwischen 1923 und 1928 hatte er alle deutschen Meistertitel mit dem Florett, dem Säbel und dem Degen gewonnen. Er gehörte zu den wenigen Deutschen, die auf höchstem internationalem Niveau fochten, sein Stechen um Gold gegen einen Franzosen und einen Italiener im olympischen Florettfinale von Amsterdam galt als »Kampf des Jahrhunderts«.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden jüdische Sportler ausgeschlossen, Arbeitervereine zerschlagen, die bürgerlichen Verbände auf Linie gebracht. Die Nationalsozialisten setzten dafür unter anderem auf prominente Athleten wie Casmir: »Unserem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler«, schwärmte der, könne man »nicht dankbar genug sein, dass er den Leibesübungen so viel Interesse und Wohlwollen entgegenbringt«.

Fechter Erwin Casmir

Fechter Erwin Casmir

Foto: Mansell Collection / IMAGO

Vor 16 Jahren gründete die Stiftung Deutsche Sporthilfe die Hall of Fame des deutschen Sports. Bei dem Festakt versammelten sich 300 Gäste im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin, darunter Innenminister Wolfgang Schäuble und Bundespräsident Horst Köhler. Casmir, nach dem Zweiten Weltkrieg erster Präsident des wiedergegründeten Deutschen Fechter-Bundes, wurde mit 39 anderen deutschen Athleten, die Großes geleistet haben, feierlich aufgenommen. Mit den Fußballern Fritz Walter und Franz Beckenbauer, dem Boxer Max Schmeling, der Skiläuferin und Olympiasiegerin Rosi Mittermaier, der ersten deutschen Wimbledon-Siegerin Cilly Aussem. Bis heute ist die Hall of Fame auf mehr als 100 Persönlichkeiten angewachsen.

Die Sporthilfe fördert Kaderathleten, die an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften teilnehmen und Medaillen gewinnen sollen. An den historischen Vorbildern sollen sich junge Sportlerinnen und Sportler orientieren und aufrichten. Die Hall of Fame ist eine virtuelle Einrichtung. Auf ihrer Website  präsentiert die Sporthilfe die Athleten mit kurzen Texten und ein paar Bildern. Bei Casmir fehlt ein Hinweis, dass er ab 1937 in der NSDAP war.

Mitte März veröffentlichte der Filmhistoriker Armin Jäger in der »Süddeutschen Zeitung« seine Recherche , wonach vier Mitglieder der Hall of Fame, von denen das bisher nicht bekannt war, in die Partei Hitlers eingetreten waren. Der Bekannteste ist der fünfmalige Olympiasieger Hans Günter Winkler. Sein Ritt von 1956 auf der Stute Halla, die Winkler trotz dessen Verletzung zu Olympiagold trug, zählt zu den ikonischen Momenten der deutschen Sportgeschichte.

Hans Günter Winkler auf Halla beim Deutschen Spring- und Dressurderby 1959 in Hamburg

Hans Günter Winkler auf Halla beim Deutschen Spring- und Dressurderby 1959 in Hamburg

Foto: HansDietrichKaiser / WITTERS

Damit sind mittlerweile 15 der 40 Gründungsmitglieder der Hall of Fame als ehemalige NSDAP-Mitglieder enttarnt. Peinlich für die Sporthilfe, die umgehend eine Aufarbeitung »unter Einbeziehung von Experten und Expertinnen« ankündigte. Ein erster Forscher ist in Archiven unterwegs, Stiftungsvorstand Thomas Berlemann verspricht eine »sehr gründliche« Untersuchung.

Der Sporthistoriker Lorenz Peiffer verlangte öffentlich eine Radikalkur. Sämtliche ehemaligen NSDAP-Mitglieder sollten die Ruhmeshalle verlassen. Letzten Endes habe jedes Parteimitglied zu den Naziverbrechen direkt oder indirekt beigetragen, argumentiert er, »sie gehören zum erweiterten Kreis der Täter«.

Viele Deutsche traten als Jugendliche oder junge Erwachsene in die NSDAP ein, oft noch während der letzten Kriegsmonate. Bei manchem, der in der Bundesrepublik zu Prominenz und Ansehen kam, wurde das erst viel später bekannt. Als der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher, Jahrgang 1927, und der Rhetorikprofessor Walter Jens, Jahrgang 1923, in der Mitgliederkartei auftauchten, bestritten beide, von der Aufnahme gewusst zu haben. Ohne eigene Unterschrift konnte aber niemand Mitglied werden. Literaturnobelpreisträger Günter Grass machte erst 2006 öffentlich, dass er sich 1944 mit 17 Jahren freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte und in die Waffen-SS einberufen wurde. Solche Nachrichten sorgten immer wieder für hitzige Debatten über individuelle Verantwortung im Nationalsozialismus.

Als die Sporthilfe zwei Jahre nach Grass’ Geständnis die Hall of Fame gründete, gab es zum ersten Mal Ärger mit der NS-Vergangenheit einiger Athleten. Dass sie in der NSDAP waren, war damals lediglich von fünf Geehrten bekannt, etwa von Fußballtrainer Sepp Herberger und Dressurreiter Josef Neckermann. Neckermann hatte im »Dritten Reich« von »Arisierungen« profitiert, dem erzwungenen Verkauf jüdischen Vermögens weit unter Wert, in seinen Textilfabriken schufteten Zwangsarbeiter. Immerhin waren auch Gegner der Nationalsozialisten unter den Geehrten: der Ringer Werner Seelenbinder etwa, der 1944 als Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe hingerichtet worden war. Mit dem Schachweltmeister Emanuel Lasker wurde ein jüdischer Sportler gewürdigt, der 1933 aus Deutschland geflüchtet war.

Die Integrität jedes Einzelnen sei geprüft worden, erklärte Hans Wilhelm Gäb, der Initiator der Ehrenriege. Gäb warnte vor einem »pauschalen Urteil«, der »vom Hochmut einer Generation gekennzeichnet« wäre, »die das Glück hatte, in einer Demokratie aufzuwachsen«.

In der Folge stellte sich bei immer mehr Hall-of-Fame-Mitgliedern heraus, dass sie in die Nazipartei eingetreten waren. Bei einer Untersuchung der FDP-Geschichte in Nordrhein-Westfalen tauchte 2009 die NSDAP-Karteikarte von Willi Weyer auf, dem langjährigen Präsidenten des Deutschen Sportbundes. 2012 berichteten zwei Sportjournalisten, dass der Rudertrainer Karl Adam der SA angehörte und Lehrer an einer Napola war, einer Eliteschule der Nazis. Als Köln 2018 eine Straße nach Cilly Aussem benennen wollte, kam ans Licht, dass die Tennisspielerin 1933 in die NSDAP eingetreten war.

Finalgegnerinnen Cilly Aussem (r.) und Betty Nuthall bei den French Open 1931 in Paris

Finalgegnerinnen Cilly Aussem (r.) und Betty Nuthall bei den French Open 1931 in Paris

Foto: Fonds Excelsior / WITTERS

Warum die Stiftung erst nach den jüngsten Funden reagiert, können Wissenschaftler sich kaum erklären. »Die Sporthilfe hätte vor einer Aufnahme in die Hall of Fame eine Anfrage an das Bundesarchiv richten müssen«, sagt der Historiker Hans Joachim Teichler, der intensiv zur Geschichte des Sports im Nationalsozialismus geforscht hat. Die Klärung, ob jemand der NSDAP beigetreten ist, gehört für ihn zum Standardprogramm.

Auf die euphorischen Worte des Fechters Erwin Casmir über »unseren Führer« war der Potsdamer Historiker Berno Bahro gestoßen, als er vor mehr als zehn Jahren die Rolle des Sports in der SS untersuchte. Fechten war eine der Leidenschaften von Reinhard Heydrich, dem Chef des Sicherheitsdienstes beim Reichsführer SS, Heinrich Himmler.

Bahro wägt ab, wenn er über Casmir urteilt. Ihn habe man vor allem deshalb zum Fachamtsleiter berufen, weil er als Einziger in der Lage zu sein schien, die deutschen Fechter bei den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin zu Medaillen zu führen. Weil es in Deutschland nicht genügend gute Trainer gab und Casmir international vernetzt war, holte er Fachleute aus Ungarn und Frankreich. Sein Pragmatismus und Eigensinn hätten ihn bei der SS unbeliebt gemacht. Nach den Sommerspielen sei er auf Betreiben von Heydrich von seinem Amt entbunden worden. Casmirs Äußerungen von 1934 nennt er »kritisch«, sie glichen den Phrasen seiner Kollegen anderer Fachämter in jenen Wochen. Öffentliche Stellungnahmen aber, die ihn als Antisemiten oder nationalsozialistischen Scharfmacher entlarven, hat Bahro nicht gefunden: »Casmir ist für mich kein Täter.«

Erwin Casmir (M.) als Zuschauer bei einem Trainingskampf in Frankfurt 1951

Erwin Casmir (M.) als Zuschauer bei einem Trainingskampf in Frankfurt 1951

Foto: Richard Koll / picture alliance

Anders als Peiffer empfiehlt Bahro bei den NSDAP-Mitgliedern der Ruhmeshalle eine Einzelfallprüfung. »Wann sind die Athleten eingetreten und aus welchen Gründen? Wie aktiv waren sie in der Partei, haben sie eine Funktion übernommen?« Von Reit-Olympiasieger Winkler, der 2018 starb, ist bislang bekannt, dass er 17 Jahre alt war, als er 1944 in die NSDAP eintrat.

Die aktuelle Debatte sieht der Historiker positiv. Es sei wichtig, die Zeit des Nationalsozialismus immer wieder neu zu diskutieren und dabei auch die Kriterien zu hinterfragen, nach denen jemand einen Platz in der Ehrenhalle bekommt. Ob ein Kandidat in der NDSAP war, »sollte man schon wissen. Und wenn man es weiß, sollte man begründen, warum man ihn trotzdem aufnimmt«. Bahro beklagt einen Mangel an Expertise in der Jury. Dort sitzen kaum Fachleute, sondern unter anderem die noch lebenden Mitglieder der Hall of Fame wie Franziska van Almsick oder Joachim Löw. Bahro findet das »wirklich sonderbar und nicht mehr zeitgemäß«.

Die Sporthilfe will die aktuelle Untersuchung abwarten, Vorstandschef Berlemann erklärt sich aber offen für Veränderungen des Auswahlprozesses, »wenn wir merken, es funktioniert so nicht«.

»Wir hatten Dich lieb, Nelly, und vergessen Dich nicht!«

Nachruf auf Tennisspielerin Nelly Neppach

Seit Längerem wundern sich Wissenschaftler darüber, wer es hineingeschafft hat und wer nicht. 2012 wurde wegen ihrer »besonderen Biografie« die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann aufgenommen, deren Geschichte durch mehrere Filme bekannt geworden war. Die Nazis hatten ihr 1936 trotz eines deutschen Rekords verwehrt, an Olympia teilzunehmen. Bergmann emigrierte in die USA. Bei der Ehrung im Berliner Hotel Adlon wurde die 98-Jährige mit einer Videobotschaft aus New York zugeschaltet. Sie habe jetzt wieder Freunde in Deutschland, sagte sie auf Englisch.

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Die jüdische Leichtathletin Lilli Henoch war sportlich erfolgreicher. In den Zwanzigerjahren errang sie im Diskuswerfen, Kugelstoßen, Weitsprung und mit der 4 ×100-Meter-Staffel des Berliner Sport-Clubs zehn Deutsche Meisterschaften, sie stellte vier Weltrekorde auf. Trotz Angeboten aus den USA und den Niederlanden, dort als Trainerin zu arbeiten, blieb sie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Berlin bei ihrer Mutter. Mit ihr wurde sie im September 1942 deportiert, Ziel eines Zuges mit 800 Menschen war ein Ghetto in Lettland. Am Stadtrand von Riga hielt der Zug an, die Nazis sortierten 80 Männer zur Zwangsarbeit aus. Henoch und ihre Mutter wurden mit den verbliebenen Männern, Frauen und Kindern in die nahen Wälder geführt und erschossen.

Lilli Henoch ist heute eine weitgehend Unbekannte des deutschen Sports, wie die deutsche Tennismeisterin von 1925, Nelly Neppach. Die jüdische Vorgängerin von Cilly Aussem nahm sich im Mai 1933 aus Verzweiflung über den Nationalsozialismus das Leben. Der Deutsche Tennis Bund kommentierte in seinem Verbandsmagazin, Neppach habe ein »schnelles Ende« gefunden. 90 Jahre später entdeckte Historiker Teichler einen Nachruf auf sie in den Vereinsnachrichten ihres Berliner Klubs vom Sommer 1933. Er stammte von der bekannten Buchautorin Paula Stuck von Reznicek, Ehefrau des Rennfahrers Hans Stuck und ebenfalls Jüdin: »Wir hatten Dich lieb, Nelly, und vergessen Dich nicht!«

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