Olympia 2024: Carsten Sostmeier kommentiert Reitsport wie kein anderer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Reitsport-Kommentator Sostmeier »Du hast ihn vor dir, den Arc de Triomphe der goldenen Emotionen«

Er haucht, er dichtet, jubelt distanzlos wie ein Fan: Carsten Sostmeier kommentiert den Reitsport wie kein anderer Reporter und wird dafür gefeiert. Doch manchmal schießt er übers Ziel hinaus.
Vielseitigkeitsreiter Michael Jung auf Chipmunk: »Wie das Lichtspiel einer Kerze, welches sich in einer sanften Brise elegant hin- und herbewegt«
Vielseitigkeitsreiter Michael Jung auf Chipmunk: »Wie das Lichtspiel einer Kerze, welches sich in einer sanften Brise elegant hin- und herbewegt«

Vielseitigkeitsreiter Michael Jung auf Chipmunk: »Wie das Lichtspiel einer Kerze, welches sich in einer sanften Brise elegant hin- und herbewegt«

Foto:

Pierre-Philippe Marcou / AFP

Carsten Sostmeier sagt Sätze, die sonst niemand sagt. Weil es Sätze sind, die niemand außer Carsten Sostmeier sagen kann.

»Reit’, du hast ihn vor dir, den Arc de Triomphe der goldenen Emotionen. Holt euch die Krone der Reiterei!«

»Du musst es durch dein Gesäß und deine Schenkel fühlen und durch deine Hände führen.«

»Es wirkt so tänzerisch leicht wie das Lichtspiel einer Kerze, welches sich in einer sanften Brise elegant hin- und herbewegt – so das Erscheinungsbild, das Antlitz dieser zauberhaften Stute.«

»So muss Mozart mit verbundenen Augen Klavier gespielt haben.«

Carsten Sostmeier kommentiert seit 1991 in der ARD Reitsport

Carsten Sostmeier kommentiert seit 1991 in der ARD Reitsport

Foto:

Torsten Silz / dpa

Bei den Olympischen Spielen faszinieren Sportarten, die sonst nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt bekommen. Dann geht es um die Dramen im Fechten, um Sekundenbruchteile im Kanuslalom oder Judo, um das Spektakel im Beachvolleyball. Oder um das Springreiten, die Dressur. Das liegt daran, dass im Reiten deutsche Sportler und Sportlerinnen noch immer viele Medaillen holen. Ein Grund ist aber auch Carsten Sostmeier. Seit 1991 kommentiert er Reitsport für die ARD, Paris 2024 sind seine achten Spiele. Und alle Jahre wieder wird er zu einem heimlichen Star.

Vielleicht ist »kommentieren« auch das falsche Wort. Vielmehr haucht, flüstert, dichtet Sostmeier. Während andere Kommentatoren sich selbst dem Moment unterordnen oder fachfremdem Publikum ihre Sportart erklären wollen, malt Sostmeier mit seiner Sprache Bilder. »Als säße ich neben Ihnen auf dem Sofa und würde mich mit Ihnen unterhalten«, sagte Sostmeier der »Zeit«  vor den Spielen in Paris.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Facebook, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Er erklärt dann, was eine Pirouette, eine Traversale, Piaffe oder Passage im Dressurreiten ist, wort- und einfallsreich, bisweilen wird er kitschig. Manchmal schweigt Sostmeier auch einfach nur, auch das unterscheidet ihn von anderen Kommentatoren. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob die Zuschauerinnen und Zuschauer wirklich verstehen, was vor sich geht, ob sie seine ungewöhnliche Art mögen oder nicht. Er verschafft seiner Sportart eine Aufmerksamkeit wie kaum ein anderer Reporter.

Denn Sostmeier wird zugehört.

Carsten Sostmeier ist eine Ikone im Reitsport. Obwohl Kommentatoren im Fernsehen nur selten zu sehen sind, erkennen ihn Fans auf Reitveranstaltungen, die er auch moderiert oder als Ansager begleitet.

Seine Liebe zum Reiten entdeckte er schon als Kind. Im Alter von 22 Jahren erlitt er einen Bandscheibenvorfall, der ihn von da an vom Reiten abhielt. Er wurde von Sportschau-Mitgründer Addi Furler gefördert. In der Schule bekam er einmal die Note vier für einen Deutsch-Aufsatz, wie er mal erzählt hat, aber Sostmeier entwickelt die Liebe zur Sprache. Seine langjährige Expertise hält er handgeschrieben auf über 2000 Seiten Papier fest, seine lyrischen Sprüche will er aber nicht vorbereitet haben.

Sostmeier betrieb lange einen YouTube-Kanal namens »Sosti on Tour« , auch auf Instagram nennt er sich so. Aber erst die Olympischen Spiele bieten Sostmeier die ganz große Bühne. Er selbst bezeichnet sich als »Stimme des Reitsports« und scheut sich nicht vor dem Vergleich mit den Größen seiner Zunft. »Würde man Herbert Zimmermann kennen, hätte Rahn nicht aus dem Hintergrund geschossen?«, fragte er im »Zeit«-Interview.

Sostmeier ist Reiten und Reiten ist Sostmeier. Das ist zugleich seine größte Schwäche. Bei deutschen Erfolgen wird er zum Fan, bei deutschen Niederlagen kennt er keine Gnade. Unterhaltender Journalismus wird dann zur Unterhaltung.

Beim Gold von Michael Jung im Vielseitigkeitsreiten von Paris kamen ihm die Tränen (»Ich muss erst mal Wasser auffüllen, es ist doch einiges herausgeflossen«), beim sensationellen CHIO-Sieg von Gerrit Nieberg 2022 schrie er ins Mikrofon: »Ich werd’ verrückt! So was hab’ ich im Leben noch nicht erlebt. Ich kenne den Burschen, seitdem er auf die Welt kam, als er mit dem Kinderwagen hier durch Aachen geschoben wurde. Und jetzt gewinnt er den Großen Preis von Aachen!«

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von TikTok, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Über die deutsche Vielseitigkeitsreiterin Julia Krajewski urteilte er dagegen bei den Spielen 2016: »Sie hat sicher von Anfang an einen braunen Strich in der Hose.« Und er ging sogar noch weiter: »Zweite Verweigerung, am Wasser sagt das Pferd: Mädel, was willst du eigentlich? Schlimmer geht’s nimmer. Jetzt nimmt sie den Weg der Angsthasen, den der blassen Nasen.« Im Interview kündigte er sie als »Blondine« an.

Julia Krajewski wurde 2016 Ziel diffamierender Aussagen

Julia Krajewski wurde 2016 Ziel diffamierender Aussagen

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Für einen Skandal sorgte er auch 2012, als die deutschen Vielseitigkeitsreiter siegten und er sagte: »Das haben sich die Deutschen gemerkt, denn seit 2008 wird zurückgeritten.« Die Ähnlichkeit zu einem berühmten Satz von Adolf Hitler zu Kriegsbeginn 1939 war frappierend. Für beide Aussagen entschuldigte sich Sostmeier, wenn auch mit dem Zusatz »Wenn das so angekommen sein sollte«. Echtes Bedauern sieht anders aus.

»Ich war selbst Reiter und bin schon so lange dabei«, sagt Sostmeier der »Zeit«, »diese Nähe sollte ich aber vor meiner Kommentatorenkabine an den Kleiderhaken hängen«.

In den kommenden Tagen stehen in Paris die Dressurreitwettbewerbe an. Die deutschen Reiterinnen um Isabell Werth und Jessica von Bredow-Werndl gehören zu den großen Favoritinnen. Man darf gespannt sein, was dem Reitsport-Poeten Carsten Sostmeier dabei so einfallen wird.