Tour de France: Duell in den Pyrenäen
Duell Schleck-Contador Showdown am Schicksalsberg
Andy Schleck ist ein braver Junge. Der Radprofi, gegenwärtig Zweiter bei der Tour de France, wohnt mit seinen 25 Jahren immer noch bei seinen Eltern im luxemburgischen Städtchen Mondorf-les-Bains. Wenn er Ruhe braucht, angelt er, sonntags geht er in die Kirche. So einem ist zuzutrauen, dass er den Ruhetag am Mittwoch vor der entscheidenden Pyrenäen-Etappe bei der Tour de France zu einem Ausflug in den nahe gelegenen Wallfahrtsort Lourdes nutzt.
Beistand von oben könnte Schleck dringend gebrauchen: Denn wenn der Luxemburger die diesjährige Tour de France noch gewinnen will, dann muss er alles in die Bergetappe an diesem Donnerstag legen (12.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Wenn er hier seinen Kontrahenten Alberto Contador nicht abhängen kann, wird es auch in diesem Jahr nichts mit dem Gelben Trikot auf den Champs Elysées in Paris. "Ich habe nur noch die eine Chance, die ist am Tourmalet", sagt Schleck. "Ich will diese Tour gewinnen und ich weiß: Jetzt gilt's." Bereits vor Beginn der diesjährigen Tour hatte er verkündet: "Wer am Tourmalet Gelb trägt, der trägt es auch in Paris." Drei Wochen später sagt er: "Das denke ich immer noch."
Alles spricht allerdings für Contador. Der Spanier hat die Tour bereits zweimal gewonnen (2007 und 2009), er ist der Spitzenreiter, ein sehr starker Bergfahrer und im Einzelzeitfahren deutlich stärker als Schleck. Der Luxemburger hingegen hat beim Kampf gegen die Uhr seine Probleme. Deshalb muss er am Berg angreifen, um mit einem Vorsprung in das Zeitfahren am Samstag über 52 Kilometer in Bordeaux entlang der Gironde gehen zu können. Eine schwere Aufgabe, möglicherweise eine zu schwere.
Auch der Tourmalet lässt Contador kalt
Bisher hat es noch niemand geschafft, Contador in den Pyrenäen ernsthaft in Gefahr zu bringen. Der Spanier kommt zwar aus Madrid und nicht aus den Bergen oder dem angrenzenden Baskenland, dennoch sind die Pyrenäen so etwas wie eine Heimat für ihn. Hier stehen die spanischen Fans an der Strecke, hier hat er seine ersten Erfolge eingefahren. Einem Alberto Contador machen die Pyrenäen keine Angst. Selbst der Col du Tourmalet nicht.
Der Bergpass ist ein Mythos. Seit 1910 ist der 2115 Meter hohe Tourmalet so etwas wie der Scharfrichter der Tour. Hier wird die große Masse der soliden Tour-Fahrer von den wahren Champions getrennt. Der Tourmalet ist ähnlich wie L'Alpe d'Huez und der düster-kahle Mont Ventoux ein Gradmesser, ob einer es wirklich in die Annalen des Radsports schafft oder nach ein paar Jahren vergessen wird.
Am und auf dem Tourmalet haben die Ikonen des Sports ihre Triumphe gefeiert: Gino Bartali in den dreißiger Jahren, Fausto Coppi in den Fünfzigern, Eddie Merckx in den Sechzigern, der französische Bergkönig Richard Virenque in den Neunzigern. Auch um solche Berge wie den Tourmalet zu bezwingen, griffen Radprofis zu den unerlaubten Hilfsmitteln, die den Sport so sehr in Misskredit gebracht haben.
Geachtet, aber nicht gemocht
Ein Makel, mit dem auch Contador leben muss. Er hat nie glaubhaft widerlegen können, dass nicht er mit dem Kürzel "AC" gemeint war, das in den Unterlagen des spanischen Doping-Doktors Eufemiano Fuentes aufgetaucht war. Dass Contador am Montag Schleck das Gelbe Trikot abjagte, als er einen Raddefekt des Luxemburgers zur Tempoverschärfung nutzte, hat seine Sympathiewerte nicht erhöht. Contador ist ein ungeliebter Champion, bewundert wegen seiner Leistungen, aber keiner, dem die Herzen zufliegen. Erst recht keiner, der als Gesicht für einen erneuerten Radsport taugt.
Auch andere frühere Tour-Dominatoren wie der US-Amerikaner Lance Armstrong oder Contadors Landsmann Miguel Indurain mussten damit leben, dass sie geachtet, aber nicht gemocht wurden. So gesehen ist Contador ein Großer. Aber nur so gesehen.
Schleck dagegen ist ein Darling-Typ. Er gilt als Frauenschwarm. Mit Doping wurde er - anders als sein älterer Bruder Fränk - bislang nicht direkt in Verbindung gebracht. Andy Schlecks Reputation konnte es auch nichts anhaben, dass er wie sein Bruder für das Team Saxo Bank fährt. Der Rennstall wird von Bjarne Riis geleitet. 1996 hatte der Däne die Tour de France gewonnen, mit unlauteren Mitteln, wie er später zugeben musste. Riis, dessen Spitzname in Anspielung auf seinen lebensgefährlich erhöhten Hämatokritwert "Mister 60 Prozent" lautet, gibt sich heute geläutert. Er lehne Doping ab, sagt er.
Contador gegen Schleck - ein Duell "Böse gegen Gut"? So recht taugt der Vergleich für das hochgejazzte Kräftemessen dann doch nicht. Contador hat mittlerweile dafür um Verzeihung gebeten, dass er bei Schlecks Defekt nicht auf den Kontrahenten gewartet hat. Der Luxemburger hat die Entschuldigung angenommen. Schon am Montag waren aus Schlecks Rennstall versöhnliche Töne in Richtung Contador gesendet worden. So viel Entlastendes hatte Teamchef Riis für den Spanier beizutragen - man hätte glatt denken können, Contador sei sein Schützling und nicht Schleck.
Riis setzt auf Contador
Riis, einer der gewieftesten Taktiker in der Radsportszene, denkt schon weiter als an den Tourmalet am Donnerstag. Er würde Contador gerne für die kommende Saison als neuen Star verpflichten. Dass die Schleck-Brüder Saxo Bank Ende des Jahres verlassen werden, um alsbald auf eigene Rechnung in einem Luxemburger Team zu fahren, wurde schon kurz vor der Tour bekannt. Von daher müsste es Riis nicht ungelegen kommen, wenn sein jetziger Star Schleck gegen sein möglicherweise künftiges Aushängeschild Contador verlieren würde.
Vom eigenen Teamchef nicht mehr zu 100 Prozent unterstützt, mit der Hypothek von acht Sekunden Rückstand auf den selbstbewussten Contador belastet, ohne die Unterstützung seines Bruders, der schon nach der dritten Etappe verletzungsbedingt aufgeben musste - Andy Schleck hat vor dem Kampf mit dem großen Berg alle Nachteile auf seiner Seite.
Das Einzige, was Schleck Hoffnung machen könnte, ist ein ganz tiefer Blick zurück in die Tour-Historie. Der Mann, der 1910 den Col du Tourmalet als Berg für die Tour de France auswählte, hieß Alphonse Steines. Er war Luxemburger.