New England Patriots: Bollwerk aus Neuss
Patriots-Tackle Vollmer Der Wolfsbarsch
2,03 Meter ist Sebastian Vollmer groß, er wiegt 145 Kilogramm, ein nicht zu übersehender Koloss. Und doch werden sich die Fernsehzuschauer anstrengen müssen, wenn sie genau erkennen wollen, was der Deutsche im Super Bowl (0.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sat 1) leistet. Denn als Right Tackle im Team der New England Patriots ist Vollmer immer da, wo der Ball nicht ist.
Entsprechend wenig kann Vollmer zu der Debatte über die zu lasch aufgepumpten Bälle im Halbfinale seiner Mannschaft gegen die Indianapolis Colts beitragen. "Ich fasse die Bälle ja nicht an. Also ich habe wirklich keine Ahnung", sagte er deutschen Journalisten.
Anstatt sich um das Spielgerät zu kümmern, wird der 30-Jährige auch im NFL-Finale damit beschäftigt sein, Gegner weg- und seinem wichtigsten Mitspieler den Weg freizuräumen. "Wir müssen unserem Quarterback Zeit geben, damit er den Ball an den Mann bringen kann", beschreibt Vollmer den Job, den er und seine Kollegen in der Offensive Line leisten.
Der Quarterback, der möglichst in Ruhe seine Bälle verteilen soll, ist Tom Brady, Superstar der New England Patriots. Auf dem Football-Feld ist Vollmer Bradys Bodyguard.
Brady ist der Star, Vollmer sein treuer Helfer
Diese Rollenverteilung gilt auch außerhalb des Football-Felds. Brady füllt durch seine Ehe mit dem brasilianischen Top-Model Gisèle Bündchen auch die Spalten der Klatschzeitschriften, Vollmer hingegen sagt selbst auf Pressekonferenzen wenig. Die amerikanischen Fans nennen den Deutschen deshalb "Seabass", übersetzt "Wolfsbarsch". Das leitet sich nicht nur aus der englischen Aussprache seines Vornamens Sebastian ab, es passt auch zu Vollmers mächtigem Äußeren - und zu seinem schweigsamen Wesen.
"Eine coole Sache" sei es, sagt Vollmer, dass er nun bereits zum zweiten Mal den Super Bowl erreicht hat. Coole Sache: So kann man die Teilnahme an einem der größten Sportereignisse der Welt auch nennen. 2012 verlor Vollmer mit den Patriots gegen die New York Giants, gegen die Seattle Seahawks soll es nun anders laufen. Vollmer wäre der erste deutsche NFL-Meister, doch auch die Bedeutung eines solchen historischen Titels spielt er herunter: "Es geht darum, ein Endspiel zu gewinnen - mit meiner Nationalität hat das nichts zu tun."
Allerdings ist der Weg von Nordrhein-Westfalen, wo Vollmer aufgewachsen ist, in die NFL deutlich weiter als für die meisten seiner Teamkollegen aus den USA, für die Football Volkssport ist. Kein Wunder, dass Vollmer, der Barsch, sein Glück zunächst in einer anderen Sportart versuchte: beim Schwimmen. Auch darin war er talentiert, er trainierte beim Neusser Schwimmverein gemeinsam mit dem späteren Welt- und Europameister Thomas Rupprath.
Vollmer entdeckte American Football erst später für sich
Mit 14 spielte er für die Düsseldorf Panther, später auch für die deutschen Jugendnationalmannschaft, mit der er als Abiturient in die USA reiste - wo er entdeckt wurde. Die University of Houston bot dem jungen Deutschen ein Stipendium an.
Vollmer sprach kaum Englisch, doch seine Fähigkeiten als Tackle waren überragend. Als 25-Jähriger wurde er schließlich bei den NFL-Drafts von den Patriots ausgewählt, 2009 war das.
Sechs Jahre sind eine lange Zeit in der NFL, gerade als Tackle. Der körperliche Verschleiß sorgt bei vielen Profis dafür, dass sie ihre Karrieren nach drei oder vier Jahren beenden müssen. Auch Vollmer war schon häufig verletzt: Als Collegespieler hatte er wegen einer schweren Rückenverletzung eine komplette Saison aussetzen müssen, 2013 fehlte er den Patriots fast die gesamte Saison über wegen eines gebrochenen Beins.
Die Verletzungsgefahr im Football war - neben den Gewaltexzessen einzelner Profis - das dominierende Thema dieser NFL-Saison. Vollmer will dazu nicht viel sagen, auch nicht zu seinen eigenen Verletzungen. "Dass einem was weh tut, ist eigentlich ganz normal", sagt er lapidar, und: "Wir schauen immer nur nach vorne."
Momentan also: auf den Super Bowl. Ein Sieg dort würde für Vollmer alle Schmerzen, die sein Sport mit sich bringt, aufwiegen.