Halbfinal-Gegner Dänemark: Traktor auf Schleichfahrt - DER SPIEGEL
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Halbfinal-Gegner Dänemark Traktor auf Schleichfahrt

Er hat die Statur eines Altglascontainers und traut sich trotzdem in eine Promi-Tanzshow: Dänemarks Vorzeige-Handballer Joachim Boldsen ist auch vor dem Halbfinale gegen Deutschland nicht bange. Sein Team will endlich den Ruf des "ewigen Dritten" ablegen.
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Er ist vorsichtiger geworden, er macht seinem Namen nur noch auf dem Spielfeld alle Ehre. Joachim Boldsen, der bullige 29-Jährige Aufbauspieler der dänischen Handball-Nationalmannschaft, wird "Traktor" genannt – weil der Aalborger kein Künstler seines Metiers ist, sondern Handball rackert, stampft und arbeitet. Mit der ganzen Wucht seiner 95 Kilogramm rennt Boldsen auf die gegnerische Deckung zu, scheinbar ohne Rücksicht auf die eigene Physis.

Seine Popularität in Dänemark ist aber nicht nur Einsatz und Leidenschaft geschuldet. Sondern auch den großen Schlagzeilen, die der witzige und schlagfertige Boldsen in den vergangenen Jahren auch abseits des Handballfeldes für Schlagzeilen produziert. Der boulevardtaugliche Boldsen hatte kürzlich keine Scheu, als er sich bei einem Tanzwettbewerb im dänischen Fernsehen lächerlich machte.

Auch der Spruch, mit dem Boldsen vor dem letzten Pflichtspiel-Vergleich zwischen Deutschland und Dänemark zitiert wurde, war vergleichsweise spektakulär. "Ich hasse alle Deutschen", soll Boldsen, damals noch in Diensten der SG Flensburg-Handewitt stehend, dem dänischen Fernsehsender TV2 angeblich gesagt haben, als das EM-Halbfinale 2004 bevorstand. Im slowenischen Ljubljana verlor Dänemark 20:22, sichtlich überrascht durch den treffsicheren Nobody Jan-Olaf Immel, der sieben Tore erzielte. "Jetzt haben wir endlich die Revanche", freute sich Boldsen, nachdem sich sein Team als souveräner Gruppensieger (8:2 Punkte) für das Semifinale in Lillehammer qualifiziert hatte (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Doch heute agiert der Däne behutsamer. Er spricht diesmal noch nicht von Gold, so wie er es vor vier Jahren in Slowenien vor dem Halbfinale tat und mit dieser Respektlosigkeit den Gegner erkennbar motivierte. Trotz der rhetorischen Zurückhaltung geht Boldsen wie seine Kollegen selbstbewusst in das Spiel. "Ich spiele lieber gegen Deutschland als gegen Schweden", meint er, denn Schweden sei "sehr gut organisiert" und habe mit Svensson und Beutler zwei sehr gute Torhüter. Trainer Ulrik Wilbek bezeichnet Deutschland gar als "meinen Lieblingsgegner", kein Wunder angesichts der Tatsache, dass er vier der letzten fünf Spiele gegen seinen Kontrahenten Heiner Brand für sich entscheiden konnte.

Dass er ausgerechnet das letzte Match am 13. Januar in Kiel hoch verlor – Dänemark ging in der wogenden Ostseehalle mit 24:34 unter –, irritiert den selbstbewussten Trainer, der mit den dänischen Handballfrauen viele Erfolge feiert, keineswegs. Deutschland sei viel stärker als vor der WM vor einem Jahr, erklärte Wilbek zwar, füge aber listig hinzu: "Aber das heißt nicht, dass sie auch Europameister werden." Heute, zwei Wochen später, ist die Zuversicht der Dänen noch gestiegen. Fehlt den Deutschen doch mit Oleg Velyky (Kreuzbandriss) der individuell stärkste Einzelspieler. "Dass er verletzt ist, bedeutet einen herben Verlust für Brand", weiß Wilbek.

Dafür wird Frank von Behren im Kader stehen. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, hat Brand den 31-jährigen Rückraumspezialisten von GWD Minden nachnominiert. Von Behren, der heute nach Norwegen reiste, sagte SPIEGEL ONLINE: "Das ist eine tolle Herausforderung für mich".

Die Dänen ihrerseits haben nach der knappen Auftaktniederlage gegen Gastgeber Norwegen einen beeindruckenden "Steigerungslauf" hingelegt, wie ihn Wilbek stolz nennt. Lediglich im zweiten schweren Vorrundenmatch gegen Russland leistete sich das Team einen unerklärlichen Aussetzer: Innerhalb von sechs Minuten kassierte man acht Tore und damit beinahe schon jede Halbfinalchance. Doch dann stabilisierte sich die Mannschaft um den Rekordnationalspieler Lars Christiansen, steigerte sich erheblich und zählt nach den sensationellen Ergebnissen der Hauptrunde nun als Favorit gegen Deutschland.

"Wir haben uns von Spiel zu Spiel verbessert und wurden in der Abwehr mit jedem Turniertag kompakter", freut sich Wilbek. Grundlage ist die starke, sehr bewegliche 6:0-Abwehr um den Mittelblock Kaspar Nielsen und Lars Jörgensen, den man wegen seiner rustikalen Gangart auch den "dänischen Roggisch" nennen könnte. Dahinter glänzt Torhüter Kaspar Hvidt (FC Barcelona).

Es fällt nicht einmal sonderlich ins Gewicht, dass die Skandinavier anders als Deutschland (Zeitz, Glandorf) im Rückraum über keinen Weltklasse-Linkshänder zurückgreifen können. Hier präsentierte sich allerdings der gelernte Halblinke Lasse Boesen (TBV Lemgo) mit seinen Schlagwürfen zuletzt in Weltklasseform. "Auf der für ihn falschen Seite im Rückraum hat er so stark gespielt, dass niemand gemerkt hat, dass wir im Rückraum ohne Linkshänder spielten", sagt Wilbek.

Wer Olympiasieger Kroatien mit 30:20 an die Wand spielt, Vize-Weltmeister Polen mit 36:26 abfertigt und am Ende auch die aufkommenden Slowenen mit 28:23 scheinbar mühelos in Schach hält, sei reif für den Titel, meinen die euphorischen dänischen Medien. Allerdings steht die Mannschaft im Ruf, in wichtigen Spielen die Nerven zu verlieren und nicht mehr die beste Leistung abzurufen. Die letzten vier Halbfinals verlor das Team und erwarb sich so den wenig schmeichelhaften Ruf eines "Ewigen Dritten".

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