Handball: Die Halbstarken - DER SPIEGEL
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Handball Die Halbstarken

Verjüngungskur: Nach den enttäuschenden Leistungen 2008 vollzieht sich in der Handball-Nationalmannschaft ein Generationenwechsel. Mit jugendlichem Esprit will Coach Heiner Brand das Team für die WM '09 in Kroatien wappnen. Das "Handball-Magazin" analysiert.
Von Arnulf Beckmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Bundestrainer geht an Krücken. Wer das Jahr 2008 aus Sicht der DHB-Auswahl zusammenfassen möchte, der stößt auf der Suche nach einem starken Bild mit Symbolkraft unweigerlich auf Heiner Brand im Spätherbst dieses Jahres. Deutschlands Chefübungsleiter benötigt diese Gehhilfen derzeit, da er sich nach einer langjährigen und schmerzensreichen Leidenszeit ein künstliches Hüftgelenk hat implantieren lassen.

Vielleicht ist das Bild auch deshalb so stimmig, weil die Auswahl Anfang 2009 hoffnungsvoll nach vorn blicken darf. Sicher ist es richtig, dass nach dem Wintermärchen 2007, drei Europacup-Erfolgen in drei Europacup-Wettbewerben im selben Jahr und dem Wirtschaftswunder mit gewaltigen Etatsprüngen, Zuschauerrekorden und TV-Zeiten in einem Umfang, wie es sie bislang noch nie gab, das Jahr 2008 in vielerlei Hinsicht die Entschleunigung dieses Booms brachte. Auch wenn diese Entwicklung primär ein Problem der Liga darstellt, passten doch auch die Leistungen des Nationalteams ins Gesamtbild, das bei der Europameisterschaft 2008 im Januar in Norwegen mit einem vierten Platz den WM-Titel noch vage bestätigen konnte, aber nach dem Olympia-Aus nach der Vorrunde im heißen Pekinger August an einem sportlichen Tiefpunkt angekommen war.

Doch trotz des durchwachsenen Jahres, in dem die Nationalmannschaft ihrem Titel eines Weltmeisters sportlich nur selten zur Ehre gereichte, deuten sich im tristen Spätherbst vielversprechende Perspektiven an. Brand, der Mann mit der leise-brummelnden Stimme sitzt am Mikrofon, die Gehhilfen demonstrativ beiseite gestellt, und freut sich über die aktuellen Entwicklungen. Die beiden letzten Länderspiele des Jahres 2008 gegen Island brachten zwar ein unglückliches Unentschieden und eine unglückliche Niederlage. Vor allem aber brachten sie die Erkenntnis, dass es guten deutschen Nachwuchs gibt. "Wir haben richtig viel Spaß", sagte Brand nach dem Match in Koblenz-Oberwerth, "auch wenn vielleicht ein paar Fehler mehr dabei rauskommen."

Die Freude an der Sache war dem Herrn mit der markanten Gesichtsbehaarung zuletzt abhanden gekommen. Schon nach der Europameisterschaft hatte Brand untypisch streng in seinem – wie es damals hieß – "heiligen Zorn" drei Spielern, darunter auch Spielmacher Michael Kraus, eine Denkpause verordnet. Wenn ihm etwas nicht passt, dann wird Brand ganz leise. Und in der gleichen Phonstärke leitete der Bundestrainer den nach Olympia überfälligen Generationswechsel ein. Es gab keinen Rausschmiss, es gab keinen Rücktritt, es wurde ganz einfach eine ganze Spielergeneration nicht mehr berücksichtigt.

Mit Erfolg: Im deutschen Spätherbst heißen die Protagonisten teutonischer Handballkunst nicht mehr Fritz, Schwarzer, Zeitz oder Klimovets, sie heißen heute Michael Müller, Stefan Kneer oder Sven Sören Christophersen. Zu einem nicht unbedeutenden Teil soll die nächste Generation ihre Feuertaufe bei der Weltmeisterschaft in Kroatien (16. Januar bis 1. Februar) bestehen, wo doch der Auftrag nichts Geringeres als die Titelverteidigung vorsieht.

Offensichtlich sieht der Bundestrainer die kommende Großveranstaltung als Experimentierfeld für seine Youngster, die in den beiden abschließenden Länderspielen des Jahres gegen den zugegeben ersatzgeschwächten olympischen Silbermedaillengewinner Island in beiden Spielen mit starken Leistungen überraschten. Vor allem im Rückraum, wo nach dem Rücktritt von Markus Baur, der Hautkrebs-Erkrankung von Oleg Velyky und der Nicht-Berücksichtigung von Christian Zeitz, großer Handlungsbedarf entstanden war, deuten sich ungeahnte Alternativen an. Dort, wo ein Spiel entschieden wird, stehen zunächst einmal die neuen Leitwölfe in der ersten Reihe. Links Pascal Hens, rechts Holger Glandorf und in der Mitte ein Spielmacher Michael Kraus, der sich die Kritik von Brand nach der EM Anfang des Jahres offenbar zu Herzen genommen hat.

Mindestens ebenso erfreulich ist das, was sich in der zweiten Reihe tut. Dort bieten sich mit Sven-Sören Christophersen (links), Martin Strobel (Mitte) und Michael Müller (rechts) auf allen drei Positionen Nachwuchsleute an, die in der Liga unter Beweis stellen, dass ihnen mehr als großes Talent bescheinigt werden darf.

Dumm nur für den Bundestrainer, der ja gerade eine solche Entwicklung für unmöglich hielt, solange die Erstligavereine auf gastarbeitende Handballer setzen, statt dem Nachwuchs hierzulande zu vertrauen. Durch die Nominierung dieser Nachwuchsleute beraubt er sich seiner stärksten Argumente. Doch Brand wäre nicht Brand, relativierte er den Chor der Enthusiasten nicht gleich. "In dieser Phase, in der die Mannschaft sich befindet, werden viele Leistungsschwankungen einzukalkulieren sein."

Will heißen: Die Jungen können es, sie können es aber (noch) nicht immer zeigen. Dafür sollen nun eben die neuen Alten für Stabilität sorgen. Torsten Jansen, mit 32 Jahren der einzige Ü30er, versucht deshalb schon mal im Vorfeld der WM, ein wenig Druck vom Team zu nehmen. "Die Entwicklung einer jungen Mannschaft", so der Außenspieler des HSV Hamburg, "allein am Erfolg festzumachen, ist zu einfach." Vielmehr gehe es darum, dem Nachwuchs Zeit zu geben und Fehler zu erlauben. "Ich kenne das ganze System und seine 4000 Spielzüge schon länger", sagt Jansen. "Die Neuen müssen nun eben akribisch arbeiten." Und das tun sie, so Jansen, "fast besser als ich".

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