Tour-Anekdoten Als es mit Astana bergab ging
Es ist eine milde Nacht in Genf, weit entfernt wummern die Bässe der Fêtes de Genève, und Bruce Szemer spricht über den Krebs. Er sitzt vor einem heruntergekommenen Lokal in der Rue de 31. Decembre, in dem es nach Qualm stinkt und alte Menschen gebeugt an der Bar sitzen. Das Bier kostet vier Franken.
Szemer schaut in die Dunkelheit und sagt, dass er seine Eltern und viele Freunde an "diesen verdammten Krebs" verloren habe. Szemer ist Mitte 40, hat ein paar graue Haare und eine Tätowierung auf dem Oberarm, auf seinem schwarzen Shirt steht "Le Tour de France". "Und bei Gott, irgendwann werde ich auch an Krebs sterben", sagt Bruce Szemer, "das ist mein Schicksal." Er lächelt.
An seinem Handgelenk trägt er ein gelbes Band, Livestrong steht darauf. Die Krebs-Stiftung von Lance Armstrong.
"Lance, guter Mann", sagt Szemer. Er ist mit seiner Frau und den drei Söhnen aus Spokane, Washington, nach Europa gekommen, 8200 Kilometer - für Armstrong. "Am Tag, als Lance sein Comeback bekanntgab, sagte ich zu meiner Frau: Hey, nächstes Jahr fahren wir zur Tour." Szemer ist selber Radsportler, er war mal Staatsmeister 1982 im Mountain Bike, später stieg er auf Downhill um und brach sich Hände und Beine. Szemer krempelt sein rechtes Hosenbein hoch und zeigte eine Narbe, die vom Oberschenkel bis zum Schienbein geht.
Aber es geht hier nicht um Radsport.
"Es geht nicht ums Rad." So hat Lance Armstrong sein Buch genannt, die Reise zurück ins Leben, und diesen Satz sagt Bruce Szemer noch öfter an diesem Abend. Es geht um den Kampf gegen den Krebs, es geht darum, Gutes zu tun - und Szemer will einen Beitrag leisten. Und sei es nur der, mit einem gelben Plakat in der Hand den Berg hochzurennen und Armstrong zu motivieren. "Go, Lance, Go Levi", steht auf dem Plakat. "Wir waren sogar im Fernsehen damit", sagt Szemer. Es ist gelb wie das Band am Handgelenk. Im Fernsehen sieht man, wie Szemer und die drei Söhne neben Armstrong hersprinten. Vier Sekunden lang.
Am nächsten Tag steht Familie Szemer in Annecy im Zielbereich. Die Söhne wirken ein bisschen desinteressiert, dabei waren sie auch mal Mountain-Biker. Dem Vater drehte es irgendwann den Magen um, als er seine Jungs die Waldpisten runterrasen sah und er begriff erst in diesem Moment, was seine Frau jahrelang durchgemacht hatte, als sie ihm zusah. "Wo sind die Busse", fragt der Jüngste. Sie waren schon in Colmar, in Verbier, in Le-Grand-Bornand. Sie haben Armstrong leiden sehen, Zeit verlieren, der 37-Jährige sah so oft so alt aus, dass man fast Mitleid hatte mit ihm. Nun hoffen sie, ihn mal entspannt zu sehen. Vor dem Zeitfahren.
Die Touristen aus Amerika wühlen sich durch Tausende hindurch, der Astana-Bus steht auf der anderen Straßenseite. Eigentlich ist er ganz nah, nur eine Straße liegt dazwischen. Aber auch zwei Absperrungen. Zwanzig Minuten später ist die Familie auf der anderen Seite angekommen und hat das nächste Problem: Alle wollen zum Astana-Bus, und Lance ist auch nicht da. "Egal", sagte Bruce Szemer und filmt das Nichts.
Und als weit entfernt ein Kameramann auftaucht, rollt Bruce Szemer ganz schnell das Plakat aus.
Wieso der Busfahrer von Astana nicht gut auf Radfahrer zu sprechen ist
Die Tour de France ist ein Meisterwerk logistischer Perfektion. Sie können seit einiger Zeit die riesige elektronische Zielkonstruktion auf die höchsten Gipfel schaffen und sind stolz, dass dafür nur zwei Leute notwendig sind. Das Problem ist, dass eine elektronische Zielkonstruktion und zwei Leute auf dem Berg sehr mickrig aussähen. Also müssen Tausende Fans auch hinauf.
Astana-Teambus, Hobbyradler: Strampeln wie die Wilden
Foto: SPIEGEL ONLINEDas macht zunächst kleineren Ärger, als man annehmen könnte. Weil die Schlauen ohnehin schon am Abend zuvor hinauffahren. Und die nicht so Schlauen am nächsten Vormittag dann nur noch zwei Stunden im Stau stehen statt vier. Die eigentliche Herausforderung ist, wieder nach unten zu kommen.
Es gibt mehrere Arten von Radsportfans, und sie unterscheiden sich auch in ihren Abwärtsbewegungen elementar. Da sind die Camper, die mit ihren Wohnwagen den Berg hoch ächzen und dann irgendwo am Anstieg Keile unter die Räder legen, damit die Wohnwagen nicht den Berg runterfallen. Dann sitzen sie auf Klappstühlen, bauchfrei. Dieser Radsportfan wartet mit der Abreise bis lange nach der Etappe und manchmal bis zum nächsten Tag. Er ist ein Stauvermeider.
Dann gibt es Fußgänger, die ihre Autos unten parken und dann den Anstieg hochlaufen. Oben trinken sie dann erst einmal ein Bier, manchmal mit den Klappstuhl-Fans. Wenn die Etappe vorbei ist, strecken sie ihre Hände aus wie Anhalter, damit sie jemand mitnimmt auf dem Weg nach unten. Aber wer nimmt schon jemanden mit, der bergab läuft?
Am meisten verbreitet sind in den Bergen aber die Radfahrer. Sie strampeln vor der Etappe den Berg hoch wie die Großen, sie tragen Trikots von Saxo-Bank oder Astana. Einige sehen wirklich austrainiert aus, andere eher nicht. Am großen Sankt Bernhard hielt ein durchtrainierter Amateur an der linken Seite. Er trug das Gelbe Trikot und kotzte sich die Seele aus dem Leib.
Die Radfahrer sind bergab ein großes Problem. Der Astana-Busfahrer wird das bestätigen.
Nach der Etappe in Verbier reihte sich der Bus in die Schlange der Abwärtsfahrer ein, er musste. Es war keine Polizeieskorte da, der den Armstrong-Contador-Klöden-Express ins Hotel geleitete. Ich fuhr genau hinter dem Bus, und sah den Busfahrer in dessen Rückspiegel langsam verzweifeln. Der Bus stand da wie ein müder Elefant, eingeklemmt zwischen Pressewagen und überholt von Radfahrern, die sich hinter und vor ihm durchschlängelten. Immer dann, wenn der Bus gerade anfahren wollte.
Immer mehr Radfahrer stürzten sich den Berg hinunter, und als sie am Astana-Bus vorbeirasten, winkten einige und andere gingen in die aerodynamisch günstigste Position. Wer weiß, vielleicht schaut ja Bruyneel raus? Der Busfahrer fand das alles gar nicht lustig. Er haute auf sein Lenkrad, hupte, ruckelte bedrohlich. Dann kroch er mit seinem Gefährt ein paar Meter und blieb wieder stehen.
Ich musste grinsen. Dort saß der Busfahrer eines Profiradteams. Ein Busfahrer, der Radfahrer in diesem Moment hasste - und in seinem Bus die bestbezahlten Radfahrer der Welt kutschierte.
Warum einer der größten italienischen Sportreporter seine Texte auf einer Schreibmaschine tippt
Er ist immer noch derselbe. Schon nach dem WM-Halbfinale 2006 zwischen Deutschland und Italien saß er abseits im Presseraum, die deutschen Journalisten sahen aus wie Wachsfiguren und die italienischen wie Mallorca-Touristen. Sie sprangen durch die Gegend, schrien, sangen.
Nur er nicht. Er saß abseits und tippte seelenruhig seinen Text.
Auf der Schreibmaschine.
Jetzt sitzt Gianni Mura wieder abseits, es ist früher Nachmittag in Issodoun, und es macht "tapptapp ta tapptapp tapp". Mura, der sehr breit und tief ist und auch dicke Tränensäcke hat, haut auf die Schreibmaschinentasten. Im Mundwinkel hängt die Zigarette, das Blatt bewegt sich leicht im Wind, "tapp tapp ta tapp", und die nächste Zeile. Die Schreibmaschine steht auf einem Tisch, der Tisch steht draußen vor dem Pressesaal. Niemand stört seine Kreise.
Die Zeiten sind digitale, Nachrichten gibt es im Internet, Hintergründe auch. Was ist dann ein Journalist ohne Laptop? Ein Autofahrer ohne Auto? Und was ist dann Gianni Mura? Ein Paradoxon? Italiens vielleicht größter Sportjournalist tippt seine Texte noch auf der Schreibmaschine. Sie werden dann in die Redaktion der "La Repubblica" gefaxt und dort erneut verschriftlicht.
In diesen Zeiten kann ein Mann wie Mura, 64, wie ein Fossil wirken oder wie das Paradies. Je nach Sichtweise ist er entweder zu langsam oder er hat Zeit. Das ist die eigentliche Geschichte an Mura - die Freiheit, sich nicht den Zeiten anpassen zu müssen.
Mura hat sich seine Ausnahmestellung bei der "La Repubblica" verdient. Er ist seit 1967 Journalist, er schreibt über Fußball und Radsport. Er hat Bücher geschrieben über die Tour und 2007 nach dem Tod des von Fußball-Hooligans umgebrachten Polizisten Filippo Raciti einen Appell verfasst. "Wir verdienen es nicht, Gastgeber der Europameisterschaft 2012 zu werden", erklärte Mura, und 25.000 Italiener unterschrieben am ersten Tag.
Die Geschichte an Gianni Mura ist nicht die Schreibmaschine, die sein Kollege Luigi Panella manchmal für ihn trägt. Mura ist sogar bei Facebook! Aber wann er will.