Deutsche EM-Handballer Blamage statt Bronze
Ein besseres Lied hätte der Hallensprecher kaum auswählen können. Queens "Radio Gaga" hallte in der elften Minute nach einem Treffer der Franzosen aus den Lautsprechern in der Hakons Hall im norwegischen Lillehammer. Gaga ist die passende Umschreibung für das deutsche Spiel zu diesem Zeitpunkt gewesen. Neun Mal hatte der entthronte Europameister Frankreich bis zur elften Minute getroffen, Deutschland hat da gerade zwei Tore zusammengeworfen. Bereits zur Halbzeit (9:18) war die Niederlage des Weltmeisters besiegelt. Am Ende stand ein 26:36 stellvertretend für eine der schlechtesten Pflichtspielleistungen einer DHB-Auswahl in der vergangenen Dekade. "So ein Spiel habe ich auch noch nicht erlebt", sagte Bundestrainer Heiner Brand, der die Nationalmannschaft jetzt immerhin schon im zehnten Jahr betreut. "Gegen Frankreich zu verlieren ist ja okay, aber die Art und Weise, wie wir uns heute präsentiert haben, kann ich nicht akzeptieren", so Brand kopfschüttelnd. Selten kritisiert der 55-Jährige sein Team, doch nach dieser peinlichen Vorstellung wurde Brand deutlich: "Es gibt Phasen auf dem Feld, da sollte man wenigstens einen gewissen Stolz zeigen. Das habe ich heute bei einigen Spielern vermisst."
"Wir haben den Adler auf der Brust", hatte Linksaußen Dominik Klein gestern auf die Frage geantwortet, wie er sich denn für das zweite Aufeinandertreffen gegen Frankreich motivieren würde. Bereits in der Zwischenrunde hatte Deutschland verloren (23:26). Nach der Lehrstunde vom Erzrivalen standen Klein, der heute zeitweise auf der Mittelposition ran durfte, und seine Kollegen wie gerupfte Hühner da. "Wir haben heute kräftig auf den Sack bekommen", sagte der glücklose Nordhorner Rückraumspieler Holger Glandorf nach dem Abpfiff.
Immerhin bot die DHB-Auswahl einige Kuriositäten: Glandorf gelang um ein Haar das Kunststück, am Fangnetz hinter dem Tor vorbei zu werfen. Spielmacher Michael Kraus, der heute auch auf Halblinks nicht überzeugte, schaffte es, während des Prellens den Ball so ungeschickt zweimal hintereinander mit der Hand zu berühren, dass die Franzosen einen Freiwurf wegen doppelten Dribblings zugesprochen bekamen. Der schwache Rückraumriese Pascal Hens spielte ohne Bedrängnis im Angriff einen Bogenlampenpass über drei Stationen. Christian Zeitz' Auftritt ist mit Arbeitsverweigerung noch am besten beschrieben. "Da müssen wir erstmal drüber schlafen", sagte der Kieler Rückraumspieler.
Nach 32 Minuten gelang den Deutschen das erste Anspiel an den Kreis. Von den ersten sieben Gegentoren fielen sechs nach Tempogegenstößen, die meisten davon nach schauderhaften Pässen. "Da wurden teilweise Anspiele versucht, als würde da ein Kreisliga-Gegner stehen", zischte Brand. Dabei erinnerte vielmehr der Auftritt seiner Auswahl über weite Teile des ersten Durchgangs an Hobbyhandballer. Bei einem Kreisliga-Team hätte es bei ähnlichem Spielverlauf den Kasten Bier wohl schon zur Halbzeit gegeben.
Die Tatsache, dass Brand heute auf einige verletzte Stammkräfte wie Florian Kehrmann oder Oliver Roggisch sowie den angeschlagenen Kreisläufer Sebastian Preiß verzichten musste, wollte Brand nicht gelten lassen. "Ich habe Verständnis dafür, dass Spieler mit langen Einsatzzeiten erschöpft sind, aber dann muss das Feuer von der Bank kommen. Das habe ich heute vermisst", so der Bundestrainer. Auf die Bank musste Markus Baur nach zwölf Minuten getragen werden. Der Kapitän war umgeknickt, zunächst sah alles nach einer schlimmen Verletzung aus. Am Ende konnte der Trainer des TBV Lemgo allerdings wieder relativ geschmeidig laufen, vieles deutet auf eine Bänderdehnung hin. Der 37-Jährige nutzte die Gelegenheit, um den knüppelharten Turniermodus (acht Spiele in elf Tagen) dieser Europameisterschaft anzuprangern. "Leider entscheiden Leute in Bürostühlen, die noch nie Sport getrieben haben, über diese Dinge", sagte Baur. Der Bundestrainer war sichtlich erleichtert, dass "Schorsch" nicht schwerer verletzt war. "Heute hat ja wohl jeder gesehen, dass die Zweifel, ob Markus als Trainer trotzdem noch für uns spielen kann, unangebracht sind." Brand betonte, dass er auch für Olympia mit seinem Strategen plant.
Baur ist einer der wenigen Gewinner dieser EM. Dazu gehören im deutschen Team noch Torhüter Johannes "Jogi" Bitter und Rückraum-Ass Glandorf, der mit 34 Treffern auch bester deutscher Torschütze wurde. Abwehrchef Roggisch sowie der als einziger Deutscher ins All-Star-Team gewählte Rechtsaußen Florian Kehrmann und Linksaußen Torsten Jansen bewiesen einmal mehr, dass sie zu den Stützen des Teams gehören. Das galt bislang auch für Hens, der bei dieser EM allerdings ebenso wie Zeitz zu den Verlierern im deutschen Team zählt.
"Wir haben abgesehen vom Tor auf allen Positionen noch Baustellen", so Brand, der in den kommenden Monaten einen Konkurrenzkampf für die begehrten Olympia-Tickets entfachen will, "auch wenn der Kandidatenkreis überschaubar ist." Eine eigene Rechnung machte Jansen nach dem Gaga-Spiel gegen Frankreich auf: "Mit vier Niederlagen Platz vier - damit kann ich leben."