Olympia 2024: Deutsche Fußballerinnen verlieren gegen USA – Traum von Gold geplatzt - DER SPIEGEL
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Deutsche Fußballerinnen verpassen Endspiel in Paris Der große Schmerz

Horst Hrubesch hatte sich für seine Mission mit den DFB-Frauen ein Ziel gesetzt: den Einzug ins Olympia-Finale – und damit ins olympische Dorf. Doch der Traum platzte gegen die USA auf die harte Tour.
Von Jan Göbel, Paris
Laura Freigang hatte die große Chance zum Ausgleich
Laura Freigang hatte die große Chance zum Ausgleich

Laura Freigang hatte die große Chance zum Ausgleich

Foto: Frederic Chambert / PanoramiC / IMAGO

Traum des Trainers: Als sich die deutschen Fußballerinnen Anfang des Jahres für die Olympischen Spiele qualifizierten, war das für Horst Hrubesch noch nicht genug. Der 73-Jährige sagte, das Ziel sei nicht nur Olympia, sondern Paris, der Einzug ins olympische Dorf. Beim olympischen Fußballturnier kommt man nur ins olympische Dorf, wenn man das Endspiel erreicht. Und genau von diesem Finale träumte Bundestrainer Hrubesch. So wollte er seine Karriere als Trainer und seinen Job beim DFB beenden. Und jetzt war er mit seinen Fußballerinnen so nah dran.

Schmerz des Spiels: »Nein! Nein!«, auf den TV-Bildern hörte man eindeutig, wie Hrubesch das mehrfach rief: »Nein.« Es lief die 118. Minute im olympischen Halbfinale gegen die USA, es stand 0:1. Da stieg Laura Freigang zum Kopfball hoch. Sie stand frei, das Tor war zwei Meter entfernt, die Chance zum Tor für das Elfmeterschießen. Draußen stand Hrubesch, einer der berühmtesten Kopfballspieler der deutschen Fußballgeschichte. Er rief: »Nein!« Freigang scheiterte am Bein der US-Torhüterin Alyssa Naeher. Deutschland war ausgeschieden.

Hrubesch und seine Auswahl: Sie haben alles gegeben

Hrubesch und seine Auswahl: Sie haben alles gegeben

Foto: Laurent Cipriani / AP

Das Ergebnis: Die deutschen Fußballerinnen haben nach großem Kampf das Finale von Paris verpasst. Sie und ihr Trainer ziehen nicht ins olympische Dorf ein. Nach einem 1:0-Sieg in der Verlängerung werden das die US-Spielerinnen tun. Der DFB-Elf bleibt der Kampf um Bronze am Freitag gegen Spanien (15 Uhr, TV: ZDF und Eurosport).

Überall Schmerzen: Um 11.41 Uhr hatte die Pressesprecherin der DFB-Frauen in der WhatsApp-Gruppe der Olympia-Reporter die erste schlechte Nachricht. Führungsspielerin Alexandra Popp werde am Abend wegen eines Infekts ausfallen. Gut eine Stunde später, um 13.01 Uhr, die nächste Nachricht: Auch Lea Schüller könne nicht auflaufen. Die beste Torschützin der Hrubesch-Ära hatte Probleme mit der Patellarsehne. Und es fehlte auch noch Lena Oberdorf, die sich kurz vor Olympia eine Kreuzbandverletzung zugezogen hatte und derzeit nur Tribünengast ist.

Die Null muss stehen: Die personell angeschlagene DFB-Elf verteidigte erst mal nur, viel defensiver als beim 1:4 gegen die USA in der Gruppenphase. Teilweise stand die Auswahl mit allen Feldspielerinnen in der eigenen Hälfte und überstand die kritische Anfangsphase auch dank Torhüterin Ann-Katrin Berger ohne Gegentor. An der Seitenlinie hörte man Horst Hrubesch immer wieder in die TV-Mikrofone brüllen: »Bleibt ruhig«, rief er oft.

Hitzeplan: Vielleicht war es gar nicht so schlecht, die US-Amerikanerinnen erst einmal machen zu lassen. Zu Beginn war es am Spielort in Lyon noch 33 Grad heiß, die Bemühungen der US-Spielerinnen kosteten bei diesen Temperaturen natürlich viel Kraft. Und man merkte schnell, dass das US-Team das ganz hohe Tempo nicht lange durchhalten wird. So kamen dann auch die Deutschen zu ersten Aktionen, in der 23. Minute durch einen Schuss von Jule Brand aus spitzem Winkel. Ein paar Momente später rief Hrubesch: »Genau so machen wir das weiter.« Aber so viel mehr deutsche Torschüsse kamen nicht.

Qualität ist ewig: Marina Hegering, 34, ist eine der erfahrensten Kräfte im DFB-Team. Hrubesch schätzt die Innenverteidigerin besonders, weil sie genau die Ruhe ausstrahlt, die sich der Bundestrainer wünscht. Was damit gemeint ist, zeigte sich in der 30. Minute: Die US-Amerikanerinnen griffen über links an, der Ball kam scharf in den Strafraum und Mallory Swanson setzte zum Sprint an. Dann stoppte Hegering die Hereingabe, spielte den Ball weiter mit der Hacke, um die Situation aufzulösen und wieder in die Vorwärtsbewegung zu kommen. Swanson lief ins Leere, die Chance war dahin. Nicht die einzige gute Szene der Abwehrspielerin in diesem Spiel, die bereits bei der starken EM 2022 ein Symbol der deutschen Defensivstärke gewesen ist.

Der DFB-Plan: Gut verteidigen und auf Berger vertrauen

Der DFB-Plan: Gut verteidigen und auf Berger vertrauen

Foto: Laurent Cipriani / AP

Hart, härter, DFB-Frauen: Die intensive deutsche Defensivarbeit drückte sich auch in Zahlen aus: Elf Fouls beging das DFB-Team in der ersten Hälfte, so viele wie keine andere Fußballauswahl beim olympischen Turnier 2024 nach den ersten 45 Minuten.

Übermacht war gestern: Es wäre wohl leicht übertrieben zu behaupten, dass die großen Jahre im US-Fußball vorbei sind. Aber ohne die einstigen Superstars, ob Megan Rapinoe oder Alex Morgan, fehlte den US-Spielerinnen zumindest die ganz große Erfahrung. Und die vielen jungen Spielerinnen taten sich schwer mit der deutschen Aggressivität. Eigentlich gab es trotz der Dominanz erst in der 61. Minute wieder eine gute US-Chance, als Swanson nach einem langen Ball durch war, sich aber von der reaktionsschnellen Berger überraschen ließ. Die Torhüterin war früh herausgelaufen und hatte den Winkel spitz gemacht – Swanson schoss ans Außennetz.

Maschina läuft nicht mehr: 120 Minuten plus Elfmeterschießen mussten die DFB-Kickerinnen im Viertelfinale gegen Kanada überstehen, jetzt warfen sie wieder alles rein, was sie hatten. Das kostete die nächsten Kräfte: In der 69. Minute musste Nicole Anyomi verletzt ausgewechselt werden, zehn Minuten später erwischte es Hegering, die liebevoll »Maschina« genannt wird. Es war nun endgültig ein Kampf auf dem Zahnfleisch. Und er ging beim Spielstand von 0:0 erneut in die Verlängerung.

Die USA jubeln, Deutschland nicht

Die USA jubeln, Deutschland nicht

Foto: Frederic Chambert / PanoramiC / IMAGO

K.-o.-Pass: Dann entschied ein einziger Fehler das Spiel. In der 95. Minute schickte Swanson ihre Teamkollegin Sophia Smith steil und DFB-Verteidigerin Felicitas Rauch schätzte den Pass völlig falsch ein. Vielleicht hätte die Außenverteidigerin per Grätsche klären können, aber der Ball rutschte durch, Rauch stand nun schlecht, konnte den Lupfer von Smith über Berger hinweg nicht mehr verhindern. Das Tor war nicht unverdient, aber natürlich hart.

Ausblick: Es fehlte danach einfach die Kraft, es fehlte eine Popp, eine Schüller, Glück beim Kopfball von Freigang. Der Tank war leer, der Schmerz zu groß. Für die DFB-Frauen heißt es nun Kräfte sammeln und hoffen, dass das Krankenlager wieder kleiner wird. Bereits am Freitag geht es in Lyon um die Bronzemedaille. Und natürlich auch um einen würdigen Abschied für Horst Hrubesch.