Tour-Fazit: Viel zu viele Baustellen - DER SPIEGEL
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Tour-Fazit Viel zu viele Baustellen

Spannend wie selten war die 95. Tour de France. Ein Neuanfang für den Radsport war das Mammutrennen trotzdem nicht - denn dafür müssten die Strukturen grundlegend geändert werden. Von SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jörg Jaksche.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein paar Kilometer hat der neue Toursieger Carlos Sastre bei dieser 95. Tour de France noch zu absolvieren, für eine Bilanz ist es jedoch nicht zu früh. Denn schon vor der letzten Etappe (Start 13.35 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist klar, was uns das wichtigste Radrennen des Jahres in den vergangenen drei Wochen gezeigt hat: Diese Tour war - wieder einmal - kein Neuanfang für den Radsport. Es gibt eindeutig noch zu viele Baustellen.

Auch deshalb musste ich beim Verfolgen der Tour 2008 an einen Freund denken, der sich vor kurzem ein Haus gekauft hat, vor dem der Terrassenboden immer weiter absackt. Der Vorbesitzer hatte einfach neuen Zement draufgeschüttet, damit die Terrasse wieder eben wird. Dabei ist alles immer schwerer geworden, geholfen hat es nur kurzfristig und dann auch nur optisch. Irgendwann ist das ganze Haus abgesackt. Jetzt muss mein Freund mit und auf dieser Baustelle leben.

Auch im Radsport wird hier ein bisschen geflickt, dort ein bisschen verbessert. Dieses Stückwerk an der Oberfläche funktioniert nicht. Es gab dieses Mal drei Dopingfälle. Erwischt wurden die Spanier Manuel Beltrán und Moises Duenas Nevado sowie der Italiener Riccardo Riccò.

Deren Überführung ist ein schöner Erfolg der Kontrolleure, aber angesichts vieler anderer Mittel und Methoden, die nicht nachgewiesen werden können, kein Neuanfang. Für einen Neuanfang muss die Struktur des Radsports verändert werden. Drei zentrale Punkte sind besonders wichtig:

  • Der finanzielle Anreiz zu dopen muss verringert werden. Dazu muss Radsportlern eine soziale Sicherheit geschaffen werden - langfristige Verträge und ein höheres Grundgehalt. Der Unterschied zwischen einer sauberen und einer gedopten Leistung darf sich finanziell nicht so niederschlagen. Der finanzielle Zwang zu dopen wäre dann geringer.
  • Ohne Transparenz kommt der Radsport aufgrund seiner Vergangenheit nicht weiter. Es müssen Datenbanken aufgebaut werden. Dabei reicht die anonyme Veröffentlichung der Blutwert-Grafiken der ganzen Mannschaft nicht. Vielmehr müssen einzelne Blutprofile klar Fahrern zugeordnet und offensiv kommuniziert werden. Es darf nichts verheimlicht werden.
  • Der Radsport ist immer noch unglaubwürdig. Viele Teams, auch Gerolsteiner, haben finanzielle Probleme. Es ist aber kein Zufall, dass Sponsoren den Radsport meiden, obwohl dieser während der Tour de France drei Wochen lang täglich über mehrere Stunden live im Fernsehen übertragen wurde. Die Zuschauer können nicht überzeugt werden, wenn immer noch die gleichen Leute wie vor zehn Jahren das Sagen haben. Es bedarf eines Personalwechsels in den Verbänden (sowohl national als auch im Weltverband UCI) und in den Rennställen. Im Radsport mussten bislang ein paar Radprofis als Sündenböcke herhalten. So bekommt man das Problem nicht in den Griff.

Diese Änderungen schafft der Sport jedoch nicht allein. Er braucht die Hilfe von außen. Von unabhängigen Experten, den Medien und den Dopingagenturen.

Nichtsdestotrotz beglückwünsche ich den Sieger Sastre. Wenn Leute jetzt sagen, es habe doch wieder einer der alten Garde gewonnen, so muss ich doch entgegnen, dass es sowohl beim zweitplazierten Australier Cadel Evans, 31, als auch beim Spanier Sastre, 33, nie ernsthafte Verdächtigungen gegeben hat.

Und auch wenn sie schon länger dabei sind, Sastre seit 2001 in Bjarne Riis' CSC-Team, muss die Unschuldsvermutung gelten. Keiner von uns sollte sich hier zum Richter aufschwingen. Noch können wir froh sein, dass beide von Dopingverdächtigungen verschont wurden. Aber man weiß ja nie.

In diesem Jahr hat man zudem gesehen, dass die neue Generation keineswegs sauberer unterwegs ist - siehe Riccò, dem im Alter von 24 Jahren eine positive Epo-Probe zum Verhängnis wurde. Doping ist keine Frage ob alt oder jung, sondern eine Frage der richtigen Einstellung.

Da diese noch nicht weit verbreitet ist, tut sich auch Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer bei seiner Sponsorensuche schwer. Seine Equipe ist die mit Abstand beste Tour seit ihrer Gründung 1998 gefahren: das Gelbe Trikot auf der fünften Etappe, zwei Etappensiege (jeweils Stefan Schumacher), das Bergtrikot im Endklassement und Platz drei in Paris durch den Überaschungsmann Bernhard Kohl aus Österreich.

Dennoch könnte es die letzte Frankreich-Rundfahrt für das Holczer-Team gewesen sein. Ich hoffe natürlich, dass sie noch einen Sponsor finden. Es geht um viele Arbeitsplätze und es geht um den Radsport in Deutschland.

Dass die Tour in diesem Jahr an der Spitze sehr ausgeglichen und offen war, liegt wohl eher am Fehlen der Überfahrer, wie sie Lance Armstrong oder Jan Ullrich qua ihrer grandiosen Voraussetzungen waren, als an fehlendem Doping. Diese Schlüsse zu ziehen, wäre ich sehr vorsichtig.

Auch die niedrigere Durchschnittsgeschwindigkeit ist kein direkter Hinweis auf weniger Leistungsmanipulation. Es kommt viel darauf an, in welche Richtung gefahren wird, nach Ost oder West. Der Wind spielt eine Rolle. Aber auch: Wie waren die taktischen Spielereien im Feld? Gab es gefährliche Ausreißer?

Überall jetzt mehr oder weniger Doping hinein zu deuten, halte ich für falsch. Der Radsport wird jedoch immer mit dem Zweifel leben müssen.